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Im Arbeitshaus Neuer Zuwachs

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

Neuer Zuwachs. 
haus verbüßen mußte. Das Wasser konnte er nicht halten 
und litt an Bettnässen. 
„Ja, da hat man sich für das Vaterland gequält, hat 
Lause gehabt, draußen biwackiert und Menschen totgeschossen 
— und jetzt ist man auf der Winde! Verdienen kann man 
nichts, weil ich kein Pensum mache. Nichts kann man sich 
schreiben lassen, noch nicht einmal Priem. Es ist ein Jammer! 
Aus Not habe ich gestohlen und gebettelt. Ein alter Lump 
bin ich geworden," so jammerte er.  
Ich gab ihm ein Stück Priem, den er zwischen seine 
Backen schob und sehr bedächtig kaute. Er klagte über Frost 
und Reißen in seinen alten Knochen. Der Hausvater aber 
putzte ihn runter wegen des Bettnässens, das sei Schweinerei! 
Doch der Doktor in Magdeburg schrieb den Mann gesund 
für ein halbes Jahr Arbeitshaus und ich kann sagen, er roch 
schon wie eine lebende Leiche . . . 
Ohne besondere Eindrücke verfloß meine vierundzwanzigste 
Woche. Ich hatte nur die Abwechslung, daß wir uns in der 
Raddreherei stritten und wieder einigten, je wie die Stimmung, 
in der wir lebten, es erlaubte. 
Einen Buchdrucker lernte ich kennen. Dieser machte wie 
ich seine erste Winde ab (Arbeitshausstrafe). In Magdeburg 
beim Betteln erwischt, wurde er überwiesen. Er machte Faser¬ 
decken und sein Pensum spielend, sogar Ueberpensum. Beim 
Rundgang erzählte er mir dies. Bloß das ewige Einerlei in 
dieser Anstalt widerte ihn an — und das rohe Benehmen seiner 
Kollegen'. „Der Teufel sollte dreinschlagen unter so eine 
Korrigendengesellschaft. Ein bischen Gemeinsinn haben unsere 
Leute auf keinen Fall. Die meisten benehmen sich wie Bestien 
in einer Arena. Ein jeder von uns will lieb Kind bei den 
Spannern sein." 
Wir trafen uns öfter beim Rundgang. Er litt sehr an 
Neurasthenie; ihm ging es wie mir. Seine fünfzehn Ellen 
dieses Nervenleidens hatte er weg — ebenso wie ich.
        
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