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Im Arbeitshaus Zuwachs

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

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Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Im Laufe der 15. Woche wurde uns die Faulheit des Ascherslebeners zu groß und wir sagten ihm, wenn er keine Lust am Raddrehen habe, solle er gehen. Er sagte zum Aufseher, mit uns könne er nicht auskommen. M. sagte darauf: „Wenn hier kein richtiger Mann zum Drehen kommt, will ich andere Arbeit. Hier sind in kurzer Zeit zwei Verrückte eingestellt worden. Es ist bald das reine Tollhaus. Dann kann mich keine Verwaltung zwingen, weiier Decken zu scheren. Beim Rippenmattenmachen verdiene ich zwanzig Pfennig pro Tag, hier habe ich bloß acht Pfennig. Dann die ganze Verantwortung der Arbeit habe ich. Die Arbeitsordnung dieses Hauses verpflichtet mich nicht, mit unzurechnungsfähigen Leuten zu arbeiten!"

Der Aufseher gab ihm barsch folgende Antwort: „Sie machen Ihre Arbeit, M. Zu bestimmen haben Sie garnichts!"

Am Abend kam doch ein neuer Kollege. Von Beruf war er Schlosser und hieß Görmann. In meinen ersten Wochen hatte ich ihn schon kennen gelernt. Er litt an der fixen Idee, eine Maschine zu erfinden. Mit diesem arbeitete ich bis zu meinem letzten Tag, denn er wurde erst im September 1904 entlassen, acht Monate später als ich. Wir vertrugen uns sehr gut. Er war sehr geduldig und hatte soviel Ehrgefühl, sich nicht zur Arbeit antreiben zu lassen. D. veruneinigte sich mit M. und füllte Görmanns früheren Platz aus. Der Magdeburger, der am 29. September kam und Rippenmatten mit Faserstricken durchzog, füllte den Platz von D. aus.

Wir stritten uns jeden Tag. Die strenge Disziplin, die eintönige, gleichmäßige Arbeit war daran schuld. Ueber eins wunderte ich mich. Diese Leute, wie W., M. und D., die draußen doch nicht sehr ökonomisch geliebt hatten, kamen in Aufregung, wenn ihnen nachts die Natur abging. Hauptsächlich war der Magdeburger um seinen Verlust einiger Pfunde Körpergewichts sehr besorgt, und seine Eltern hatten für das Muttersöhnchen durch den Besuch seiner Schwester zwei Flanellhemden von riesiger Länge geschickt, damit es ja nicht frieren sollte.
        
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