Themen Beruf
20 Bibliotheksdienst 44. Jg. (2010), H. 1
Mit über 70 Publikationen zur bayerischen Geschichte und Bibliotheksgeschichte
profilierte sich Christian Ruepprecht, der fast 35 Jahre lang den alphabetischen
Hauptkatalog der UB leitete. Die Qualität der Ruepprecht’schen Beiträge, die sich
zum Teil bewusst auch an ein breites Publikum richteten, konnte zwar nicht immer
ein wissenschaftliches Niveau erreichen, aber als erster und einziger UB-Bibliothe-
kar vor Ladislaus Buzás nahm er sich bis zu seinem Ruhestand 1924 konsequent
der historischen Dimension des Hauses an.9
Den ausgeprägt selbstreferentiellen Charakter des bayerischen Bibliothekswe-
sens im vergangenen Jahrhundert spiegelt die Personalstruktur der UB München
überaus deutlich wider. Nahezu 90% aller Angehörigen des höheren Dienstes
absolvierten ihre verwaltungsinterne Ausbildung im Freistaat; lediglich sieben
Personen legten ihre Laufbahnprüfung außerhalb Bayerns ab. Etwa ein Fünf-
tel durchlief den praktischen Ausbildungsabschnitt des Referendariats auch
im Haus; angesichts einer strengen „Orientierung der Zulassungszahlen am
Nachwuchsbedarf“10 gehörten Referendare indes nicht zum alltäglichen bzw.
selbstverständlichen Erscheinungsbild der UB München. Im Schnitt verbrachten
die Münchner UB-Bibliothekare des höheren Dienstes knapp 15 Jahre in der Ein-
richtung und waren im Laufe ihres Berufslebens an mindestens einer weiteren In-
stitution tätig. Gleichwohl verblieb immerhin rund ein Fünftel für den gesamten
Zeitraum ihres aktiven Bibliothekarsdaseins an der UB München, Ladislaus Buzás
und Hermann Wiese sogar einschließlich ihrer Ausbildungszeit. Ferner machte
sich die räumliche Nähe zur Bayerischen Staatsbibliothek sehr bemerkbar. Die
personelle Verflechtung der beiden Institutionen links und rechts der Ludwigs-
traße zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der UB München im 20.
Jahrhundert. Selbst wenn das oftmals an der BSB absolvierte Referendariat nicht
ins Kalkül gezogen wird, gehörten über 60% aller UB-Bibliothekare im Laufe ihres
beruflichen Werdegangs auch der Staatsbibliothek an. Freilich mag bei dieser en-
gen personellen Beziehung auch der ganz praktische Umstand eine nicht geringe
Rolle gespielt haben, dass mit dem Wechsel von einer zur anderen Institution
keine gravierenden persönlich-privaten Veränderungen verbunden waren. Die
potentielle Nähe zur Bibliothek der Technischen Universität, der Stadtbibliothek
oder anderer bibliothekarischer Einrichtungen in der bayerischen Landeshaupt-
stadt fiel hingegen weniger ins Gewicht; an ihnen wirkten vor oder nach ihrer Zeit
an der UB München nur zwölf Personen.
Gut einem Viertel der UB-Angehörigen des höheren Dienstes im 20. Jahrhun-
dert gelang im Verlauf ihrer beruflichen Karriere der Aufstieg in Leitungspositi-
onen; Hans Schnorr von Carolsfeld und Hermann Leskien erreichten die in Bayern
9 UB München, 4° Cod. ms. 996(3f (Personal der UB München, Me-R): Eintrag zu Christian
Ruepprecht mit Gesamtbibliografe.
10 Hacker, Die bibliothekarische Ausbildung in Bayern, S. 243.