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II. Der juridische Wucher

Full text: Die Wucherer und ihre Opfer / Benario, Leo

20 Großstadt - Dokumente Bd. 38. Wucherer und ihre Opfer.

Begriff des strafbaren Wuchers ohne Rücksicht auf die noch bleibenden zivilrechtlichen Beschränkungen des Darlehensvertrags und zwar als Mißbrauch der Notlage, des Leichtsinns, der Unerfahrenheit oder Verstandesschwäche eines Entleihers zur Erlangung eines den ortsüblichen Zinsfuß auffallend überschreitenden Vermögensvorteils. Die Strafbestimmungen gegen diesen Wucher im neuesten Sinne des Wortes waren indes sehr milde und galten nur gegen den gewerbsmäßig und mit kleinen Summen und kurzen Fristen betriebenen, und zwar in der Regel nur auf Privatanklage. — Hier finden sich die Kriterien auch des derzeitigen deutschen Wucherrechtes.

Ende der sechziger und in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte bekanntlich die Lehre von der Freiheit des Wirtschafts- und Handelsverkehrs ihren Höhepunkt erreicht und das österreichische Gesetz vorn 16. Juni 1868 hob, wie in den meisten übrigen deutschen Bundesstaaten die gesetzliche Zinsbeschrünkung und überhaupt den Wucher im Rechtssinne aus. In neuerer Zeit griff auch Österreich durch Gesetz vorn 28. April 1881 wieder zum Verbote des Wuchers, wobei als Begriffsbestimmungen hauptsächlich die Ausbeutung des Leichtsinnes und der Notlage angenommen wurde. Ein ungarisches Gesetz vom 27. April 1883 trat im ähnlichen Sinne dem Ausbeutungswucher entgegen, jedoch nur im Falle der Überschreitung der Zinsgrenze von 8 Prozent.

In Frankreich war bis zur Revolution nur der Rentenvertrag gestattet, jedoch nur ein Zinssatz von höchstens 5 Prozent. Jeder verzinsliche Darlehensvertrag war also wucherisch. Erst ein Dekret vom Oktober 1789 ließ Darlehen mit dem Zinsmaximum von 5 Prozent zu. Durch ein Gesetz vom 3. September 1807 wurde der Zinsfuß für gewöhnliche Darlehen auf 5 Prozent, in Handelsgeschäften aus 6 Prozent festgesetzt. Der Wucher
        
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