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Im Arbeitshaus Antritt und erste Woche

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

40 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Hier ist die reine Himmelsversorgungsanstalt! Paß nur auf. daß Du es lernst, sonst kriegst keinen Priem!"

Ich machte dazu ein dämliches Gesicht und sagte: „Die Arbeit muß ich erst lernen — und wie lange muß ich denn lernen?"

„Acht Tage" war die Antwort.

Dann kam ein Bekannter vom Tränensberg, der schon länger hier war, und erzählte mir was und gab mir ein Stück Kautabak.

Ich nahm mir vor, meine Hände zu bewegen, aber auf keinen Fall diese Arbeit richtig zu lernen und auch nach der Lehrzeit kein Pensum zu machen. Mit Berechnung machte ich jeden Tag eine kleine Wenigkeit mehr und täuschte den Aufseher, als ob ich viel machte. Denn bei dieser Arbeit lernte ich das Spinnen.

Am Nachmittag erhielt ich meine Karte, die ich am Schrank aufhing. Mein Name und Geburtsort stand darauf und die Nummer 38 739. Ein Duplikat hing an meinem Bett. Meine Bett- und meine Wäschenummer war 296. Diese mußte ich mir merken, weil es jeden Samstag reine Wäsche gab.

Nun muß ich bemerken, jeden Tag hatten wir eine halbe Stunde Rundgang auf dem Hofe, zwischen dem Gebäude, wo wir schliefen und arbeiteten, und dem Badehaus. Wir gingen in einem großen, ovalen Kreise, die Hände auf dem Rücken, ein Mann hinter dem anderen her. Am ersten Tag schreckten mich beim Rundgang die rasierten, von Kummer durchfurchten Gesichter; später gewöhnte ich mich daran. Auch konnte man sich was erzählen, wenn nicht ein harter Aufseher Dienst hatte. Auch Sonntags mußten wir in den Hof; nur wenn recht schlechte Witterung war, kamen wir nicht hinaus. Es ging abteilungsweise, manchmal gleich nach dem Essen nachmittags oder auch später. Bei diesem Rundgang bekam ich von Bekannten Kautabak. Wir machten es eben, wenn der Spanner (Aufseher) uns nicht beobachtete.
        
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