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Eine Abendsitzung bei Frau L.

Full text: Moderne Geisterbeschwörer und Wahrheitssucher / Freimark, Hans

Eine Abendsitzung bei Frau L.

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Zu den Sprechstunden von 2—6 Uhr finden sich, wie bei der kartenschlägerin, die Dienstmädchen der Umgebung, liebesgrambedrückte Ladnerinnen, trauernde Witwen, kummervolle Mütter, ab unti zu auch ein Vertreter des männlichen Geschlechtes ein. Mit jedem Rat und Tröstung Begehrenden setzt sich Frau L. an ein kleines Tischchen. Während die draußen Wartenden sich flüsternd und tuschelnd von ihren Hoffnungen und Befürchtungen unterhalten, gehen in dem engen Sprechzimmerchen die Enthüllungen vor sich. — Nach kürzerer oder längerer Zeit, zuweilen auch gar nicht, setzt sich das Tischchen, auf dem die Hände des Fragenden und die der Sybille ruhen, in wiegende Bewegung. Die Verbindung ist hergestellt. Zunächst wird nach Nam und Art gefragt. Fast stets kommt prompte und überraschend richtige Antwort. Dann geht es weiter. Das besondere Leid wird durchgesprochen. Hier hat Frau L. stets ermunternde, liebevolle Worte in Bereitschaft. Gar oft hat sie in solcher einsamen Sitzung ein irrendes Menschenherz auf den rechten Weg zurückgewiesen, einem Manne die Gattin, einer Familie die Mutter erhalten, oft eine Verzweifelte vor einem törichten Schritte bewahrt. Sie stiftet viel Frieden und Segen auf diese Weise. Vielleicht ist dieses stille Wirken ihr größtes, wenn nicht ihr einziges Verdienst. Aber es bringt nichts rechtes ein, „es fluscht nicht", doch nimmt er es mit.

Anfangs, nach der Entdeckung der Mediumschaft der Frau, als er noch feine Werkstätte hatte, da mußten die Leute, welche zu ihnen kamen, um sich bei den „Geistern" zu befragen, ihnen das Geld aufdrängen, es heimlich irgendwo hinlegen, heute — sie nimmt es noch immer ungern und zögernd, und auch er sieht es lieber, wenn man sein Scherflein auf das Kaminsims oder in eine Schale legt — aber verfehlt er unter Umständen nicht, ganz energisch mit dem Zaunpfahl zu winken. Freilich nur Leuten gegenüber, von denen er weiß, daß sie es dazu haben. Von denen aber zieht er gehörig.

Für diesen Abend erwartet er auch einige, die auf seiner Proskriptionsliste stehen. Hoffentlich wird der Abend gut, daß sie zufrieden sind. Denn über das, was kommt oder ausbleibt, ist auch er im unklaren. Die medialen
        
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