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Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

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Münze, ein Anhängsel, sich verschafft und hing sie tote einen Orden an seiner Jacke auf. Selbstredend war dies ein Spaß für uns Korrigenden und der du jour habende Aufseher, ein freundlicher Mann, lachte selbst darüber, wie der Ascherslebener stolz in Reih' und Glied wie ein Soldat marschierte, erhobenen Hauptes nach seiner Medaille blinzelnd. Es war ein Stück Messing. Auf der einen Seite das Jahr 1888 und auf der anderen das Bildnis der letzten drei deutschen Kaiser.

Am Abend verlor mein neuer Kollege in unserem Raum die Marke. Ich war am Fegen und meine Kollegen fragten mich, ob ich nicht die Medaille gefunden hätte.

„Nein, die  münze habe ich nicht gefunden", war

meine Antwort, dachte aber nicht an das Bildnis der dre, Kaiser.

Unbewußt hatte ich eine Majestätsbeleidigung ausgesprochen. M., W. und D. drohten mir mit Anzeige wegen „Dolus even-tualis". Daß mir die Leute nicht schaden konnten, wußte ich und sie auch -- und daß bei solchen Sachen der Denunziant die mißachtetste Person war, wußten sie ebenfalls. Aber sie hatten eine Waffe gegen mich und verstanden sie gut mv zuwenden. Wir stritten uns wohl, aber sie sahen em, daß ich in pnnkto Arbeit meine äußerste Schuldigkeit tat und sie auch nicht verpfiff. Denn es ist ein Kunststück, mit solchen nervösen Leuten zu arbeiten. Mir sind die dreiundzwanzig Wochen sehr lang geworden und waren auch die allerschwersten Tage meines Lebens. Den Leuten trage ich es nicht mehr nach. litten sie doch ebenso unter diesem schweren Anstaltsdruck, wie ich — und hatten gegen mich eine fünffach schwerere Strafe. Sie zeigten mich nicht an. Man sieht, daß selbst M. noch immer einen Ehrenpunkt in seinem Charakter hatte. Bei fast jeder Gelegenheit zogen mich wohl M, D. und W. mit dieser Sache auf, ich kam aber doch nicht wegen dieser Sache vor den Herrn Direktor.

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