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Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

58 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Zur Zeit, als ich mit diesen Leuten zusammen sein mußte, war ich wütend und verdammte heimlich die Oberleitung, die mich zwang, einem Menschen in punkto Arbeit Untertan zu sein. der bald 24 Jahre hinter der Mauer verbracht hatte.

Wir drehten an meinem ersten Tag wie die Wahnsinnigen. Am Nachmittag waren wir schon nach 2 Uhr mit der letzten Decke fertig. Das Messer an der Maschine war stumpf und M. sagte zu seinem Lehrmeister: „Wir wollen das Messer schleifen und abziehen, damit ich Bescheid weiß, wenn Du am Montag abdampfst!"

Der Schlafsaalvorgesetzte willigte auch ein. Ich legte unter die Maschine Jutereste und alte Sackstücke und schob ein mit Sackzeug belegtes Brett unter das Messer. Das Messer wurde an den mit Spiralfedern gespickten Cylinder fest angeschraubt. Wir drehten in entgegengesetzter Richtung und der Vorgesetzte zeigte M., wie er den mittelgroben Oel-schmirgel auf den Cylinder zu bringen hatte. Wir drehten, daß die Funken von den Federn des Cylinders und dem Messer stoben. Je nach Bedürfnis wurde weiter zugespannt und dann wieder gedreht, bis das Messer regelrecht ge-schliffen war.

Das Brett mit der belegten Sackleinwand zog ich vor. Sie war voller Schmirgel. Der Messerbock wurde gelüftet und das Messer nach oben gedreht, mit einem Schiefer oder Stein abgezogen — und dann nach Ablegen des Grades mit

einem Oelstein.

Während dieser Zeit wurde zum Bierholen namenweise aufgerufen. Ein Korrigend verlas die Liste. Ein Beamter sah zu und jeder, der auf der Liste eingetragen war, erhielt seinen Topf Braunbier.

Meine Absicht war, das Bier von der Allendorfschen Brauerei nicht zu trinken; denn ich hatte im Jahre 1903 den Magdeburger Bierboykott mitgemacht und kein Bier getrunken, das unter Boykott stand. Sogar hatte ich mich mit einem intimen Freund erzürnt, der von einem nahen Verwandten,
        
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