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Im Arbeitshaus Antritt und erste Woche

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Antritt und erste Woche.

Äbend wurde erst ein Lied gesungen. Stückweise sagte der Vorarbeiter das Lied vor. dann wurde gesungen, und so ging es, bis das Lied zu Ende war. Der Vorarbeiter gab den Ton an und die meisten sangen mit, ich und mancher, welcher genau so wie ich fühlte, sang nicht mit. Es wurde ein Gebet gesprochen und wir reihten uns Mann an Mann und stiegen die Treppen höher in unsere Schlafsäle.

In der Anstalt waren gegen 340 männliche Korrigenden. Weibliche waren an die 40 da. Ein großer Teil arbeitete außerhalb Schönebeck und Großsalze. Diese kamen Samstags abends alle 14 Tage, um die Kirche zu besuchen, und gingen Montags früh wieder fort; wo sie beschäftigt waren, weiß ich nicht.

Die beiden Schlafsäle waren weiß getüncht. Es standen viele Betten in beiden Abteilungen. In der ersten Abteilung war die Wascheinrichtung und drei Kübel zum Urinieren.

Der Aufseher, der in unserer Arbeitsabteilung uns bewachen mußte und der auch den vollen Nachmittag in dem Gang auf und ab ging, wo ich an der Seite saß, und der mich nicht aus den Augen ließ, hatte du jour und wies mir mein Bett an. Ich legte meine Decken zurecht auf dem Boden und steckte diese in einen blauweiß gewürfelten Ueberzug. Den Kopfkeil steckte ich in einen Ueberzug von gleichem Stoff. Mein Betttuch legte ich auf meine Matratze und stopfte die Enden faltenlos unter sie. Alles mußte genau nach Vorschrift geschehen. Die Schließer zählten uns ab und der Schlafsaal wurde geschlossen.

Wie es nun jedem Neuling geht, fragten mich meine Leidensgefährten, wo ich her sei und ob dies „mein erster Ueberzieher" sei und wie er mir Passen täte.

Neben mir schlief ein Mann, der hatte schon die zweite Winde; er war nicht weit von Barby gebürtig. Er gab mir ein Stück Kautabak. „Unter vier Wochen kannste Dir doch keinen schreiben lassen," meinte er.
        
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