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Eine Abendsitzung bei Frau L.

Full text: Moderne Geisterbeschwörer und Wahrheitssucher / Freimark, Hans

Eine Abendsitzung bei Frau L.

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zwei Doktoren der medizinischen Fakultät. Von diesen fällt besonders der eine auf, der drehend und tänzelnd von einer Gruppe zur andern hüpft, dort ein Bonmot weitergibt, hier ein paar geistreiche Bemerkungen in ein Gespräch streut, stets mit einem verbindlichen Lächeln um den allzu weichen Mund. Repräsentanten der haute finance sind Madame D., die in Scheidung liegende Gattin eines schwer-reichen französischen Bergwerksbesitzers, die im Schmucke ihrer zahlreichen Brillanten glänzt, sowie ein sehr begüterter Bildgietzereibesitzer, dessen Geiz seiner Neugier die Wage hält. Das Bürgertum ist an diesem Abend nur durch die Duzfreundin des Mediums vertreten, eine ehrsame Haus-agrarierin aus dem östlichen Stadtviertel, und durch dessen Schwiegermutter, eine einfache Handwerkersfrau. Die Hauseigentümerin ist nebenbei hellsehend. Mit tönender Stimme erzählt sie jedem, der es hören will, daß einmal, als ihr Mann an „Reimatismus" darniederlag, Königin Luise ihr erschienen sei und gesagt habe: „Ängstige dir nicht, liebe Schwester, er wird schon besser!" Dergleichen Geschichten hat sie noch mehrere auf Lager. Gerade ist sie dabei, dem verbindlich lächelnden Herrn Doktor aus ihrer langjährigen spiritistischen Praxis zu berichten, als der Hausherr auffordert, Platz zu nehmen. Man fetzt sich in bunter Reihe und die Sitzung nimmt ihren Anfang.

L. verrichtet niederlmieend ein Gebet.

Es ist eine peinliche Situation für die meisten. Aus Anstand falten sie die Hände oder tun wenigstens so, nur die Generalmajorswitwe und ihre Tochter, das Hauptmannsehepaar und die Hausagrarierin sind andächtige Beter. Die beiden ersten sind schon durch das kurze Gebet in eine Ekstase versetzt, dasz sie sicher bereit wären, all und jedes als wahrgenommen zu beschwören, sobald es ihnen nur jemand mit einiger Überzeugung insinuierte.

Endlich ist die Zeremonie vorüber. Jeder atmet auf.

Das Medium nimmt in dem in einer Zimmerecke aufgestellten Lehnstuhl Platz. Langsam streicht es mit beiden Händen über Stirn und Schläfen. Einmal, zweimal, dreimal. Dann sinken die Hände kraftlos herab, das Haupt neigt sich nach hinten, und ein feines fast un-merkliches Zittern erschüttert den Körper. Es ist im Trance.
        
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