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Im Arbeitshaus Jahresschluß

Full text: Sechs Monate Arbeitshaus / Schuchardt, Ernst

102 Großstadt-Dokumente Bd. 33. Sechs Monate Arbeitshaus.

wert. Er ist zu schlecht. Was der mit seinem religiösen Uebersinn uns schon geschunden und gequält hat, nimmt kein Papier auf."

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Neuer Zuwachs.

Den anderen Morgen stieg ich mißmutig auf aus meinem Bett, wusch meinen Oberkörper, spülte meinen Mund aus, richtete mein Bett, ging mit den anderen Essenträgern und holte unsere Mehlsuppe. Das Weib des Schneiders stand im Hof der Weiberabteilnng und heulte. Eine Aufseherin suchte sie zu beruhigen. Sie weinte aber weiter; warum sie greinte, weiß ich nicht. Hatte sie Sehnsucht nach ihrem Mann, oder nach ihrem Kind?

An diesem Neujahrsmorgen lernte ich einen Klempner mit Namen Frank aus Gotha kennen; bei Harjes & Kallmeyer in der Metallwarenfabrik hatte er gearbeitet und gelernt. Er war in den zwanziger Jahren, also noch sehr jung — und schon Winde! Wir sprachen von Gotha. Meine Mutter kannte er nicht. Meinen Stiefvater auch nicht. Die Arbeit, er lernte Faserdecken machen, gefiel ihm durchaus nicht. Das Pensum würde er nicht schaffen, sagte er.

Wir trafen uns noch öfter, ich und mein Landsmann.

Am Nachmittag las ich in alten Heften eines alten Jahrgangs des Universum die Biographie von Friedrich Hebbel.

Am Samstag beendeten wir die Inventur und drehten Rad. Ich mit neuen Sorgen und Hoffnungen: „Was fängst Du an, wenn Du entlassen wirst? Findest Du auch bald Beschäftigung?"

Die Tage schlichen langsamer hin. In vier Wochen wurde ich entlassen. Die letzten Stunden meiner dreiundzwanzigsten Woche gingen dahin.

Ich bekam einen neuen Schlafkollegen. Er besetzte das Bett neben mir. Ein alter Mann, der den Krieg von 1870/71 mitgemacht und als kranker Invalide nun zum Dank Arbeits-
        
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