Path:
Im Arbeitshaus Beim Geistlichen

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Die ArbeitshäuZlerinnen. 
105 
War Lei regnerischer Witterung Wohl über die Brote gedeckt, 
aber kein Tuch im Wagen ausgebreitet, auf das sie geschichtet 
wurden. Der Verwaltung lag nicht viel daran — das Brot 
wurde ja nicht bort ihr gegessen, — ob der Wagen zum Schmutz- 
fähren benutzt wurde, oder für Nahrungsmittel. Das ist die 
traurige Folge, wenn Menschen unter das sächliche Niveau 
gestellt werden. 
* * 
* 
Die ArbeitshäuZlerinnen. 
In unserer Anstalt wurde später die Badeeinrichtung ver¬ 
bessert. Die hölzernen, ovalen Kübel wurden von einer 
Brausebadeiurichtuug ersetzt. Ein großer viereckiger Eisenkasten 
wurde in das Badehaus transportiert. Die Einrichtung wurde 
von freien Arbeitern gemacht. 
Seit dieser Zeit haben wir die Weiber nicht mehr im 
Gänsemarsch, immer eine hinter der andern, nach der Tür deS 
Gebäudes gehen sehen. Ewig schade für uns, es war immer 
eine Abwechslung für uns. Es sah aber auch zu interessant 
aus, diese spindeldürre, lange Aufseherin, wie sie ihre Unter¬ 
gebenen so kölnisch scharf kontrollierte. 
Von dein Fenster, wo wir arbeiteten, konnten wir die 
Badenden sehen. Den männlichen Zuwachs meistens am Mitt¬ 
woch. Dienstag war Badetag für männliche Korrigenden, 
Freitag für die Weiber. 
Wir hatten jedes Mal unsere Freude, wenn die Frauen 
baden mußten. Eine lange, schmächtige Aufseherin hatte dann 
die Weiber unter ihrer Aufsicht und Obhut. Es sah dies so 
unendlich tragikomisch aus, wenn die Weiberkette anlangte. 
Die Aäfseherin befahl den Frauen, nicht zu uns in unsern 
Raum zu schauen. Doch M.'s Frau sah jedes Mal, wenn 
auch verstohlen, in unseren Raum. Unter diesen Frauen waren 
recht alte, verschrumpelte. Auch manches schöne Weib, das selbst 
in dieser menschenunwürdigen grauen Kluft noch imponierend 
schön au-sah, weit —-weit schöner alr die spindeldürre, lange
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.