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Kapitel II.: Ehesurrogate (Eifersuchtsdelikte, Erpressungen)

Full text: Sittlichkeitsdelikte der Großstadt / Werthauer, Johannes

24 Großstadt-Dokumente Bd. 40. Sittlichkeitsdelikte d. Cörofeftobt. 
ist. Wer durch widrige Zufälle nicht in den Hasen der 
Ehe, sondern nur in die Stellung der Maitresse gelangt 
ist. weiß zwar, daß er sittlich nicht unanfechtbar dasteht, 
aber er weiß auch, daß des Lebens höchste Güter mctu 
jedem zuteil werden, und er bescheidet sich mit der Stel¬ 
lung, die er erlangt hat. Die französische Maitresse denkt 
nicht daran, daß ihr Zustand ein Durchgangszustand sei, 
der aus Eheabschluß ununterbrochen hinzuarbeiten sie 
verpflichte. 
In der deutschen Großstadt gibt es nur die Ehe, 
die von jedem weiblichen Wesen erstrebt wird, und auf 
der anderen Seite den Dirnenverkehr. Die Zwischenstufe, 
daß ein weibliches Wesen in treuer, dauernder Lebens- 
aemeinschaft einem Manne verbunden ist, ohne daß 
staatliche Sanktion erfolgt ist, gilt nicht als ein Defini- 
tivum. 
Die deutsche Geliebte hat keinen anderen Wunsch, 
als durch die Liebe zur Ehe zu gelangen. Der Wunsch, 
dauernd als Maitresse die Lebensstellung auszufüllen, ist 
trotz einiger Ausnahmen so selten, daß er als in Deutsch¬ 
land bisher auch in der Großstadt nicht üblich bezeichnet 
werden kann. So sehr dies zu billigen ist, und obwohl 
es unumwunden anzuerkennen ist, daß das Endziel 
der Sittlichkeit dadurch ein höheres, ein ethischeres im 
Sinne der herrschenden Anschauungen ist, jo mutz doch 
auf der anderen Seite hervorgehoben werden, daß sich 
aus diesen psychologischen Tatsachen eine unzählige 
Menge von Äbeln, von Vergehen, Verbrechen, Not, Leid 
und Elend gerade in der deutschen Großstadt ergeben, 
die anderen Großstädten unbekannt sind, und die doch 
in letzter Linie daraus beruhen, daß das Leben eben 
nicht jedem zur Ehe verhelfen kann und ein allzuein- 
feitiges Steinigen eheähnlicher Verbindungen zu schlimm¬ 
sten Konsequenzen führt.
        
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