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§ 5. Schulfeierlichkeiten

Full text: Geschichte der Dorotheenstädtischen Realschule während der ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Bestehens / Kleiber, Ludwig (Public Domain)

54 denn es gehört zu den Grundbestimmnngen des menschlichen Geistes, dass er nicht von Hause aus das ist, was er sein soll, sondern dass er sich vielmehr erst zu dem zu erheben und zu machen hat, was sein ewiges Wesen ist. Die Möglichkeit zu dem Unendlichen, wozu er bestimmt ist, trägt er zwar von Anfang an eben so in sich, wie der Same den Lebenskeim der zukünftigen Pflanze in sich trägt, aber er hat diese Möglichkeit erst zu einer lebensvollen und entwickelten Wirklichkeit zu machen, und diese Verwandlung und Erhebung seines Wesens ist eben der Pro- zess der Bildung. 1) Daraus folgt, dass die Bildung zwar einen relativen, aber nie einen absoluten Abschluss erlangen kann, dass sie nichts Fertiges, sondern vielmehr etwas ewig Werdendes ist. Denn eine Bildung, die mit sich abscbliesst, sich als etwas Fertiges betrachtet, sinkt zu einem leeren Gedächtnisswerk , zu einer Summe von äusserlichen Kenntnissen herab. Daraus folgt aber weiter, dass die Bildung nicht hlos in einem Wissen, sondern zugleich in einem Können besteht. Ein Wissen, das nicht lebendig ist, das nicht den Trieb und die Fäbigkeit der Anwen- dung in sich trägt, ist Gelehrsamkeit, aber keine Bildung. Ein bIosses Können dagegen, eine iiussere Fertigkeit, welche im Leben ausgeübt wird, ohne dass damit das Wissen des betreffen- den Allgemeinen verbunden ist, ist keine Bildung, sondern Dressur, lind alle, die ein Geschäft treiben, ohne ein Bewusstsein von uen in ihm wirksamen allgemeinen Mächten zu haben und es mit demselben in Verbindung zu setzen, sind nicht Gebildete, sondern Werkleute. Von diesem Gesichtspunkt ans muss der Lehrplan der Realschule beurtheilt werden, wenn er richtig ver- standen und mit gerechtem Mansse gemessen weruen soll. Es darf kein Unterrichtsgegenstand uarum für entbehrlich gehalten weruen, weil die Kenntnisse, die er überliefert, sich nicht unmit- telbar im Leben verwerthen lassen, sondern es ist einzig und allein danach zu fragen, ob er im Verein mit den übrigen Lehrgegenständen im Stande ist, jene geistige Bewegung und Entwicke- Inng im Inneren des Schülers zu ermöglichen und zn befördern, die wir als das eigentliche Wesen der Bildung bezeichnet haben. Gerade die Kenntnisse, welche als vorzugsweise praktische em- pfohlen werden, sind für den Schulunterricht in der Regel ganz unbrauchbar, weil sie, wie eine fertige Sache, an den Schüler herangebracht werden und seinen Geist belasten , statt ihn zur Selbstthätigkeit anzuspornen. Alle wahrhafte Bildung ist Entwickelung von innen heraus. Damit ist einerseits der Punkt gegeben, von welchem die Bildung auszugehen hat ,aber andrerseits auch dae Ziel, nach welchem sie hinzustreben hat; denn Menschen können nur zu Menschen gebildet werden. Man mag von der Bestimmung des Menschen sich eine so hohe Vorstellung machen, wie man wolle, so darf man doch den Zweck der Bildung nicht anders als so fassen, dass er dem Begriff einer wahrhaft me n sc h I i ch e n Bildung entspricht. In diesem Punkte müssen alle Erzie- hungsmethoden und Erziehungsanstalten übereinstimmen, und auch die Realschule kann ihr Ziel nicht anders bestimmen als so, dass sie ihre Schüler zu Menschen bilden will. Aber freilich wird das Ziel anders verstanden werden, je nachdem der Begriff des Menschen anders gefasst wird. Wer in dem Menschen nichts anderes sieht, als ein mit Vernunft begabtes Thier, der wird auch das Ziel humaner Bildung nicht sehr hoch stellen; wer dagegen die Ueberzeugung hegt, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen und zur Kindschaft Gottes berufen ist, der wird auch nicht zweifeln können, dass durch. dieses Ziel unserer ganzen Bildung eine feste unabänderliche Rich- tung gegeben wird. Schon der heidnische Philosoph Plato hat in einer bewundernswürdigen Vor- ahnung der ewigen Wahrheit es als die sittliche Lebensaufgabe des Menschen bezeichnet, Gott ähnlich zu werden. Und wir, an die das mahnende Wort des Heilandes ergangen ist: "Ihr sollt 1) cfr. Deinbardt: "Ucber den BegriO' der Bildung."
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