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Meine Verhaftung

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

10 Großstadt-Dokumente Bd.33. Sechs Monate Arbeitshaus.

etwa fünfzig Jahren, und schnauzte mich in barschem Tone an: „Sie haben hier gebettelt und gehen mit zur Wache!"

Wir gingen vom Petriförder durch die Jakobstraße. Da fragte mich ein Bekannter von unserer Organisation — ich war Mitglied des deutschen Metallarbeiter-Verbandes —:

„Na. Ernst, wat ist Dir denn passiert?"

Gleichgültig sagte ich: „Ich habe gebettelt!"

Seine Antwort: „Dies hast Du doch gar nicht nötig. Du bist doch im Verband!" Der gute Mann wußte natürlich nicht, daß ich für das Jahr 1903 ausgesteuert war. Er wünschte mir Glück zu einem guten Verlauf meiner Sache

^Von der Jakobstraße über den „Alten Markt" durchschritten wir den Breiten Weg. das Ulrichstor und langten am Polizeipräsidium an. Dort auf der Polizeiwache visitierte man mich. Viel hatte ich nicht, meine leere Geldtasche und meine notwendigsten Papiere. Man schob mich dann parterre in eine Zelle Ein kahler, unfreundlicher Raum. durch zwei niedere Fenster erhellt, welche mit schwedischen Gardinen versichert waren; wie gesagt, man hatte mich wieder in ein „Safe Deposit" untergebracht. Die Türe flog zu, der Riegel knarrte.

Allein war ich nicht. Ein alter Matut lag auf der Pritsche. Das alte Lied des Vagabundenelends war es wieder, was ich da zu hören bekam. Wegen Bettelns viel bestraft, fünf-mal auf der Winde (Arbeitshaus) gewesen. Vor einigen Tagen entlassen. Sich mit Fusel vollgesoffen aus Hunger. Gram, Sorge und Elend. Im Rinnstein gestolpert, gestürzt, liegen' geblieben wie ein schwerer, abgesägter Stamm. Dre Polizei hatte ihn dann gefunden und in diese Zelle geschafft. Viel konnte er nicht sagen, das Gift des Fusels hatte seine

Zunge schwerfällig gemacht.

Durch den penetranten Geruch dieser menschlichen lebendigen Leiche war die Luft verpestet. Ich öffnete beide Fenster. „Ja," sagte er zu mir, „wo kommst Du denn her?

Dabei dehnte er seine alten Knochen.
        
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