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Full text: Tonkünstler-Lexicon Berlin's / Ledebur, Karl, Freiherr von

Graun. 197 CantatP.n componiren, die er ganz seinem Geschmacke gemäss, ohne alle Nebenrücksichten setzte und durch deren Vortrag er sich die Gunst seines Fürsten immer mehr gewann. Man schlitzt die Anzahl derselben auf 50. von denen die meisten aus 2 Hecitativen und Arien bestehen. Der Kapcllmstr. J A. P. Schulz setzte sie in Hinsicht des Ausdrucks über :!lies Andere, was Graun geschrieben; an eh sang sie der Componist selbst am liebsten und äusserst gemütblich und schön. Die bei Reibtab gedruckte Cantate: "Bei labri'' ist seine letzte Arbeit dieser Art und wird fiir die schönste gehalten. Zn den meisten der früheren Cantaten soll der Kronprinz den Text in französischer Sprache selbst entworfen haben. Friedrich liebte ihn als Slinger nicht minder, als er seiner Compositionsweise den Vorzug vor der der meisten Componisten damaliger Zeit gab. Seine Stimme soll zwar nicht besonders stark, aber sehr angenehm gewesen sein; sie bestand in einem hohen Tenor: die Hiilfte der ungestrichcnen und die ganze eingestrichene Octave waren ihm die bequemsten Töne, auch sang er mit grosser Fertigkeit, Lcichtig· keit und Rundung, obgleich er den Triller nicht mehr so gut hatte, wie als Knabe. Als Componist war er mit allen Begein der Theorie und des Contrapunktes vollständig vertraut, dabei waren seine Harmonien stets rein und dcntsch, wenigstens bei seinen Kirchcnmu~iken. Bei der Composition seiner Opern war er sehr von dem Geschmacke seines Herrn abhängig; seinem Talente fehlte hier die nöthige Freiheit und daher waren seine Opern nur für seine Zeit geschrieben und ,·erschwanden bald mit derselben. Als Friedrich II. im J. li40 den Thron bestieg, musste Graun auf Befehl eine Trauermusik fiir das Lcichenbegiingniss Friedr. 'Vi\h. I. componiren. Schon früher hatte er zn Braunschweig 2 Trauermusiken, Passions ·Cantaten, mehrere andere Kirchenstücke und wenigstens 6 Opern geschrieben. In demselben .Jahre ward er vom Könige nach Italien geschickt, wo er in V cnedig, Bologna, Florenz, Rom und Neapel durch seinen Gesang grossen Beifall erwarb, und Gesangskräfte fiir die neu zu errichtende groA~e italienische Oper zu Berlin engagirte. Bei seiner Rückkehr ward er mit einem Gehalte von 2000 Thlrn. *) angestellt. Von jetzt an verwendete er fast alle seine J'.eit auf Opern- Compositionen und jiihrlich erschien eine, mitunter auch zwei Opern von ihm; Graun und Hasse lieferten fast allein die Opern, die in Ilerlin anfgcfiihrt wurden. Seine erste Oper für Berlin war "Hodelinde", seine letzte "1\Ierope". In allen Opern gelang ihm das Riihrende am besten; bcsomlers wird ( n. Gerber) von der Arie "MiseN pcrgoletto" (Demofonto) crziihlt, dass die Zuhiirer stets bis zu Thriiuen gerührt wordtln wiiren; ob dies noch jetzt der Fall sein wiirde, ist zu bezweifeln. Ebenso wird die l\Iu~ik zur "lfigenia _in Aulide" sehr gerühmt, und man crziihlt, dass Graun znr Zeit der Compo- ~ition durch ein Liebcsvcrhtiltniss ganz bcwnders begt•istert wonlen wäre. Seine Adagios werden vorzugsweise ~;eriihmt und auch in Reiucu Claviercompositiouen zeichnen sie sich aus. Sein "Tedeum", das er 1756 nach dem SiL•ge von Prag componirte, machte grosscs Aufsehen und ist bedeutender als alle seine Opern. Das Componiren der Opern scheint ihm überhaupt durch die willkiirliche Art., mit der der Künig ihm seiue künstlerische Selbststiindigkeit fast ganz nahm, zuwitler gewesen zu seiu, und mau ~agt, dass sie fast alle nachliis~;ig gearbeitet sein sollen. Nash Fasch **) componirte Grauu seine Opern kurz vor dem Karn~val. Jeden Tag schrieb er dann eine Arie, die des Morgens auf· gesetzt und nach 'ftsehe ansgefüllt wurde. Die "'orte der Becitath·e licss er Rieb vom Copisten zwischen 2 Notensysteme schreiben und er selbst seü:te nachher die Noten hin- ein. Auch l\Iarpurg, der es von Grann selbst gehört haben will hat dies bestätigt. So nach"iebi" Graun übrigens bei der Composition seiner ÜJJCI'll a;tf den Geschmack des b ,.., L 1 I"' I Königs RückRiebt nahm, so gau es doch Momente, wo er seine Hechte a s -.un~t er aufrecht erhielt. So crziihlt man Folgendes: Als Friedrich einst übelgelaunF**), der Probe einer ncuen Oper Graun's beiwohnte, liess er sich 'die Partitur bringen, strich nicht wenig darin und forderte, dass es anders gemacht werden solle. Graun bedauerte, Jass es dem Könige nicht gefalle, setzte aber entschieden hinzu, dass er keine Note ---- *) Der Duch· und l\fusikalicnhiindlcr !Ir. F.l\lendheim befindet sieh im Besitz einer cigen- h~ndig von Graun gcscltricuencn vicrteljiihrlichcn Gchalts(lUittullg iiuer 500 Thlr. vom J. 17 53; dtcselbc war bei einer K assc als Gelddüte benutzt worden. *"') Siehe Zelter's Lebensgeschichte Fasch'8, p. 22. ***) Siehe Schilling's Lexikon, 3. Theil, p. 289.
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