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Im Arbeitshaus Allerlei Arbeitshäusler

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Siebente Woche.	67

Heute sind der Schneider und seine Frau gekommen. Seine Frau ist sofort in die Franenabteilung überführt worden, wie er mir später erzählte.

Am Donnerstag sprach ich zuerst mit ihm.

Ich begrüßte ihn mit den Worten: „Alter Mückenfett, nun bist Du auch hier und kannst Rippenmatten machen, bis Du am 9. März aus dieser Himmelsversorgnngsanstalt wieder herauskommst! Bis dahin kannst Dir den Mehlsuppeuklaps holen. Ich habe ihn schon weg. Oben haben sie mich drei Wochen malträtiert, ich sollte das Faserdeckenmachm lernen — ist aber in mein dämliches Begriffsvermögen nicht hineingegangen. Da habe ich das Spinnen gelernt. Jetzt bin ich beim Raddrehen. Wenn der Spanner sch .... n geht, kannst mal in unseren Jnquisitionsraum kommen und die verkehrte Welt sehen am Radarbeiten."

Er mußte über meine tragikomische Begrüßung lachen.

Er lernte seine Arbeit schnell und machte später auch sein Pensum. Ich foppte ihn öfters wegen seines Karrens und seiner Lumpen, die darin lagen, und sagte: „Schneider, sage mir mal auf Ehre und Gewissen, was willst denn im „Germmal“ (Keimmonat) anfangen? Da wirst doch mit Deiner lieben Frau entlassen, wenn Du kein Malheur hast und keinen Ober- und Unterspanner ärgerst, daß Du noch drei Monde Zulage bekommst. Sage einmal die Wahrheit von der Leber runter."

„Ja," sagte er, „ich flicke wieder Kiepen und alte Körbe, denn als Schneider kann ich meine Familie nicht ernähren. Von dem vielen Geld, sieben Pfennig pro Tag, wovon ich einen Teil für Fettigkeiten hier brauche und den Rest ausgezahlt bekomme bei meiner Entlassung, kann ich mir keine Wohnung mieten. Wer gibt mir denn Arbeit, wenn ich von der Winde komme? Kein Mensch, noch nicht einmal Konfektion als Heimarbeit. Ich kaufe mir einen Hund und ziehe in die Vallertkaffs (Walddörfer), von einem — zum andern."
        
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