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Preface

Full text: Schwere Jungen / Hyan, Hans

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Großstadt-DokunMe Bd. 28. Schwere Jungen.

in unsern Gerichtssälen nachprüfen, daß ein sehr großer Teil der Straf-richter sich nicht die geringste Mühe gibt, das Verbrechen und seine Urheber vom Standpunkte der Besitzlosen aus zu prüfen. Und nie werde ich die Aeußerung eines, übrigens adligen, Vorsitzenden vergessen, der, mit seinem Gerichtshof über den Antrag des Staatsanwaltes um das dreifache hinausgreifend, einen bisher noch völlig unbestraften Einbrecher zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte und dieses Strafmaß mit den frivolen Worten begründete:

«Es erschien opportun, die menschliche Gesellschaft so lange als möglich von derartigen Individuen zu befreien."

Aber auch unsere Kriminalwissenschaftler, ja, selbst die klugen gebildeten und wohlmeinenden unter unsern Polizeileuten tappen bei der Beurteilung verbrecherischer Neigungen und Instinkte vielfach un Dunkeln.

Zwar ^gen uns die Aerzte, welche jchrecklichen Verheerungen besonders der Alkohol tm menschlichen Organismus anrichtet, und'es ist eine in der Theorie längst anerkannte Tatsache, daß auf einem so geschwächten, zerrütteten und deformierten Menschenleibe auch ein Kops sitzt, dessen Gehrrn die wunderlichsten und oft erschreckendsten Plagen zeitigt. Es bezweifelt ferner heute niemand mehr, daß die Kinder solcher Scanner und auch Frauen, umsomehr, da sie größtenteils im Alkoholrausch gezeugt werden, schon die sonderbarsten und erschreckendsten Verzerrungen der Gehirngänge mit auf die Welt bringen. Aber von der theoretischen Anerkennung dieser experrmentell bis zum Ueberdruß er-tÜlKCn	bis	zu der Nutzanwendung im bürgerlichen resp. in,

mchtburgerlichen Leben scheint der Weg für den menschlichen Geist vorläufig noch zu lang zu sein. Wie wäre es sonst möglich, Minder, bei denen das kontrollierende Oberbewußtsein noch wenig vorhanden ist oder doch in jedem Affektzustand ausschaltet — wie wäre es möglich so arme und bedauernswerte Geschöpfe auf den Befehl einer hohen Obrigkeit noch unglücklicher zu machen, indem man sie dem verpestenden Einfluß der Gefängnisse und sogenannten Besserungsanstalten aussetzt?'

Es gibt unter unseren Polizei-, Gerichts- und richterlichen Beamten sicherlich eine große Anzahl warmer und wohlwollender Kerzen die der Not und dem Elend durchaus nicht gleichgültig gegenüberstehen. Aber im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende hat sich der Gedanke ein „Verbrecher" müsse vor allen Dingen „bestraft" werden, so tiefin den menschlichen Geist hmeingewurzelt, daß mir, die wir tiefer zu sehen lernten mit unserer Mahnung, jene Entarteten erst wirklich kennen zu lernen 'nur schwer durchdringen.

_ , Uud in der Tat stellen sich dem, der in diese Welt voll grauen 'Uebels hineinzublicken versucht, besonders im Anfang fast unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg. Die Verbrecher selber tragen mcht am wenigsten dazu bei, diese Hindernisse hervorzubringen und scheinbar wenigstens unbesieglich zu machen.
        
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