Path:
Der Mystiker mit J.

Full text: Moderne Geisterbeschwörer und Wahrheitssucher / Freimark, Hans

78 Großstadt-Dokumente Bd. 36. Moderne Geisterbeschwörer. 
mittels der zu ihm leitenden Nerven zu beeinflussen ist. 
Der Fehler, den viele Gesundbeter machen, liegt also nicht 
darin, daß sie meinen, jede Erkrankung, wie man so sagt, 
fortbeten zu können, sondern in ihrer Beschränkung aus 
das Gebet als einziges Heilmittel. Ihr Fanatismus geht 
oft so weit, daß sie selbst die Linderung der Schmerzen 
durch Wasseranwendung oder sonst geeignete Medikamente 
untersagen. Eine derartige Einseitigkeit ist selbstverständ¬ 
lich zu verurteilen, wenn sie auch zu verstehen ist. Es 
liegt nämlich dieser Absage an alle anderen Heilmethoden 
der Gedanke zugrunde, daß ihr Gebrauch die Suggestions¬ 
kraft des Gebets schwächt. Das ist aber zweifellos zu weit 
gegangen. Man kann das eine tun und braucht das 
andere nicht zu lassen, ohne die endliche Genesung des Er¬ 
krankten zu verhindern, höchstens wird sie hinausgeschoben 
und dies dürfte nicht ohne Vorteil für den Leidenden fein. 
Denn Augenblicksheilungen, wie sie durch eine starke Sug¬ 
gestion möglich sind, stellen Anforderungen an das Nerven¬ 
system, denen nicht jeder gewachsen ist. 
Begreiflicherweise kommt das Gebet als Heilmittel 
vorzüglich in den Kreisen zur Abwendung, die, sei es aus 
Erziehung, sei es aus Erkenntnis, ein größeres Maß Re¬ 
ligiosität besitzen, als dies heute Mode ist. Auch die „Auf¬ 
klärung" kann Modesache sein. Es ist noch lange nicht 
jemand Reaktionär, weil er fromm ist. Es kommt stets 
auf die Art der Frömmigkeit an. Nicht immer ist sie Er- 
ziehungs- oder Milieuprodukt, oft hat sie ihrem Eigner- 
mehr Gewissens- und Daseinskämpfe gekostet als manchem 
„Aufgeklärten" feine Weltanschauung. Man muß in diesen 
innerlichen Dingen nicht zu leichtfertig sein mit dem Urteil, 
sondern erst prüfen, ob diese oder jene Meinung wirklich 
so gänzlich jeden Grundes entbehrt, wie Bequemlichkeit 
und Gedankenlosigkeit behaupten. Man wird gar oft 
finden, daß etwas an der Sache ist, wenn auch vielleicht 
nicht so viel, als der Eifer zu sehen glaubt. Nur dadurch, 
daß man sich selbst das Feld objektiven Beobachtend um 
einiger Sachter und Spötter willen verschließt, entzieht man 
sich die Möglichkeit, allzu Enragierte zu warnen und 
überläßt sie der Ausbeutung durch Betrüger und Eharla- 
tane, die es auf allen Gebieten gibt.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.