Path:
Im Arbeitshaus Ueber Arbeit und Bettel

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

80 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus. 
Mensch sind ein Produkt ihres Umganges und ihrer Verhält¬ 
nisse. Deswegen arbeitete ich bei keinem Bauer, für seinen Fünf¬ 
ziger per Tag. Wie oft kam mir der Gedanke da: lieber 
meinen Bettelsack tragen! . . . 
In Fabriken bekam ich schwer Arbeit, oder sollte für 
sehr niedrige Lohnsätze arbeiten. Ein altes Sprichwort sagt: 
„Je schwerer die Arbeit, desto niedriger der Lohn." Als 
Streikbrecher wollte ich aus zwei Gründen nicht gehen. Erstens 
hatte ich Bettelbrot gegessen von Fabrikarbeitern. Zweitens wollte 
ich nicht den letzten Funken meines Ehrgefühls zum Teufel 
gehen lassen. Ein Spitzbube ist in meinen Augen nicht so 
verkommen als ein Arbeitswilliger. Mir tat es ja selbst weh, 
wenn mir jemand meine Arbeit stahl, wie liebe Freunde in 
Ansbach: M. und F.; denen habe es nicht vergessen und ich 
werde es auch nicht. 
So kam ich mit der Polizei und Gendarmerie in Konflikt, 
wurde mit Haft und wieder Haft bestraft und mit Arbeits¬ 
haus. Aber das Betteln haben mir die Strafen nicht ab¬ 
gewöhnt. Gegen den rebellischen Magen sind sie machtlos. 
Wenn ich nicht int Besitz von dem Notwendigsten zum Leben 
bin, so betreibe ich dies, wenn ich muß, von jetzt an feiner; 
denn wenn ich auch kein Recht auf Arbeit in diesen deutschen 
Staaten habe, aber ein Recht auf Existenz nehme ich mir, und 
werde ich erwischt, dann mache ich meine Strafe ab. Dort wird 
auch Brot verabreicht, wenn es auch verflucht knapp ist. . . . 
Bei meinen vielen Irrfahrten, wie ich meine „Stromer¬ 
zeit" nenne, habe ich noch keinen Menschen (von der mit Glücks¬ 
gütern beladenen Welt) getroffen, der mir statt Vorwürfen 
eine „ehrliche Arbeit" nachgewiesen hätte. Diese ehrliche Arbeit 
meine ich so: Eine Arbeitsleistung nach dem Wert zu bezahlen. 
— Was man mir gab, waren aber bloß nichtssagende, tief¬ 
verletzende Worte oder heftiges Tür- vor- der- Nase- zuschlagen. 
Von den Herren Richtern bekam ich auch keine Arbeit 
nachgewiesen, obwohl sie mich bestraften und ganz entrüstet sich 
gebärdeten und sagten, ich sei arbeitsscheu. Bei den Herren
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.