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Im Arbeitshaus Ueber Arbeit und Bettel

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

sterbender Funke von Christentum in mir, heute ist er erloschen — ausgelöscht durch den Anstaltsgeistlichen von Großsalze. Dieser Mann hat mir den letzten Rest genommen. In die Kirche mußte ich, es ist preußische Gefängnis-Diktatur und wird auch im Arbeitshause so ausgeübt. Wer die Kirche nicht besucht, wird gestraft. Das Essen reicht in diesem Hause, weil man arbeiten muß, und ich bin kein Asket, um meinen Magen zu betrügen oder meinen Körper auf die Holzpritsche zu legen. Ich liebe so ein Märtyrertum nicht! Es ist mir leid, Herr Pfarrer, entschuldigen Sie, zum Christentum kehre ich nicht wieder retour! Es ist zu spät."

Der Anstaltsgeistliche machte ein ernsthaftes Gesicht, sprach mir aber auch Mut zu. Seine letzten Worte waren: „Schuchardt, wenn Sie entlassen werden, besuchen Sie mich, ich will Ihnen beweisen in derTat, daß es einen Gott gibt, nicht bloß mit leeren Worten!"

Als sich die Türe hinter ihm schloß, klopfte mir ein Sangerhänser Arbeiter auf die Schulter. „Den Schwarzen hast gut mit der Geistesfackel geleuchtet. Wirst Du ihn besuchen?" fragte er.

„Nein", war meine	Antwort.	„Er kam zu spät."

Der Arbeiter hatte	vierzehn	Tage, weil er einen	Sack

Kleie stahl; er dachte, es war Mehl. Arbeitslos war	er —

und	seine Familie litt	Hunger.	Da konnte doch seine	Frau

f,a($en, — es war vor Weihnachten. Er wurde erwischt. Der Richter hatte keinen Begriff, daß Hunger weh tut und kein Stoff auf dem Planeten Erde verloren geht und dem Mehl es gleich ist, ob es von Hungernden oder Satten verzehrt

wird. . . .

Also mit einem Wort: die Strafen haben mich nicht gebessert, aber eines haben sie mich gelehrt: dem Proletariat dankbar, ewig dankbar zu sein, weil ich bloß von ihm das Bettelbrot gegessen habe, —
        
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