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Preface

Full text: Schwere Jungen / Hyan, Hans

Vorwort.

7

Denn diejenigen, welche später ihre Taten beurteilen sollen, sind so gut wie niemals imstande, in jene von Schmutz und Gemeinheit starrenden Tiefen hinabzusteigen, die das Lebenselement der Kreise sind, aus denen sich der Gewohnheitsverbrecher rekrutiert. Mithin ist also selbst der gewissenhafte Beurteiler fast durchweg auf die Beobachtung des Verbrechers in der Gefangenschaft angewiesen. Und wenn schon das gefangene Raubtier seine Lebensgewohnheiten im Käfig ändert ünd viele der in der Wildnis gezeigten Eigenschaften ablegt, so bringt den verbrecherischen Menschen seine bewußte Intelligenz, seine Wahrnehmungsgabe und Vergleichskraft sehr bald dazu, seinen Instinkten unter den Augen der Beobachter ein sanftes Mäntelchen umzuhängen und sie mit voller Absicht über das, was in seiner Seele vorgeht, zu täuschen.

In den meisten Füllen werden besonders die Schwerverbrecher, die mehrere Jahre Zuchthaus abzubüßen haben, ebenso wie die Mörder, denen es an den Kragen gehen soll, in wenigen Tagen fromm. Und gerade bei solchen Menschen ist die an den Gefängnisgeistlichen gerichtete Bitte, ihnen statt des im Schränkchen liegenden Neuen Testaments eine vollständige Bibel zu geben, nichts Seltenes.

Eine leicht nachzuprüfende Tatsache ist es ferner, daß die so sehr begehrten Kalefaktorenstellungen fast durchgehend mit den abgefeimtesten Rückfälligen besetzt sind. Diese haben nämlich begriffen, daß im Gefängnis jeder Widerspruch aufhören muß und daß man durch eine ostentativ zur Schau getragene Bereitwilligkeit zur Arbeit den besten Eindruck erzielt. Selbst oft von Grund aus gemeine Naturen, welche aber trotzdem die bei Verbrechern fast immer vorhandene Teilintelligenz besitzen, erkennen ohne weiteres, daß man dem Aufseher oder Arbeitsaufseher nur ein wenig um den Bart zu gehen braucht, um sich Vorteile zu verschaffen. Sie verzichten gern auf das Recht, sich in allen Fällen von Ungerechtigkeit zu beschweren und so wenigstens einen Rest ihrer Menschenwürde zu bewahren, weil sie sich sagen, daß man durch Nachgiebigkeit in jedem Fall leichter zu Schmalz und Wurst kommt.

Und sie, deren Seelenleben das einzig wahre Objekt für den Kriminalpsychologen bergen könnte, werden, einmal inhaftiert, für den Wissenschaftler sofort ungeeignet durch ihre vollkommen bewußte Heuchelei und Verstellung. Ja, was noch schlimmer ist, sie verführen ihn, wenn er nicht energischen Geist genug besitzt, um durch diesen Vorhang hindurchzusehen, zu Trugschlüssen, unter denen dann die allgemeine Erkenntnis zu leiden hat.

Wirklich zu verstehen ist der Verbrecher nur aus seinem ganzen Lebensgange. Und vornehmlich aus den Abschnitten, die er in der Freiheit verlebt.

Mich haben besondere Lebensschicksale und ein schon früh aufkeimendes starkes Interesse für diese Menschenspezies mancherlei Einblick tun lassen in ihr Leben, und ich will versuchen, hier einen gedrängten Abriß ihrer Wesenheit mit all ihren inneren und äußeren Beziehungen
        
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