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Preface

Full text: Schwere Jungen / Hyan, Hans

Vorwort.

Seit den Tagen, wo man jeden Gelegenheitsdieb aufhing und den Einbrecher vierteilte, lebendig begrub oder einäscherte, hat sich in unserm guten Deutschland mancherlei in der Strafrechtspflege geändert. Und damit dies geschehen konnte, mußten sich vor allen Dingen die Ansichten und Meinungen der „ehrlichen Leute" zu einer grundlegenden Umwandlung bequemen. Das Volk gibt ungerne seine Vorurteile auf. zumal wenn sich mit ihrer Beibehaltung individuelle Rachegelüste oder persönliche Momente verknüpfen. Und natürlich gehört eine große Selbstüberwindung dazu für den, der geschädigt wird, seinen Schädiger gerecht zu beurteilen. Aber es gehört dazu nicht allein eine Selbstüberwindung, sondern auch die erhöhte Intelligenz desjenigen, der willens und imstande ist, sich ganz objektiv in das Seelenleben Andersgearteter oder durch widrige Lebensumstände Andersgewordener zu versenken.

Wir haben heute schon so etwas wie eine Kriminalpsychologie, aber zu einer praktischen Anwendung dieser Wissenschaft kommt es noch sehr selten. Der Richter, dessen ganzer Lebensgang ihn in den seltensten Fällen dazu befähigt, sich in die Seelen jener Hunderttausende von ?lrmseligen hineinzuversetzen, welche an jedem neuen Tage vor dem großen Nichts stehen, der könnte nur bei der intensivsten und von hohem Verstand geleiteten Arbeit sich ein Bild jener dunklen Abgründe machen, in denen Verbrechen und Laster gedeihen. Wo aber sind die Leute, die bei mäßigem Gehalt und spärlicher Beförderung und in einer Stellung, welche den Größenwahn geradezu züchtet, jene kolossale Arbeitsenergie aufbringen und sich die maßvolle Bescheidenheit bewahren, die unserm Richterstand eigen sein müßte, wenn er seiner Aufgabe, gerade dem ungebildeten Volke gegenüber, gerecht werden sollte?! ....

Ich will nicht behaupten, daß man richterlicherseits kein Interesse für den Proletariatsverbrecher habe und daß man ihn einfach als menschlichen Abgang betrachte, dem gegenüber Gerechtigkeit nicht notwendig erscheint; aber das will ich behaupten und das kann jedermann
        
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