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Im Arbeitshaus Der erste Sonntag

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

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Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Innern den Kirchenzwang verfluchend. Der Seitenchor war verhängt. Hinter diesem saßen die weiblichen Korrigenden. Wenn nicht manchmal ein Weib die Schreikrämpfe bekam in der Kirche, hätte man nie geahnt, daß hinter diesem grauen Vorhang Menschen saßen.

Was der Pfarrer predigte, darauf hatte ich keine Acht. Nur fügen — bis meine Zeit um war — um aus dieser Hölle herauszukommen. . .

Wenn die anderen aufstanden, stand ich auch auf. Setzten sie sich, so machte ich es auch. Also alles wie ein Automat — wie eine Marionette. Ich grübelte vor mich hin — und wenn die Orgel ertönte, sang mein Gehirn einen Fluch auf den erzwungenen Kirchenbesuch. Mein Gesicht verriet nicht, was in meinem Innern vorging. Meine Lippen preßte ich fest auf mein defektes Gebiß, als wenn ich Zahnschmerzen hatte, und sog an meinem Stück Kautabak.

Nach Beendigung des Gottesdienstes stellten uns die Spanner wieder auf und wir gingen wieder nach unseren Abteilungen und gaben die Gesangbücher ab. Ein Korrigend packte diese in einen Kasten und verschloß ihn. Wir zogen unsere Kleidung um, legten vorschriftsmäßig Jacke und Hose in unseren Schrank und unterhielten uns leise.

Der Vorarbeiter kam zu mir und sagte: „Schuchardt, Du hast ja heute zum ersten Tag von unserem Allerobersten schon eine Rüge bekommen. Nicht wahr, das fängt schon gut an! Ja, hier wird nicht lange gefackelt!"

Er versuchte mir Angst zu machen. Der Hausvater hätte meinen Namen aufgeschrieben. Da käme immer etwas nach.

Mein Arbeitspartner stand daneben und sagte zu dem Vorarbeiter: „In der Kirche hat das Biest auch nicht mitgesungen, wie so ein Stockfisch hat er dagesessen!"

Wir lachten alle drei, ich war so klug, es mit dem Vorarbeiter nicht zu verderben; denn dieser hatte die vergangene Woche drei Mann wegen nicht geleisteten Pensums zu Kost-
        
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