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§ 5. Schulfeierlichkeiten

Full text: Geschichte der Dorotheenstädtischen Realschule während der ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Bestehens / Kleiber, Ludwig (Public Domain)

55 vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommeu istU,1) sollten geringer von uns denken? Nein, hochverehrte Anwesende, giebt es eine wahrhafte Bildung für uns, so darf sie uur als eine humane und christliche bezeichnet werden, und auch unsere Schule darf sich von diesem höchsten und unabänderlicheu Ziel aller Bildung nicht entfernen. Und dennoch ist hiermit das Ziel der Bildung, die wir anstreben, nur im Allgemeinen bezeichnet. In den Verhältnissen des wirklichen Lebens muss man specieller verfahren und darum darf auch die Schule nicht ausseI' Acht lassen, welchem Volke wir angehören. Die Bildung, die wir unsern Schülern zu geben suchen, muss nicht nur eine humane im edelsten Sinne des Worts, sondern sie muss anch zu gleicher Zeit eine vaterländische, eine d eut s eh e sein. In wie weit es möglich ist, in der Schulbildung auf den zukünftigen Beruf Rücksicht zu nehmen, will ich heute nicht erörtem, weil es zu weit führen würde. Das eine aber will ich heute hervorheben, dass eine wahrhaft humane Bildung nicht bloss das Erkenntnissver- mögen , sondern auch das Gemüth und den Charakter des Zöglings berücksichtigen muss. Alle deutschen Schulen haben darauf zu halten, dass ihren Schülern deutsche Sitte und Zucht heilig ist, aber sie sollten auch dessen eingedenk sein, dass sie ihre Schüler nicht bloss zu Menschen im Allgemeinen, sondern zu de ut s ehe n Mä nnern heranzubilden ha- ben. Es wäre eine unverzeihliche Thorheit, wenn Ulan noch unentwickelte Knaben oder heran- wachsende Jünglinge, wie reife Männer behandeln wollte; aber die Keime einer edlen Männlich- keit müssen schon früh in das jugendliche Gemüth gepflanzt werden. Das sind die Grundsätze, nach denen wir in unserer Schule verfahren. Wir wollen keine Zöglinge erziehen, die bloss für einen bestimmten Beruf zugestutzt sind, sondern Menschen, deren Geist entwickelt worden ist, und die fähig sind, wenn sie in das bürgerliche Leben eintreten, sich in den neuen Verhältnissen zurecht zu finden. Die beschränkte Räumlichkeit dieses Saales hat es nicht gestattet, alIeSchü- ler der Anstalt hier zu versammeln, wir haben uns vielmehr darauf beschränken müssen, die Primaner zur Feier zuzulassen, und aus jeder der andern Klassen zwei Schüler zu wählen, welche als Vertreter ihrer Mitschüler hier erschienen sind. Ich wende mich deshalb an Euch selbst, ge- liebte Zöglinge, namentlich an die erwachseneren unter Euch. Ihr wisset es, oder Ihr habt we- uigstens eine Ahnung davou, dass wir Euch gemäss den Grundsätzen, die ich in meinem Vortrage ausgesprochen habe, zu erziehen suchen. Wir streben nicht bloss danach, Euch eine gewisse Summe von Kenntnissen anzueignen, sondern noch weit mehr danach, Euch zum Selbstdenkeu zu nöthigen. Wir halten auf strenge Zucht und Ordnung, aber wir gönnen Euch zugleich die Selbständigkeit und die Freiheit des Geistes, die nothwendig sind, damit Gemiith und Charakter sich entwickeln können. Unser Zweck ist, Euch so zu leiten, dass Ihr einen gewissen Stolz darin setzen sollet, als vernünfti~e Wesen zu handeln, damit auch Ihr als solche' behandelt wer- den kÖlluet, einen gewissen Jugendmuth in Euch zu erwecken, der für einen würdigen Gegen- stand seiner Liebe zu leben und zu sterben weiss, Euren Geist so zu entwickeln, dass er Einsicht genug edangt, um sich nicht bloss "on duukeln Gefühlen leiten zu Jassen, und Kraft genug, um den Versuchungen des Lebens widerstehen zu können. Ihr seid jetzt deutsche Jünglinge, und Ihr werdet, so hoffe ich zu Gott, einst deutsche Minner werden, die dem Vaterlande zur Ehre gereichen und deutschen Glauben und deutsche Treue halten. Das sei für Euch die Mahnung, die der heutige Jubeltag an Euch richtet. Deutsche Treue! Lassen Sie dieses schöne Wort auch für uns, hochverehrte Anwesende, an dem heutigen Tage eine Mahnung sein. Es hat jetzt 1) Matth. 5, 48.
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