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Full text: Tonkünstler-Lexicon Berlin's / Ledebur, Karl, Freiherr von

Friedrich II. 1G7 vorzutragen pflegte. Die Morgenübungen des Königs bestanden gewöhnlich in Abbla- snng einer langen Tabelle von Qnanz, die aus mannigfaltigen V crsctzungen der Ton- leiter bestand, So blies er erst die natürliche Touleiter d, c, fis, g, a, h, cis, d u, s. w., dann d, fis, e, g, fis, a, g, h, a, cis, h, cis, e, d u. s. w. durch alle Octaven, und drum wieder von oben hinunter, und ebenso wieder mit den halben Tönen, und so tiiglich dasselbe. Reichanlt bemerkt hierzu: "Merkwürdig ist diese Beharrlichkeit bei einer so trockenen U ebung. und wohl noch merkwürdiger war es, dass der König bei all' diesen U ebungcn und bei seinem lebhaften Charakter, so wenig Fertif:kcit in Schwierigkeiten, und selbst so wenig Feuer im Vortrage des Allegros hatte. Und es war vielleicht ein sehr merkwürdiger Charakterzug, dass er ·das Adagio mit so vieler innigen Empfindung und mit einer so edlen rührenden Simplicitiit und "'ahrheit vortrug, dass man es selten ohne Thräncn hörtc. l\Iir ist das Bravissimo *) beim Adagio oft auf den LiJ•pen erstor- ben und oft durchdrang der Gedanke mein Innerstes: \rie ist es möglich, dass dieser gefühlvolle ~Iann oft nach Grundsiitzen so hart erscheinen und handeln kann, tlass uie 'V elt ihn für einen harten und gefühllosen l\Iann halten muss, und ist nicht vielleicht diese Unterurückuug und Ueberwindung seines eigenen Gefühls, um sicherer und fester den 'V eg zu wandeln, den tiefdurchdachter Plan und reich erwogene Grundsiitze ihm vorzeichneten, sein grösstes Y erdienst, und die Unbekümmerniss um verkehrte Urtheile der 'V clt von seinem eigentlichen Charakter, seine königlichste Eigenschaft? - Gerber giebt in seinem iiltern Lexikon an, Pranz ßenua habe im J, 1770 versichert, er habe dem Könige allein 50,000 Flötcnconcerte accompag-nirt. Diese Angabe scheint sehr übertrieben. In ßenda's Autobiographie !wisst es wörtlich: "es ist für mich Keine Geringe Satisfaction, dass ich die Gnade gehabt bey diesen in wahrhcit grossen Friedrich in Diensten zu stehen, und durch alle die Jahre weuigstens biss 10,000 Flöten-Concerte S. 1\Iaj. zu aceompagniren etc." - Obgleich die Autobiographie mit dem .T. 1763 ab- schliesst, so ist doch nicht anzunehmen, dass er in 7 Jahren bis 1770 noch 40,000 Con· ccrte begleitet haben sollte, besonders da der König seit dem siebenjährigen Kriege schon weniger blies. Schon zu Ende des genannten Krirgcs ward ihm das Blasen sauer; wiihrend des bayerischcn Erbfolgekrieges blies er selten die Flöte; er verlor im Sommer auch die vordem Ziihnc und es stellte sich eine Gichtgeschwulst in den Hiinden ein. Sobalu er im "'interquartiere war, wollte er wieder zu blasen versneben, fand aber, dass es nicht ging, und als er das Frühjahr darauf wieder nach Potsdam kam, liess er alle seine Flöten und Musikalien einpacken und sagte mit gerührtem Tone zu Franz Ben da: "1\Icin lieber Ben da, ich habe meinen besten Freund verloren!" - Die meisten· Concerte, die der König blies, waren von Quanz und sich untereinander sehr ähnlich, indem dieselben Passagen immer wiederkehrten, wa~ jedoch mit Vorbedacht ge- schah, weil sie dem Könige am besten gelangen. Als Quanz über die Composition sei· nes 300sten Concerts, das er für den König componirt hatte, im J. 1773 starb, fand sich, dass dies letzte "r erk nicht vollendet war. Der König liess sich die angefangene Partitur bringen, führte das Adagio zum Schluss, füllte einige kleine Lücken aus uml componirte den Schlusssatz, ein Rondo Allegro, hinzu. In dem nächsten Kammer· Concerte, nach Vollendung des 'Verkes, blies der König das Stück und sagte nach dem Adagio: "Der Quanz ist, wie man sieht, mit sehr guten Gedanken aus der "reit ge- gangen". - Als Flöten- Virtuos zeichnete sich der König, wie schon oben erwiihnt, be- sonders im Vortrage des Adagio aus, und auch Fasch versichert**), dass derselbe solche Stücke ganz einfach und edel blies; auch habe er nie ein schöneres Adagio gehört, als ,·om Könige, Pranz Benda und C, P. E. Bach. - Im Allegro fehlte es dem Könige an hinlänglicher Fertigkeit und er ward matt, wenn schwere und lauge Passagen einen langen Athem verlangten. Diesen l\Iangel suchte er mit einem willkürlichen Ausdruck zu bedecken und wenn ihm das Accompagnemcnt gehörig nachging, war es kaum zu bemerken; doch dies war nicht leicht, da er das Tempo sehr willkürlich nahm. Der *) Ausser Quanz wagte es selten Jemand Bravo zu r~fen; ~och Fa~ch wanl einst, als der König bei guter Laune war, von demselben ~ufgefordert, 1hm semen Be1fa]] zu sagen, wenn er es gut gemacht· was nun Fnsch auch that; JCdoch nur, wenn Quanz nicht gcgenwiirtig. ••) Siehe Jo!aseh's Lebensbeschreibung von Zclter. Ans dieser interessanten Schrift sin
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