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Im Arbeitshaus Bei der Arbeit und am Feierabend

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

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Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus. 
meine Logik. Ein Schneider — ein tüchtiger Beamten- und 
Damenschneider — wurde im August entlassen, ein flinkes 
Kerlchen, der wegen seiner tadellosen Arbeit vom Direktor 
bis zum Aufseher und auch bei deren Weibern beliebt war, weil 
er sowohl diesen wie jenen eine tadellose Kleidung geliefert 
hatte. Er sagte manchmal, ob in Spott oder Wahrheit: 
„Man ist Korrigend und kann doch die Aufseherinnen 
und Beamtenweiber beim Anproben an die Brüste fassen! Ja, 
so^in Damenschneider!" 
Es waren keine fünf Wochen verflossen, und an einem 
Abend war der Liebling der Anstalts-Ober- und -Unter¬ 
beamten wieder bei uns. Er erzählte: zwanzig Mark habe 
er noch im Sack gehabt und ein Schmiermichel (geheimer 
Polizist) habe ihn beim Talfen (Betteln) erwischt. Das Ge« 
richt habe ihn wegen Unverschämtheit im Talfen zur zweiten 
Ueberweisung verurteilt — als ob zwanzig Mark ein König, 
reich seien — und jetzt freuten sich alle, vom Direktor bis zum 
Nachtwächter, daß er wieder hier sei. Bloß eines täte ihm 
leid, daß das Pulver noch nicht alle war und daß seine sonst 
ganz interessante Harzer Ballertreise so jäh unterbrochen sei. 
— Einige Wochen später erhielt er von dem Direktor eine 
feine Kluft. 
Die Zeit verging; am letzten Tag dieser Woche, nach. 
mittags, kamen der Vorarbeiter und der Stationsschreiber, mir 
folgendes berichtend: „Schuchardt, Du kommst von dem Web¬ 
bock weg. Du sollst mit noch drei Mann an der Deckenscher- 
maschine Rad drehen. Da kriegst alle Tage Dachstubenporter. 
Jede Woche ein Viertelpfund Schmalz und jeden Tag ein 
Stück Brot mehr! Da biste schön 'raus, und kommst in die 
Ludenabteilung! Was guckst denn so dumm mit Deine 
Scheinlinge (Augen) wie ein Stallhase, der eins hinter seine 
Löffel bekommt? Murkse nur weiter, bis Dir es der Spanner 
(Aufseher) sagt. Die Firma von unsere Kokosprodukte kann 
froh sein, denn Du Viech hättest sie doch bloß bankrott ge¬ 
macht."
        
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