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Im Arbeitshaus Allerlei Arbeitshäusler

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Neunte Woche.

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unseren Arbeitsraum. Wir fragten ihn: „Priest oder Pust, was ist mit Dir? Du siehst verteufelt angegriffen aus."

„Ja, die Nacht hat mir der Kerl die ganze Kraft ausge-saugt. Die ganze Nacht hat er mich nicht schlafen lassen/' erzählte er.

Wir lachten ihn natürlich aus und widerlegten es ihm. Die drei Mann erklärten nun einstimmig, daß es die Verwaltung darauf absehe, hier Verrückte hineinzuschicken. Nicht genug, daß sie schon ein Jahr Ueberweisung hätten, sollten sie sich auch noch mit einem Geisteskranken einlassen und mit ihm arbeiten. Ein Mensch, der geistig nicht normal sei, könnte diese Arbeit nicht machen. Mehr als einmal hörte Pust plötzlich beim Drehen auf und ich mußte ihm zureden, doch weiter zu drehen. Oft, wenn M. nun das Signal zum Stillstand gab, versuchte er weiter zu drehen. Für die erste Zeit war dieses Benehmen von Pust uns eine Unterhaltung: wir mußten lachen. Aber bald wuchs uns dieses zum Halse heraus.

Abends kam auch der Aufseher, bei dem Pust gearbeitet hatte, und fragte uns, wie wir mit ihm fertig würden. M. sagte: „Mit diesem Mann kann ich nicht arbeiten. Die Anderen beschweren sich darüber, daß er ungleichmäßig drehe und bloß ein Hindernis sei."

Der Aufseher sagte dann: „Seht nur zu, daß Ihr mit dem armen Teufel fertig werdet, wir wissen auch nicht, was wir mit ihm anfangen sollen!"

„Ja," sagte ich, „der gehört als Geisteskranker in eine Anstalt und nicht hierher. Soviel müßte der Herr Doktor doch selbst wissen."

„Ja, das stimmt. Aber der Landarmenverband will nichts ausgeben und wir Aufseher müssen uns mit solchen nicht normalen Leuten rumquälen. Ehe von oben etwas geschieht, geht eine geraume Zeit hin, und dann ist solchen Leuten ihre Zeit abgelaufen. Sie werden entlassen. Wir können uns bloß mit solchen Leuten herumärgern; viel zu bestimmen haben wir auch nicht!"
        
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