Path:
Im Arbeitshaus Feiertag

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

94 
Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus. 
in der Kirche gewesen. Die freie Natur stimmt mich alUächtiger 
als das feinste Predigtmanna. Auch am Totensonntag war ich 
da und dachte an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Den 
Tod meiner Mutter hatte ich ja nicht zu beklagen. Zwei 
meiner Brüder waren im Alter von zwei und sechs Jahren 
gestorben. Mein Vater war seit 1867 verschollen im großen 
Erdteil Nordamerika — dem Lande vieler namenloser oder 
unter falscher Flagge segelnder Menschen. Fluchen wollte ich 
meinem Vater nicht, aber liebend konnte ich seiner nicht ge¬ 
denken. Bloß das nackte Leben, mir zu dieser Zeit selbst ver¬ 
haßt, hatte ich ihm zu verdanken, sonst auch weiter nichts. . . 
Meine Mutter wußte von mir aus nicht, daß ich im 
Arbeitshaus war. Ich wollte ihr die Schande zur Zeit er¬ 
sparen, daß sie einen zum Auswurf der menschlichen Gesellschaft 
Verworfenen ihr Kind nennen mußte. Unter Grübeln schwanden 
die Stunden von diesem Sonntag dahin. — 
Selbstmord. 
Am Montag, den 23. November, nachmittags brachte der 
Stationsschreiber uns die Kunde, Priest, genannt Pust, habe sich 
erhängt. Priest sei allein eingesperrt worden in dem Anstalts¬ 
gefängnis, weil sein geisteszerrütteter Zustand nicht mehr zuließ, 
ihn mit anderen Menschen zusammenarbeiten zu lassen. Er 
störte seine Kollegen bei Tag und Nacht. 
Immer sagte er: „Leute, welche die schwarze Kunst aus¬ 
üben, verfolgen, quälen mich. Man staucht mich dort und hier 
herum, sogar im Schlafe finde ich keine Ruhe!" 
Der Aufseher, der Pust's Zelle beaufsichtigte, war während 
der Mittagszeit nicht anwesend. Pust verlas Garnenden von 
Kokosfasern oder spließte. Er drehte sich einen Strick, befestigte 
ihn hoch genug und hängte sich auf. 
Den nächsten Tag kam noch ein Arzt mit dem Anstalts¬ 
doktor, um zu beweisen, daß Priest sich erhängt habe, oder 
auch, daß keine Mißhandlung an Priest's totem Körper zu 
WWW 
9 10
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.