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Im Arbeitshaus Kaisersgeburtstag

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

108 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

Die Kirche war	aus	und ihre	Besucher kamen	wieder in

ihre Abteilungen. Meine	Gedanken	beschäftigten sich	nicht mit

dem patriotischen Wert dieses Tages; ich bin kein Mensch, der jeder Regimentsmusik nachläuft - ich habe meinen eigenen Kopf, und dieser sagt mir: In Deutschland ist wohl die Luft m Zellen verpachtet — aber es gibt noch — eme Gedankenfreiheit — wie Schiller in seinem Don Carlos es schrieb. Für mich bleibt selbst der „höchste Herr" Mensch und ein Produkt seines Milieus und seiner Umgebung. — Ich denke an emen anten Menschen und Genossen: „Albert Schmidt," Redakteur der Magdeburger Volksstimme. Ihm brachte einst eine von ihm gedichtete Fabel	drei	Jemmchen	und nach seiner	Entlassung

eine — Neurasthenie	ein.

Der 28. Januar.*)

Den anderen Tag mutzte zum Secretair. Dieser bot mir Arbeit an; ich sollte nach die Arbeiterkolonie gehen m die Diesdorferstratze in Magdeburg. Ich verzichtete auf hie Fünf. undzwanzig -Pfennig - Winde. Vor meiner Ueberweistmg hatte der christliche Leiter dieser Anstalt mich auf mem Ersuchen nicht aufgenommen, - jetzt wollte ich nicht - es war zu spät

Der Secretair war ein ruhiger Mann und als ich es ihm sagte: Warum? Weshalb!

Gab er mir recht.	_

Ant Abend gab ich meine Marke als Mitglied der Löschmannschaft ab.

Den Nachmittag war beim Doktor. Es war nicht der Anstaltsarzt, sondern ein Vertreter.

Nach der Frage: Sind sie gesund?

Log ich mit „Ja." Mein Rücken war voller Grmd und Pickels, aber 'raus wollte ich aus dieser Hölle — raus aus dieser Menschenquälerei.

*) (Die folgenden Zeilen sind ohne jede Aenderung abgedruckt. Der Herausgeber).
        
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