Path:
Meine Verhaftung

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Meine Verhaftung. 
9 
feit" sehr geringe Quanten Bier tranken oder gar bloß „Dach¬ 
stubenporter" (Wasser) hinter die Halsbinde gössen. 
Nun kam es bei den Fuseltrinkern öfters zu Wortreibereien, 
fast keinen Abend ging es ruhig und sachlich zu. Das 
Traurigste dabei war, wenn zwei ihr Geld zusammen ver¬ 
tranken, sich ihr Sündenregister vorwarfen und dann manch¬ 
mal in eine Keilerei gerieten. Am Morgen, wenn wieder 
Geld getalft (gebettelt) war, wurde die gerissene Freundschaft 
durch einen Versöhnungsschnaps ins Lot gebracht. Nur ab 
und zu artete es zu offenem Haß aus, daß das Stänkern und 
Schimpfen periodenweise wieder zum Ausbruch kam. 
Ich selbst mischte mich selten ein und unterhielt mich meistens 
mit dem solideren Element. Gewöhnlich saß ich abseits und 
grübelte vor mich hin: 
„Diese ewige Arbeitslosigkeit bringt mich vollständig auf 
den Hund!" 
So suchte auch ich in dem elenden Kartoffelfusel mich 
zu betäuben. Kein Wunder, daß der Teufel gar manchmal 
auf meinen Nervensträngen Guitarre spielte. Die Türe hinter 
mir zuschlagend, stieg ich dann auf die Fahrt. Meine Schlaf¬ 
stelle hatte ich aufgeben müssen, aber auch ein Teil der 
Gesellschaft ekelte mich an. So ging ich dann wieder auf die 
„Heiligkeit", bezahlte 25 Pfennig und legte mich nach 9 Uhr 
auf mein hartes, nicht allzu sauberes Lager. 
Hungrig stand ich auf. Es war ein warmer Sommer¬ 
morgen, wie man es vom letzten Drittel des Juni verlangen 
kann. Meine Tasche war leer, nicht ein roter Pfennig war 
darin. Am Abend schon hungrig in die Klappe und am 
Morgen Kohldampf (Hunger) im Magen. Mein Magen knurrte 
wie der Wirbel von einem Tambour. 
In mißmutiger Laune ging ich in die Altstadt am Petri- 
sörder, trat in eines der Häuser und klopfte parterre an eine 
Stubentür. Eine Frau öffnete. Ich bat um „etwas warmen 
Kaffee". Kaum war mein Wunsch erfüllt worden, trat aus 
derselben Tür ein Schutzmann, ein schon ältlicher Mann von
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.