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Im Arbeitshaus Neue Mitarbeiter

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Neue Mitarbeiter. 
Das half aber nichts. Eines Morgens sagte ®. es dem 
Aufseher und da hat Wilhelm heimliche Püffe erhalten und wir be- 
kamen wieder einen neuen Mann. 
Den Sonntag lernte ich einen Schneider kennen. Er war 
am Mittwoch von Genthin hier eingeliefert worden. Es war 
ein langer, dürrer Mensch in den fünfziger Jahren und hatte 
nenn Monate. Er arbeitete auf dem Lager, räumte auf und 
transportierte Material für die Weber. Bei der Arbeit stellte 
er sich so steif und eckig an, wie ein alter Bock. Durch das 
dumme Anstellen und das eckige, steife Benehmen war er bei 
seinen Kollegen nicht beliebt. Kein Tag verging, daß ihn der 
Meister nicht abrüffelte. 
„Sie sind so dumm und faul. Mensch, was soll ich mit 
Ihnen anfangen? Die Mrma muß eine Mark und fünfzig 
Pfennige für Sie an die Anstalt bezahlen, Ihre Arbeitsleistungen 
sind keine fünfzig Pfennige wert. Sagen Sie mir bloß, was 
können Sie denn arbeiten?"- sagte der Meister, sonst gegen 
uns in der Raddreherei kein ungerechter Mann. Wir erhielten 
von ihm für „extra geleistete Arbeit" öfters für 50 Pfg. Wurst 
in Kommune, das heißt wir fünf Mann. Wenn der Schneider 
seinen Verweis bekam, machte er ein ernstes Gesicht und sah 
mit seinem glatten Gesicht und den abstehenden Ohren so 
komisch dumm aus, daß die ganze Abteilung lachen mußte. 
An seinem ersten Sonntag klagte er mir sein Leid. Die 
Korrigenden hier seien der Ausbund der Hölle. Da sei es in 
Rummelsburg bei Berlin golden gegen hier. Das Essen sei 
dort besser und es ginge auch nicht so schablonenmäßig 
und so verteufelt zu wie hier. Die Beamten machten dort auch 
einmal einen Spaß mit. Aber hier machten sich die Korrigenden 
das Leben selbst zur Last. Einer treibe den anderen, es sei 
die reine Affenschande. Bis er nun seine Zeit abgerissen hätte, 
da würde er wohl spinnen wie 'ne alte Kreuzspinne und von 
der vielenMehlsuppe densogenamüenMehlsuppenklaps bekommen. 
Ja, jeden Tag morgens, mittags und abends singen und beten: 
das wäre der reine Hohn auf Gotteswort. Hier sei das Ver¬ 
pfeifen (Verraten) au der Tagesordnung. In Rummelsburg wäre
        
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