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II. Der juridische Wucher

Full text: Die Wucherer und ihre Opfer / Benario, Leo

II. Der juridische Wucher. 
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geliehenen hinausgeht, ist verwerflich. Auch wer aus 
Gewinnsucht Getreide oder Wein kauft, um diese Waren 
später zu einem höheren Preise zu verkaufen, wird dem 
Wucherer gleich gestellt, vgl. Lexis a. a. O. S. 781. Die 
spätere kirchliche Gesetzgebung stand stets auf dem Stand¬ 
punkte des Verbotes des Zinsnehmens. — Der Sachsen¬ 
spiegel hatte das Zinsverbot nicht ausgenommen. Die 
Glosse zum Sachsenspiegel sagt aber ausdrücklich, das, 
was das kanonische Recht verbiete, verbiete auch das 
Kaiserrecht. — Die meisten norddeutschen Stadtrechte 
ließen die Zins- oder Wuchersrage unberührt. Die süd¬ 
deutschen Stadtrechte hatten das kanonische Verbot 
meistens aufgenommen. Die Reichspolizeiordnungen des 
16. Jahrhunderts (1530, 1548, 1577) behielten ebenfalls 
das Verbot des Zinsnehmens bei und gestatteten nur 
den Renten- oder Gültenkauf, wobei aber die jährliche 
Gülte nicht mehr als 5 Prozent des dafür bezahlten 
Kapitals betragen'durfte. Nur den Juden wurde, „da¬ 
mit sie ihre Leibesnahrung haben möchten, von der Reichs¬ 
polizeiordnung von 1548 und 1577 gestattet, auch für 
Darlehen fünf vom Hundert zum Wucher zu nehmen." 
Auch Luther teilte den herkömmlichen kirchlichen 
Standpunkt in der Zinsenfrage, während Calvin das 
kanonische Verbot für nicht mehr gültig erklärte. Vgl. 
Lexis a. a. O. — 
Daß die Praxis des Mittelalters sich nicht an die 
kirchlichen und weltlichen Vorschriften hielt, liegt aus der 
Hand. Es mag mit dem Wucher ähnlich gewesen sein, 
wie mit der heutzutage gesetzlich teilweise geregelten 
Prostitution: der heimliche Wucher wird trotz kirchlichen 
und weltlichen Verbotes ebenso geblüht haben, wie heute 
keine polizeiliche Regelung der heimlichen Prostitution 
beikommen kann. Allerdings war die gesetzliche Er¬ 
laubnis des Zins- und Wuchernehmens ein „privilegium 
Großstadt. Dokumente 93b. 38. 2
        
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