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Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

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Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Abteilung wegen des vierzehntägigen Kirchganges. Brachte er mir doch die „Magdeburger Volksstimme", ein oder zwei Exemplare, Kautabak und ein Ende Blutwurst mit. Trotzdem ich noch keinen „Stift" schreiben lassen konnte, bekam ich von meinen internen Bekannten doch Kautabak. Dies ging alles heimlich. Die Wurst war in Papier und die Zeitung stopfte er mir selbst in die Jackentasche, aber erst, wenn die „Spanner" (Aufseher) die Säle verlassen hatten. —

Den anderen Morgen war wieder Kirchenappell. Der Herr Direktor stieß bei dieser Musterung mit dem Finger gegen meine Jacke in der Richtung, wo ein leeres Knopfloch war. Ich hatte einen Knopf vergessen in das Knopfloch zu schieben, und er wollte sich überzeugen, ob ich auch noch die bestimmte Zahl Knöpfe an meiner Jacke hatte. „Knöpfen Sie zu," sagte er ernst.

An meiner Jacke konnte er nichts tadeln, die hatte ich mit Wasser ausgebürstet, so daß der Stoff nicht so von dem Tageslicht ansgesangt erschien. Der Hausvater gab mir keine neue.

Ich fragte ihn nach dem ersten Appell wegen einer anderen Jacke, und er sprach: „Schnchardt, Sie haben bloß ein halbes Jahr; bürsten Sie Ihre Jacke gut aus, diese hält dann schon so lange aus."

Allerlei Arbeitshäusler.

Nach der Kirche und dem Essen unterhielt ich mich mit einem Magdeburger, einem jungen Menschen, der vierzehn Tage früher vom Tränensberg nach hier kam. Er war 21 Jahre alt und hatte früher in Buckau gearbeitet. Durch Arbeitslosigkeit gezwungen, mußte er „talfen" (betteln), wurde erwischt und hatte, wie ich, ein halbes Jahr Arbeitshaus. In der Woche mußte er zwei Stunden die Schule besuchen, weil er noch nicht über dreißig Jahre alt war. Er zog Eisenstäbe aus eingespannten Rippenmatten und füllte den leeren Raum mit Faserstricken aus, die er an einer langen Nadel befestigte.
        
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