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Im Arbeitshaus Allerlei Arbeitshäusler

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

76 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus. 
Varnack fragte mich noch: „Was — Du Poussierst wohl 
mit den Schneider seine Ollsche?" 
„Freilich," sagte ich und er mußte lachen. Gesehen hatte 
er es aber doch nicht, daß sie etwas von ihrem Mann durch 
mich bekommen hatte. 
Auf diesem Zettel stand: „Liebe Frau! Weine nicht immer, 
wie es mir Leidensgefährten mitteilen. — Trage Dein Geschick 
mit Geduld, hier heißt es: „fügen". Wenn wir wieder frei 
sind, läßt es sich schon wieder machen, wie wir wollen. Die 
Woche melde ich mich beim Herrn Direktor, ob ich nicht mit Dir 
ein Paar Worte wechseln darf. Meine Arbeit mache ich, das 
heißt das Pensum, und habe noch 'keinen Verweis von den 
Beamten bekommen. Nimm Dich zusammen, daß Du nicht 
noch Zulage erhältst, sonst muß unsere Kleine noch länger bei 
fremden Leuten bleiben. Es grüßt Dein Wilhelm!" 
So war der Inhalt der Zeilen, bloß nicht besonders schön 
geschrieben und stark mit orthographischen Fehlern gespickt. Die 
meisten Schneider haben eine nicht besonders gute Hand im 
Schreiben; ob dies von der schweren Eisenstange kommt, welche 
sie den ganzen Tag balanzieren, oder von dem Bügeleisen, 
kann ich eben nicht ermitteln. Aber das weiß ich, daß es die 
witzigsten und die fidelsten Leute sind unter den Handwerkern. 
Nun will ich wieder zu meinen Leuten, mit denen ich 
arbeiten mußte, zurückkehren und meine Ideen darüber nieder¬ 
schreiben. 
Der Zuchthäusler M. war für mich nicht der schlechteste 
Mensch und hätte ein sehr nützliches Mitglied der heutigen 
Gesellschaft sein können, wenn er nicht von dieser ausgestoßen 
worden wäre. Aus seinen Erzählungen griff ich dies heraus: 
In der Freiheit nach seiner Bestrafung hatten ihm seine 
Arbeitskollegen Hindernisse in den Weg gelegt. Es gab Leute, 
die erklärten rundweg seinen Arbeitgebern, mit M. nicht arbeiten 
zu wollen, er sei vorbestraft. Aber dies nicht allein, auch die 
Polizei machte ihm Schererei, sie machte die Arbeitgeber darauf
        
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