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Kapitel V.: Rechtspolitische Sittlichkeitsvorschriften

Full text: Sittlichkeitsdelikte der Großstadt / Werthauer, Johannes

64 Großstadt-Dokumente Bd.40. Sittlichkeitsdelikte d. Großstadt. 
auch, was noch viel schlimmer, die Schatten des zu Un¬ 
recht über ihn niedergehenden Verhängnisses langsam 
Herabsinken sieht. 
Es ist einmal ausgeführt worden, daß den größten 
Schmerz, den je ein Mensch erduldet Hütte, jener Atten¬ 
täter aus Ludwig erleiden mußte, der stückweise zerrissen 
wurde und dessen Gebrüll nach Abtrennung der Arme 
und Beine aus dem übrig gebliebenen Rumpfe weithin 
über Paris erschollen sei. Zu diesem Schauspiel seien 
aus allen damals zivilisierten Ländern Persönlichkeiten 
herbeigeeilt, darunter jener bekannte italienische Schrift¬ 
steller, der die Hinrichtung schildert. 
Es ist diesseits einmal entgegengehalten worden, 
daß es vielleicht noch einen größeren, und zwar geistigen 
Schmerz gibt, der leider auch bei uns erlebt werden kann. 
Nehmen wir an, es sei jemand des Mordes angeklagt. 
Indiz auf Indiz wird gegen ihn vorgebracht. Er weiß, 
daß alles anders zusammenhängt, aber er kann es nicht 
mehr aufklären. Nachdem die objektiv belastenden Mo¬ 
mente tagelang erschöpft sind, kommen dann die soge¬ 
nannten subjektiv belastenden Umstände, die angeblichen 
Widersprüche, indem der Angeklagte mal so und mal 
so, etwa bei Antritt eines Alibibeweises, sich geäußert 
habe. Nachdem auch dies dann lange fortgesetzt, kommt 
endlich der Schlußstein; irgend ein Individuum, mit dem 
er verfeindet ist, hat sich gesunden, das direkt einen 
positiven Belastungsbeweis lügnerischerweise vor Gericht 
aussagt. Dies ist dann der Moment, in welchem der 
Angeklagte zusammenzusinken scheint, denn gegen solche 
Schlechtigkeit der Menschen gibt es gewöhnlich keine 
Hilfe mehr. Wenn dann die Verhandlung beendet und 
der Vorsitzende dem Staatsanwult das Wort gibt und 
dieser damit beginnt, daß nach seiner inneren Überzeugung 
der Angeklagte der Mörder sei und er ihm Aug' ins
        
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