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Kapitel VIII.: Vermeintliche Sittlichkeitsvergehen

Full text: Sittlichkeitsdelikte der Großstadt / Werthauer, Johannes

Vermeintliche Sittlichkeitsvergehen	79

dritter Personen, die ihr mißliebig geworden sind, benutzt, um sich aus diese Weise bequem derselben zu entledigen.

Unmittelbar nach dem Kriege trat in diese Funktion eine Reihe von Bestimmungen, die sich mit der Sicherheit des Reiches und des Staats beschäftigten. Manche Ehefrau, welche mit dem Geliebten zusammen sein wollte, entledigte sich des Ehemannes durch diesbezügliche Beschuldigung.

Ein weiterer Tatbestand, der vorzugsweise hierzu ausgesucht wurde, war dann der Begriff der Majestätsbeleidigung. Es war die bequemste Art und Weise, durch die man einen mißliebigen Menschen los werden konnte; der Sozius, der Gelder unterschlagen hatte, zeigte seinen Sozius an, daß er irgendein unlauteres Wort über den Landesherrn einmal geäußert hätte; der Fabrikarbeiter, welcher sich seinen Kollegen gegenüber mißliebig gemacht hatte, oder der diesbezügliche Meister wurden dem Gefängnis auf diese Weise überliefert. Durch ganz Deutschland verbreiteten sich die Majestätsbeleidigungsprozesse. Es waren zuweilen Tatbestände, in denen jahrelang zurückliegende Äußerungen unter Beweis gestellt wurden. Oft waren es nur irrt angetrunkenen Zustande oder dergleichen angeblich gemachte Äußerungen. Die öffentliche Meinung drängte deshalb auf eine Einschränkung. Sie begründete ihr Gesuch jedoch meist nur damit, daß sie den Tatbestand als wirklich vorhanden annahm, aber mit Rücksicht daraus, daß derselbe oft lange zurücklag oder die Äußerung nicht mit bösem Willen ausgesprochen war, betonte, daß die Bestrafung nicht absolut notwendig sei. Übersehen wurde meist, daß die Bezichtigung selbst häufig wider besseres Wissen oder verdreht oder fahrlässig aufgestellt worden war, und daß eine Einschränkung schon deshalb wünschenswert ist, weil dieses Delikt einen Tatbestand enthält, in dem nur
        
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