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Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

88 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Diese Woche baute sich M. in der freien Zeit einen Mäuse-käfig. Er verschaffte sich eine vierkantige Lackflasche, schnitt drei viereckige Löcher hinein, fügte Glas ein und der Käfig war fertig. Ungeziefer hatten wir genug. Im Schlafsaal bissen uns die Wanzen und in den Arbeitssälen hatten wir Mäuse und manchmal auch Ratten. Kein Wunder, der Fußboden war alt, so ein rechter Schlupfwinkel für Mäuse, Brot fanden diese genug und die Fasern gaben ein sogenanntes molliges Nest. Die Verwaltung ließ es sich wohl angelegen sein, dieses Ungeziefer zu vernichten, aber es half nicht viel. Die Katzen in der Anstalt wurden in der Küche leider zu gut gefüttert, sodaß diese auf Mäusefangen fast verzichteten.

Also stellten wir Fallen und fingen Mäuse. M. brachte an zwanzig Stück in seinen Käfig. Mancher Aufseher sah sich seine Mäusemenagerie an.

Ein Paar Wochen machte uns diese Sache Vergnügen, aber der Gestank wurde die Ursache eines Streites zwischen M., D. und W., und M. schlug aus Aerger die Mäuse tot und den Kasten verschenkte er an einen anderen Luden, den Stationsschreiber, der sich dann solche Tierchen fing und sie dressieren wollte.

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Zuwachs.

Heute beim Rundgang habe ich den neuen „Zuwachs" gesehen. Meine Leute in der Deckenschererei hatten schon erzählt, daß dieser junge Mann wegen Hochstapelei eingeliefert worden war. Er war ein hübscher Mensch, trug eine Brille (vergoldetes Gestell) und ging selbstbewußt seine Schritte beim Rundgang. Sein Auftreten war das eines gebildeten Mannes, der auch noch selbstbewußt auf schiefer Bahn seine eigenen Wege zu gehen wußte. Er erzählte, daß er Verwalter gewesen wäre und wegen zu großer Ehrlichkeit entlassen worden sei.

„Nun mache ich alles, bloß nicht arbeiten. Die Arbeit ist das Dümmste, was ich mir denken kann. Es ist nichts, ich
        
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