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Kapitel I.: Das Geschlechtsleben mit Bezug auf die Ehe

Full text: Sittlichkeitsdelikte der Großstadt / Werthauer, Johannes

Das Geschlechtsleben mit Bezug auf die Ehe. 
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irgend welchen anderen Gründen beruht, Wochen und 
Monate dauert, zieht der Hunger als Koch in die Küche 
und die Liebe fliegt zum Schornstein hinaus. Ungeheure 
Willenskraft läßt vielleicht noch im Ansang die beiden 
Eheleute alle möglichen Beschäftigungen nachsuchen. Doch 
nun wird vielleicht auch noch der Ehemann krank, er 
liegt an der Schwindsucht zu Bett. Der Arzt verordnet 
Wein. Da plötzlich überwindet die Ehefrau sich selbst; 
sie kämpft, obwohl sie eine einfache Arbeiterfrau, eine 
gewesene Dirne ist, den höchsten sittlichen Kamps, den 
das auf der Höhe der Menschheit stehende Erdenkind 
nur immer kämpfen kann, und geht heimlich wieder 
dem früheren Unzuchtsgewerbe nach. Als sie die Flasche 
Wein aus den Tisch stellt, die sie eben verdient hat, da 
kommt die Reihe an ihn, auch er ficht des Lebens 
schwerster: Kamps durch; er ahnt, — er vermutet, — er 
weiß, — er spricht aus, woher das zum Leben Nötige 
gekommen. Er gerät in Wut, - er zerschlägt die Sachen, 
die seinem Handbereich nahe sind, — er flucht, — er 
stöhnt, — er wimmert, — er macht Vorhaltungen,  
er verzeiht und er findet sich in das Opfer, das, wenn 
einige Monate vorüber sind, von beiden Eheleuten nur 
mit Schauern noch als schemenhafter schwarzer Schatten 
der Vergangenheit empfunden wird. 
Wer wirst den ersten Stein aus sie? Wer schleu¬ 
dert den zweiten aus ihn, der der wahre Zuhälter im 
Sinne des § 180a des Strafgesetzbuches mit den gesetz¬ 
lich denkbar erschwerendsten Umständen war? Könnte das 
Gesetz nicht unterscheiden zwischen Ehebruch und Ehe¬ 
bruch, wie es die Praxis der Großstadt längst tut? 
* * 
* 
Eng in Verbindung mit dem Delikte des Ehebruchs 
stehen die Vergehen der Doppelehe, denn wer verheiratet, 
Großstadt-Dokumente Bd. 40. 2
        
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