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Full text: Engagement - Arbeit - Zeit

Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit
Fachtagungsdokumentation

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Herausgeber: Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. Zeilweg 42 60429 Frankfurt am Main Frankfurt am Main, April 2010 ISS-Aktuell 3/2011 Redaktion: Dr. Silke Schneider Stephanie Stork Design und Layout: active elements GmbH, www.active-elements.de Druck: T+K Druck, Ober Ramstadt Fotonachweis: © ISS intern, © Fotolia,	

Institut für Sozialarbeit und S ­ ozialpädagogik e. V.

Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit
Fachtagungsdokumentation vom 30. November 2010

Dr. Silke Schneider Stephanie Stork Frankfurt am Main, April 2011

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Inhaltsverzeichnis
Begrüßung Tobias Viering Einführung: Engagement-Arbeit-Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit Hans-Georg Weigel Freiwilligensurvey 2009 Thomas Gensicke Zusammenfassung der Ergebnisse Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit Zivilgesellschaft, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland Engagement und Arbeitsmarktpolitik Arbeit und Engagement. Warum es neue Modelle und Verbindungen braucht Adalbert Evers Erwerbsarbeit und Engagement – Arbeitsmarktpolitische Perspektiven Bernhard Jirku Engagement und Zeitpolitik Vereinbarkeitsfragen und Engagement im Lebenslauf: Ergebnisse des 3. Freiwilligensurvey Thomas Gensicke Lebensphasen und Engagement im Spiegel der Geschlechterdifferenz Sibylle Picot Vereinbarkeit von Engagement und Erwerbsarbeit: Herausforderungen für Arbeitgeber Michael Stahl Engagement und Erwerbsarbeit: Wandel der Organisationskultur? Ehrenamt und Hauptamt – Selbstwahrnehmung der Engagierten: Ergebnisse des 3. Freiwilligensurvey Thomas Gensicke Hilfsorganisation im Spagat zwischen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und Anforderungen des Ehrenamts Matthias Scholz Bürgerarbeit und Engagement in Wohlfahrtsorganisationen: Umgang mit verschiedenen Tätigkeitsformen Sabine Böttcher Engagement und Kompetenzerwerb Kompetenzerwerb im Engagement: Ergebnisse des 3. Freiwilligensurvey Thomas Gensicke Kompetenzgewinn durch (Mitarbeiter-)Engagement – Unternehmer­ erspektive p Uwe Kleinert || 7 || 9

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Kompetenzerwerb im Engagement: Weg aus der Erwerbslosigkeit?/Brücke in die Erwerbstätigkeit? Rosine Schulz Zusammenfassung der Diskussionen Referentinnen und Referenten Literatur

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Begrüßung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Begrüßung zur Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“
Dr. Tobias Viering, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Referentinnen und Referenten, herzlich willkommen zur Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“ mit der wir heute , den Follow-Up-Prozess zu dem vor Kurzem veröffentlichten 3. Freiwilligensurvey eröffnen1. Ich freue mich, dass wir heute die Gelegenheit haben, die Ergebnisse des 3. Freiwilligensurveys erstmals in ihrer Gesamtheit vorzustellen und gleichzeitig vertiefend am Tagungsthema zu diskutieren. Der Freiwilligensurvey ist als größte aktuelle Untersuchung zum Themenfeld bürgerschaftliches Engagement zum dritten Mal in Folge vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) beauftragt worden. Damit liegt eine umfassende Übersicht zur Entwicklung der Zivilgesellschaft und des freiwilligen Engagements in Deutschland vor. Dank der kontinuierlichen Fortführung des Freiwilligensurveys seit 1999 können erstmals Trendaussagen zum bürgerschaftlichen Engagement und zur Qualität unserer Zivilgesellschaft gemacht werden. Der Freiwilligensurvey ist damit zu einem umfassenden Informationsinstrument, einer wichtigen empirischen Grundlage einer modernen Engagementpolitik geworden, wie sie durch das BMFSFJ verfolgt wird. Mit den Zahlen des Freiwilligensurveys erlangen wir auch Erkenntnisse zum Thema der Fachtagung, dem Verhältnis zwischen
1 Gensicke, Thomas/

Engagement und Erwerbsarbeit – so wissen wir etwa, dass bei 22% der Befragten ein Zusammenhang zwischen (derzeitigem oder früherem) Beruf und der freiwilliger Tätigkeit besteht und dass sich im Jahr 2009 jede vierte freiwillige Tätigkeit parallel zu einer bezahlten Tätigkeit, die einen ähnlichen Inhalt hatte, vollzog2. Bürgerschaftliches Engagement bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Ziel der Engagementpolitik des BMFSFJ ist es, Möglichkeiten zum Engagement zu eröffnen. Die heutige Tagung greift die gerade in diesem Zusammenhang wichtigen Fragen der Zeitpolitik und der Vereinbarkeit von Engagement und Erwerbsarbeit auf. Eine starke Bürgergesellschaft wird sich dort entwickeln, wo Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen – welche Hürden hier zu bewältigen sind und wie das gelingen kann, das soll im Rahmen dieser Fachtagung diskutiert werden. Als ein Beispiel für eine Verschränkung der Bereiche können etwa die Regelungen des Pflegeerweiterungsgesetzes aus dem Jahre 2008 genannt werden – hier hat der Gesetzgeber die wichtige Rolle des bürgerschaftlichen Engagements im Pflegebereich anerkannt und unterstützt die Pflegeeinrichtungen bei der Qualifizierung und beim Einsatz von ehrenamtlich Engagierten3. Die Nationale Engagementstrategie der Bundesregierung zeigt: Dieses Thema ist nicht nur für das BMFSFJ, sondern für alle Ressorts von großer Bedeutung. Wir wollen

Geiss, Sabine, (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 – Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009. Ergebnisse der repräsentativen Trendbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/3._20FreiwilligensurveyHauptbericht,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf (31.01.2011). 2 ebenda, S. 264, S. 267 . 3 Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung (Pflege-Weiterentwicklungsgesetz) vom 28.05.2008, BGBl I, S. 874.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

bürgerschaftliches Engagement in seiner ganzen Vielfalt an Motiven und Ausgestaltungsmöglichkeiten wachsen lassen4. Dabei ist uns bewusst, dass gerade freiwilliges Engagement ein Handlungsbereich ist, dessen Eigenlogik und Strukturen respektiert werden müssen. Wir wollen freiwilliges Engagement deshalb auch nicht mit Ansprüchen überfordern, sondern in seinem „Eigensinn“ bewahren und fördern. Bei der Umsetzung der Nationalen Engagementstrategie setzt das BMFSFJ unter anderem auf strategische Partnerschaften mit der Wirtschaft. Dabei ist Zeitpolitik ein wichtiges Thema: Zusammen mit Unternehmen wollen wir dafür sorgen, dass Familie, Beruf und Engagement besser miteinander vereinbart werden können. Gleichzeitig ist es wichtig, und das wird ein zentraler Punkt dieser Fachtagung sein, das Spannungsverhältnis von Engagementpolitik und Arbeitsmarktpolitik auch einmal grundsätzlich auszuloten. Hier trifft ein relativ neues, aber für die Zukunftsfähigkeit unserer (Zivil-)Gesellschaft wichtiges Politikfeld – die Engagementpolitik – auf ein lange etabliertes, an sozialpolitischen Kriterien ausgerichtetes Politikfeld, die Arbeitsmarktpolitik, und es wird deutlich, dass das Verhältnis von freiwilligem Engagement und Erwerbsarbeit noch keineswegs als geklärt angesehen werden kann. Ausgehend von Ergebnissen des Freiwilligensurveys und mit Beiträgen aus der Forschung, der Wirtschaft und den Gewerkschaften soll dieses Verhältnis in den nächsten Stunden näher beleuchtet werden. Ich freue mich auf spannende Vorträge und Diskussionen.

Tobias Viering, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

4 Nationale Engagementstrategie 2010: http://www.engagem-

entzweinull.de/img-dito/Nationale_Engagementstrategie_1010-06.pdf (31.01.2011).

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Einführung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“
Hans-Georg Weigel, ISS-Frankfurt a. M. Vor dem Hintergrund des Wandels der Er- tätigen entwickelt, wie sich verschiedene werbsarbeit und der beträchtlichen Heraus- Lebensphasen, Alter, Geschlecht und soforderung, die die zukünftige politische und ziokulturelle Stellung auf das Engagement gesellschaftliche Gestaltung des Human- auswirken wird ebenso erfasst wie das Endienstleistungssektors darstellt, rückt zu- gagement und Engagementpotenzial Arnehmend das Verhältnis von Erwerbsarbeit beitsloser. Im Vergleich der Erhebungen von und Engagement in den Fokus der politi- 1999, 2004 und 2009 zeigt sich, dass sich schen Akteure und der Fachwissenschaft1. hier langfristige Trends abbilden lassen, die Während erste Forschungsergebnisse für den Ansatzpunkt für weiterführende Fragedas Verhältnis von Erwerbslosigkeit und En- stellungen bilden und mit bestehenden pogagement vorliegen2, gilt die Thematik ins- litischen Debatten und Forschungsagenden gesamt gleichwohl auch als „Dunkelfeld“3. verknüpfen lassen. Daher stand im Mittelpunkt der ersten Fachtagung zum 3. Freiwilligensurvey das Daher geht es zunächst darum, das TheVerhältnis von Engagement und Arbeits- menfeld „Engagement – Arbeit -– Zeit“ markt/Erwerbstätigkeit (Erwerbslosigkeit) abzustecken und auch eine Bilanz der bisund zwar insbesondere im Hinblick auf das herigen wissenschaftlichen Debatten, poliThema „Zeit für Engagement“ Dabei soll- tischen Regulationsversuche und organisa. ten die Auswirkungen von Arbeitsmarktpo- torischen und individuellen Erfahrungen zu litik auf das Engagement ebenso untersucht versuchen. werden wie Fragen der Vereinbarkeit und des Zeitregimes sowie organisationspoliti•	Lässt sich die Eigenlogik freiwilligen Ensche Rahmenbedingungen. gagements erhalten, wenn eine engagementpolitische Perspektive in die ArbeitsIm ersten Teil der vorliegenden Tagungsdomarktpolitik integriert wird? kumentation wird zunächst ein Überblick über die zentralen Ergebnisse der dritten Erhebungswelle des Freiwilligensurveys ge- •	Stehen etwa Arbeitsmarkt- und Engagementpolitik in einem unauflösbaren Gegeben. Die Zahlen der Freiwilligensurveys gensatz oder ließen sie sich sinnvoll verillustrieren den immer wieder diskutierten binden? signifikanten Zusammenhang zwischen Engagement und Erwerbsarbeit. So erlaubt •	Wird gar der Dritte Sektor zu einem „Exdie umfangreiche Personenbefragung, den perimentierfeld für arbeitsmarktpolitiWandel in Vereinbarkeitsfragen und indivische Programme“ und damit langfristig duellen Zeitregimes abzubilden. Wie sich zum Niedriglohnsektor?4 das freiwillige Engagement von Erwerbs1 Vgl. u.a. mit weiterführender Literatur: ISS (2010): „Engagement und Erwerbsarbeit“ Bürgerschaftliches Engagement, Erwerbs. arbeit, Arbeitsmarktpolitik und neue Rahmenbedingungen: Herausforderungen und Wechselwirkungen. Eine Expertise des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.; Nationales Forum für Engagement und Partizipation (2010): Dialogforum „Arbeitsmarktpolitik und Engagement“: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2010/05/df4_arbeitsmarkt.pdf (31.01.2011); Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (Hrsg.) (2008): Engagement und Erwerbsarbeit, Berlin; Olk, Thomas (2010): Bürgerschaftliches Engagement und Erwerbsarbeit – Chancen, Hindernisse und Risiken, in: BBE Newsletter, 12/2010, S. 3. 2 Schulz, Rosine (2010): Kompetenz – Engagement. Ein Weg zur Integration Arbeitsloser in die Gesellschaft, Wiesbaden. 3 Lenhart, Karin (2010): Engagement und Erwerbslosigkeit – ein Dunkelfeld. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Arbeitskreis Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat, Bonn. 4Vgl. Dathe, Dietmar/Hohendanner, Christian/Priller, Eckhart (2009): Wenig Licht, viel Schatten – der Dritte Sektor als arbeitsmarktpolitisches Experimentierfeld, WZBrief Arbeit 3/09, Berlin.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Es zeigt sich, dass unterschiedliche Antworten formuliert werden – je nach Diskussionszusammenhang der Zivilgesellschaft, der Tätigkeitsgesellschaft oder Arbeitsgesellschaft. Im Rahmen des Dialogforums „Arbeitsmarktpolitik und Engagement“ des Nationalen Forums für Engagement und Partizipation wurden bereits einige Vorschläge zur Integration von arbeitsmarkt- und engagementpolitischen Instrumenten und deren Implementierung formuliert – es wäre zu diskutieren, wie diese im Rahmen der Engagementstrategie nun in die Praxis umgesetzt werden können. Welche Schlüsselkonzepte stehen hier in der Diskussion und wie sind diese zu bewerten – etwa das arbeitsmarktpolitische Modell der Bürgerarbeit?

unvereinbare Widersprüche? Und was wissen wir über die diesbezügliche Sicht und Selbsteinschätzung der Engagierten? In drei thematischen Schwerpunkten wird das Thema anschließend vertieft: Engagement und Zeitpolitik, Wandel der Organisationskultur und Engagement und Kompetenzerwerb. Wir knüpfen damit an Diskussionen an, die seit einiger Zeit kontrovers geführt werden – die Thematik bildet, wie erwähnt, nicht zuletzt einen der Schwerpunkte des Nationalen Forums für Engagement und Partizipation. Die Fachtagung sollte dazu beitragen, zum einen die Felder der Engagement- und Arbeitsmarktpolitik abzustecken, zum anderen – auch auf der Basis der bisherigen Diskussionen zum Thema – die strukturell wichtigsten Fragen zu identifizieren und zu formulieren, um im besten Falle das Terrain für weitergehende Lösungs- und Gestaltungsvorschläge zu bereiten und nicht zuletzt auch, um zu einer Weiterentwicklung des Freiwilligensurveys beizutragen.

Ziel der Fachtagung war somit, das spannungsreiche politische Feld zwischen Engagement- und Arbeitsmarktpolitik vor dem Hintergrund des Wandels von Arbeits- und Zivilgesellschaft zu untersuchen. Ein Ausgangspunkt sind die Ergebnisse des dritten Freiwilligensurveys, der durch die Ver- Zu den Beiträgen gleichbarkeit der Daten über einen Zeitraum von 10 Jahren den Wandel von Engage- Das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Enment erstmals fundiert beschreibbar macht. gagement wirft, wie oben skizziert, ganz Hier setzen die Fragestellungen der Fach- grundsätzliche Fragen auf. Geht die Eitagung „Engagement – Arbeit – Zeit“ an; genlogik des Engagements (Freiwilligkeit, in ihrem Rahmen sollten die Perspektiven Unentgeltlichkeit, Selbstbestimmtheit) vervon Politik, Praxis und Wissenschaft auf das loren, wenn Engagement in arbeitsmarktpoVerhältnis von Engagement und Erwerbsar- litischer Logik als „Qualifizierung“ oder gar beit beleuchtet, Erfahrungen ausgetauscht, „Lückenbüßer“ gesehen wird? Und besteht Standpunkte und Kontroversen offen gelegt auf der anderen Seite die Gefahr, über arbeitsmarkpolitische Maßnahmen, die an Enwerden. gagementstrukturen angelehnt sind, einen Im Anschluss an die Veröffentlichung des neuen „Niedriglohnsektor“ zu schaffen? Gesamtberichts zum 3. Freiwilligensurvey Welche Ansatzpunkte haben wir, das Verwurden also erstmals ausgewählte Frage- hältnis von Engagement- und Arbeitsmarktstellungen systematisch vertieft, wichtige politik sinnvoll zu bestimmen? Diese grundund von kontroversen Diskussionen ge- sätzlichen Fragen standen am Beginn der prägte Entwicklungen der Zivilgesellschaft Fachtagung. in Deutschland werden aufgegriffen: In welchem Verhältnis stehen Engagement- Adalbert Evers verdanken wir fundierte politik und Arbeitsmarktpolitik, wo könn- Beiträge zu Charakter und Eigensinn des ten sinnvolle Überschneidungen ausgelotet bürgerschaftlichen Engagements. Er bewerden, wo genau liegen möglicherweise leuchtet das Thema „Erwerbsarbeit und En-

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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gagement“ aus der Perspektive der Zivilgesellschaft. Anschließend nimmt Bernhard Jirku „Erwerbsarbeit und Engagement“ von der anderen Seite in den Blick: aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive. „Zeit für Engagement“ – das ist im Zusammenhang der Fragestellung einer der zentralen Punkte: wie sind Engagement und Erwerbstätigkeit in verschiedenen Lebensphasen zu vereinbaren und wo kann eine politische Unterstützung des Engagements hier sinnvoll ansetzen? Was ist für die Freiwilligen wichtig? Im Anschluss an einen kurzen Input von Thomas Gensicke auf der Grundlage der neuesten Zahlen des Freiwilligensurveys vertieft Sibylle Picot das Thema Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Engagement im Hinblick auf die unterschiedlichen Lebensphasen und die signifikante Geschlechterdifferenz im Engagement. Michael Stahl vom Arbeitsgeberverband Gesamtmetall beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Chancen aber auch mit den Problemen, die eine Förderung des Engagements durch Unternehmer vor allem im Hinblick auf die Arbeitszeiten darstellt. Inzwischen arbeiten – insbesondere in den Arbeitszusammenhängen des Dritten Sektors – nicht nur Haupt- und Ehrenamtliche zusammen, sonders es existieren vielfältige Beschäftigungsverhältnisse. Mit dem arbeitsmarktpolitischen Instrument der Bürgerarbeit ist ein weiteres hinzugekommen. Was bedeutet dies für die Organisationen und Verbände? Und wie sehen sich die Freiwilligen in dieser Konstellation? Der Freiwilligensurvey fragt die Freiwilligen auch nach der Arbeitsmarktnähe ihres Engagements – nach einem knappen Überblick über die aktuellen Ergebnisse des Surveys zu diesem Thema schließt der Beitrag von Matthias Scholz an, der die Situation der Hilfsorganisationen zwischen „betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten“ und den „Anforderungen des Ehrenamtes“ darstellt.

Sabine Böttcher nimmt anschließend das Instrument der Bürgerarbeit und seine Auswirkungen auf die Organisationskultur in den Blick. Für viele – besonders für die Jüngeren – Freiwilligen ist der Kompetenzerwerb im Engagement von hoher Bedeutung. Insgesamt sind Erwerbstätige mehr engagiert als Erwerbslose, bei denen aber wiederum ein hohes Engagementpotenzial festgestellt wurde. Hier schließen sich einige Fragen an, die zum Abschluss der Tagung diskutieren wurden. Welche Rolle kann die Förderung des Mitarbeiterengagements für Unternehmen spielen? Und kann auf der anderen Seite Engagement eine Brücke ins Erwerbsleben sein? Uwe Kleinert, Leiter Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit der Coca Cola GmbH, skizziert in seinem Beitrag die Rolle des Kompetenzerwerbs im Mitarbeiterengagement aus Unternehmersicht. Der Beitrag von Rosine Schulz stellt schließlich Ergebnisse ihrer Studie zu Kompetenzerwerb im Engagement und seine Bedeutung insbesondere für Erwerbslose vor.

Ausblick und Dank
Die Fachtagung hat deutlich gemacht, wo die Kernfragen des Verhältnisses von Erwerbsarbeit und Engagement liegen, wie die unterschiedlichen Problemlagen der Akteur/innen aussehen und welche Schwerpunkte bei den Lösungsansätzen jeweils in den Vordergrund geraten. Wichtigste Leitfrage für zukünftige Diskussionen wird sein, so ein Ergebnis der Fachtagung, wie es gelingen kann, in der zukünftigen Gestaltung des Humandienstleistungssektors Modelle für Engagement zu ermöglichen, die nicht mit einer Dequalifizierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse in diesem Sektor einhergehen, sondern Teil eines Qualifizierungs- und Professionalisierungsprozesses sind.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Wir bedanken uns herzlich bei den Referentinnen und Referenten für ihre instruktiven Beiträge und bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die konstruktiven Diskussionen. Die Präsentation „Zivilgesellschaft, Erwerbs­ tätigkeit und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland“ hat uns Thomas Gensicke für diese Dokumentation zusätzlich zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns beim BMFSFJ und der Robert-Bosch-Stiftung für die finanzielle Unterstützung der Tagung, außerdem bei unserem Kooperationspartner, dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement. Die Fachtagung wurde vom Projektbüro Freiwilligensurvey im ISS-Frankfurt a. M. (Silke Schneider und Stefanie Groll) konzipiert und organisiert. Ein herzlicher Dank geht an dieser Stelle an die Kolleginnen und Kollegen im ISS-Frankfurt a. M., die das Projektbüro unterstützt haben, an Tina Mager, die als zuständige Referentin des BMFSFJ immer für fachliche Fragen ansprechbar war und an Franziska Schleyer von der Hessischen Landesvertretung für die Unterstützung in allen technischen Fragen.

Hans-Georg Weigel, ISS-Direktor, Institut für S ­ ozialarbeit und Sozialpädagogik

Freiwilligensurvey 2009

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Freiwilligensurvey 2009
Zusammenfassung der Ergebnisse Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit Zivilgesellschaft, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung

Präsentation

Freiwilliges Engagement in Deutschland im Trend 1999 – 2004 – 2009
Ergebnisse zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland auf Basis des Freiwilligensurveys unter Berücksichtigung des Engagements von Erwerbstätigen Präsentation auf der Tagung des BMFSFJ „Engagement und Erwerbsarbeit“ am 30.11.2010 in Berlin von Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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„Steckbrief“: Freiwilligensurvey 1999, 2004, 2009 „Steckbrief“: Freiwilligensurvey 1999, 2004, 2009

(Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement) (Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement)

Auftraggeber: Erhebungszeit: Methode: Befragte:

BMFSFJ April-August 1999 / 2004 / 2009 Telefonische Befragung (CATI) 1999 und 2004 je N=15.000, 2009 N=20.000 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren, Zufallsauswahl Umfragegestützte Dauerberichterstattung durch repräsentative Erfassung des Freiwilligen Engagements in Deutschland in allen seinen Bereichen, Formen und Problemlagen

Ziele:

Grafik Grafik

Freiwilligensurvey 2009: Stichprobe nach Ländergliederung und Freiwilligensurvey 2009: Stichprobe nach Ländergliederung und Aufstockungen Aufstockungen
Nordrhein-Westfalen Bayern Baden-Württemberg Niedersachsen Bremen Hessen Rheinland-Pfalz Saarland Schleswig-Holstein Hamburg Sachsen Berlin Sachsen-Anhalt Brandenburg Thüringen Mecklenburg-Vorpommern 900 900 900 900 134 900 123 900 900 900 129 900 131 900 130 900 121
156 649

2300 1500 1300 127 1100 95 900 109
173 148 413 152

215

*

Gesamtstichprobe nach Länderaufstockung: 20.000 Befragte darunter: West 13.284 Ost 6.716
* Eigene Aufstockung der Länder Berlin N=600, Saarland N=400

*
Sponsoren: Generali Zukunftsfonds: Bertelsmann Stiftung:

N=1.000 (Bevö. ab 14 Jahren) N=1.000 (Jugendliche 14-24 Jahre)

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

In welchem Ausmaß beteiligt sich die Bevölkerung öffentlich?

Erfassung von öffentlicher Beteiligung im Freiwilligensurvey Erfassung von öffentlicher Beteiligung im Freiwilligensurvey

Fragetext Es gibt vielfältige Möglichkeiten, außerhalb von Beruf und Familie irgendwo mitzumachen, beispielsweise in einem Verein, einer Initiative, einem Projekt oder einer Selbsthilfegruppe. Ich nenne Ihnen verschiedene Bereiche, die dafür in Frage kommen. Bitte sagen Sie mir, ob Sie sich in einem oder mehreren dieser Bereiche aktiv beteiligen.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Grafik Grafik

Öffentliche Beteiligung der Bevölkerung in Vereinen, Organisationen und Öffentliche Beteiligung der Bevölkerung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen = Einzugsbereich der Zivilgesellschaft Einrichtungen = Einzugsbereich der Zivilgesellschaft
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

* Deutschland insgesamt

66%*

70%

71%

68 56

72 62

73 64

1999

2004

2009

Grafik Grafik

Öffentliche Beteiligung der Bevölkerung in Vereinen, Organisationen und Öffentliche Beteiligung der Bevölkerung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen --Erwerbstätige Einrichtungen Erwerbstätige
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

* Deutschland insgesamt

70%*

74%

74%

72 60

75 63

75 63

1999

2004

2009

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

In welchem Ausmaß engagiert sich die Bevölkerung freiwillig oder ehrenamtlich?

Erfassung von freiwilligem Engagement im Freiwilligensurvey Erfassung von freiwilligem Engagement im Freiwilligensurvey

Fragetext Uns interessiert nun, ob Sie in den Bereichen, in denen Sie aktiv sind, auch ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben oder in Vereinen, Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen engagiert sind. Es geht um freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten, die man unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Freiwilliges Engagement in Deutschland im Trend 1999 – 2004 – 2009
Ergebnisse zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland auf Basis des Freiwilligensurveys unter Berücksichtigung des Engagements von Erwerbstätigen Präsentation auf der Tagung des BMFSFJ „Engagement und Erwerbsarbeit“ am 30.11.2010 in Berlin von Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

Freiwilliges Engagement in Deutschland im Trend 1999 – 2004 – 2009
Ergebnisse zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland auf Basis des Freiwilligensurveys unter Berücksichtigung des Engagements von Erwerbstätigen Präsentation auf der Tagung des BMFSFJ „Engagement und Erwerbsarbeit“ am 30.11.2010 in Berlin von Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Freiwilliges Engagement in Deutschland im Trend 1999 – 2004 – 2009
Ergebnisse zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland auf Basis des Freiwilligensurveys unter Berücksichtigung des Engagements von Erwerbstätigen Präsentation auf der Tagung des BMFSFJ „Engagement und Erwerbsarbeit“ am 30.11.2010 in Berlin von Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

Freiwilliges Engagement in Deutschland im Trend 1999 – 2004 – 2009
Ergebnisse zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland auf Basis des Freiwilligensurveys unter Berücksichtigung des Engagements von Erwerbstätigen Präsentation auf der Tagung des BMFSFJ „Engagement und Erwerbsarbeit“ am 30.11.2010 in Berlin von Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Grafik Grafik

Anteil der freiwillig Engagierten – Erwerbstätige Anteil der freiwillig Engagierten – Erwerbstätige
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

* Deutschland insgesamt

38%*

38%

40%

39 33

41 36

41 34

1999

2004

2009

Anteil freiwillig Engagierter in den Ländern 2009 Anteil freiwillig Engagierter in den Ländern 2009 Ländlicher strukturierte Länder legen besonders zu Ländlicher strukturierte Länder legen besonders zu
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Größte Zunahme des freiwilligen Engagements seit 1999 in den Flächenbundesländern Niedersachsen: Rheinland Pfalz: Schleswig-Holstein: Brandenburg: +10% + 8% + 6% + 5%
30

40 29 29 28 41 26 35 31 33 33

36 41 39

36 41

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Warum engagieren sich die Freiwilligen?

Grafik Grafik

Motive für das freiwillige Engagement (2009) Motive für das freiwillige Engagement (2009)
Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %) ) Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %

voll und ganz

teilweise

überhaupt nicht 35 4

Ich will durch mein Engagement die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten Ich will durch mein Engagement vor allem mit anderen Menschen zusammenkommen Ich will durch mein Engagement wichtige Qualifikationen erwerben Ich will durch mein Engagement Ansehen und Einfluss in meinem Lebensumfeld erwerben Ich will durch mein Engagement auch beruflich vorankommen
12 27

61

61

34

5

37

36

42

46

10

19

71

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Grafik Grafik

Motive für das freiwillige Engagement (2009) Motive für das freiwillige Engagement (2009)
Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %) ) Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %
voll und ganz teilweise überhaupt nicht
38 34 3 3

Ich will durch mein Engagement die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten Ich will durch mein Engagement vor allem mit anderen Menschen zusammenkommen Ich will durch mein Engagement wichtige Qualifikationen erwerben Ich will durch mein Engagement Ansehen und Einfluss in meinem Lebensumfeld erwerben Ich will durch mein Engagement auch beruflich vorankommen

Nicht Erwerbstä Erwerbstä Nicht Erwerbstä Erwerbstä Nicht Erwerbstä Erwerbstä Nicht Erwerbstä Erwerbstä Nicht Erwerbstä Erwerbstä
14 11 27 27

57 63

63 60

32 35

5 5

33 40

40 33

43 41

43 48

12 7 20

18

70 73

Grafik Grafik

Qualifizierungs- und Berufsmotiv nach Lebensalter (2009) Qualifizierungs- und Berufsmotiv nach Lebensalter (2009)
Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %) ) Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %

voll und ganz

teilweise
37 41 39

überhaupt nicht
16 34 38 58

Engagementmotiv: Ich will mir Qualifikationen erwerben, die im Leben wichtig sind

14-30 Jahre 31-45 Jahre 45-65 Jahre 66 Jahre und älter
14 25 23

47

28

Engagementmotiv: Ich will durch mein Engagement auch beruflich vorankommen

14-30 Jahre 31-45 Jahre 45-65 Jahre 66 Jahre und älter
8 5 2 7

25 20 16

31 72 78 88

43

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Typologie der Erwartungen an das freiwillige Engagement im Zeitverlauf Typologie der Erwartungen an das freiwillige Engagement im Zeitverlauf (4 Altersgruppen, 1999-2004-2009) (4 Altersgruppen, 1999-2004-2009)
Alle Engagierten (Angaben in %) Alle Engagierten (Angaben in %) 1999 2004 2009
39 43 40

1999 2004 2009
36 36 36

1999 2004 2009
32 33 36

1999 2004 2009
24 27 35

Interessenorientierte Geselligkeitsorientierte

35 43 30 31 30 27 33 31 27

33 27

33

Gemeinwohlorientierte

30 24 18

33

34

37

35

36

37

41

40

38

14 bis 30 Jahre

31 bis 45 Jahre

45 bis 65 Jahre

66 Jahre und älter

Würden sich mehr Menschen engagieren?

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

25

Grafik Grafik

Freiwilliges Engagement und Bereitschaft zum freiwilligen Engagement Freiwilliges Engagement und Bereitschaft zum freiwilligen Engagement
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

FWS 1999
Freiwillig engagiert Nichts davon 40% 16% 34% Nichts davon 10% Zum freiwilligen Engagement bestimmt bereit 27%

FWS 2009
Freiwillig engagiert 36%

26%

11% Zum freiwilligen Engagement bestimmt bereit

Zum freiwilligen Engagement eventuell bereit

Zum freiwilligen Engagement eventuell bereit

Was müsste seitens der Organisationen und Einrichtungen besser gemacht werden?

26

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Verbesserungswünsche der Freiwilligen an die Organisationen Verbesserungswünsche der Freiwilligen an die Organisationen
Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %) Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %)

Mehr Finanzmittel für bestimmte Projekte bereitstellen Bessere Bereitstellung von Räumen, Sachmitteln, und Ausstattung Bessere Weiterbildungsmöglichkeiten Bessere fachliche Unterstützung Unbürokratischere Kostenerstattung Bessere Anerkennung der Freiwilligen durch Hauptamtliche Bessere finanzielle Vergütung für die Freiwilligen
24 32 34 33 32 27 26 39 35 37 46 43

63 63

1999 2009

Grafik Grafik

Verbesserungswünsche der Freiwilligen an die Organisationen Verbesserungswünsche der Freiwilligen an die Organisationen
Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %) Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %)

Mehr Finanzmittel für bestimmte Projekte bereitstellen Bessere Bereitstellung von Räumen, Sachmitteln, und Ausstattung Bessere Weiterbildungsmöglichkeiten Bessere fachliche Unterstützung Unbürokratischere Kostenerstattung Bessere Anerkennung der Freiwilligen durch Hauptamtliche Bessere finanzielle Vergütung für die Freiwilligen
22 36 34 34 32 31 34 30 25 24 43 42

60 64

Nicht Erwerbstätige Erwerbstätige

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

27

Was müssten Staat und Öffentlichkeit besser machen?

Grafik Grafik

Verbesserungsvorschläge der Freiwilligen an den Staat bzw. die Verbesserungsvorschläge der Freiwilligen an den Staat bzw. die Öffentlichkeit Öffentlichkeit
Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %) Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %)

Bessere Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Unkosten Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Aufwandsentschädigungen Bessere Anerkennung durch Berichte in Presse und Medien Bessere Anerkennung freiwilliger Tätigkeiten als berufliches Praktikum Bessere Absicherung Freiwilliger durch Haftpflicht- und Unfallversicherung Bessere öffentliche Anerkennung, z.B. durch Ehrungen
23 25 41 44 42 47 52 46 47 48 47

57 56 56

1999 2009

28

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Verbesserungsvorschläge der Freiwilligen an den Staat bzw. die Verbesserungsvorschläge der Freiwilligen an den Staat bzw. die Öffentlichkeit Öffentlichkeit
Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %) Zeitaufwändigste freiwillige Tätigkeiten (Angaben in %)

Bessere Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements Bessere Anerkennung durch Berichte in Presse und Medien Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Unkosten Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Aufwandsentschädigungen Bessere Absicherung Freiwilliger durch Haftpflicht- und Unfallversicherung Bessere Anerkennung freiwilliger Tätigkeiten als berufliches Praktikum Bessere öffentliche Anerkennung, z.B. durch Ehrungen
26 24 40 46 47

57 54

52 40 51 38 43 41 39

Nicht Erwerbstätige Erwerbstätige

Zusammenfassung - Öffentliche Beteiligung und freiwilliges Engagement in Deutschland
mittelfristig gestiegen, kurzfristig stabil - Freiwilliges Engagement besonders im (westdeutschen) ländlichen Raum gestiegen; stabiles, relativ geringes Niveau in Großstädten - Engagement soll der Gestaltung des gesellschaftlichen Umfelds dienen, muss aber auch Spaß machen - Hohes und gestiegenes Potenzial für weiteres Engagement – aber vor allem in unverbindlicher Form - Dennoch: Großer Erfolg der öffentlichen Meinungsbildung über das freiwillige Engagement - Gut verfügbares Potenzial für mehr Engagement bei Jüngeren, höher Gebildeten und regional mobilen Menschen - deutliche gestiegener Anteil gemeinwohlorientierter jugendlicher Engagierter

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

29

Zusammenfassung
- Freiwilliges Engagement bei Erwerbstätigen deutlich höher als bei nicht Erwerbstätigen – Vereinbarkeit also grundsätzlich gegeben - Vereinbarkeit für Frauen in Vollzeit aber schwieriger - Erwerbstätige Frauen können weniger Zeit als Männer ins Engagement einbringen, auch bei Teilzeit - Aspekte der Qualifikation des Engagements bei jungen Menschen besonders wichtig, teils auch bei Erwerbstätigen - Beruflicher Nutzen bei jungen Menschen vermehrt wichtig, bei Erwerbstätigen jedoch nicht - steuerliche Aspekte bei Erwerbstätigen wichtiger - große Einigkeit zwischen allen Gruppen, dass eine bessere Information und Beratung über Möglichkeiten des freiwilligen Engagements nötig sei, desgleichen eine bessere Präsenz in den Massenmedien

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

30

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Engagement

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Männern und Frauen (1999–2004–2009) Männern und Frauen (1999–2004–2009)
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Männer
29 26 25 33

Frauen
28 28

Nicht öffentlich Aktive Nur Aktive

28

32

32 35

35

35

Freiwillig Engagierte

43

42

43 32 37 37

1999

2004

2009

1999

2004

2009

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

31

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Männern und Frauen in den alten und neuen Ländern Männern und Frauen in den alten und neuen Ländern
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Alte Länder
Männer
27 23

Neue Länder
Frauen Männer
37 33

Frauen
43 32

30

27

Nicht öffentlich Aktive "Nur" Aktive

29

33 37

35 25 30 29

36

Freiwillig Engagierte

44

44 33 38 38 37 28 32

1999 2009

1999 2009

1999 2009

1999 2009

Grafik Grafik

Reale Wochenarbeitszeiten bei erwerbstätigen Männern und Frauen in den alten Reale Wochenarbeitszeiten bei erwerbstätigen Männern und Frauen in den alten und neuen Ländern und neuen Ländern
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Alte Länder
Männer
45,6

Neue Länder
Frauen Männer
45,9

Frauen
Wochenarbeitszeit in Stunden
38,4 37,4

43,8

44,3

33,5

32,5

1999 2009

1999 2009

1999 2009

1999 2009

32

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Das komplizierte Verhältnis von Arbeitszeit und Engagement
Fall 1: Hohe Arbeitszeit und sehr hohe Engagementquote: Westdeutsche Männer Fall 2: Relativ geringe Arbeitszeit und (inzwischen) relativ hohe Engagementquote: Westdeutsche Frauen Fall 3: Hohe Arbeitszeit und relativ hohe Engagementquote: Ostdeutsche Männer Fall 4: Relativ hohe Arbeitszeit und relativ niedrige Engagementquote: Ostdeutsche Frauen

Freiwillig Tätige und hauptberufliche Mitarbeiter

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

33

Grafik Grafik

Hauptberufliche Mitarbeiter, Ansprechpartner für Freiwillige und Hauptberufliche Mitarbeiter, Ansprechpartner für Freiwillige und Mitbestimmung (2004, 2009) Mitbestimmung (2004, 2009)
Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %) Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %)

Hauptberufliche Mitarbeiter vorhanden?

2004 2009

43 43

2 2

55 55

ja

weiß nicht / teils-teils
64 61 3 2

nein
34 36

Ansprechpartner für Freiwillige vorhanden?

2004 2009

Ausreichende Möglichkeiten zu Mitbestimmung und Mitentscheidung?

2004 2009

76 68

19 27

5 5

Grafik Grafik

Mitsprache und -entscheidung nach Organisationen (2009) Mitsprache und -entscheidung nach Organisationen (2009)
Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %) Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %)

ja

teils-teils
75

nein
19 6

Gruppen, Initiativen Verein Verband, Gewerkschaft, Partei Kirche oder religiöse Einrichtung Staatliche oder kommunale Einrichtung Private Einrichtung, Stiftung, Sonstiges
65

72

24

3

40

5

58

36

6

57

35

8

55

35

9

34

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Verbesserung nötig? Bessere Anerkennung der Tätigkeit der Freiwilligen Verbesserung nötig? Bessere Anerkennung der Tätigkeit der Freiwilligen durch hauptberufliche Mitarbeiter durch hauptberufliche Mitarbeiter
Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %) Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %)

nein weiß nicht
66

ja
70 72

32

28

27

1999

2004

2009

Kompetenzerwerb im Engagement

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

35

Grafik Grafik

Erwartungen an die freiwillige Tätigkeit (2009) Erwartungen an die freiwillige Tätigkeit (2009)
unwichtig
1 2

Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %) Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %)
außerordentlich wichtig
3 4 5

Dass die Tätigkeit Spaß macht Anderen Menschen helfen Etwas für das Gemeinwohl tun Mit sympathischen Menschen zusammenkommen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern Mit anderen Generationen zusammenkommen Eigenverantwortung und -entscheidung Anerkennung finden Eigene Interessen vertreten
2,9 3,1 3,5 3,8 4,1

4,4

4,0

4,0

3,7

3,7

Grafik Grafik

Qualifizierungs- und Berufsmotiv nach Lebensalter (2009) Qualifizierungs- und Berufsmotiv nach Lebensalter (2009)
Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %) ) Alle Engagierten ab 14 Jahren (Angaben in %

voll und ganz

teilweise
37 41 39

überhaupt nicht
16 34 38 58

Engagementmotiv: Ich will mir Qualifikationen erwerben, die im Leben wichtig sind

14-30 Jahre 31-45 Jahre 45-65 Jahre 66 Jahre und älter
14 25 23

47

28

Engagementmotiv: Ich will durch mein Engagement auch beruflich vorankommen

14-30 Jahre 31-45 Jahre 45-65 Jahre 66 Jahre und älter
8 5 2 7

25 20 16

31 72 78 88

43

36

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Ob man durch die freiwillige Tätigkeit Fähigkeiten erworben hat, die Ob man durch die freiwillige Tätigkeit Fähigkeiten erworben hat, die persönlich wichtig sind (2004, 2009) persönlich wichtig sind (2004, 2009)
Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %) Engagierte mit ihrer zeitaufwendigsten freiwilligen Tätigkeit (Angaben in %)
in hohem Umfang in gewissem Umfang
37 36

gar nicht
6 5

14 bis 30 Jahre

2004 2009

57 59

31 bis 45 Jahre

2004 2009

41 41

48 47

11 12

46 bis 65 Jahre

2004 2009

46 45

44 44

11 12

66 Jahre und älter

2004 2009

35 35

52 46

13 19

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

37

Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit
Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung

Engagement und Erwerbstätigkeit
Der Freiwilligensurvey (Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftliches Engagement), dessen Hauptbericht zur dritten Welle von 2009 seit November 2010 auf der Homepage des BMFSFJ verfügbar ist1, ermöglicht umfassende Aussagen über den Zusammenhang von freiwilligem Engagement und der Stellung der Menschen zur Erwerbssphäre. Zunächst stellte er im Allgemeinen fest, dass das Engagement in Deutschland seit 1999 zugenommen hat, zwischen 2004 und 2009 allerdings nicht mehr (1999: 34%, 2004: 36%, 2009: 36%). Ganz ähnlich war die Entwicklung bei den Erwerbstätigen, nur vollzog sie sich auf deutlich überdurchschnittlichem Niveau (1999: 38%, 2004: 40%, 2009: 40%). Das zeigt bereits, dass Erwerbstätigkeit trotz ihrer zeitlichen und nervlichen Beanspruchung keineswegs ein Hindernis für freiwilliges Engagement in der Zivilgesellschaft ist. Dabei bildet das Geschlechterverhältnis einen entscheidenden Hintergrund. Erwerbstätige Frauen waren 2009 zu 37% engagiert, erwerbstätige Männer zu 42%. 1999 war das Verhältnis noch 32% zu 43%, also viel ungleicher. Erwerbstätige Frauen heben sich damit inzwischen stärker vom Durchschnitt der Frauen ab (1999, alle Frauen: 30%, erwerbstätige Frauen: 32%, 2009, alle Frauen: 32%, erwerbstätige Frauen: 37%). Der größte Schub kam von Frauen, die eine reale wöchentliche Arbeitszeit von 21 bis 35 Stunden haben (1999: 34%, 2009: 40%). Das ist der Typ von Teilzeittätigkeit von Frauen mit erhöhter Arbeitszeit. Interessant ist allerdings, dass es auch in der für Frauen untypischeren Kategorie einer Vollzeittätigkeit mit effektiv

über 40 Stunden pro Woche eine Erhöhung des freiwilligen Engagements gab (1999: 28%, 2009: 32%), allerdings von einem niedrigen Niveau her. Nur zäh voran (und ebenso auf niedrigem Niveau) ging es bei Frauen bei ihrer typischen Vollzeitarbeitszeit von 36 bis 40 Stunden (1999: 28%, 2009: 30%). Vor allem bei den 46- bis 65-jährigen Frauen hat die Erwerbstätigkeit seit 1999 stark zugenommen. Die Kategorie der Hausfrau spielt in dieser Altersgruppe (ausgehend vom höchsten Niveau aller Altersgruppen) eine immer geringere Rolle (1999: 25%, 2009: 15%). Gleichzeitig ist das freiwillige Engagement überproportional gestiegen (von 32% auf 35%). Allerdings muss berücksichtigt werden, dass Hausfrauen auch heute überproportional freiwillig engagiert sind, ganz besonders im Alter von 31 bis 45 Jahren. In der Altersgruppe der 46- bis 65-jährigen hat jedoch eine bemerkenswerte Entwicklung stattgefunden, indem die erwerbstätigen Frauen inzwischen eine deutlich höhere Engagementquote haben als die Hausfrauen. Noch stärker nahm allerdings das Engagement bei Frauen im Alter von über 65 Jahren zu (von 19% auf 25%). Gerade in Letzterem drückt sich indirekt die Wirkung der (früheren) Erwerbstätigkeit aus, die dazu geführt hat, dass der Lebenszuschnitt von Frauen im Ruhestand stärker auf die Öffentlichkeit bezogen ist als früher.2 Dass erwerbstätige Frauen sich zunehmend engagieren, heißt jedoch nicht, dass Frauen ein ähnliches Zeitbudget wie Männer ins Engagement einbringen können. Unabhängig vom Erwerbsstatus konnten Frauen 1999 pro Monat noch 15,7 Stunden aufbringen, 2009 waren es jedoch nur noch 13,9 Stun-

1 Hauptbericht des Freiwilligensurveys (2009): Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009. Ergebnisse der repräsentativen Trendbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Vorgelegt von Thomas Gensicke/Sabine Geiss (2010): TNS Infratest München. 2 Vgl. dazu den Beitrag von Sybille Picot in dieser Dokumentation.

38

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

den. Männer konnten 1999 noch 20 Stunden, 2009 17 Stunden erübrigen. Bei den ,8 Erwerbstätigen waren es 2009 bei Männern 16,8 Stunden, bei Frauen 12,9 Stunden. Bei erwerbstätigen Frauen und Männern lag also 2009 das Zeitbudget der Erwerbstätigen für ihr Engagement eine Stunde unter dem Durchschnitt aller Männer und Frauen. Geschlechterunterschiede werden weiterhin besonders deutlich, wenn es um die Frage geht, in welchem Maße die berufliche Beanspruchung mit dem Engagement verträglich ist. Wie gesehen ist vor allem Vollzeittätigkeit ein Hindernis für Frauen, sich in ähnlicher Weise wie Männer zu engagieren, auch wenn es hier seit 1999 Fortschritte gab. Bis zu einer Arbeitszeit von 30 Stunden sind erwerbstätige Frauen sehr stark im freiwilligen Engagement vertreten, aber oberhalb dieser Grenze immer weniger. Ein anderes Kapitel sind die jungen Erwerbstätigen im Alter von bis zu 30 Jahren. Zum einen sind seit 1999 immer weniger junge Leute erwerbstätig, vor allem weniger junge Männer. Und diese jungen erwerbstätigen Männer sind immer weniger freiwillig engagiert (1999: 42%, 2009: 33%). Bei jungen erwerbstätigen Frauen war das Engagement schon immer äußerst niedrig, hat aber seit 1999 immerhin zugenommen (1999: 24%, 2009: 28%). In diesen Daten drückt sich besonders bei den jungen Männern eine zunehmende soziale Spaltung aus. Mehr junge Männer gehen den Weg der verlängerten Bildungs- und Ausbildungsphase und gleichzeitig konzentriert sich das Engagement immer mehr auf diese dominante Gruppe. Der Grund scheint darin zu liegen, dass immer mehr junge Männer in der Verfügung über eine gut verwertbare Hochschulausbildung eine Gewähr zur Einlösung ihrer vergleichsweise hohen materiellen Aspirationen sehen. Bei jungen Frauen scheint die materielle Verwertung von Bildung und Ausbildung nicht so sehr im Zentrum zu stehen, wie auch die fachliche Wahl ihrer Bildungsund Ausbildungsrichtungen zeigt.
3 Vgl.

Seit 2009 befasst sich der Freiwilligensurvey mit der Frage, inwiefern Erwerbstätige ihre Freizeit über die Woche hinweg planen können und damit über eine wichtige Voraussetzung verfügen, sich freiwillig zu engagieren. Nur 57% hatten 2009 in dieser Hinsicht wirklich Planungssicherheit, 20% mussten mit Einschränkungen leben und für 23% ist die Planung der Freizeit sogar kaum möglich. Gerade das Letztere hat erhebliche Konsequenzen für das freiwillige Engagement. In einer solchen Lage können sich nur 30% der Erwerbstätigen engagieren, bei voller Souveränität über die Planung der Freizeit dagegen 46%. Bei erwerbstätigen Männern stellt sich das Problem deutlich stärker als bei Frauen. Bei ihnen verursachen somit mehr als bei den Frauen Planungsprobleme bei der Freizeit Hindernisse für Engagement, aber weniger die Länge der wöchentlichen Arbeitszeit.

Engagementprofile von Männern und Frauen
Das Engagement von Männern und Frauen hat nicht nur quantitativ ein unterschiedliches Profil, sondern ist durch starke inhaltliche Unterschiede geprägt. Der Hintergrund für dieses im Freiwilligensurvey weitgehend konstant zu beobachtende Phänomen ist komplex. Die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann ist eine alte Tradition und auch heute nicht einfach ein Zwang, der den Frauen von den Männern auferlegt wird. Sie stellt sich im Lebensverlauf immer wieder neu her und wird von den Frauen zum Teil gewollt. Teils in Zusammenhang mit sozialkulturellen Rollenzuweisungen an Männer und Frauen haben beide Geschlechter auch vitale Interessen, die Konsequenzen dafür haben, ob sie sich in den verschiedenen Lebensphasen und in bestimmten Feldern freiwillig engagieren. Das erklärt auch, warum weiterhin Leitungspositionen im Freiwilligensektor viel mehr von Männern als von Frauen ausgeübt werden.3

den Beitrag von Sybille Picot in dieser Dokumentation.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

39

Frauen kümmern sich im Engagement vermehrt um Personen, Männer leisten vermehrt Sach- und Facharbeit. Da vor allem Kinder und Jugendliche (sehr oft die eigenen) Zielgruppe des Engagements sind, hat das Folgen für die Verteilung des Engagements von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Frauen engagieren sich ganz besonders in der Familienphase, aber besonders selten direkt davor und auch weniger dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Kann für die 20er-Lebensjahre der Frauen das Problem der immer noch schwierigen Vereinbarkeit von Ausbildung, Beruf, Familie und Engagement herangezogen werden (und für Frauen im Familienalter für die geringe ins Engagement investierte Zeit), so für Frauen in der folgenden Lebensphase ohne Kinder im Haushalt weniger. Hier spielt die im Vergleich zu den Männern eingeschränkte thematische Breite des weiblichen Engagements vermehrt eine Rolle (vgl. Beitrag Frau Picot). Das unterschiedliche Engagementprofil von Frauen und Männern geht bereits in jungen Jahren mit einer unterschiedlichen Neigung zu Studienfächern und Berufen einher. Auch die Vereinbarkeit steht unter diesem Ansatz. Wie aktuelle Jugendstudien, z.B. die Jugendstudie der Metallrente 2010 oder die Shell Jugendstudie 2010 zeigen, wird der Wert der Familie und von Kindern bei den jungen Frauen weiterhin deutlich höher geschätzt als bei den jungen Männern. Da die allermeisten jungen Frauen eine berufliche Karriere anstreben, ist die Spannung der Lebensziele höher als bei jungen Männern. Alle Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Engagement fördern, sind deswegen eine besondere Erleichterung für die jungen Frauen. Dennoch darf man nicht davon ausgehen, dadurch kurzfristig, aber auch nicht mittelfristig eine wirkliche Angleichung der Geschlechterprofile erreichen zu können. Frauen, die sich vermehrt für Sach- und Facharbeit interessieren, sollte der Zugang dazu zu erleichtert bzw. das Interesse dafür

angeregt werden. Zum anderen gilt es diesbezügliche Vorurteile bei Männern und Frauen abzubauen. Das wird aber nicht dazu führen, dass viele Frauen kurz- oder mittelfristig diese Gebiete erobern werden. Auf der anderen Seite ist es genauso so sinnvoll, Männern, die sich für „weibliche“ Themen interessieren, den Weg in diese Richtung zu erleichtern. Aber auch hier gilt der gleiche Vorbehalt wie bei den Frauen. Anregung, Unterstützung, Abbau von Vorurteilen und Toleranz sollten die Schlüsselwörter der Geschlechterdebatte der Zukunft sein, aber nicht sozial-kulturelle Angleichung. Das widerspricht nicht Forderungen nach einer materiellen Angleichung zwischen Männern und Frauen. Die (auch bei gleicher Qualifikation und Arbeitszeit) geringere Bezahlung von erwerbstätigen Frauen und die Ungleichheiten bei der Altersversorgung widersprechen den Grundwerten unserer Gesellschaft.

Ehrenamtliche und Hauptamtliche
Die Frage des Hauptamts oder besser gesagt der Präsenz bezahlter Mitarbeiter im Umfeld von Freiwilligen stellt sich je nach Engagementbereich sehr unterschiedlich. Es gibt Felder, in denen hauptberufliche Mitarbeiter geradezu omnipräsent sind wie in den Kirchen, stark präsent auch in staatlichkommunalen Einrichtungen und inzwischen auch in privaten Einrichtungen. Auf der anderen Seite sind Hauptamtliche nur in geringem Umfang in Gruppen, Projekten und Initiativen vorhanden, aber auch in Vereinen, insbesondere der kleineren und mittleren Kategorie. Ihre Präsenz scheint zunächst ein negativer empirischer Indikator zu sein für den Freiraum, den Freiwillige empfinden, wenn es um ihre Mitbestimmung und Beteiligung geht. Allerdings darf man dabei keiner Scheinkorrelation aufsitzen, da es nicht die Präsenz der hauptberuflich Tätigen „an sich“ ist, die das eigentliche Problem für den subjektiven Freiraum von Engagierten sind. Entscheidend sind die Strukturen und Hierarchien

40

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

in den Institutionen und Einrichtungen, in denen viele Hauptamtliche mit Freiwilligen zusammenarbeiten. Das Problem kann nur vor dem Hintergrund der Knappheit der öffentlichen Finanzen verstanden werden. Das hat zum einen mit sinkenden Einnahmen aus Kirchensteuern und der finanziellen Knappheit der Kommunen zu tun, zum anderen ganz allgemein mit Bestrebungen, Finanzmittel im öffentlich-sozialen Bereich einzusparen. Die Frage der Knappheit öffentlicher Mittel wird durch die Folgen der Finanzkrise verstärkt. Während die Gewinne der Banken wieder sprudeln, bürgt der Steuerzahler weiterhin für deren Fehler. Menschen in einfachen materiellen Verhältnissen müssen dagegen um ihre Versorgung bangen. Die öffentlichen Einrichtungen und Institutionen spüren den finanziellen und sozialen Druck besonders deutlich. Die Leitung gibt diesen Druck an die bezahlten Mitarbeiter weiter und es bleibt nicht aus, dass die Freiwilligen am Ende der Kette die Folgen tragen müssen. In den Daten des Freiwilligensurveys fällt auf, dass das Problem nicht so sehr darin liegt, dass Freiwillige sich nicht ausreichend durch bezahlte Mitarbeiter anerkannt fühlen, sondern in dem übergreifenden Eindruck, dass sich die Spielräume des Handelns verengen. Wahrscheinlich ist das bei hauptberuflich Tätigen genauso. Freiwillige sitzen oft genug in einem Boot mit den Hauptberuflichen, deren Lage – weil nicht selten ihre materielle Existenz bedroht ist – eigentlich oft problematischer ist als die der Freiwilligen. Die materielle Knappheit hat verschiedene Folgen. In den großen Kirchen, vor allem der evangelischen, aber auch in den großen Sozialverbänden, droht die „Durchorganisation“ teils ist sie schon im Gange, um die , Verwendung der finanziellen Mittel zu „optimieren“ In der katholischen Kirche sichern . zum einen die Zuwanderer noch einigermaßen die Einnahmen, außerdem war den Freiwilligen dort schon immer bewusst, sich nicht gerade in einem besonders partizipationsorientierten Umfeld zu bewegen.

Hauptamtliche sind jedoch nicht nur vom Druck auf ihre Arbeitsplätze bzw. ihre Bezahlung betroffen, sondern auch von einer Verdichtung der Arbeitsabläufe und von einer Re-Bürokratisierung. Es ist nicht mehr so sehr das alte Problem der traditionell-autoritären Hierarchie, um das es heute geht, sondern der ökonomisch motivierte Versuch, die Finanzen in den Institutionen und großen Organisationen immer strikter zu kontrollieren, worunter die Freiräume der Tätigkeiten von Hauptamtlichen und Freiwilligen leiden. Forderungen nach ideologischer Loyalität können dabei ein weiteres Druckmittel zur Straffung der Strukturen sein.

Arbeitsmarkt und „freiwilliges“ Engagement
Berechtigterweise sehen Vertreter der Gewerkschaften heute aufmerksam und kritisch auf Versuche öffentlicher Organisationen und Institutionen, ihre Kosten zu senken, indem sie die Not Arbeitssuchender ausnutzen und Tätigkeiten, die eigentlich reguläre Beschäftigung erfordern, mit angeblichen „Ehrenamtlichen“ besetzen. Die privatwirtschaftlich verfassten Ausgründungen des gemeinnützigen Bereichs fallen dabei wegen ihrer aktiven Ausnutzung von Gesetzeslücken auf. Neben der schon länger geführten Debatte um die so genannte „Schein-Selbstständigkeit“ ist heute eine Debatte nötig um eine so genannte „ScheinEhrenamtlichkeit“ Dabei muss den Organi. sationen und Institutionen „zugute“ gehalten werden, dass sie damit auch auf die Mittelkürzungen der öffentlichen Hand reagieren. Das heißt, der Staat muss sich dazu bekennen, was ihm die soziale Qualität in unserem Lande nicht nur „ideell“ son, dern auch materiell wert ist. Verschärft stellen sich diese Probleme in den neuen Ländern. Hier trifft zum einen eine besondere Schwäche der öffentlichen Finanzen mit einem schwachen Arbeitsmarkt zusammen. Zum anderen sind hier die religiösen Traditionen des uneigennützigen Ehrenamts verblasst. Andererseits sind

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

41

in den neuen Ländern die Arbeitssuchenden besonders motiviert, der aufgezwungenen Untätigkeit zu entgehen und eine sinnvolle Tätigkeit aufzunehmen, auch wenn diese finanziell wenig einträglich ist. Abgesehen davon bleibt in dieser Lebenslage im Blick, ob das „Ehrenamt“ nicht doch einen Weg in eine reguläre Beschäftigung eröffnet. Das Modell der Vollbeschäftigung der DDR auf mittlerem Produktivitätsniveau wirkt hier weiter nach. Auch wenn sich dieses Phänomen in den neuen Ländern besonders zeigt, ist davon auszugehen, dass es sich zunehmend auch in den alten Ländern zeigen wird, insbesondere in strukturschwachen städtischen und ländlichen Regionen. Abgesehen von der empirischen Bestandsaufnahme stellt sich die Frage, was es für die Kultur der Zivilgesellschaft in Deutschland und damit für die soziale Kultur Deutschlands bedeutet, wenn sich die Grenze zwischen Ehrenamt und Arbeitsmarkt zunehmend verwischt. Es geht um die Frage, was geschieht, wenn „freiwilliges Engagement“ zunehmend als ein Versuch arbeitsuchender Menschen erscheint, ihre soziale Lage zu verbessern und sich die Meinung durchsetzt, dass dieses (berechtigte!) Anliegen ökonomisch ausgenutzt wird. Dann besteht die Gefahr, dass dem Anliegen der Zivilgesellschaft, die bürgerliche Gesellschaft in Richtung einer mit-bürgerlichen Gesellschaft zu verbessern, Schaden zugefügt wird. Einen solchen Trend beobachtet der Freiwilligensurvey seit 2004 zwar besonders in den neuen Ländern, aber zunehmend auch in den alten Ländern, vor allem im Nord-Westen. Das lässt sich an verschiedenen Indikatoren zeigen. Die Kerngruppe, bei der das besonders deutlich wird, sind definitionsgemäß diejenigen Menschen, die nach Arbeit suchen. Das Phänomen wird aber auch bei jungen Menschen im Alter von bis zu 30 Jahren deutlich und das stimmt besonders bedenklich. Die jungen Leute sind kulturell
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noch ungefestigt und es besteht die Gefahr, dass sie eine allzu pragmatische Vorstellung der Zivilgesellschaft verinnerlichen, die ziemlich wenig mit dem zu tun hat, was schon immer mit dem Ehrenamt und zunehmend mit dem freiwilligen Engagement gemeint ist. Freiwilliges Engagement ist ein eigenständiger und selbstbewusster Beitrag für das Gemeinwohl und die Unterstützung anderer Menschen, aber weder ein besonderer Typ von Erwerbsarbeit noch Erfüllungsgehilfe politisch-staatlicher Programme. Bei den jungen Leuten kann man beobachten, wie sie sich intuitiv gegen eine weitere Aufweichung der gemeinwohlbezogenen Kultur des Engagements und unseres Landes überhaupt stemmen. So pragmatisch und flexibel sie heute sind (bzw. sein müssen, also auch gegen ihre starken Bedürfnisse nach Orientierung und Sicherheit), ihr Unbehagen an einer Auflösung freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeit in ein Modell quasi-beruflicher Tätigkeit ist klar zu erkennen. Die Forschung über das Engagement darf den Trend zur Aufweichung der Grenzen zwischen dem Engagement und (vor allem unterprivilegierter4) beruflicher Tätigkeit nicht dadurch unterstützen, dass sie z.B. das von der Arbeitsverwaltung betriebene Modell der „Bürgerarbeit“ mit freiwilligem Engagement gleichsetzt oder zumindest in eine enge Beziehung stellt. Gerade hierin zeigt sich deutlich, das das oberste Kriterium zivilgesellschaftlichen Handelns nicht darin besteht, Menschen sinnvoll, sozial oder gar wertschöpfend zu „beschäftigen“ auch wenn das zumeist der , Fall ist und darin eine Überschneidung, z.B. der Bürgerarbeit zum Engagement liegt. Es geht im Engagement zuallererst darum, dass Menschen aus freien Stücken den Entschluss fassen und umsetzen, ihre private Existenz in ein öffentliche zu erweitern. Dass dabei noch andere Motive bewusst oder unbewusst hineinspielen, ist anzuerkennen.

Das heißt nicht, dass die vor den Sozialreformen mehr als heute diskutierte Frage vom Tisch ist, die sich auf die (wenigen, aber besonders lukrativen) Ehrenämter richtet, die für ihre zuallermeist männlichen Inhaber erhebliche direkte, vor allem aber indirekte (versteckte) materielle Vorteile abwerfen.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Nur dürfen diese nicht im Vordergrund stehen. Die schärfere Abgrenzung von Aktivitäten im Rahmen einer heute immer unübersichtlicher werdenden Tätigkeitsgesellschaft wird hier jedoch nicht deswegen gefordert, um die Bürgerarbeit und vor allem die Motive der Bürgerarbeiter schlecht zu machen. Es geht vielmehr um die Warnung vor einer negativen Rückwirkung der Vermischung des echten Ehrenamts und Engagements mit quasi-beruflichen Tätigkeiten auf das öffentliche „Image“ des freiwilligen Engagements. Ich will auf das Problem hinaus, dass sich bei unzureichender Unterscheidung zwischen qualitativ verschiedenen Tätigkeitsformen eine öffentliche Meinung entwickeln kann, die das Engagement als eine Art Quasi-Arbeitsmarkt wahrnimmt. Zu einem solchen „Umkippen“ der zivilgesellschaftlichen Kultur müssen besondere Bedingungen zusammenkommen. Diese bestehen in einer Kumulation sozialer Probleme, wie sie durch einen schwachen Arbeitsmarkt, hohe Transferabhängigkeit der Bevölkerung und

Abwanderung repräsentiert werden. Die neuen Bundesländer sind für dieses Szenario besonders anfällig, allerdings nicht in gleichem Maße. Am markantesten ist das Problemszenario in Sachsen-Anhalt zu erkennen, das Land mit der größten Kumulation sozialer und demografischer Probleme und gleichzeitig das Kernland der Bürgerarbeit. Im Folgenden wollen wir zeigen, dass diese Einschätzung nicht nur auf Vermutungen beruht, sondern auch durch Fakten aus dem Freiwilligensurvey gestützt wird.

„Grauzone“ zwischen freiwilligen und beruflichen Tätigkeiten – besonders in den neuen Ländern
Auffällig ist, dass auf dem Gebiet der neuen Länder Sachsen-Anhalt seit 2004 beim freiwilligen Engagement deutlich zurückgefallen ist und 2009 hinter den führenden neuen Ländern Brandenburg und Sachsen (jeweils 33%) mit nur noch 26% Engagementquote deutlich zurückliegt (Grafik 1). Das allein würde die eben vorgenommene Einschät-

Engagementquoten in den neuen Flächenländer Engagementquoten in den neuen Flächenländer
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Grafik 1 Grafik 1

1999

2004

2009

29

31

33 33 29 28 28 30 26 29

32

31

33 30 30

MecklenburgVorpommern

Brandenburg

SachsenAnhalt

Thüringen

Sachsen

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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zung noch nicht hinreichend bestätigen. Wichtiger ist deshalb eine Strukturanalyse. Diese kann mit zwei wesentlichen Vergleichen ansetzen, einerseits am Unterschied zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen, andererseits an den Unterschieden der materiellen Versorgung innerhalb der Bevölkerung. Wie verhalten sich die entsprechenden Vergleichsgruppen in Bezug auf das freiwillige Engagement? Zunächst erbringt der Test, der die Entwicklung der Engagementquote von Erwerbstätigen untersucht, besonders markante Ergebnisse. Rechnet man die Ergebnisse von Sachsen-Anhalt gegen die beim Engagement führenden neuen Länder Brandenburg und Sachsen, dann sind die Ergebnisse eindeutig. In dem Zeitraum, indem die Engagementquote von Sachsen-Anhalt stark zurückfiel, sank auch die Quote des Engagements der Erwerbstätigen besonders deutlich (2004: 36%, 2009: 29%). In Sachsen und Brandenburg, die ihre Engagementquote von 2004 bei 33% halten konnten, gab es bei den Erwerbstätigen auf relativ hohem Niveau nur einen ganz leichten Rückgang von 38% auf 37%. Wir würden das nicht so betonen, wenn es nicht ein grundlegendes Ergebnis des Freiwilligensurveys wäre, dass die große Gruppe der Erwerbstätigen, insbesondere in mittleren Jahren, geradezu das „Rückgrat“ des freiwilligen Engagements bilden. Wie geht nun der Gegentest bei den Arbeitslosen aus? Dieser stößt an gewisse statistische Grenzen, weil die Gruppe der Arbeitslosen auf Landesebene für stabile Auswertungen relativ klein ist. Das Problem verringert sich allerdings dadurch, dass der Vergleich zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen bzw. Brandenburg ganz ähnliche Tendenzen erbringt. Das Engagement von Arbeitslosen hat in allen drei Ländern deutlich zugenommen und war 2009 mit 31% und 30% fast identisch. Das heißt, der Unterschied zwi-

schen beim Engagement erfolgreichen und weniger erfolgreichen neuen Ländern besteht nicht darin, ob sich Arbeitslose weniger oder häufiger engagieren (häufigeres Engagement ist allgemein der Fall) sondern darin, in welchem Maße die Erwerbstätigen das tun. Beim erhöhten Engagement der Erwerbstätigen fallen die zivilgesellschaftlich erfolgreichen neuen Länder besonders auf. Man kann diesen Test in Bezug auf die Arbeitslosen auf eine statistisch sichere Grundlage stellen. Das wird dadurch möglich, dass man die Stichproben derjenigen neuen Länder mit den inzwischen niedrigsten Engagementquoten (und mit vergleichbaren Strukturproblemen5) kumuliert, also von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern und einer kumulierten Stichprobe Brandenburg-Sachsen gegenüberstellt. Die Ergebnisse weisen vollständig in die eben dargestellte Richtung. Das Engagement der Erwerbstätigen liegt bei den ersten beiden Ländern 2009 kumuliert bei 29%, beim zweiten Länderpaar wie gesehen bei 37%. Auch bei dieser Darstellung liegt der entscheidende „Bruch“ bei den Ersteren zwischen 2004 und 2009. Wichtiger ist die erhöhte statistische Sicherheit für die Ergebnisse der wesentlich kleineren Gruppe der Arbeitslosen. Auch diese führt zu praktisch keinen Veränderungen. In beiden Ländergruppen waren Arbeitslose 2009 zu jeweils 30% engagiert und damit weit über dem bundesweiten Durchschnitt. Was in der Gesamtschau besonders auffällt, ist die unterschiedliche Dynamik der Entwicklung des Engagements. In der erfolgreicheren Ländergruppe war das Engagement von Arbeitslosen bereits 1999 höher als in der weniger erfolgreichen Gruppe (24% versus 18%) und deswegen war der Anstieg bis 2009 nicht so dramatisch. Auf der anderen Seite war in der Ländergruppe Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern das freiwillige Engagement der Erwerbstä-

5 Brandenburg teilt die Probleme des ländlichen Raums im Osten, profitiert jedoch besonders von der Ausstrahlung des hauptstädtischen und internationalen Großraums Berlin.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

tigen 1999 sogar noch höher als in Brandenburg und Sachsen (35% zu 32%), fiel dann aber deutlich auf 29%, während es in der zweiten Gruppe deutlich auf 37% stieg. Es scheinen gerade die unterschiedlichen Entwicklungsmuster zu sein, die offensichtlich mit den mehr oder weniger großen Engagementquoten beider Ländergruppen zusammenhängen. Das besonders Auffällige ist die in einem relativ kurzen Zeitraum deutlich gegenläufige Dynamik des Engagements von Arbeitslosen und Erwerbstätigen in den beim Engagement weniger erfolgreichen Ländern. Da die Wahrnehmung der Menschen bzw. der öffentlichen Meinung weniger für absolute Größen als für Dynamiken sensibel ist, insbesondere inhaltlich „dramatischer“ Art, könnten solche sich „kontraintuitiv“ überkreuzende Trends, wie bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen zu sehen, ab einem bestimmten Punkt zu einer Art Rückkopplung, also einer Verstärkung seitens der öffentlichen Meinung geführt haben. Anders gesagt, scheint eine gleichgerichtete Entwicklung des Engagements in der „Normalbevölkerung“ (Erwerbstätige) und in einer besonders benachteiligten und ausgegrenzten Gruppe (Arbeitslose) einem relativ hohen Niveau des Engagements nicht im Wege zu stehen, auch wenn auf dieser Basis in den neuen Ländern im Moment nur Werte unterhalb des bundesweiten Durchschnitts möglich sind.

ler, Auszubildende, Studenten). Außerdem wird auf diese Weise keine Differenzierung der Erwerbstätigen nach ihrer materiellen Lage vorgenommen. Deshalb lohnt es sich, auf Landesebene über die gesamte Bevölkerung einen Test nach der jeweiligen materiellen Versorgungslage vorzunehmen. Und hier zeigt sich zwischen den „verwandten“ Ländern Sachsen-Anhalt und MecklenburgVorpommern ein deutlicher Unterschied. Singulär im Vergleich zu den Flächenländern Ostdeutschlands ist es, dass das freiwillige Engagement in Sachsen-Anhalt bei Menschen, die ihre wirtschaftliche Lage als gut (oder sogar als sehr gut) einschätzen, seit 1999 kontinuierlich gesunken ist (1999: 33%, 2004: 30%, 2009: 27%). In den anderen neuen Flächenländern, auch in Mecklenburg-Vorpommern, lag 2009 das freiwillige Engagement von materiell gut Situierten deutlich über dem der schlecht Versorgten. Gerade dieser Befund deutet auf einen Imageverfall des Engagements in der (in Sachsen-Anhalt sogar etwas vermehrt vorhandenen Gruppe6) der materiell gut Versorgten hin. Das heißt, es muss im Land spezifische Faktoren für diesen Imageverlust geben und dafür kommt eben auch7 die Bürgerarbeit in Frage bzw. das allgemeine Problem, ob in Sachsen-Anhalt durch andere Vermischungen die Grenzen zwischen „echtem“ freiwilligen Engagement und der Beschäftigungsförderung zu stark verwischt wurden. Grafik 2 erweitert diesen Vergleich auf Ebene der einzelnen Länder. Sie zeigt anhand der fünf Flächenländer, wie sich die materielle „Elite“ zu den jeweiligen Messpunkten des Freiwilligensurveys zum freiwilligen Engagement verhielt. Man erkennt, dass die Muster vielfältig sind, einmaliger Anstieg, dann Konstanz (Mecklenburg-Vorpommern); Rückfall von erhöhtem Niveau und Wiederherstellung (fast eine U-Kurve in Sachsen); stetiger

Der „Fall“ Sachsen-Anhalt
Die Gegenüberstellung der Erwerbstätigen und der Arbeitslosen ist nur eine Möglichkeit, kontrastierende Vergleiche in Bezug auf die Entwicklung des Engagements vorzunehmen. Sie berücksichtigt wichtige andere Gruppen nicht wie Rentner und Pensionäre oder Menschen in den verschiedenen Bildungs- und Ausbildungsphasen (Schü6 37% 7

versus 35% in den neuen Ländern insgesamt. Aber eben nicht nur: Gerade im Vergleich zu Mecklenburg-Vorpommern kommen an diesem Punkt regionale Besonderheiten ins Spiel, die möglicherweise etwas mit der mehr rational-industriellen Kultur in Sachsen-Anhalt und der mehr agrarisch-ländlichen im nördlichen Nachbarland zu tun haben können.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Anstieg (besonders Thüringen), steter Rückgang (ganz einmalig: Sachsen-Anhalt). Auch Thüringen ist eine Ausnahme, wenn man zusätzlich das Verhalten der schlecht Versorgten einrechnet. Der Anteil an materiell schlecht Versorgten, die freiwillig engagiert sind, ist in Thüringen inzwischen niedrig und liegt weit unter allen anderen neuen Flächenländern. Dadurch hat sich die Struktur in Thüringen inzwischen Westdeutschland völlig angepasst, ja die Spreizung zwischen den materiellen Kontrastgruppen (gute und schlechte Lage) war 2009 sogar stärker als in westdeutschen Flächenländern wie z.B. Bayern, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein.8 Festzuhalten ist, dass es im Freiwilligensurvey mit Sachsen-Anhalt einen Fall9 gibt, wo zwei problematische Entwicklungen mit einer sehr niedrigen Engagementquote einhergehen. Weniger entscheidend ist im
Grafik 2 Grafik 2

Vergleich zu den anderen neuen Ländern, dass sich hier Arbeitslose überdurchschnittlich engagieren. Das ist in den neuen Ländern überall so und letztlich ein indirekter Indikator der Arbeitsmarktschwäche, natürlich auch einer für die hohe Motivation arbeitsloser Menschen, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geht jedoch mit dem hohen Engagement von Arbeitslosen inzwischen ein vergleichsweise niedriges Engagement der Erwerbstätigen einher und darin zeigt sich eine problematische Entwicklung. Diese wird in Sachsen-Anhalt dadurch gesteigert, dass nur hier die wirtschaftlich gut Versorgten sich weniger engagieren als die schlecht Versorgten. Dass sich die materiell Benachteiligten freiwillig engagieren, steht ganz und gar nicht in der Kritik, es geht vielmehr um die Frage, warum sich die materielle „Elite“ so auffällig vom Engagement zurückhält.

Engagementquoten von Menschen mit mindestens guter persönlicher Engagementquoten von Menschen mit mindestens guter persönlicher materieller Versorgung in den neuen Flächenländern (1999-2009) materieller Versorgung in den neuen Flächenländern (1999-2009)
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)
25% 26% 27% 25% 31% 30% 24% 27% 29% 32% 29% 22% 26% 30% 29%

*

1999

2004

2009

* Befragte mit schlechter Versorgungslage

36 31

35 32

33

35

33 30 27

31

33

35

35 29

34

MecklenburgVorpommern

Brandenburg

SachsenAnhalt

Thüringen

Sachsen

8

In Thüringen fehlt gerade das Engagement der schlecht Versorgten, um im Moment z.B. mit dem Nachbarland Sachsen mithalten zu können. 9 In den alten Ländern ähnelte 2009 der Stadtstaat Bremen diesem Muster. Da dieses Szenario noch stärker auf Berlin zutrifft, kann man sagen, dass die Stadtstaaten in dieser Frage insgesamt eine Tendenz haben, ein Gegenstück zu Sachsen-Anhalt abzugeben. In Hamburg ähneln die Verhältnisse Mecklenburg-Vorpommern.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Das herauszufinden, muss Gegenstand weiterer Forschungen sein. Das Zusammentreffen eines hohen Engagements von Arbeitslosen und allgemein von materiell schlecht Gestellten mit einer Zurückhaltung der eigentlich für das Engagement prädestinierten Gruppen (Erwerbstätige, materiell gut Versorgte) geht jedenfalls seit 2009 in Sachsen-Anhalt mit der unter allen Bundesländern geringsten Beteiligung am Engagement einher.10 Ein erster Vorschlag zur Erklärung wurde bereits gemacht. Das Image des Engagements kann leiden, wenn die mittel-

ständige Bevölkerung den Eindruck gewinnt, dass sich Teile der Zivilgesellschaft zu QuasiArbeitsmärkten wandeln. Das mittelständische Muster des Engagements ist es dagegen, die eigene, positiv empfundene berufliche und private Existenz zivilgesellschaftlich zu erweitern und dieses Bedürfnis kann regional mehr oder weniger befriedigt werden. Solche Unterschiede sind allerdings nicht die einzige Erklärung für eine regionale Schwäche des bürgerschaftlichen Engagements, und dazu sollte weiterhin praxisnah geforscht werden.

Literatur
Gensicke, Thomas, (2010): Jugendliche zwischen Lebensgenuss und Lebensplanung und Jugendliche im Spannungsfeld zwischen Reform, Krise und Vorsorge, zwei Hauptkapitel in: Hurrelmann, Klaus / Karch, Heribert (Hg.) Jugend, Vorsorge, Finanzen Herausforderung oder Überforderung?, Jugendstudie der Metallrente, Campus Verlag: Frankfurt am Main, New York. Gensicke, Thomas (2010): Wertorientierung, Befinden und Problembewältigung, in: Deutsche Shell (Hg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main. Gensicke, Thomas / Geiss, Sabine (2010): Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-20042009, Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009: Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement (erscheint 2011 im VS Verlag Wiesbaden), im Internet: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=165004.html (31.01.2011). Gensicke, Thomas / Olk, Thomas (2009): Entwicklung der Zivilgesellschaft in Ostdeutschland. Quantitative und qualitative Befunde, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. Gensicke, Thomas / Picot, Sibylle / Geiss, Sabine (2006): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

10 Zwischen dem Bundesland mit der höchsten Beteiligung am Engagement, Baden-Württemberg (41%), und Sachsen-Anhalt (26%) liegt inzwischen ein Unterschied von 15 Prozentpunkten.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung

Zivilgesellschaft, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland
Befunde und Forschungsbedarf
Präsentation auf dem Treffen des Projektbeirats des 3. Freiwilligensurveys am 9.12.2010 in Berlin Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung München

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Präsentation

Zivilgesellschaft, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Einbindung in die Zivilgesellschaft von Erwerbstätigen und Arbeitslosen in West und Ost

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Öffentliche Beteiligung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen -Öffentliche Beteiligung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen Erwerbstätige Erwerbstätige
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

72 60

75 63

75 63

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Grafik Grafik

Öffentliche Beteiligung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen -Öffentliche Beteiligung in Vereinen, Organisationen und Einrichtungen Arbeitslose Arbeitslose
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

62 55 47 56

58

54

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Anteil der freiwillig Engagierten – Erwerbstätige Anteil der freiwillig Engagierten – Erwerbstätige
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Westdeutschland

Ostdeutschland

39 33

41 36

41 34

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Anteil der freiwillig Engagierten – Arbeitslose Anteil der freiwillig Engagierten – Arbeitslose
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Präsentation

Westdeutschland

Ostdeutschland

25

27 22

26

25

28

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Erwerbstätigkeit ist nicht gleich Erwerbstätigkeit

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in schlechter wirtschaftliche Lage Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in schlechter wirtschaftliche Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

West: 15% / Ost: 20%

Westdeutschland

Ostdeutschland

- 3 Punkte
32 32 33 35 33 30

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in befriedigender wirtschaftliche Lage Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in befriedigender wirtschaftliche Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

West: 40% / Ost: 38%

Westdeutschland

Ostdeutschland

- 5 Punkte
42 38 32 38 41 36

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in guter wirtschaftliche Lage Freiwillig Engagierte – Erwerbstätige in guter wirtschaftliche Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Präsentation

West: 45% / Ost: 42%

Westdeutschland

Ostdeutschland

- 10 Punkte !
42 34 43 36 45

35

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Zurückhaltung beim Engagement bei den gut Versorgten im Osten nicht nur bei den Erwerbstätigen

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte – alle Befragten in guter wirtschaftliche Lage Freiwillig Engagierte – alle Befragten in guter wirtschaftliche Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

West: 42% / Ost: 35%

Westdeutschland

Ostdeutschland

- 9 Punkte !
39 32 40 31 41 32

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Der „Fall“ Sachsen-Anhalt Zivilgesellschaft als Arbeitsmarktersatz ?

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Grafik Grafik

Präsentation

Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Sachsen-Anhalt

Neue Länder gesamt

28

28

30

31 26

31

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt – alle Befragten in guter und schlechter wirtschaftlicher Lage – alle Befragten in guter und schlechter wirtschaftlicher Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)
Gute Lage

gut: 37% / schlecht: 26%

Schlechte Lage

33 30 27 23 27 28

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte in den neuen Ländern insgesamt Freiwillig Engagierte in den neuen Ländern insgesamt – Befragte in guter und schlechter wirtschaftlicher Lage – Befragte in guter und schlechter wirtschaftlicher Lage
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)
Gute Lage

Schlechte Lage

32 25

31 28

32 28

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt – Erwerbstätige und Arbeitslose Freiwillig Engagierte in Sachsen-Anhalt – Erwerbstätige und Arbeitslose
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Erwerbstätige

Arbeitslose

37

36 29 25 18 31

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik Grafik

Präsentation

Freiwillig Engagierte in den neuen Ländern – Erwerbstätige und Freiwillig Engagierte in den neuen Ländern – Erwerbstätige und Arbeitslose Arbeitslose
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)
Erwerbstätige Arbeitslose

36 33 26 22

34 28

1999

2004

2009

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Die Selbsthilfe der Arbeitslosen im Osten

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Grafik Grafik

Warum man sich in den alten und neuen Ländern freiwillig engagiert Warum man sich in den alten und neuen Ländern freiwillig engagiert --Motiv: Qualifikationen erwerben Motiv: Qualifikationen erwerben
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Alte Länder
32 33 39

Neue Länder
nein teils-teils
34 32 42

41

voll und ganz
40 34 39

28 31

40 27 27 27 27 27

Erwerbstätige

Arbeitslose

Andere

Erwerbstätige

Arbeitslose

Andere

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Grafik Grafik

Warum man sich in den alten und neuen Ländern freiwillig engagiert Warum man sich in den alten und neuen Ländern freiwillig engagiert --Motiv: Beruflich vorwärts kommen Motiv: Beruflich vorwärts kommen
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Alte Länder
74 69 71

Neue Länder
nein teils-teils voll und ganz
35 67 43 67

20

22

17

22 22

19

6

9

12

11

14

Erwerbstätige

Arbeitslose

Andere

Erwerbstätige

Arbeitslose

Andere

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Quelle: Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009

Sozialforschung

Engagement und Arbeitsmarktpolitik

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Arbeit und Engagement. Warum es neue Modelle und Verbindungen braucht
Adalbert Evers , Justus-Liebig-Universität Giessen Seit den großen Transformationen durch Marktgesellschaft, Industrialisierung und Demokratie im 19. Jahrhundert haben sich Arbeit und auch Engagement immer wieder gewandelt, mitsamt der Modelle, über die versucht worden ist, beides in ein gutes Verhältnis zu setzen. Bis weit in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war in den meisten Fällen ein gesicherter Platz in der Arbeitswelt und ein anerkannter Platz in der familialen Arbeitsteilung das Korrelat zu Engagement: hier die Pflichten, aber auch Sicherheiten einer geordneten Arbeits- und Familienwelt – dort die freiwillig übernommenen Vereinstätigkeiten, Ehrenämter und Formen politischen und sozialen Engagements. Diese Welt der Zu-Ordnung und Trennung von Arbeit und Engagement ist nun seit langer Zeit in Auflösung. •	An die Stelle der Bestimmung durch Traditionen und „Lager“ ist eine Vielfalt von Lebensstilen getreten, die es weit weniger voraussehbar machen und mehr als früher dem Einzelnen anheim stellen, ob und inwieweit die eine oder andere Form von Engagement Teil der eigenen Lebensbiographie werden. •	An die Stelle relativ fester Bindungen und Verpflichtungen sind Formen des Engagements getreten, die nicht weniger intensiv sein müssen, aber doch zeitlich begrenzter sind und wo die Frage „Was habe ich davon?“ viel offener gestellt werden kann. Nur wenn man diese epochalen Prozesse der Pluralisierung und Individualisierung im Auge behält, kann über den Einfluss von Veränderungen des Arbeitslebens auf Engagement substantielles gesagt werden. Und noch etwas anderes macht jede Aussage zum Verhältnis von Arbeit und Engagement so kompliziert: Alte und neue Formen koexistieren in vielerlei Weise – die langjährige Mitarbeit im Kirchenbeirat und das vorübergehende Engagement in der lokalen Fairtrade Initiative, die Mitarbeit im Vorstand der AWO und das Engagement beim Aufbau einer Bürgerstiftung.

Entgrenzung der Arbeit und die Ausweitung von Humandienstleistungen: Veränderungen in der Welt der Arbeit und deren Bedeutungen für Engagement
Wenn man sich vor diesem Hintergrund mit dem Einfluss veränderter Arbeitsverhältnisse und Leitbilder von Arbeiten und Leben beschäftigt, dann gilt es, vor allem zwei Entwicklungen festzuhalten. Die erste große Veränderung wird häufig mit dem Begriff der „Entgrenzung“ der Arbeit bezeichnet. Alte Eingrenzungen der Arbeit lösen sich auf: das gilt im Lebensverlauf für die klare Abfolge von Ausbildung, Erwerbsalter und Ruhestand. Es gilt für die zeitliche Verteilung von Erwerbsarbeit im Alltag mit der Zunahme von unorthodoxen Arbeitszeiten quer durch die sieben mal 24 Stunden der Woche. Entgrenzung meint aber auch, dass einerseits immer mehr Menschen Kontakt mit dem Arbeitsleben haben, andererseits sich diese Kontakte immer weniger in Vollerwerbsarbeit vollziehen – von der gelegentlichen Arbeit über eine Vielzahl von Teilzeit und befristeten Arbeitsverhältnissen. Mit all diesen Formen von Entgrenzung werden die Verbindungen zwischen Lebens- und Arbeitsformen entlang von Biographien vielfältiger. Immer mehr Menschen müssen Tätigkeitsund Lebensmodelle – und so auch Engagement – in direkter Auseinandersetzung, mit der bei ihnen gerade dominierenden oder erwartbaren Art der Einbindung ins Arbeitsleben, abgleichen. Dass dabei großflächige Standardlösungen an Bedeutung verlieren, schafft mehr Freiheiten, aber auch Abhängigkeiten und Unsicherheiten.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Die zweite große Veränderung resultiert aus gagement weiter zu nutzen. Zu beachten ist der neuen Rolle der Humandienstleistun- auch, dass aufgrund der sozialstaatlich vergen im 21. gegenüber dem 19. Jahrhundert. mittelten Basiskompetenzen auch in der Arablesbar in Bereichen wie der Kinderbe- beitswelt mehr Ansprüche auf „gute Arbeit“ treuung und Pflege bis hinüber zur Profes- gestellt werden. Man sucht eine berufliche sionalisierung und Kommerzialisierung der Tätigkeit, für die es sich zu engagieren lohnt. Freizeit, mit Fitnessclub statt Sportverein. Und veränderte Ansprüche auf ein „reiches“ Es werden nicht nur die Grenzen zwischen Leben können auch helfen, der Expansion bezahlter Arbeit und eigener Tätigkeit neu einer Monetarisierung und Kommerzialisievermessen sondern auch die Rollen beider rung alltäglicher Hilfen und Dienstleistungen Seiten, der Professionellen und der Nutzer, Grenzen zu setzen – weil man hier z.B. beim laufend neu bestimmt. Es geht also sowohl Heranwachsen der Kinder nicht alles abgeum die Gewichtsverteilung bei den Tätigkeiten, ben und dem Beruf opfern will, aber auch, als auch um die Muster der Machtverteilung weil man die Inanspruchnahme von Dienstzwischen als Lohnarbeit organisierten und leistungen interaktiver gestalten möchte, von Spezialisten geleiteten Angeboten und so, dass wir mit unserem Engagement Kovon damit verflochtenen Beiträgen aus sozi- produzenten und nicht nur Konsumenten alen Netzwerken und selbst organisiertem sind. Viele Innovationen bei HumandienstEngagement und Tätigsein. Einerseits kann leistungen vollziehen sich im Grenzbereich das alles mit einer Aufwertung von Enga- von „öffentlich“ und „privat“ bei nur locker , gement verbunden sein. Man realisiert z.B., formalisierten Formen des Engagements für dass ein zukünftiges Pflegesystem nicht da- neue kulturelle Modelle. Man denke z.B. an rauf wird verzichten können. Andererseits das Engagement für neue Wohnformen im bedeutet das aber auch, dass für Nutzer Alter. und Familien in permanenter Zeitnot immer mehr para-professionelle Bereiche mit ge- Gleichzeitig sind aber auch die Bedrohunring qualifizierten und bezahlten Helfern und gen unübersehbar. Das gilt vor allem dann, Dienstleistungskräften entstehen. wenn die vielen Formen der Entgrenzung mit einer Entsicherung von Arbeit einhergeChancen und Gefahren – die Ambivalen- hen, d.h. nicht (wie das mit dem alten Norzen der Umstrukturierung von Arbeitsmalarbeitsmodell erreicht werden konnte) welt und Engagement sozialstaatlich zivilisiert werden können. Wer unter schlecht geregelten BedingunAls Chance kann man es ansehen, dass sich gen Leiharbeit verrichten, wer dem Job jean den Übergangszonen zum Arbeitsleben derzeit zur Verfügung stehen muss, so dass für immer mehr Menschen neue Möglich- die freie Zeit zur bloßen Restzeit wird, wer keiten ergeben. Der schwierige Prozess des überhaupt nicht abschätzen kann, auf was Übergangs von der Ausbildung in eine vor er nach dem Arbeitsleben bauen kann, wird allem von der Erwerbsarbeit geprägte Le- kaum Anreize zum Engagement verspüren bensphase bietet Raum für Engagement im – sieht man einmal von der Minderheit derRahmen neuer Orientierungs- und Suchpro- jenigen ab, die sich gegen solche Tendenzesse. Man denke nur einmal an die rela- zen sozial und politisch engagieren. Und tiv junge Engagementform des Freiwilligen noch etwas gilt es zu beachten: die traditiSozialen Jahres, ein Format, das im Prin- onellen Arbeits- und Engagementmodelle zip auch für alle Altersstufen ausbaubar ist. bauten auf kollektive Rhythmen, jetzt droht Neue Chancen ergeben sich auch mit einem ein bloßer Wirrwarr individueller Zeitmuster. neuen Leitbild vom Alter; darauf verweisen Entgrenzung der Arbeit ist aber auch dort Formate wie SeniorConsult und eine Fülle für Engagement negativ, wo sie mit einer weitere Ansätze, wo versucht wird im Ar- immer stärkeren Erwerbsarbeitszentrierung beitsleben erworbene Kompetenzen im En- der Lebensentwürfe insgesamt einhergeht.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Es ist eine Sache zu überlegen, was ein eventuelles Engagement für die berufliche Situation und Ambitionen bedeutet; eine andere ist es, Engagement fast ausschließlich unter Gesichtspunkten des beruflichen Nutzens zu denken und konzipieren (zu müssen). Unter hohem beruflichen Druck und angesichts der gleichzeitigen Orientierung sozialer Dienstleistungen an Modellen der Konsumwelt, mit ihrem Versprechen, uns alle lästigen Verantwortungen weitgehend abzunehmen, droht ein zunehmendes Gewicht von Lebens-, Arbeits- und Dienstleistungsmodellen, in denen die Dimension Engagement nur noch wenig Platz hat. Ein sprechendes Beispiel ist hier wohl der lange Weg, auf dem Arbeitslosigkeit als ein Problem, bei dem sich viele Akteure im Gemeinwesen – Kirchen lokale Gewerkschaftsgruppen und Beschäftigungsgesellschaften von Wohlfahrtsverbänden – engagierten, nun mehr nur noch eine Frage der Entsorgung durch „moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ geworden ist, eine Frage, die eigentlich nur noch das berufliche Engagement von Spezialisten betrifft. Der immense Bedarf an Dienstleistungen, bei Betreuung, Hilfe und Pflege, der zu einer Aufwertung von Engagement führen könnte, droht unter der Vorherrschaft von instrumentellen Orientierungen und einem traditionellen Professionalismus Engagement nur als Lückenbüßer zuzulassen. Und wo immer mehr Menschen unter dem Druck stehen, irgendwie am Arbeitssystem teilzuhaben, können dann auch Angebote florieren, wo mit der Verquickung von Minijobs und Engagement operiert und versucht wird, sehr viel Hilfsbereitschaft und Motivation für ganz wenig Geld einzukaufen. Übungsleiterplätze, wo Minijob und Pauschalen kombiniert werden und Gesundheitssysteme deren Krankenhäuser gerade noch etwas Platz für grüne Damen lassen, können doch eigentlich nicht alles gewesen sein.

Spezialistengesellschaft mit vorgezeichneten Nischen fürs Menschliche sind einseitig und überzeichnet. Was man heute am eigenen Leib erfährt und individuell zu leben versucht, sind ja in der Regel mehr oder minder akzeptable Kompromisse. Man versucht individuell aber auch gemeinsam mit anderen, die Chancen der neuen Arbeitswelten und Dienstleistungssysteme zu nutzen und deren negative Seiten so gut es eben geht zu begrenzen: bei der Frage, ob man ein Freiwilliges Soziales Jahr machen möchte, später beim Umgang mit Anforderungen auf Mitarbeit in Elternvereinen bei Schule oder Kindergarten und schließlich bei der Suche nach Möglichkeiten, Geselligkeit und Kultur nicht nur zu konsumieren sondern in irgendeiner Form auch selbst mit organisieren zu können – das alles trotz des dauernden Drucks von Seiten des Arbeitsmarktes und trotz der oft entmutigenden Erfahrungen mit Institutionen und Diensten, die zwar engagierte Freiwillige und Mitarbeitende suchen, aber nur sehr begrenzt bereit sind, sich auch auf sie einzustellen.

Konsequenzen: neue Formate und Verbindungen entwickeln, Chancen ausbauen und Gefahren eindämmen.
Es soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden, inwieweit das bereits zitierte Schlagwort von der Tätigkeitsgesellschaft einen guten Begriff für eine positive Utopie neuer Verbindungen von Arbeit und Engagement liefert. Und es kann hier auch nicht diskutiert werden, welche Möglichkeiten es gibt, die heute vorfindliche enge Verquickung von Entgrenzung mit der Entsicherung von Erwerbsarbeit zu verringern, indem neue Formen von Erwerbsarbeit und ihrer Verknüpfung mit anderen Tätigkeiten und Engagement abgesichert werden. Hier nur sechs Vorschläge, worauf man speziell im Bereich der Engagementdiskussion und -politik achten sollte:

Keine Frage: beide Skizzen, die florierender Elemente einer neuen Tätigkeitsge- 1.  Die stärkere und für immer mehr Menschen in allen Lebensphasen geltende Versellschaft und die einer durch professioquickung von Fragen der beruflichen Exisnalisierte Dienste entsorgten Arbeits- und

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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tenz und des Engagements sollte offensiv nach vorn hin bearbeitet werden, statt in Form der Verteidigung einer traditionellen Arbeitswelt mitsamt der herkömmlichen Formen und Zuordnungen von Ehrenamt und Engagement. Es gibt kein Zurück in die alten Formen einer sozial gesicherten Normalarbeitsgesellschaft, die es erlaubte, alles Engagement von Fragen nach materiellen Gegenleistungen frei zu halten. Und so, wie es sich bei Gewerkschaftern herumspricht, dass mit der Vielzahl von Formen der Beteiligung am Arbeitsmarkt auch neue Freiheiten entstehen können, setzt sich in der Engagementdebatte die Einsicht durch, dass in heutigen Modellen Raum sein muss für neue Eigeninteressen und Zwänge aus denen heraus man Engagement in Erwägung zieht. 2. Das heißt zunächst, in einem anderen Ausmaß als man das gewohnt war anzuerkennen, dass es für immer mehr Menschen unausweichlich und auch legitim ist, die Frage zu stellen, was dieses oder jenes Engagement unter dem Gesichtspunkt von Einkommenssicherung und Karriere, des Einstiegs in oder Ausstiegs aus dem Arbeitsleben bringt. Welche Kompromisse zwischen berufsbezogenen Eigeninteressen und dem Interesse am Anderen sind legitim und welche fragwürdig? Was spricht gegen die Auswahl von Tätigkeiten in einem sozialen Jahr unter Gesichtspunkten der eigenen Berufsperspektiven? Aber ist es vertretbar, wenn eine Firma ihren Managern ein Wochenendengagement unter Obdachlosen anbietet? 3. Besondere Berücksichtigung sollten die Notlagen derer finden, für die es um die Bewältigung von Arbeitslosigkeit geht. Nach wie vor geht es darum, mit Arbeitslosen Modelle dafür zu schaffen, sich auf Zeit und ohne Drohung von Sanktionen engagieren zu können, in Formen von Bürgerarbeit, die diesen Namen verdienen. Es geht um annehmbare Tätigkeitsmöglich-

keiten als Alternative zur Zwangsverpflichtung in Ein-Euro-JobsMehr Priorität sollte die Aufgabe haben, neue allgemein anerkannte Modelle und Formate des Engagements zu stärken, die auch in die neuen Arbeitswelten passen – einfache Modelle für jedermann, die gleichen Regeln für alle vorsehen, aber auch Platz für individuelle Wahlmöglichkeiten. Unter diesen Gesichtspunkten hat das Format eines Freiwilligen Sozialen Jahres (für Jugendliche, aber im Prinzip für jedes Lebensalter) eine immense Bedeutung. Es wahrzunehmen könnte ebenso ein Teil von modernen Lebensbiographien werden, wie früher einmal die Übernahme von Ehrenämtern zum Bild vom „guten Bürger“ gehörte. 4. Viel wird davon abhängen, wie sich die Modelle von persönlichen Dienstleistungen bei Bildung, Betreuung, Gesundheit und Pflege entwickeln. Die Dienstleistungsgesellschaft bietet hier in dem Maße Chancen, wie auf Konzepte der engagierten und selbst bestimmten Mitarbeit der Adressaten gesetzt wird, auf den Einbau von Engagement in Form selbst organisierter Beiträge, auf individuelle und kollektive Laienkompetenz, statt auf das bloße Marketing vorgefertigter Versorgungsmodelle. Schulen, die sich nicht als abgeschlossene Leistungszentren begreifen, sondern sich zu Eltern und den Ressourcen des Sozialraums mit all seinen Akteuren und Angeboten öffnen, Kindertagesstätten, die Familienzentren werden, sind gute Bespiele für das, worum es geht: Engagement als Teil alltäglicher Lebensund Versorgungsmodelle zu begreifen. 5. In diesem Rahmen ist dann auch Platz für vergütetes Engagement, also für Arrangements, bei denen Anerkennung auch in Form finanzieller Gegenleistungen eine Rolle spielt. Es gilt, Kriterien zu entwickeln für das, was bei engagierter aber auch vergüteter Mitarbeit zur bloßen Niedriglohnarbeit einen Unterschied macht: die Art des Umgangs mit Engagierten; die Bereitschaft für ihre eigenen Anliegen und

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Anregungen Raum zu bieten; Respekt für ihre begrenzte Verfügbarkeit; Pflege des Gesprächs und Stärkung der Identität freiwillig Engagierter als einer speziellen Gruppe unter den Mitarbeitenden u.a. Leitlinie für Konzepte und Politiken, die für die Beiträge von Engagement aufmerksam und in diesem Sinne „engagementfreundlich“ sind, sollte grundsätzlich sein, zu bewahren und erneuern, was Engagement ausmacht: gleichberechtigte Kooperation mit anderen, Bereitschaft und Kompetenz zur Hilfeleistung, Solidarität, Mitarbeit aber auch Aushandlungs- und Konfliktfähigkeit, die Möglichkeit, Selbstbestimmung erfahren und entwickeln zu können. Sicherlich, man kann diese Ansprüche auch an die Arbeitswelt richten. Im Engagementbereich kann jedoch in einer Art Vorgriff und modellhaftem Erleben die Realisierung derartiger Ansprüche viel eher gelingen. Insoweit Engagement Solidaritäts- und Freiheitsversprechen in sich trägt, wird dieser Bedeutungsüberschuss doch auch immer in Spannung zur Arbeitswelt stehen, bei allem Bemühen, sich auf deren neue Realitäten einzustellen.

Adalbert Evers , Justus-Liebig-Universität Giessen

Bernhard Jirku, ver.di-Bundesverwaltung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Erwerbsarbeit und Engagement – Arbeitsmarktpolitische Perspektiven
Bernhard Jirku, ver.di-Bundesverwaltung Herkömmliche Bilder vom bürgerschaftlichem Engagement haben sich ebenso gewandelt wie klassische Bilder von Arbeitsmärkten. Nicht per se zum Schlechteren, nicht per se zum Besseren. Man muss schon genauer hinschauen. Die zunehmende Prekarisierung von Arbeitsmärkten beschränkt einerseits die Entfaltungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft und begünstigt andererseits einen Missbrauch des bürgerschaftlichen Engagements. Es ist dringend notwendig, einen Blick auf die Substanz von Engagement und Ehrenamt einerseits sowie Erwerbsarbeit und Arbeitsmärkte andererseits zu werfen. Ein Ehrenamt setzt voraus, dass ich ein Amt ausübe – sei es z.B. als Vereinsvorsitzende oder als Schriftführer –, für das ich durch eine Wahl mandatiert wurde. Hingegen wird eine gemeinnützige Tätigkeit entweder in bürgerschaftlichem Engagement oder in Erwerbsarbeit ausgeübt. Das bürgerschaftliche Engagement beruht auf gegenseitigen Absprachen unter Gleichen, auf die ich mich freiwillig ohne Not einlasse und von denen ich mich aus freien Stücken zurückziehen kann. Erwerbsarbeit beruht hingegen auf vertraglichen Verpflichtungen zu Arbeitsleistungen einerseits und Vergütung andererseits; sie unterliegt der Notwendigkeit der Erwirtschaftung des Lebensunterhalts und findet in mehr oder weniger hierarchischen und sanktionsbefrachteten Kontexten statt. Der Missbrauch hat die Gemeinnützigkeit und das bürgerschaftliches Engagement in den vergangenen Jahren oftmals zu Etiketten verkommen lassen und Arbeitsverhältnisse prekarisiert und verdrängt. Zum einen treten unter der Titulierung „Social Profit“ Techniken der Gewinnanhäufung ins Zentrum dessen, was zuvor umfassend gemeinnützig war. Zum anderen werden Tätigkeiten aus gemeinnützigen Kontexten herausgelöst und in gewerblichen Kontexten zur Gewinnerzielung eingesetzt. Zum Dritten dienen Unternehmungen, die in früheren Zeiten anerkanntermaßen gemeinnützig waren, heutzutage in zunehmendem Maße der Gewinnsteigerung an Kapitalmärkten. In jedem Fall haben wir es – wie das sprachliche Gewand auch aussehen mag – weder mit einer veritablen Gemeinnützigkeit noch mit Kontexten zu tun, die bürgerschaftliches Engagement rechtfertigen. Unter dem Strich werden auf diese Weise zugleich reguläre Arbeitsplätze verdrängt und Arbeitsbedingungen prekarisiert. Reguläre Erwerbsarbeit droht auf vielfältige Weise verdrängt zu werden. Eine besondere Gefahr stellen die so genannten Arbeitsgelegenheiten und die Bürgerarbeit dar. Die verpflichteten Personen stehen unter dem Damoklesschwert der Existenzbedrohung durch Sanktionen. Ihr Einsatz oder ihre Weitervermittlung löst auf den Arbeitsmärkten prekarisierende und verdrängende Tendenzen aus – übrigens nicht nur gegenüber der Erwerbsarbeit, sondern auch gegenüber dem bürgerschaftlichen Engagement. Vielmehr ist eine auskömmliche Finanzierung für öffentliche Aufgaben und eine hinreichende Finanzierung aus öffentlichen Mitteln auch für gemeinnützige Tätigkeiten bzw. die Erstattung von Mehraufwendungen zu gewährleisten. Beim bürgerschaftlichen Engagement muss die Freiwilligkeit beachtet und geachtet werden; eine ökonomische Abhängigkeit ist auszuschließen. Zwischen Erwerbsarbeit und freiwilligen Tätigkeiten ist sorgfältig zu unterscheiden. Bürgerschaftliches Engagement muss gemeinnützigen Tätigkeiten in gemeinnützigen Kontexten vorbehalten bleiben. Mehraufwendungen sind zu erstatten, damit auch einfach bemittelte Bevölkerungskreise Zugang zu bürgerschaftlichem Engagement haben können.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Erwerbsarbeit und Engagement
Bernhard Jirku, ver.di-Bundesverwaltung

Präsentation

Erwerbsarbeit und Engagement
Arbeitsmarktpolitische Perspektiven
Bernhard Jirku

ver.di-Bundesverwaltung
Engagement-Arbeit-Zeit – Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit | Tagung 30.11.2010

Bernhard Jirku

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Engagement
Gute Tat / Freiwilligkeit Absprachen Gemeinnützig / / /

/

Erwerbsarbeit

Notwendigkeit der Existenzsicherung Sicherung des Lebensunterhalts Weisungsgebunden / Lebenshaltungskosten Eigennutz

Unkostendeckung

Bernhard Jirku

Merkmale des Missbrauchs des Engagements
Freiwillig oder ökonomisch abhängig ? Verkappte Erwerbsarbeit zum Lebensunterhalt ? Über Mini-Job oder Ehrenamtspauschale hineinbugsiert ? Gleicher „Arbeitgeber“ ? Gemeinnützig oder Gewinn bzw. „social profit“ orientiert ? Absprachen oder Weisungen unterwerfbar ?
Bernhard Jirku

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Aufwandspauschalen und Mini-Jobs
Übungsleiter-/Ehrenamtspauschale und Mehraufwand … Pauschalerstattung als verkappte Erwerbsarbeit (175-€-Job) ? Mini-Job als prekäre Beschäftigungsform (400-€-Job) … Ökonomische Abhängigkeiten oder freiwilliges Engagement? Mehrere oder nur ein „Auftrag-/Arbeitgeber“ …

Bernhard Jirku

… 0-Euro-Jobs …
1-€-Job als 0-€-Job … Alg-Praktika als 0-€-Job … „Ehrenamt“ als 0-€-Job … Aufwandspauschale … Mini-Jobs, geringfügig Beschäftigte, Aufstocker … Existenzen sichern …
Bernhard Jirku

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Existenzsicherung statt Lohndumping
Steuerliches Existenzminimum: ca. 640 € Soziales Existenzminimum: ca. 600 € - 800 € Mini-Job: 8,50 € x 47 Std./mtl. (10,5 Std./Wo.) = 399,50 € Vollzeit: 8,50 € x 151 Std./mtl. (35 Std./Wo) = 1.283,50 € Brutto: 1.280 € / „netto-Netto“: ca. 900 €

Bernhard Jirku

Lohndumping & Deprofessionalisierung
Ausnutzung des „sozialen Engagements“ ? Engagement – statt teuerer, qualifizierte Arbeitskräfte ? Mini-Jobs – statt existenzsichernder Arbeit … Frauen im Ehrenamt … Verdrängung regulärer Erwerbsarbeit …

Bernhard Jirku

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

– Exkurs 1 –

Gemeinnützig ? / Gewinnausschüttung ?
Von der Gemeinnützigkeit zur Gewinnabführung … Seniorenwohnheime … Pflegeheime … Krankenhäuser Soziale Einrichtungen

Bernhard Jirku

– Exkurs 2 –

… Finanzierungen …
Neoliberale Konzepte zu Gewinnen und Barmherzigkeit … CSR & Controlling bei gemeinnützigen Einrichtungen … Sozialversicherungen und soziale Sicherung … Staatsquoten und kommunale Finanzen …

Bernhard Jirku

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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– Exkurs 3 –

… soziale Jahre …
Welche Eltern können sich freiwillige soziale Jahre leisten ? Zivildienst – FSJ / Ehrenamt – „Übungsleiter“ Existenzsichernde Arbeit – FSJ – Ehrenamt … Tätigkeitsprofile FSJ: Verdrängung regulärer Arbeit ? Allen FSJ ermöglichen: existenzsichernd vergüten !

Bernhard Jirku

Bürgerschaftliches Engagement
Keine ökonomische Abhängigkeiten beim Engagement ! Trennung von „Arbeitgebern/Trägern“ (Doppelungsverbot) ! Gemeinnützige Tätigkeit und gemeinnütziger Träger ! Mehraufwandserstattung (ggf. als Pauschale) ! Jenseits von Erwerbsarbeitstätigkeiten ! Verdrängungsprozesse ausschließen !
Bernhard Jirku

72

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Engagement / Erwerbsarbeit
Tätigkeitscharakter wahren bzw. trennen:
entweder Engagement & Mehraufwandserstattung oder Mini-/Midi-/regulärer Job & Lohn

-

Doppelte Gemeinnützigkeit (Tätigkeit + Einrichtung) Veritables Engagement aus gesicherter Existenz Freiheit und Demokratie wahren

Bernhard Jirku

Vielen Dank

Bernhard Jirku

Engagement und Zeitpolitik

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Vereinbarkeitsfragen und Engagement im Lebenslauf: Ergebnisse des 3. Freiwilligensurveys
Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung Wie die aktuellen Jugendstudien (Jugendstudie der Metallrente 2010, Shell Jugendstudie 2010 und auch der Freiwilligensurvey von 2009) zeigen, wird der Wert der Familie und von Kindern bei jungen Frauen weiterhin höher geschätzt als bei jungen Männern. Da heute viele junge Frauen eine berufliche Karriere anstreben, ist die Spannung der Lebensoptionen Familie und Beruf höher als bei jungen Männern. Alle Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Engagement fördern, sind deswegen eine besondere Erleichterung für die jungen Frauen. Dennoch darf man nicht davon ausgehen, dadurch kurzfristig, aber auch nicht mittelfristig eine wirkliche kulturelle Angleichung der Geschlechterprofile erreichen zu können. Das widerspricht jedoch nicht der Forderung nach einer materiellen Angleichung zwischen Männern und Frauen. Die geringere Bezahlung von Frauen (auch bei gleicher Qualifikation und Arbeitszeit) und die Ungleichheiten bei der Altersversorgung widersprechen den Werten unserer Gesellschaft und müssen verringert werden.

Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Lebensphasen und Engagement im Spiegel der Geschlechterdifferenz
Sibylle Picot, selbständige Sozialforscherin Mit dem 3. Freiwilligensurvey überblickt man inzwischen eine Dekade Zivilgesellschaft. Während man bei anderen Fragestellungen und Ergebnissen des Freiwilligensurveys durchaus Wandel abbilden kann, hat man bei der geschlechtsspezifischen Analyse zunächst den Eindruck, dass sich kaum etwas ändert. Genauer gesagt erscheint freiwilliges Engagement als ein Phänomen, an dem man die Beharrungstendenz geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Lebenslagen, Lebenspläne und Rollen aufzeigen kann. Die „Stabilität“ der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Ergebnisse im Zeitverlauf lässt Rückschlüsse auf die Persistenz zu, mit der diese Unterschiede sich in den zivilgesellschaftlichen Strukturen und im Bewusstsein der Akteure/innen halten. Dennoch können wir an einzelnen UntersuGrafik 11 Grafik

chungsgruppen auch Anzeichen von gesellschaftlichem Wandel erkennen, ablesbar an dem Maß, in dem Männer und Frauen verschiedenen Alters und in unterschiedlichen Lebensphasen sich freiwillig engagieren und aktiv teilnehmen. Der gebotenen Kürze der Darstellung an dieser Stelle ist geschuldet, dass vor allem Veränderungen der so genannten Engagementquote für verschiedene Analysegruppen in den Blick genommen werden. Die wichtigste Übersicht zu diesem Thema ist sicherlich diejenige, in der das freiwillige Engagement bei Männern und Frauen anhand des jüngsten Freiwilligensurveys altersspezifisch aufgeschlüsselt in den Blick genommen wird (Grafik 1).

Freiwillig Engagierte nach 13 Altersgruppen: Männer und Frauen 2009 Freiwillig Engagierte nach 13 Altersgruppen: Männer und Frauen 2009
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %)

Männer
45 40 35 37 41 38 39 43 43 45 42 38 37 39 40 40 36 30 32 37

Frauen

28

29

30

25

24 18

14-19 20-24 25-29 30-34 35-39 40-44 45-49 50-54 55-59 60-64 65-69 70-74
Fehlende zu 100%: Aktive, Nicht-Aktive

75+

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Zunächst fällt auf, dass in nahezu jedem Le- ner freiwilliges Engagement mit den Aktibensalter Frauen weniger häufig engagiert vitäten der eigenen Kinder in Kindergarten, sind als Männer. Das freiwillige Engage- Schule oder Sportverein, kombinieren also ment von Männern unterliegt in viel gerin- quasi ihr familiäres Engagement mit dem zigerem Maß altersspezifischen Schwankun- vilgesellschaftlichen. Gegen Ende der Famigen. Dagegen variiert die Engagementquote lienphase geht bei Frauen das Engagement von Frauen stark je nach Lebensphase. Sie deutlich zurück, um dann zwischen 60 und ist, wie wir schon in den vergangenen Sur- 70 Jahren nochmals einen größeren Stellenveys nachwiesen, in hohem Maße von ihrer wert zu bekommen. Im Alter verringert sich Rolle in der Familie und der Vereinbarkeit das Engagement früher und stärker als bei von Familie und Erwerbstätigkeit beein- Männern. Freiwilliges Engagement wird je flusst. Während weibliche Jugendliche noch nach Alter also ganz unterschiedlich in das in hohem Maße engagiert sind, 2009 sogar Leben von Männern und Frauen integriert1. häufiger als männliche Jugendliche, beginnt ab dem Alter von 20 eine Zeit der Konzen- An der unterschiedlichen Beteiligung von tration auf den beruflichen Werdegang und Männern und Frauen hat sich in den letzten das Engagement spielt eine sehr viel ge- zehn Jahren über alle Altersgruppen hinweg ringere Rolle. In der Familienphase verbin- betrachtet im Grunde nichts geändert (Graden Frauen und immer häufiger auch Män- fik 2).

Grafik 22 Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Männern und Frauen Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Männern und Frauen 1999 – 2004 – 2009 1999 – 2004 – 2009
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Männer
32 28 26 36

Frauen
33 31

Nicht Aktive Aktive (ohne frw. Eng.)

29

33

34 34 35

37

Freiwillig Engagierte

38

39

40 30 32 32

1999

2004

2009

1999

2004

2009

1 Vgl.

auch Gensicke /Geiss 2010 und Picot 2011.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Das freiwillige Engagement der Männer stieg kontinuierlich an, das der Frauen von 1999 auf 2004. Frauen sind zu einem höheren Prozentsatz öffentlich aktiv, ohne dabei Aufgaben im Rahmen eines freiwilligen Engagements zu übernehmen2. Dieser Anteil der „nur“ Aktiven ist bei Frauen und Männern gestiegen, bei Männern noch etwas

deutlicher. Bei ihnen ist ein geringerer Prozentsatz nicht aktiv, also in keinerlei öffentliche Aktivitäten eingebunden. Grafiken 3a und 3b zeigen die Entwicklung aufgeschlüsselt nach vier Altersgruppen, und hier lassen sich nun doch einige Entwicklungen erkennen.

Grafik 3a Grafik 3a

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Männern in vier Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Männern in vier Altersgruppen 1999 und 2009 Altersgruppen 1999 und 2009
Bevölkerung im Alter ab14 Jahre (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahre (Angaben in %) 1999
26

2009
22

1999

2009
25

1999

2009

1999

2009

32

29

28 42

30

34

41

31 28

26

30 28

Nicht Aktive
34

Aktive (ohne frw. Engag.) Freiwillig Engagierte

40

37

40

44

45

42 30

36

14-30 Jahre

31-45 Jahre

46-59 Jahre

60 Jahre und älter

2 Zum Erhebungskonzept und zur Terminologie des Freiwilligensurveys vgl. die einleitende Präsentation von Thomas Gensicke in diesem Band.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Bei den jungen Männern bis 30 Jahre ging das Engagement von hohem Niveau aus relativ deutlich zurück, dagegen stieg die Zahl der „nur“ Aktiven. (Auf mögliche Ursachen hierfür wird später eingegangen.) In den beiden mittleren Altersgruppen verzeichnen wir unterschiedliche Entwicklungen. Männer zwischen 30 und Mitte 40 sind häufiger engagiert und aktiv als vor 10 Jahren. Das ist zu einem guten Teil auf das vermehrte Engagement der Väter in dieser Altersgruppe zurück zu führen, deren Engagementquote

2009 extrem hohe 50% betrug. Bei den Männern ab Mitte 40 bis unter 60 Jahren verschob sich die Relation zwischen Engagement und Aktivität ohne Übernahme von Aufgaben zuungunsten des Engagements. Für dieses bleibt Männern ab 60 noch Zeit, denn Engagement und Aktivität werden ab diesem Alter viel stärker beibehalten, was im Übrigen eine Betrachtung über alle drei Erhebungszeitpunkte nach Alterskohorten bestätigt (Gensicke/ Geiss 2010).

Grafik 3b Grafik 3b

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Frauen in vier Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Frauen in vier Altersgruppen 1999 und 2009 Altersgruppen 1999 und 2009
Bevölkerung im Alter ab14 Jahre (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahre (Angaben in %) 1999 2009 1999 2009 1999 2009 1999 2009

31

29

30

28

36

30 48

35

40

40

34

34 31

Nicht Aktive
34 38 31

Aktive (ohne frw. Engag.) Freiwillig Engagierte

29

31

36

38

33

36 21

27

14-30 Jahre

31-45 Jahre

46-59 Jahre

60 Jahre und älter

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Was öffentliche Aktivität und freiwilliges Engagement von Frauen angeht, so zeigen sich im Vergleich zu 1999 für die älteren Altersgruppen deutlichere Entwicklungen. Das Engagement nahm in allen Altersgruppen unter 60 Jahren relativ gleichmäßig zu. Ab Mitte 40 zeigt sich eine Zunahme der Aktivität generell, also der Aktivität mit und ohne freiwilliges Engagement. Bemerkenswert ist die Entwicklung bei Frauen ab 60 Jahren, die in viel stärkerem Maß als früher öffentlich aktiv sind und sich auch deutlich häufiger engagieren. Allerdings bleibt ihre

Engagementquote nach wie vor weit unter der gleichaltriger Männer. Grafik 4 illustriert, dass Frauen, wenn sie sich freiwillig engagieren, deutlich weniger Zeit auf ihr Engagement verwenden. Erheblich häufiger gehen sie nur bis zu 2 Stunden pro Woche ihrem freiwilligen Engagement nach. Frauen scheinen stärker unter Druck, verschiedene Aufgaben in unterschiedlichen Lebensbereichen zu vereinbaren, denen sie dann vor freiwilligem Engagement der Vorrang geben bzw. geben müssen.

Grafik 44 Grafik

Zeitaufwand für freiwilliges Engagement pro Woche nach Geschlecht Zeitaufwand für freiwilliges Engagement pro Woche nach Geschlecht
2009 2009
Freiwillig Engagierte (Angaben in %) Freiwillig Engagierte (Angaben in %)

Bis zu 2 Stunden pro Woche 3 bis 5 Stunden pro Woche 6 bis 10 Stunden pro Woche 11 bis 15 Stunden pro Woche Über 15 Stunden pro Woche Unregelmäßig
5 4 6 4 4 7 20 13

31 42 34 30

Männer Frauen

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Wenig geändert hat sich ebenfalls an den geschlechtsspezifischen Präferenzen für bestimmte Tätigkeitsfelder. Dieser Punkt sei hier nur kurz erwähnt. Die Betrachtung der folgenden beiden Tabellen vermittelt eine recht klischeehafte Botschaft im Hinblick auf die bei Männern und Frauen jeweils beliebteren Betätigungsfelder. Grafik 5a zeigt die Tätigkeitsfelder, in denen das männliche Engagement überwiegt. Das sind im Übrigen die meisten Tätigkeitsfelder, aber es gibt doch spezifische Männerdomänen. Insbesondere der Sportbereich fällt quantitativ sehr ins Gewicht, denn hier sind mit

Abstand die meisten Menschen engagiert, woraus sich in der Durchschnittsbetrachtung die stärkere Engagementbeteiligung von Männern recht weitgehend erklärt. In Grafik 5b sind als „Frauenbereiche“ diejenigen Bereiche bezeichnet, in denen mehr Frauen als Männer engagiert sind. Die Aufteilung spricht für sich. Alles in allem geht es um stärker „sachbezogene“ versus stärker „menschenbezogenen“ Engagementfelder, was in Einklang steht mit der stärkeren Betonung der sozialen Motivation bei weiblichen Engagierten.

Grafik 5a Grafik 5a

Freiwilliges Engagement in 10 Bereichen („Männerbereiche“) 2009 Freiwilliges Engagement in 10 Bereichen („Männerbereiche“) 2009
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %, Mehrfachnennungen) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %, Mehrfachnennungen)

Sport und Bewegung Kultur und Musik Freizeit und Geselligkeit FFW und Rettungsdienste Politik Natur- und Umweltschutz Jugendarbeit und Erwachsenenbildung Berufliche Interessenvertretung Lokales Bürgerengagement Justiz und Kriminalität
1,1 1,7

7,1 5,5 4,9 5,4 3,8 5,2 3,8

13,4

Mäner Frauen

3 2,6 2,9 2,3 2,6 1,0 2,9 1,3 0,9 0,5

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

81

Grafik 5b Grafik 5b

Freiwilliges Engagement in 4 Bereichen („Frauenbereiche“) 2009 Freiwilliges Engagement in 4 Bereichen („Frauenbereiche“) 2009
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %, Mehrfachnennungen) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %, Mehrfachnennungen)

Kindergarten und Schule

5,9 7,8 5,9 6,9

Religion und Kirche

Männer Frauen

Sozialer Bereich
1,9 2,4

4,6 5,8

Gesundheit

Nun ist gegen geschlechtsspezifische Präferenzen sicher nichts einzuwenden und die implizite Erwartung, diese Präferenzen müssten sich mit der Zeit angleichen, ist nur dort diskussionswürdig, wo es um Benachteiligung geht. In dieser Hinsicht lässt ein anderes Ergebnis aufhorchen. Seit 1999

wissen wir, dass Frauen erheblich seltener Vorstandsämter und leitende Funktionen im freiwilligen Engagement ausüben. Die Zahl der Frauen in solchen Funktionen ist in den Jahren zwischen 1999 und 2009 nun nochmals von niedrigem Niveau aus zurückgegangen, wie Grafik 6 verdeutlicht.

Grafik 66 Grafik

Freiwillig engagierte Männer und Frauen in Vorstands- und Leitungsfunktionen Freiwillig engagierte Männer und Frauen in Vorstands- und Leitungsfunktionen
Freiwillig Engagierte im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Freiwillig Engagierte im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Männer
56 57 61 69

Frauen
74 76

Nicht in Leitungsfuntion In Leitungsfunktion
44 43 39 31 26 24

1999

2004

2009

1999

2004

2009

82

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Generell ging die Zahl der engagierten Personen, die angaben, eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion inne zu haben, im Zeitverlauf zurück. Man kann als Zeichen dafür werten, dass sich Strukturen geändert haben, und es weniger „Vorstandsämter“ und „leitende Funktionen“ gibt. Hier interessiert jedoch besonders die quantitative Relation von Männern und Frauen in Leitungs- und Vorstandsfunktionen. Während 39% der engagierten Männer in leitenden Funktionen tätig sind, ist das nur bei 24% der Frauen der Fall, die Schere hat sich in den 10 Jahren von 1999 bis 2009 weiter geöffnet. Diese Entwicklung ist durchaus kontraintuitiv, bedenkt man wie siegesgewiss die vollzogene Gleichberechtigung zumindest in Medien und öffentlicher Meinung, teilweise auch in der Politik gefeiert wird. Kaum anders sieht das übrigens bei jungen Frauen und Männern aus. Bei den 14- bis 30-Jährigen sind 32% der freiwillig engagierten Männer versus 23% der engagierten Frauen in Vorstands- und Leitungsfunktionen. Eine Angleichung hat auch hier nicht stattgefunden. Vielleicht liegt gerade bei berufsorientierten jungen Frauen die Vermutung nahe, sie wollten sich nicht mit klassischen Ehrenämtern oder mit „Vorstandsposten“ belasten. Insgesamt betrachtet geht es aber wohl doch eher um eine unterschwellige Benachteiligung, um Vorurteile in den Köpfen von Männern und Frauen, die bewirken, dass zum Beispiel im Sportbereich die Vorstände fast grundsätzlich in Männerhand sind. Frauen, die Ehrenämter und leitende Funktionen im freiwilligen Engagement ausüben, haben in alle Regel einen hohen Bildungsstatus, bei Männern reicht hier durchaus auch schon ein einfacher Bildungsstatus (Picot/ Gensicke 2006). Wir haben es hier mit einer zeitverzögerte Bewusstseinsbildung bzw. einer Zeitverzögerung in der Wahrnehmung von Akteuren im zivilgesellschaftlichen Bereich, beispielsweise in Vereinen zu tun; gemeint sind zi-

vilgesellschaftliche Strukturen zwischen privatem Bereich und Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. Hier scheint eine Anpassung an das überfällig zu sein, was in Bezug auf die Gleichstellung der Frau zumindest als Forderung in Politik, Verwaltung, Universitäten und Teilen der Wirtschaft schon länger existiert, teils auch in Maßnahmen übersetzt wurde und Erfolge zeitigt. Die Tatsache, dass Frauen im freiwilligen Engagement seltener leitende Funktionen ausüben, kann wie schon angedeutet auch mit der Beanspruchung durch ihre Funktion in der Familie und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zusammenhängen. Damit sind wir wieder bei der Frage, warum das Engagement von Männern und Frauen generell und besonders in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich stark ausgeprägt ist und sich in so unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern abspielt. Diese Frage kann transparenter gemacht werden, wenn wir uns die traditionell unterschiedlichen Leistungen und Rollen einerseits im Rahmen ökonomischer Lebenssicherung und andererseits im Rahmen familialer Fürsorge vor Augen führen. Traditionell hatten und haben teilweise heute noch Männer als Hauptverantwortliche der ökonomischen Lebenssicherung eine stärkere Rolle im Rahmen des ökonomischen Generationenvertrages. Frauen dagegen übernahmen oder übernehmen zumeist stärker Aufgaben im Rahmen eines familialen Generationenvertrages, wozu nicht nur die Versorgung und Erziehung der Kinder sondern auch die Sorge für alte Familienangehörige zählt3. Ein solcher familialer oder „reproduktiver“ Generationenvertrag beruht auf einer informellen, tradierten Übereinkunft und dem Selbstverständnis der Akteure in Familien. (Picot 2004 sowie Geiss/ Picot 2009) Gerade auf die nachwachsenden mittleren Generationen kommt hier im Zuge des demografischen Wandels eine immer stärkere Beanspruchung zu.

3 Aus der Sicht der mittleren Generation gesehen heißt das: Man gibt den Eltern ihre einstige Fürsorge zurück und hofft selbst als alter Mensch einmal von den Kindern unterstützt zu werden.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

83

Zivilgesellschaftliche Leistungen und Leis- Anhand der Daten des nunmehr dritten Freitungen im Rahmen der Fürsorge in Familien willigensurveys lässt sich im Zeitvergleich überschneiden sich teilweise und beziehen zeigen, dass Väter stärker in die Betreuung sich aufeinander. Selbstverständlich eröff- ihrer Kinder eingebunden sind. 2009 sagen nen die unterschiedlichen Schwerpunkte in erheblich mehr Männer, dass sie zumindest den übernommenen ökonomischen und fa- „teilweise“ hierfür zuständig seien. Außermilialen Aufgaben von Männern und Frauen dem übernehmen sie vermehrt Aufgaben unterschiedliche Gelegenheiten, sich zu en- im Rahmen freiwilligen Engagements, was gagieren und dies variiert nach dem Lebens- zum Teil eigenen Kindern zugutekommt. alter. Die Fokussierung auf den beruflichen Gleichzeitig geben mehr Mütter an, die Bereich eröffnet logischerweise andere Ge- Betreuung der Kinder sei nicht mehr auslegenheiten, sich auch zivilgesellschaftlich schließlich, sondern nur „teilweise“ ihre Aufzu engagieren als die Ausrichtung auf Kin- gabe. Parallel dazu nimmt die Zahl der Mütdererziehung und die Pflege von Familien- ter, die sich engagieren, leicht zu und die angehörigen. In dem Maße wie Gender- Zahl der erwerbstätigen Mütter, die neben rollen sich wandeln, ändern sich auch die Beruf und Familie noch Zeit für freiwilliges lebensweltlichen Bezüge und Möglichkeiten Engagement aufbringen, wächst ebenfalls. der zivilgesellschaftlichen Teilhabe. (Dies wird im Folgenden genauer gezeigt.) Zu einer Überschneidung von zivilgesellschaftlichen Leistungen und Leistungen im Rahmen der reproduktiven Fürsorge kommt es z.B. beim freiwilligen Engagement von Vätern und Müttern. Dieses Engagement ist oft auf die Aktivitäten der eigenen Kinder ausgerichtet, was es ja nicht weniger nützlich für die Allgemeinheit macht. 2009 gaben 33% der engagierten Männer und 37% der engagierten Frauen an, ihr Engagement diene Kindern und Jugendlichen. Auf die Nachfrage an diese Teilgruppe, ob es dabei auch um ihre eigenen Kinder gehe, sagten knapp 70% der Frauen und über die Hälfte der Männer (56%), das sei der Fall. Der Einwand, Eltern würde hier oft nur notgedrungen einspringen, damit Angebote überhaupt zustande kämen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Neben den bekannten geschlechtsspezifischen Charakteristika des Engagements von Männern und Frauen erkennen wir also anhand des Datenmaterials auch gewisse Zeichen für einen Wandel in der geschlechtsspezifischen Rollenaufteilung und Rollenwahrnehmung. Unterschiedliche Lebensphasen bieten Männern und Frauen unterschiedliche Bezüge zum zivilgesellschaftlichen Bereich. Bisher standen bei dieser Betrachtung schwerpunktmäßig die geschlechtsspezifisch differierenden Rollen in der Familie im Vordergrund. Die folgenden Daten beziehen sich zusätzlich auf die Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen und komplettieren somit das Bild. Was die Erwerbstätigkeit betrifft, so kann man ebenfalls von einer phasenweise unterschiedlichen Inanspruchnahme ausgehen. Gleichzeitig ist auch die Erwerbstätigkeit als „Gelegenheit“ zu sehen, im nicht-privaten, also halböffentlichen und öffentlichen Umfeld Kontakte zu knüpfen, sich zu vernetzen, Aktivitäten zu beginnen und unentgeltliche Aufgaben zu übernehmen, die sich eventuell auf die Berufstätigkeit beziehen oder aus ihr ergeben.

Die primäre Erwartung, das Engagement nehme ab, wenn erst einmal Kinder da seien, ist definitiv falsch. Kinder sind ein Anlass zum Engagement, weil sie sehr häufig aktiv sind, meist in Kontexten, in denen etwas gelernt wird und Fähigkeiten erworben und trainiert werden. Die Eltern kommen dadurch mit zivilgesellschaftlichen Strukturen in Berührung, sie erhalten die „Gelegenheit“ zum Engagement als Neueinstieg oder Wie- Bereits in der Vorerwerbsphase kann man dereinstieg. eine geschlechtsspezifisch unterschiedliche

84

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Fokussierung auf den Beruf und entsprechende Auswirkungen auf das Ausmaß des freiwilligen Engagements konstatieren, worauf später noch eingegangen wird. Die größte Zeitspanne im Leben – wenn auch mit zunehmender Lebenserwartung eine relativ geringere - ist der erwerbstätigen Arbeit gewidmet. Für Männer und

Frauen, die erwerbstätig sind, ist dies sehr häufig eine Zeit der Mehrfachbelastung. Grafik 7 zeigt zunächst, wie Aktivität und Engagement in der erwerbstätigen Bevölkerung insgesamt verbreitet sind und was sich hier im Zeitverlauf änderte. Hierbei geht es um die Befragten im Alter zwischen 14 und 65 Jahren, aufgeteilt in drei Altersgruppen.

Grafik 77 Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Erwerbstätigen in Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Erwerbstätigen in verschiedenen Lebensphasen verschiedenen Lebensphasen
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

14 bis 30 Jahre
29 27 31

31 bis 45 Jahre
31 27 25

46 bis 65 Jahre
30 25 26

Nicht Aktive Aktive (ohne frw. Engag.)

37

41

39

31

33

33

30

32

33

Freiwillig Engagierte

34

38 32 30

40

42

40

43

41

1999 2004

2009

1999 2004

2009

1999 2004

2009

Das freiwillige Engagement bei Erwerbstätigen ist alles in allem (man bedenke die massiven Unterschiede nach Art der Erwerbstätigkeit) relativ hoch, es ist höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Bei den mittleren Jahrgängen hat das Engagement zugenommen, blieb in der älteren Gruppe in etwa stabil und nahm nur in der Gruppe der 14- bis 30-Jährigen ab, was auch für die öffentliche Aktivität ohne zusätzliches Engagement gilt. Das geht überein mit den bei jungen Menschen generell leicht zurückgehenden Zahlen. Hierfür gibt es eine Anzahl von Gründen, z. B. zunehmenden Zeitdruck

in der Ausbildung (Picot 2011). Man kann auch einen Zusammenhang mit gestiegener Mobilität feststellen. Bereits die 14- bis 30-Jährigen leben 2009 erheblich seltener seit Geburt am selben Wohnort als 1999. Das beruht wohl häufig auf einem Umzug der Eltern. Bei der recht flexiblen und anpassungsbereiten derzeitigen jungen Generation kann man aber auch von vermehrter Bereitschaft ausgehen, zugunsten besserer Ausbildungs- und Berufschancen den Wohnort zu wechseln. Ein Wohnortwechsel bedeutet, dass bestehendes freiwilliges Engagement aufgegeben wird und ein neuer

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

85

Zugang zu Aktivitäts- und Engagementmöglichkeiten bzw. zu zivilgesellschaftlichen Strukturen erst einmal wieder hergestellt werden muss. Bei zunehmend weniger langer Ansässigkeit am Wohnort, sinkt die Engagementquote erheblich. Ab dem mittleren Alter sind erwerbstätige Menschen häufig soweit „gesettelt“ und vernetzt, dass sie vielfältige Möglichkeiten für Aktivität und En-

gagement kennen und Gelegenheiten und Zugangsmöglichkeiten zum Engagement haben. Über die drei Erhebungszeitpunkte sehen wir eine kontinuierliche Zunahme des Engagements in der mittleren Altersgruppe erwerbstätiger Menschen. Bei älteren Engagierten zeichnet sich im Zeitverlauf zwar eine leicht vermehrte Aktivität, insgesamt aber keine eindeutige Entwicklung ab.

Grafik 88 Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Männern und Frauen Männern und Frauen
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

Männer
29 26 25 33

Frauen
28 28

Nicht Aktive Aktive (ohne frw. Eng.) Freiwillig Engagierte

28

32

32 35

35

35

43

42

43 32 37 37

1999

2004

2009

1999

2004

2009

Nach Erwerbstätigkeit und Geschlecht betrachtet (Grafik 8) zeigt sich wiederum, dass erwerbstätige Frauen sich weniger häufig engagieren, bei ihnen ist aber, anders als bei den Männern, die Zahl der Engagierten zwischen 1999 und 2004 gestiegen und

blieb dann stabil. Die Differenz zwischen erwerbstätigen Männern und Frauen in Bezug auf das Engagement ist leicht zurückgegangen. Angeglichen haben sich auch die Anteile der nicht öffentlich aktiven Männer und Frauen4.

4

Zu den Unterschieden zwischen Vollzeit- und Teilzeiterwerbstätigen vgl. den Beitrag „Engagement und Erwerbsarbeit) von Thomas Gensicke in diesem Band.

86

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Grafik 99 Grafik

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Männern und Frauen in verschiedenen Lebensphasen erwerbstätigen Männern und Frauen in verschiedenen Lebensphasen
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

14 bis 30 Jahre Männer
26 27

31 bis 45 Jahre Männer
31 24

46 bis 65 Jahre Männer
27 25

Frauen
34 34

Frauen
30 26

Frauen
34 27

Nicht öffentlich Aktive Aktive (ohne frw. Eng.)

32

40 42 38

31 28 35

35

27

31 33

35

Freiwillig Engagierte

42 33 24 28

41

45 35 39

46

44 33 38

1999 2009 1999 2009

1999 2009 1999 2009

1999 2009 1999 2009

Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt (Gra- nahme des Engagements bei den Frauen fik 9) erkennt man, dass das Engagement auf. Insgesamt betrachtet kann man sagen, junger erwerbstätiger Männer bis 30 stark dass erwerbstätige Frauen verstärkt in öfzurückging, wogegen die Zahl der Aktiven fentliche Aktivitäten und Freiwilligenarbeit wuchs. Bei den jungen Frauen verhält es einbezogen sind, eine Tendenz die ab dem sich spiegelbildlich. Die jungen Männer star- mittleren Alter zunimmt. Über alle Altersten von extrem hohem, die jungen Frauen gruppen erwerbstätiger Männer und Frauen von extrem niedrigem Engagementniveau, erkennt man im Zeitverlauf eine Annäheund letztere sind daher auch 2009 trotz einer rung der Werte, die wesentlich auf einem gewissen Steigerung nur sehr selten enga- „Aufholen“ der Frauen beruht. giert. Im mittleren Alter ging bei Männern und Frauen die Zahl der Nicht-Aktiven zu- Eine Zunahme des Engagements bei gleichrück. Bei den Männern beruht das auf mehr zeitiger Angleichung der Quoten zeigt sich Aktivität und Engagement, bei den Frauen auch bei erwerbstätigen Männern und nahm nur das Engagement zu. Bei den äl- Frauen, wenn man nach Haushaltsgröße difteren Erwerbstätigen fällt vor allem die Zu- ferenziert, wie in Grafik 10 dargestellt.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

87

Grafik 10 Grafik 10

Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Freiwillig Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei erwerbstätigen Männern und Frauen nach Haushaltsgröße Männern und Frauen nach Haushaltsgröße
Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung im Alter ab14 Jahren (Angaben in %)

1999
Männer
34 29 33 23 35

2009
Frauen
33 33 31 31

Männer
29 24 17 31

Frauen
32 28 20

Nicht Aktive Aktive (ohne frw. Eng.) Freiwillig Engagierte

30 27 32 30 27 39 50 41 34 26 27 40 30 41 33 39 44 28 33 35 40 36 28 36 32 32 41 53 35 37

30

50

1

2

3

4

1

2

3

4

1

2

3

4

1

2

3

4

Personen

Personen

Personen

Personen

In Singlehaushalten sieht man die niedrigsten Engagementquoten, und das Engagement ist deutlich häufiger bei drei und vier Personen im Haushalt. Das kann man pauschal betrachtet als Zeichen für die soziale Bindekraft von Familien interpretieren. Denn Haushalte mit mehr als zwei Personen sind in aller Regel Haushalte mit Kindern und bei den erwachsenen Erwerbstätigen im Haushalt handelt es sich zumeist um Mütter und Väter. Dies bestätigen Zählungen, die genauer nach dem Alter der befragten Personen im Haushalt unterscheiden und in die Auswertung die Frage einbeziehen, ob es sich bei den Personen im Haushalt um Kinder unter 14 Jahren handelt5. Insofern ist die Grafik so zu verstehen, dass Kinder - und hier ist der Plural zu beachten - das Engagement der erwerbstätigen Eltern deutlich steigern und dass diese Tendenz im Zeitvergleich stark zugenommen hat6. Sowohl bei erwerbstätigen Frauen als auch bei erwerbs5 Die 6 Vgl.

tätigen Männern ist die Zunahme des Engagements mit der Haushaltsgröße deutlich zu sehen, bei Frauen fällt der Unterschied zwischen 3- und 4 Personenhaushalten noch deutlicher aus. Auffallend ist außerdem das im Zeitvergleich häufigere Engagement bei Erwerbstätigen in 4-Personen-Haushalten. Die Steigerung ist besonders stark bei den Frauen (bzw. Müttern), die zu den erwerbstätigen Männern (bzw. Vätern) aufschließen. Dies verweist uns wieder auf die Vereinbarkeitsproblematik der stark belasteten Elterngeneration, also von erwerbstätigen Vätern und Müttern, die in der Familie ihren Part spielen und zunehmend im Rahmen der Zivilgesellschaft Aufgaben übernehmen. Diese Belastung zu bedenken, ist aus engagementpolitischer Sicht wichtig. Aus sozialforscherischer Sicht muss man die Merkmale „erwerbstätig“ und „großer Haushalt“ oder „Kinder im Haushalt“ weniger als zeit-

detaillierteren Aufschlüsselungen würden hier den Rahmen der Darstellung sprengen. hierzu auch die genauere Auswertung der ersten beiden Freiwilligensurveys zum Engagement von Eltern von Geiss/ Picot 2009.

88

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

kritische und damit potenziell Engagement verhindernde Faktoren sehen, sondern eher unter dem Aspekt vermehrter Gelegenheiten und Anstöße zum Engagement. Von großer Bedeutung für das Zustandekommen von freiwilligem Engagement sind wie erwähnt die Kontakte und Netzwerke, die über den rein privaten Bereich hinausgehen. Das wird ähnlich auch an verschiedenen Stellen des Hauptberichts zum 3. Freiwilligensurvey angesprochen (Gensicke/ Geiss 2011). Insgesamt beobachten wir ja im Freiwilligensurvey seit 1999 eine Entwicklung zu vermehrtem Engagement, und die bisherigen Überlegungen zu verändertem geschlechts-

spezifischem Rollenverständnis machten sich alle an häufigerem Engagement in bestimmten Untersuchungsgruppen fest. Eine Abnahme des freiwilligen Engagements kann man für junge Menschen bis 30 Jahre konstatieren. Genauer gesagt geht es um männliche Jugendliche und junge Männer von 14 bis 30 Jahre und um junge Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Grafik 11 schlüsselt die Altersgruppe junger Menschen zwischen 14 und 30 Jahren geschlechtsspezifisch auf und zeigt die Entwicklung von Aktivität und Engagement für unterschiedliche Altersstufen im Zeitvergleich.

Grafik 11 Grafik 11

Freiwillige Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei jungen Freiwillige Engagierte, öffentlich Aktive und nicht Aktive bei jungen Männern und Frauen Männern und Frauen
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) 1999 2009
21 14 25

1999 2009
20

1999 2009
26 24

1999 2009

1999 2009
25 26

1999 2009
29

33

37

36

38

51 41

43

32

36 37 35

34

Nicht Aktive
36 41 41

Aktive (ohne frw. Engag.) Freiwillig Engagierte

41

35

34

37

42

40

30

28

41

38

23

30

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

14-19 Jahre

20-24 Jahre

25-30 Jahre

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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In der jüngsten Altersgruppe ging das freiwillige Engagement männlicher Jugendlicher von sehr hohem Niveau aus leicht zurück, dafür stieg der Anteil der aktiven männlichen Jugendlichen, die sich aber nicht freiwillig engagieren. Bei den weiblichen Jugendlichen unter 20 dagegen nahm der Anteil der Engagierten zu. Sie waren damit häufiger engagiert als die männlichen Jugendlichen und auch die Zahl der Aktiven nahm zu. Allerdings waren immer noch mehr weibliche als männliche Jugendliche nicht aktiv. Ab 20 Jahren ist der Anteil engagierter junger Frauen dann erheblich niedriger. Die Engagementquote bricht regelrecht weg von 37% bei den Unter-20-Jährigen auf 28% bei den 20- bis 24-Jährigen. Dieser Anteil ist seit 1999 von niedrigen 30% nochmals zurückgegangen. Auch der Anteil der „nur“ aktiven jungen Frauen zwischen 20 und 24 nahm leicht ab. Die Zahl der männlichen Engagierten in dieser Altersgruppe verringerte sich ebenfalls geringfügig, aber es waren mehr Jugendliche aktiv. Wie in den beiden anderen Altersgruppen verzeichnen wir auch für die jungen Männer zwischen 25 und 30 Jahren einen Rückgang des Engagements, wiederum von sehr hohem Niveau aus. Dagegen stieg der Anteil der weiblichen Engagierten in dieser Altersgruppe von ehemals extrem niedrigen 23% auf nunmehr 30% und damit glichen sich die Engagementquoten hier ein wenig an. Bei dem generellen leichten Rückgang des Engagements von Jugendlichen sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. Auf die gewachsene Mobilität junger Menschen (bzw. die geringere Dauer der Ansässigkeit) und die damit verbundenen Konsequenzen für das freiwillige Engagement wurde be-

reits eingegangen. Im Übrigen ist der Faktor Zeitknappheit bei verkürzten Ausbildungszeiten und sicherlich auch die häufige Sorge junger Menschen um eine stabile berufliche Basis zu nennen. Das betrifft sowohl junge Männer wie junge Frauen, allerdings sind die Ängste weiblicher Jugendlicher vor Arbeitslosigkeit und Jobverlust noch ausgeprägter. Gleichzeitig haben sie bereits viel stärker als männliche Jugendliche im Blick, dass sie einmal Kinder haben möchten (Shell Jugendstudien 2006 und 2010). Vor der Familienphase wollen junge Frauen quasi „ihr Schäfchen ins Trockene bringen“ was den , beruflichen Werdegang betrifft. Das ist wohl auch vielfach ein Hinderungsgrund für Engagement. Junge Frauen, die sich engagieren, verwenden auch viel weniger Zeit auf ihr Engagement als junge Männer, was sich 2009 noch deutlicher als zuvor zeigt. Außerdem sähen sie es gern, wenn das Engagement auch einen Nutzen für die berufliche Entwicklung hätte7. Generell erwarten sich jüngere Menschen unter 30 Jahren eher einen beruflichen Nutzen von ihrem freiwilligen Engagement. Grafik 12 zeigt das besonders für die jungen Frauen, die sich „voll und ganz“ oder „teilweise“ einen beruflichen Nutzen aus dem Engagement versprechen. Dies beschäftigt sie deutlich stärker, aber nur bis zum Alter von 30 Jahren. Dann stehen offenbar andere Ziele und Motive im Vordergrund, und es kommt vielleicht auch zu einer zunehmend realistischen Einschätzung möglicher Querverbindungen. Man kann alles in allem sagen, dass wir es bei den jungen Frauen mit einer Art Vorwegnahme der Vereinbarkeitsproblematik zu tun haben (Picot 2011).

7 Andere

Auswertungen des 3. Freiwilligensurveys zeigen im Zeitvergleich eine Zunahme interessenorientierter Motive bei jungen Engagierten, aber auch eine Zunahme gemeinwohlorientierter Motive, während die „Spaß-“ bzw. Geselligkeitsorientierung abnahm. Vgl. Gensicke/ Geiss 2010 und Picot 2011.

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Grafik 12 Grafik 12

Engagementmotiv „Beruflicher Nutzen“ (Geschlecht in 4 Altersgruppen) Engagementmotiv „Beruflicher Nutzen“ (Geschlecht in 4 Altersgruppen)
2009 2009
Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %) 14 19
34

20 24
45

25 29
61

30 34
69

14 19
29

20 24
38

25 29
47

30 34
73

33 29 26 20

33 34 39

überhaupt nicht teilweise voll und ganz
18

33

26

13

11

38

28

14

9

Männer

Frauen

Zusammenfassend lassen sich folgende Eindrücke aus dem Datenmaterial festhalten: Die generell geringere Engagementquote von Frauen unterliegt deutlich stärkeren alters- bzw. lebensphasenspezifischen Schwankungen als die von Männern und ist stark beeinflusst von ihrer Rolle in der Familie. Die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit und freiwilligem Engagement scheint für Frauen nachhaltig stärker ein Thema zu sein. Im Verlauf einer Dekade hat sich weder an der geringeren Engagementbeteiligung von Frauen, noch an der geschlechtsspezifischen Ausrichtung auf bestimmte Tätigkeitsfelder bei Männern und Frauen etwas geändert, ebenso wenig an der Unterrepräsentanz von Frauen in leitenden Funktionen im Engagement. Trotz der nach wie vor zu konstatierenden geschlechtsspezifischen Unterschiede im freiwilligen Engagement kann man aus den Daten des Freiwilligensurveys auch Zeichen des Wandels ablesen, wir haben es also nicht nur mit Beharrungstendenzen zu tun. Mehr Teilhabe an der Zivilgesellschaft lässt sich mit aller Vorsicht als Zeichen des Wandels und speziell des geschlechtsspezifi-

schen Rollenverständnisses sehen. Es gibt Hinweise auf die Erweiterung des Rollenverständnisses bei erwerbstätigen Frauen und besonders auch bei den älteren Frauen in der Nacherwerbsphase. Auch erhält man anhand der Daten Hinweise auf ein erweitertes Rollenverständnis von Vätern und eine zunehmende zivilgesellschaftliche Beteiligung von erwerbstätigen Müttern und Vätern. Die geringere Teilhabe jüngerer Menschen dagegen lässt auf zunehmende Stressfaktoren im Leben von jungen Männern und Frauen schließen. Engagementpolitik muss die Leistungen von Frauen und Männern im Rahmen des ökonomischen und des familialen Generationenvertrags mit bedenken, wenn sie dazu beitragen will, dass diese vermehrt auch zivilgesellschaftliche Leistungen erbringen. Prinzipiell kann man sagen, dass alles, was der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Engagement dient, letzten Endes den zivilgesellschaftlichen Beitrag beider Geschlechter erhöhen wird.

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

91

Literatur
Geiss, Sabine / Picot, Sibylle (2009): Familien und Zeit für freiwilliges Engagement, in: Heitkötter, Martina / Jurczyk, Karin / Lange, Andreas / Meier-Gräwe, Uta (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Verlag Barbara Budrich: Opladen & Farmington Hills. Gensicke, Thomas / Geiss, Sabine (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, München. Picot, Sibylle / Gensicke, Thomas (2006): Frei­ williges Engagement bei Frauen und Männern im Zeitvergleich 1999 – 2004, in: Gensicke, Thomas / Picot, Sibylle / Geiss, Sabine: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. Picot, Sibylle (2007): Ein zivilgesellschaftlicher Generationenvertrag im Spiegel des Freiwilligensurveys, in Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (Klein, Ludger) (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement Ressource für die Zivilgesellschaft? Dokumentation. Fachtagung zum 2. Freiwilligensurvey am 22. September 2006 in Berlin, Frankfurt am Main (ISS aktuell 4/2007), S. 15-32. Picot, Sibylle (2011): Jugend in der Zivilgesellschaft. Freiwilliges Engagement Jugendlicher von 1999 bis 2009, Bertelsmann Verlag, Gütersloh (in Vorbereitung). Shell Deutschland Holding GmbH (Hrsg.) (2006): Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main. Shell Deutschland Holding GmbH (Hrsg.) (2010): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich, Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main.

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Vereinbarkeit von Engagement und Erwerbsarbeit – Herausforderungen für Arbeitgeber
Michael Stahl, Arbeitgeberverband Gesamtmetall Unternehmen und Arbeitgeber sind grundsätzlich interessiert an kreativen, engagierten, verantwortungsbewussten Mitarbeitern – und das schließt bürgerschaftliches Engagement ein. Wenn die Unternehmen von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Betrieb Engagement und Verantwortungsbereitschaft fordern, dann lässt sich diese Haltung vor dem Werkstor nicht ausblenden oder abschalten. Freiwilliges Engagement schließt die Möglichkeit für die Mitarbeiter ein, eigenes Wissen und Können einbringen und erweitern zu können. Bei rund einem Viertel der Engagierten ist die freiwillige Tätigkeit durchaus arbeitsmarktnah.1 Rund 30% der ehrenamtlich Engagierten erhalten Unterstützung von Seiten ihres Arbeitgebers. Zwar sagen weitere 43%, sie werden nicht besonders unterstützt – aber es sind doch deutlich weniger geworden im Vergleich zu 2004 (53%).2

Motivation der Arbeitgeber
Warum tun Arbeitgeber das, was ist ihre Motivationslage? Zum Teil gehört solche Förderung zum gesellschaftlichen Engagement eines Unternehmens – wir diskutieren das unter dem Stichwort CSR, Corporate Social Responsibility. Bezogen auf das bürgerliche Engagement: die Mitarbeiter wollen etwas zum Gemeinwesen beitragen – die Unternehmen ebenfalls. Am besten nachvollziehbar ist das vermutlich bei kleinen und mittelständischen Unternehmen, die in ihrer Region verwurzelt sind und denen das Wohlergehen der Heimatregion trotz aller Globalisierung am Herzen liegt. Sie verfolgen also schon traditionell eine CSR-Strategie, ohne dass sie das vermutlich so nennen würden. Aber wir müssen nicht nur altruistische Motive unterstellen: Es gibt öffentliches Prestige zu gewinnen und Pluspunkte im Marketing. Das Ansehen des Unternehmens steigt sowohl im lokalen Umfeld als auch bei Beschäftigten.

„Corporate Volunteering“

Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die freiwilliges bürgerschaftliches Engagement ihrer Mitarbeiter gezielt fördern („Corpo- Letzteres scheint mir ein Punkt zu sein, der rate Volunteering“). Das tun sie, indem sie künftig wichtiger wird, aber auch ambivaMitarbeiter des Unternehmens in gemein- lenter: die demografische Entwicklung wird nützigen Projekten einsetzen oder indem den Wettbewerb der Unternehmen um sie bereits bestehende freiwillige Engage- Fachkräfte verschärfen – und die Förderung ments von Mitarbeitern fördern. Ein wich- – wenigstens aber die Gestattung – ehrentiges Instrument der Förderung ist dabei si- amtlichen Engagements kann zur Mitarbeicher die Freistellung der Mitarbeiter für eine terbindung beitragen. bestimmte Zahl von Tagen, Projekte dieser Art finden sich beispielsweise bei der Deut- Nicht zuletzt, weil solches Engagement auch sche Bank oder den Ford Werken. die Integration in das soziale Umfeld erleich1 Gensicke, Thomas/ Geiss, Sabine (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 – Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009. Ergebnisse der repräsentativen Trendbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München, S. 265. 2 Freiwilligensurvey 2009, S. 272.

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tert, in Kindergärten und Schulen, aber auch in Sport-, Kultur- und Freizeitvereinen oder bei den Kirchen. Und wer in sein Umfeld eingebunden ist, wer sich dort gut aufgehoben fühlt, bleibt eher auch seinem Unternehmen treu. Ambivalent sage ich aber deshalb, weil eine angespannte Personaldecke – und wir haben es in der Phase der Hochkonjunktur 2007 Anfang 2008 erlebt –, eben auch die , Frei- und Spielräume der Mitarbeiter einschränkt. Wir gehen absehbar auf eine Situation der Fachkräfteknappheit zu, in der möglicherweise für bestimmte Mitarbeitergruppen das Zeitmanagement schwieriger wird, weil sie dringend – und unter Umständen auch länger – im Betrieb gebraucht werden.

Mitarbeiter – vom Verkäufer bis zum Servicetechniker – in die Welt hinaus schicken muss. Da ist zusätzliches gesellschaftliches Engagement erheblich erschwert. Zudem: Es gibt viele Ansprüche an die Flexibilität der Unternehmen: Familie und Beruf sollen besser abgestimmt werden, Kinder sind aus der Kita abzuholen, immer mehr Mitarbeiter müssen künftig ältere Familienangehörige pflegen; alles muss unter einen Hut gebracht werden; das macht es nicht eben einfach. Den Zahlen des Survey habe ich entnommen, dass 57% der Befragten ihre Zeit unter der Woche verlässlich planen können; 20% teilweise, 23% gar nicht.3

Betriebliche Notwendigkeiten
Damit bin ich beim „Ja, aber“ das Sie ver, mutlich auch erwartet haben. In zahlreichen Gesetzen und Tarifverträgen kennen wir die einschränkende Klausel, dass „die Erfordernisse des Betriebes berücksichtigt werden müssen“ Und so ist es auch in der Frage . des gesellschaftlichen Engagements der Mitarbeiter. Anders gesagt: Unternehmen sind da um zu produzieren. Sie müssen sich im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, vielfach ausländischen, auf dem Markt behaupten. Das ist ihre Hauptaufgabe, und wir müssen aufpassen, dass wir ihnen nicht soviel an zusätzlichen Leistungen und Belastungen aufbürden, dass sie ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachkommen können. Deshalb also: Die betrieblichen Notwendigkeiten als Begrenzung, und da steckt Konfliktpotenzial, das ist klar. Denken Sie an das Beispiel eines weltweit tätigen Unternehmens, das einen Teil seiner
3 Freiwilligensurvey 4 Freiwilligensurvey

Möglichkeiten der Engagement­ förderung durch Arbeitgeber
Was können Arbeitgeber tun, um freiwilliges Engagement der Mitarbeiter zu erleichtern? Wir wissen, dass das Zeitregime wesentlich ist für das freiwillige Engagement. Survey: Ein Drittel der engagierten Bürger wendet jeweils 2 Stunden/Woche bzw. 3 bis 5 Stunden auf; 17% zwischen 6 und 10 Stunden/Woche.4 Also geht es um die Arbeitszeitgestaltung und die Organisation des betrieblichen Ablaufs, in beiderseitigem Interesse. Dass einzelne Unternehmen Mitarbeiter für die freiwilligen Tätigkeiten auch freistellen – mit oder ohne Bezahlung, – habe ich schon erwähnt. Immerhin 68% der befragen Arbeitnehmer/innen wurden nach den Ergebnissen des Surveys von ihren Arbeitgebern durch Freistellungen unterstützt.5 Weiterhin haben wir – auf tarifvertraglicher wie auch auf gesetzlicher Basis – in den vergangenen Jahren Instrumente dafür entwickelt und verfeinert, die wir unter dem Stich-

2009, S. 105. 2009, S. 201. 5 Freiwilligensurvey 2009, S. 44.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

wort flexible Arbeitszeiten bündeln; das schließt Teilzeitarbeit, Job-Sharing ein, Vertrauensarbeitszeit, Gleitzeit, aber vor allem Arbeitszeitkonten, die es einem Mitarbeiter erlauben, in bestimmten Zeitabständen ein Guthaben aufzubauen und zu bestimmten Zeiten wieder abzubauen, das heißt frei zu nehmen. Die Ergebnisse des aktuellen Surveys zeigen: Am häufigsten wurden Arbeitnehmer/ innen 2009 in Form von flexiblen Arbeitszeiten (72%) unterstützt. Und last but not least geht es auch um die Nutzung der betrieblichen Infrastruktur, die immerhin 65% der Arbeitnehmer/innen für ihre freiwilligen gesellschaftlichen Dienste in Anspruch nehmen können.6 Meine Schlussfolgerung: Es gelingt den Unternehmen und ihren Mitarbeitern offensichtlich recht gut, mit jeweils individuellen, auf die Möglichkeiten und Erfordernisse des Betriebes einerseits und der Mitarbeiter andererseits abgestimmten Instrumenten das freiwillige Engagement zumindest zu ermöglichen, vielfach auch zu fördern. Das scheint mir auch künftig eine vernünftige Basis für den Umgang mit diesem Thema zu sein.

Michael Stahl, Arbeitgeberverband Gesamtmetall

6 Freiwilligensurvey

2009, S. 44.

Engagement und Erwerbsarbeit: Wandel der Organisationskultur?

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Ehrenamt und Hauptamt – Selbstwahrnehmung der Engagierten: E ­ rgebnisse des 3. Freiwilligensurvey
Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung Die Frage, ob es Umfeld von Freiwilligen bezahlte Mitarbeiter gibt, stellt sich in den verschiedenen Bereichen des Engagements sehr unterschiedlich. Es gibt Felder, in denen bezahlte Mitarbeiter omnipräsent sind wie in den Kirchen, stark präsent auch in staatlich-kommunalen Einrichtungen und inzwischen auch in privaten Einrichtungen. Wichtig sind die Umgangsformen in den Institutionen und Einrichtungen, wo es viele Hauptamtliche gibt, also ob es dort eine Kultur der Mitbestimmung für Freiwillige gibt. Es ist allerdings inzwischen nicht mehr so sehr das Problem der traditionellen Hierarchie, das zu Schwierigkeiten führt, sondern das Bestreben der obersten Leitung, die Finanzen strikter zu kontrollieren, worunter die Freiräume der Tätigkeiten von Hauptberuflichen und Freiwilligen leiden. Forderungen nach ideologischer Loyalität können dabei ein Druckmittel zur Straffung der Strukturen sein. (Vgl. Präsentation „Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“ S. 37) ,

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Hilfsorganisation im Spagat zwischen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und Anforderungen des Ehrenamts
Matthias Scholz, Malteser Hilfsdienst e. V. Der Malteser Hilfsdienst e.V. wurde 1953 vom Deutschen Caritasverband und von der Deutschen Assoziation des Souveränen Malteser Ritterordens als ehrenamtlicher Verein für Ehrenamtliche gegründet. Er bot zunächst in Sanitätsdiensten, Rettungsdienst, Erste-Hilfe-Ausbildung und Katastrophenschutz Ehrenamtlichen eine Betätigungsplattform. Im Laufe der folgenden 40 Jahre, insbesondere seit den 1980er und den frühen 1990er Jahren kamen immer mehr Dienste hinzu. Ambulante Pflege, Hausnotruf, Essen auf Rädern wurden zunehmend von hauptamtlichen Mitarbeitern erbracht. Gleichzeitig professionalisierte sich der Rettungsdienst immer stärker, so dass der Einsatz von Ehrenamtlichen hier immer schwieriger darstellbar wurde. In den 1990er Jahren war der Malteser Hilfsdienst e.V. eine ehrenamtlich getragene und auch geführte Hilfsorganisation mit erheblichem sozialunternehmerischem Engagement und entsprechenden wirtschaftlichen Risiken. Eine an ökonomischen Erfordernissen orientierte Steuerung des großen sozialunternehmerischen Bereichs war kaum noch möglich, da faktisch die wirtschaftliche Struktur und die Entscheidungsstruktur nach wie vor die eines ehrenamtlichen Vereins waren. In dieser Situation, die ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten heraufbeschwor, entschied sich das Präsidium für eine radikale Organisationsreform, die auf eine Trennung der ehrenamtlich geprägten Dienste von den sozialunternehmerischen Diensten hinauslief. Die Trennung wurde durch die Gründung der Malteser Hilfsdienst gemeinnützige GmbH auch gesellschaftsrechtlich umgesetzt. In sie wurden alle sozialunternehmerischen Dienste ausgegliedert und sie wurde fortan durch eine Geschäftsführung und einen Aufsichtsrat nach ökonomischen Kriterien geführt. Diese Entscheidung brachte die erhoffte ökonomische Wende, sie führte jedoch auch immer stärker zur Bildung von zwei Malteser Hilfsdienst-Identitäten, die drohten, den Verband ideell zu zerreißen. Daher wurde ab dem Jahr 2006 unter Beibehaltung der organisatorischen und gesellschaftsrechtlichen Trennung versucht, über alle Führungsebenen hinweg durch Führung beider Gesellschaften aus einer Hand die ideelle Einheit des Malteser Hilfsdienstes wieder herzustellen. Nach nunmehr fünf Jahren ist es weitgehend gelungen, die drohende Identitätsspaltung zu verhindern, gleichzeitig die Vorteile einer GmbH-Struktur für sozialunternehmerische Dienste zu erhalten und bei Mitarbeitern und Ehrenamtlichen das Bewusstsein eines gemeinsamen Malteser Hilfsdienstes zu stärken.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Personal | 30.11.2010

| 1

Präsentation

Hilfsorganisation im Spagat zwischen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und Anforderungen des Ehrenamts
Dr. Matthias Scholz, Malteser Hilfsdienst e.V.

Personal | 30.11.2010

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Der Malteser Hilfsdienst e.V. – „Vom Ehrenamt für das Ehrenamt“
Gründung des Malteser Hilfsdienst e.V. 1953 Ehrenamtliche Organisation für Rettungsdienst, Sanitätsdienst, Ausbildung in Erster Hilfe und Katastrophenschutz Starkes Wachstum insbesondere ab den späten 1980er und 1990er Jahren im Bereich sozialer Dienstleistungen Professionalisierung der bestehenden Dienste, insbesondere bei Krankentransport und Rettungsdienst Marktöffnung, Wettbewerb bei sozialen Dienstleistungen Spannungsfeld zwischen sozialem Zweck und wirtschaftlichen Zwängen Deutliche Zunahme der hauptamtlich beschäftigten Mitarbeiter

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Personal | 30.11.2010

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Auf dem Weg zur Krise
Seit Mitte der 1990er Jahre abnehmende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Langfristig negative Ergebnisentwicklung der angebotenen Dienste Unzureichende und veraltete Informationen Keine Transparenz Fehlende betriebswirtschaftliche Instrumente auf allen Ebenen => keine Steuerungsmöglichkeiten heterogene Organisationsstrukturen vom Verein und Vereinsleben geprägt. Das heißt:

Personal | 30.11.2010

| 4

Auf dem Weg zur Krise (2)
Vereinsdenken auf allen Ebenen Verkrustungen Kaum Arbeitsteilung Keine klaren Verantwortungsstrukturen; oftmals fehlende Disziplin und Konsequenz, Scheu vor Entscheidungen und vor Verantwortung “Demokratische“ Führung, “Arbeitskreis-Wucher“ (Konsens-Betrieb) Extreme Rückdelegation Informelle Einflussnahme Zuwenig Mitarbeiter mit integrierten, ganzheitlichen, strategischen und strukturierten Denkansätzen Kaum organisatorisches und betriebswirtschaftliches Wissen vorhanden (auf allen Ebenen)

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Personal | 30.11.2010

| 5

Präsentation

Struktur MHD e.V.

Hamburg Vechta Osnabrück Münster Essen Köln Aachen Limburg Trier Mainz Speyer Stuttgart Eichstätt Regensburg Passau Augsburg Würzburg Bamberg Paderborn Hildesheim Magdeburg Görlitz Fulda Erfurt Dresden Berlin Bremen

MHD e.V.
Generalsekretariat Diözesen (28) Gliederungen und Dienststellen (ca. 800)

Freiburg

München

Personal | 30.11.2010

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Organisationsreform „Malteser 2000“ - Ziele

Professionalisierung im Sinne von Leistungsfähigkeit, Effizienz, Verlässlichkeit und Qualität Lösung der Führungsproblematik aus der Doppelstruktur Ehrenamt - Hauptamt Betriebswirtschaftliche Steuerung der sozial-unternehmerischen ambulanten Dienste Sicherung und Stärkung der ehrenamtlichen Prägung des MHD e.V.

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Personal | 30.11.2010

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Organisationsreform „Malteser 2000“ - Maßnahmen Zusammenführung der überwiegend unternehmerisch geprägten ambulanten Dienste in einer gemeinnützigen GmbH (MHD gGmbH) Konzentration auf die jeweiligen Kernaktivitäten Einführung von standardisierten Verwaltungsprozessen und Bündelung von Verwaltungsfunktionen Auslagerung von Verwaltungstätigkeiten in die MC MaltaControlling GmbH (Buchhaltung, Personalabrechnung, IT); heute: SoCura GmbH Schaffung einer integrierten und bundeweit vernetzten ITLandschaft mit vorwiegend Standard-Software Einführung von Unternehmensplanung / Controlling mit bundesweit einheitlich definierten Standards Outsourcing: RZ-Betrieb, Netzwerk-Aufbau, Netzwerk-Betrieb, Hardware, Wartung, Hotline

Personal | 30.11.2010

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Struktur MHD gGmbH

Hamburg Vechta

MHD gGmbH
Berlin Magdeburg

Münster

Bundesgeschäftsstelle Regionen (5) Bezirke (40) Dienststellen (200)

Köln Limburg Mainz

Erfurt

Dresden

Würzburg

Stuttgart

Freiburg

München

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Personal | 30.11.2010

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Präsentation

Zwei Organisationen – Zwei Identitäten

Hamburg Vechta BremenHambu rg Berlin Vechta Berlin Magdeburg

Osnabrück

Münster

Münster EssenPaderborn Köln Aachen Limbur g Mainz Speyer Stuttgart Fulda

Hildesheim Magdeburg

Görlitz Erfurt Dresden

Köln Limburg Mainz

Erfurt

Dresden

Trier

Würzburg Bamberg Eichstätt Regensburg Pass au München Freiburg

Würzburg

Stuttgart

Freiburg

Augsburg

München

MHD e.V.

MHD gGmbH

Personal | 30.11.2010

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Zwei Organisationen – eine Führung
Region führt Diözesen
Hamburg Vechta Bremen

Diözesen = Bezirke oder
Berlin Magdeburg Görlitz

Osnabrück

Diözesen führen Bezirke Bezirke führen Dienststellen

Münster Essen Köln Aachen Limburg Trier Mainz Fulda Paderborn

Hildesheim

Erfurt

Dresden

Würzburg Bamberg

Speyer Stuttgart Eichstätt Regensburg Passau Freiburg Augsburg

München

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Personal | 30.11.2010

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !

Dr. Matthias Scholz Geschäftsbereichsleiter Personal Malteser Hilfsdienst e.V. Kalker Hauptstr. 22-24 51103 Köln Matthias.Scholz@malteser.org www.malteser.de

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Bürgerarbeit und Engagement in Wohlfahrtsorganisationen: Umgang mit verschieden Tätigkeitsformen
Sabine Böttcher, Zentrum für Sozialforschung Halle

Einleitung
Bürgerarbeit als arbeitsmarktpolitisches Instrument zur Integration von Langzeitarbeitslosen berührt durch die (An-)Forderung der Marktferne, Zusätzlichkeit und Sinnhaftigkeit der Tätigkeiten bei gleichzeitigem regionalen Nutzen durchaus Bereiche des bürgerschaftlichen Engagements, insbesondere dann, wenn Bürgerarbeiter/-innen in den (Haupt-) Bereichen der Wohlfahrtsorganisationen wie Kinderbetreuung, Alten- und Behindertenpflege eingesetzt werden. Im Rückblick auf mehr als drei Jahre Evaluation und Begleitung des ersten Flächenversuches von Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg (Sachsen-Anhalt) seit 2006 und im Ausblick auf die bundesweite Ausdehnung von Bürgerarbeit ab 2011 sollen vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt des Beitrages stehen. •  Wie lassen sich freiwilliges, zumeist unbezahltes bürgerschaftliches Engagement und verpflichtende, bezahlte Bürgerarbeit in einem Arbeitsbereich vereinbaren? •  Verdrängt Bürgerarbeit bürgerschaftliches Engagement oder fördert sie es gar? •  Welche Schwierigkeiten können auftreten und wie kann man ihnen begegnen? Dabei wird es kaum möglich sein, zum jetzigen Zeitpunkt abschließende, befriedigende Antworten auf alle Fragen zu finden. Aber manchmal ist die richtige Frage, das Gespräch über das Für und Wider, verbunden mit dem Vorbetrachten potentieller Folgen schon der erste Schritt zur Antwort. In meinem Vortrag geht es vor allem um die Frage, wie es gelingen kann, in Bürgerarbeit

Beschäftigte und ehrenamtlich Engagierte gemeinsam, nebeneinander und ergänzend in Wohlfahrtsorganisationen einzusetzen und zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit zu führen. Dazu möchte ich zuerst einige Worte zu Bürgerarbeit als Konzept allgemein und als 4. Stufe des Konzeptes sagen, ein paar Ausführungen zu ehrenamtlichen Engagement in Wohlfahrtsorganisationen geben – da dies auf dieser Tagung in mehreren Beiträgen thematisiert wird, möchte ich mich hier eher kurz fassen – und schließlich aufzeigen, in welchen Aufgabenbereichen sich Beschäftigte beider Tätigkeitsformen begegnen (können), um gemeinsam, nebeneinander und/ oder ergänzend zu arbeiten. Abschließend möchte ich aufzeigen, welche Faktoren hierbei unterstützend, fördernd und somit positiv auf die Zusammenarbeit wirken und von welchen Faktoren eher hemmende, negative Auswirkungen zu erwarten sind.

Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg
Bürgerarbeit lässt sich kurz mit den Worten „Finanzierung von Arbeit statt Arbeitslosigkeit“ zusammenfassen. Einerseits gibt es zu wenig bezahlte Lohnarbeit und viele Arbeitslose sitzen zu Hause, fühlen sich nicht gebraucht und sind mit zunehmender Dauer ihrer Arbeitslosigkeit immer weniger sozial integriert. Andererseits bleiben in Zeiten leerer Stadtkassen viele öffentliche Aufgaben liegen. Diesem Dilemma will Bürgerarbeit entgegen wirken. Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt stellt dabei nicht das vorrangige Ziel dar, sondern vielmehr soll den Arbeitslosen wieder Hoffnung gegeben und ihr Selbstvertrauen gestärkt werden. Ihrem Wunsch nach öffentlich anerkannter Beschäftigung will Rechnung getragen und so vor allem ihre soziale Isolation abgebaut werden. Gleichzeitig wird damit auch ihre

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Das Konzept „Bürgerarbeit“ umfasst 4 Stufen, an deren letzter Stufe die eigentliche Bürgerarbeit steht. Im ersten Schritt werden Das Zentrum für Sozialforschung Halle hat alle Arbeitslosen eines Agenturbezirkes aktidas Projekt „Bürgerarbeit in Bad Schmiede- viert, indem sie zu Gesprächen in die ARGE/ berg“ von Beginn an wissenschaftlich be- Agentur (Stufe 1) eingeladen werden. Einergleitet und evaluiert. Die Evaluationsphase seits steht bei diesen Gesprächen die Akverlief von November 2006 bis Frühjahr tualisierung der persönlichen Daten im Mit2008. Bis einschließlich Herbst 2009 wurde telpunkt und zum anderen geht es um die die Begleitung und Beobachtung des Projek- Festlegung der folgenden Schritte, die letzttes in Eigenverantwortung weitergeführt. lich alle zu einer Beschäftigung auf dem 1. Arbeitsmarkt (Stufe 2), zu einer WeiterbildungsIm „Qualitätssiegel Bürgerarbeit“ (2007) oder Qualifizierungsmaßnahme (Stufe 3) oder wird die Aufgabe des Projektes wie folgt – wenn langfristig weder geförderte noch undefiniert: geförderte Maßnahmen eine Integration in den Arbeitsmarkt bewirken – zu einer Bür„Arbeitslose Menschen, die selbst bei guter gerarbeitsstelle (Stufe 4) führen. Konjunkturlage keine Chancen am ersten Arbeitsmarkt haben, sollen im gemeinnützi- Die eigentliche Bürgerarbeit umfasst 30 gen Bereich sozialversicherungspflichtig be- Wochenstunden. Dabei liegt das Gehalt zwischäftigt werden. “ schen 675 und 975 Euro und ist abhängig von der in der Tätigkeit geforderten QualiDie Ursachen der Chancenlosigkeit am ers- fikation. Daneben sind die Bürgerarbeiter/ten Arbeitsmarkt sind vielfältig und nicht innen verpflichtet, sich weiterhin aktiv um immer im persönlichen Umfeld der Betroffe- einen regulären Arbeitsplatz zu bemühen nen zu suchen. Einige dieser Hintergründe und regelmäßig Bewerbungsnachweise zu wären zum Beispiel: erbringen. •  ein zu hohes Alter, •  ein „falscher“ Beruf, also eine Berufsqualifikation, die nicht mehr nachgefragt ist, •  eine „verlorene“ Qualifikation aufgrund einer langen Nichterwerbstätigkeit, •  Ortsbindung sowie •  fehlende öffentliche und private Mobilität. Die Tätigkeiten im Sinne sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungen, die Bürgerarbeit bietet, müssen zusätzlich, marktfern und gemeinwohlorientiert, also sinnvoll für die Region oder die Kommune sein. Ein paar Worte zu den Bürgerarbeiter/-innen in Bad Schmiedeberg: Von den insgesamt 108 (von 111) Bürgerarbeiter/-innen, die im Mai 2007 befragt werden konnten, •  waren 72% Frauen, •  38% waren älter als 51 Jahre und weitere 24% zwischen 43 und 50 Jahren alt. •  61% waren länger als 24 Monate arbeitslos und weitere 23% zwischen 13 und 24 Monaten ohne Arbeit. •  70% hatten einen Realschul- bzw. weitere 20% einen Hauptschulabschluss. Befragt nach ihren Motiven für Bürgerarbeit stand an oberster Stelle, „endlich wieder Ar-

Arbeitsbereitschaft und Leistungsfähigkeit zur Erledigung gemeinwohlorientierter Aufgaben genutzt. Somit dient dieses Konzept der Erprobung eines neuen Weges der Arbeits- und Sozialintegration.

Zu den genauen Aufgabenbereichen der Bürgerarbeiter/-innen später ausführlicher.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

•  Nur 17% waren ohne Ausbildung, wobei dies auch ein ostdeutsches „Phänomen“ ist: In dieser Altersgruppe finden sich aufgrund der Bildungspolitik der ehemaligen DDR kaum Personen ohne Schulabschluss und Berufsausbildung. beit zu haben“ (84%), gefolgt von „wieder gebraucht zu werden“ (64%) und der Ansicht, dass „Bürgerarbeit wichtig ist“ (51%) im Sinne der regionalen kulturellen und arbeitsmarktpolitischen Entwicklung. Dies zeugt von einer hohen Erwerbsorientierung und Arbeitsmotivation und ist Ausdruck dafür, dass viele, insbesondere ältere Ostdeutsche, vor allem die eigene Erwerbsarbeit als Grundlage für Lebenssinn und sozialen Lebenssicherung ansehen. Dies wurde auch in vielen Gesprächen mit den verschiedenen Akteuren des Projektes Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg immer wieder deutlich. •  die Arbeiterwohlfahrt (AWO) •  die Caritas •  den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) •  das Deutsche Rotes Kreuz (DRK) •  das Diakonisches Werk der evangelischen Kirche (DW der EKD) und •  die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWSJ)

die die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege bilden: Diese sechs Verbände der Wohlfahrtspflege unterhalten zusammen etwa 100.000 (soziale) Einrichtungen in Deutschland. Dies sind mehr als 50% aller sozialen Einrichtungen. Insgesamt arbeiten bei ihnen 1,3 Millionen Beschäftigte und 1,25 Millionen Ehrenamtliche. Warum engagiert sich jemand freiwillig, welche Faktoren wirken engagementfördernd und welche engagementhemmend?1 •  ein großer Bekanntenkreis, •  eine kirchliche Bindung, •  Erwerbstätigkeit, •  ein (mittlerer +) sozialer Status und/ oder •  ein (mittleres +) Bildungsniveau

Engagementfördernd wirken vor allem
Deutlich wird, dass vor allem sozialintegrative Faktoren einen positiven Einfluss auf ehrenamtliches Engagement besitzen. So erhöht eine lebensunterhaltsichernde Erwerbstätigkeit nachweislich die Bereitschaft, sich persönlich einzubringen und ehrenamtlich aktiv zu werden. Dagegen wirken soziale Isolation, Erwerbssuche und -losigkeit, ein geringer sozialer Status und/oder ein geringes Bildungsniveau engagementhemmend. Schaut man sich diese Faktoren etwas genauer an, wird deutlich, dass ein Großteil von ihnen die Si-

Engagement in Wohlfahrtsorganisationen
In Deutschland gibt es sechs Dachverbände,
1 Siehe

u.a. Gensicke, Thomas/ Picot, Sibylle/ Geiss, Sabine (2006): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trendbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wiesbaden; Gensicke, Thomas/ Geiss, Sabine (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 – Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009. Ergebnisse der repräsentativen Trendbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München; Kahle, Irene/ Schäfer, Dieter (2005): Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement. Ergebnisse der Zeitbudgeterhebung 2001/02, In: Wirtschaft und Statistik Nr. 4, 2005, S. 311-317; Entlohnte Tätigkeiten im Umfeld gemeinnütziger Organisationen (2007): eine Praxisanalyse zu Überschneidungen von bürgerschaftlichem Engagement und Erwerbsarbeit ; Studie für die Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Projekts generationaktiv des DRK Kreisverband Schwäbisch Gmünd e.V. / Deutsches Rotes Kreuz,

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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tuation des potentiell in Bürgerarbeit Beschäftigten beschreibt.

(Arbeits-)Bereiche, in denen sich Bürgerarbeit und Engagement „begegnen“
Soziale Einrichtungen wie die Wohlfahrtsorganisationen haben das Dilemma, sowohl Arbeitgeber als auch Träger sozialen Engagements zu sein. Das Nebeneinander von hauptamtlicher und ehrenamtlicher, bezahlter und unbezahlter, vertraglich geregelter und freiwilliger Tätigkeit stellt dabei keine neue aktuelle Entwicklung dar, sondern ist mit Einführung ehrenamtlicher Tätigkeiten lebensalltäglicher Bestandteil in Wohlfahrtsorganisationen. Neu ist eher die Entwicklung, dass der Platz zwischen (lebensunterhaltssichernden) bezahlten Hauptamt und unbezahlten Ehrenamt durch andere Tätigkeitsformen besetzt wird, die in ihrer Vergütung nur gering über das Niveau von ALG II hinausgehen. Hauptamtliche Tätigkeit orientiert sich insbesondere an Leistungsvorgaben und dient in erster Linie der Sicherung des Lebensunterhaltes. Ehrenamtliche Tätigkeit kennzeichnet sich vorrangig durch fehlenden Leistungsdruck und der Befriedigung der Bedürfnisse nach sinnvoller Tätigkeit und (öffentliche) Bestätigung. Die Sicherung des LebensunterIn Wohlfahrtsorganisationen Sozialarbeit •  Alten-, Kranken- und Behindertenpflege und -betreuung •  Kinderbetreuung •  Kinder- und Jugendarbeit •  Seelsorge (Diakonie)
„„ Bereitschaftsdienst

haltes spielt beim ursprünglichen Ehrenamt als Motiv kaum eine Rolle. Gemein allen Tätigkeitsformen ist das Streben nach Anerkennung für die geleistete Arbeit. An dieser Stelle spätestens gruppiert sich auch Bürgerarbeit ein, die aber sowohl Kennzeichnen hauptamtlicher Tätigkeiten wie die Sicherung des Lebensunterhaltes als auch ehrenamtlicher Tätigkeiten wie dem Streben nach öffentlicher Anerkennung in sich vereint. Die Arbeitsbereiche in Wohlfahrtsorganisationen und in Bürgerarbeit sind vielfältig und in ihren Anforderungen und Aufgabenstellungen sehr differenziert. In welchen Arbeitsbereichen sind Überschneidungen von Engagement und Bürgerarbeit eher wahrscheinlich als in anderen? Durch den hohen Einsatz der Wohlfahrtsorganisationen im sozialen Bereich finden sich hier auch die häufigsten Kontaktmöglichkeiten für die (ehrenamtlichen) Mitarbeiter/-innen zu Beschäftigten anderer Tätigkeitsformen. Deutlich sichtbar wird in der Gegenüberstellung der Aufgabenbereiche beider Tätigkeitsformen in der nachfolgenden Tabelle, dass Bürgerarbeiter/-innen im sozialen Bereich eher ergänzende und unterstützende Tätigkeiten ausüben.

Bei Bürgerarbeit Sozialarbeit •  Altenhilfe (Altenheim, Kirche, Verein) •  Krankenhilfe (Reha-, Kurheim) •  Kinderbetreuung, Ki-Ju-Arbeit >> Vor- Nachbereitung >> Organisation
„„ Tierpflege „„ Handwerk „„ Chroniken

(Feuerwehrmuseum) (Verein, Kommune, …) „„ andere Vereinsarbeit (z.B. Museum)

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Gut zu erkennen ist, dass es zwar viele Überschneidungen gibt, aber sich in den verschiedenen konkreten Arbeitsbereichen vor allem Ergänzungen untereinander und der Gewinn neuer Erfahrungen ergeben. In diesen Ergänzungen, im Gewinn neuer Erfahrungen liegt – wie auch das Projekt Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg zeigte – für einige ehemalige Langzeitarbeitslose die Möglichkeit, über den bisherigen (qualifikatorischen) Tellerrand hinauszuschauen, neue Arbeitsinhalte zu erfahren und somit für sich eine neue Arbeitsgrundlage zu schaffen. So fanden einige Bürgerarbeiter/-innen durch ihre Tätigkeit Zugang zum ersten Arbeitsmarkt in einem Berufsfeld, welches sie zu Beginn des Projektes für sich aufgrund anderer vorhandener Berufsqualifikationen und fehlender beruflicher Erfahrungen nicht erschlossen hatten. Was meinen die Bad Schmiedeberger Einsatzstellenleiter/-innen zum Nebeneinander von Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Bürgerarbeitern? Ein paar Meinungen im Blitzlicht: „Es gab Lernprozesse auf beiden Seiten. Inzwischen gehören die Bürgerarbeiter einfach dazu. …Es war auch mal gut für die Mitarbeiter zu sehen, dass es Menschen gibt, die trotz Engagement tatsächlich keine Chance haben. Gerade am Anfang hatten doch etliche Mitarbeiter Vorbehalte gegenüber den Bürgerarbeitern und waren skeptisch, ob die Leute auch tatsächlich arbeiten wollten. “ „Ohne die Bürgerarbeiter wären Aufgaben nicht gemacht worden…“ „…Erleichterung, man kann sich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren. “ „… Anlage gewinnt an Niveau und Sauberkeit. Verein kann sich auf andere Dinge konzentrieren. “

„… Zeitliche Entlastung der ehrenamtlichen Mitglieder. „ „… gute Unterstützung … wieder richtiges Vereinsleben… Büro ist immer besetzt. “ Es gab in Bad Schmiedeberg fast ausschließlich nur positive Rückmeldungen aus dem Projekt. Wie ist es gelungen, bezahlte und unbezahlte, verpflichtete und freiwillige Arbeit zu koordinieren, zu motivieren und schließlich zum Erfolg zu führen?

Fördernde und hemmende Faktoren der Zusammenarbeit
Nicht nur in Bad Schmiedeberg, sondern auch in verschiedenen anderen Untersuchungen stand u. a. die Frage im Blickpunkt, wie die Zusammenarbeit von Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Teilnehmer/-innen arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen (Bürgerarbeit, ABM, 1€-Jobs, …) erfolgreich geführt werden kann. Positiv und damit fördernd lässt sich die Zusammenarbeit dann gestalten, wenn Konkurrenz und Neid untereinander vermieden und Verständnis für die unterschiedlichen persönlichen Situationen geschaffen werden kann. Dabei sind vor allem (offene) Gespräche, eine gute Konfliktkultur und Toleranz für die Fähigkeiten jedes Einzelnen von besonderer Bedeutung. Es zeigte sich, dass eine Vielzahl an Faktoren wirken und verschiedene Instrumente zum Einsatz kommen müssen, um die Zusammenarbeit fördernd zu beeinflussen. Zu diesen fördernden Faktoren gehören: •  eine gute Anerkennungskultur, •  die Übernahme der Unkosten Aller, •  die Beteiligung an Entscheidungen,

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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•  Möglichkeiten für eigenverantwortliches Handeln und Einbringen von Ideen, •  eine klare Aufgabentrennung und Abgrenzung sowie •  klare Weisungsbefugnisse, •  definierte Kriterien, welche Tätigkeiten entlohnt werden und •  Kriterien zur Festlegung der materiellen Bedürftigkeit sowie •  Transparenz über Absprachen und Zielsetzungen bei Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, den ARGEn bzw. JobCentern. Von höchster Bedeutung sind die Anerkennung des Engagements und die öffentliche Wertschätzung der erbrachten Leistung aller Beteiligten. Zusätzlich nimmt im Zusammenspiel von Hauptamt, Ehrenamt und Bürgerarbeit die Übernahme der Unkosten der freiwillig Engagierten eine besondere Rolle ein: da diese als einzige der drei Gruppen keine Vergütung ihrer Leistungen erhalten, sollten Möglichkeiten geschaffen werden, um zumindest die Unkosten zu übernehmen. Außerdem sollte idealerweise zu jedem Zeitpunkt der Zusammenarbeit allen Beteiligten verständlich sein, welche Tätigkeiten bezahlt werden und wer warum mit diesen Aufgaben betraut wird. Dazu ist es notwendig, die Diskussion um die Abgrenzung dieser Tätigkeitsbereiche und um die Festlegung von Kriterien der Bedürftigkeit des Einzelnen offen und transparent zu führen. Gleichzeitig sollten in den Prozess der Entscheidung, Bürgerarbeiter/-innen zu beschäftigen und in die Ausgestaltung der dazu notwendigen Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, den ARGen oder JobCentern auch Vertreter der Ehrenamtlichen einbezogen werden. Diese Einbeziehung bietet die

Möglichkeit, deren Ängste und Befürchtungen von Beginn an aufzunehmen, Konkurrenz und Neid zu vermeiden und Verständnis für Entscheidungen, Handlungswege und individuelle Lebenslagen zu schaffen. Negativ und damit hemmend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit wirken somit vor allem •  Konkurrenz- und Neidempfinden zwischen den Beteiligten, •  unzureichende Wertschätzung und fehlende Anerkennung, •  ungenügende Kommunikations- und Informationswege, •  Angst vor Arbeitsplatzverlust auf Seiten der Hauptamtlichen, •  Bedenken zum Absinken der Qualität der Arbeit, •  fehlende Transparenz sowie •  die Ansicht, freiwillig Engagierte seien nur Hilfskräfte. Bürgerschaftliches Engagement kann als Brücke oder Alternative zur Erwerbsarbeit dienen. Als Brücke zur Erwerbsarbeit dient bürgerschaftliches Engagement vor allem dann, wenn im ausgeübten oder angestrebten Berufsfeld neue (berufsadäquate) Erfahrungen gewonnen und/oder bestehende (Berufs-) Fähig- und Fertigkeiten gesichert werden können. Zusätzlich kann bürgerschaftliches Engagement auch dann eine Brückenfunktion zum ersten Arbeitsmarkt einnehmen, wenn es durch die ehrenamtliche Tätigkeit gelingt, zusätzliche Qualifikationen für den ersten Arbeitsmarkt zu gewinnen. Als Alternative zur Erwerbsarbeit kann bürgerschaftliches Engagement dann dienen,

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

wenn es bei bestehender finanzieller Grund- den, die als entlohnte gemeinwohloriensicherung als „traditionelles“ Engagement tierte Tätigkeit vor allem (älteren) Langzeitausgeführt wird und in erster Linie der Be- arbeitslosen und Personen ohne Berufsquafriedigung der Bedürfnisse nach sinnvoller lifikation eine finanziellen Grundabsicherung Tätigkeit, Anerkennung und Gemeinsamkeit für ihren Lebensunterhalt bietet und damit erfüllt. Grundvoraussetzungen für diese tra- gleichzeitig ihrem Interesse nach sinnvoller ditionelle Engagementform sind neben der Tätigkeit, ihrem Arbeitswillen und ihrer Leisvorhandenen finanziellen Grundsicherung tungsmotivation gerecht wird. ausreichend zur Verfügung stehende freie Zeit und Interesse am Inhalt der anstehen- Diesen unterschiedlichen Interessen im bürden Aufgaben. gerschaftlichen Engagement zu begegnen, sie erfolgreich in die Arbeit zu integrieren – Daneben wird sich mit hoher Wahrschein- das stellt eine der Herausforderungen der lichkeit in der nahen Zukunft eine neue Form Zukunft dar. bürgerschaftlichen Engagements herausbil-

Engagement und Kompetenzerwerb

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Kompetenzerwerb im Engagement: Ergebnisse des 3. Freiwilligensurvey
Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung

Freiwilliges Engagement ist eine Möglichkeit (unter anderen), sich zu qualifizieren. Allerdings spielt diese Möglichkeit für jüngere Engagierte eine ungleich wichtigere Rolle als für ältere Engagierte. Diesen ist (mehr noch als dass sie sich im Engagement qualifizieren wollen) wichtig, ihre umfangreichen und vielfältigen Kompetenzen einzubringen. So wichtig der Aspekt der Qualifikation im freiwilligen Engagement ist, so wenig darf vergessen werden, dass er nicht der eigentliche Kernpunkt des En-

gagements in der Zivilgesellschaft ist, auch nicht bei jungen Engagierten. Bei diesen fällt auf, dass ihr Bedürfnis, sich im Engagement zu qualifizieren mehr allgemein, denn als beruflich angelegt ist. Bei jungen Menschen, die bestimmt zum Engagement bereit sind, fällt allerdings eine gewisse Überforderung des Engagements als Möglichkeit zur Qualifikation auf, die letztlich im gewünschten Maße nicht einzulösen sein wird. (Vgl. Präsentation S. 14 ff)

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Kompetenzgewinn im Engagement
Uwe Kleinert, Coca-Cola Deutschland Jeder zweite Deutsche würde sich im Namen seines Arbeitgebers ehrenamtlich engagieren, so die Studie „Menschen machens möglich“ der Innofact AG aus dem Jahr 2007 Doch trotz dieser hohen Bereit. schaft bewerten viele deutsche Unternehmen Corporate Volunteering, den ehrenamtlichen Einsatz der Mitarbeiter während der Arbeitszeit, noch immer skeptisch. Als gezielt eingesetztes Instrument der Unternehmens- und Personalführung birgt Corporate Volunteering allerdings großes Potenzial. Corporate Volunteering dient dem Gemeinwohl. Das Unternehmen und jeder Mitarbeiter verdeutlichen mit ihrem Engagement, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ernsthaft bewusst sind und einen aktiven Beitrag zum Wohle der Gesellschaft leisten möchten. Zum anderen eröffnet die Förderung des betrieblichen Ehrenamts neue Wege der Mitarbeiterentwicklung: Das gemeinsame Anpacken fördert die Teamfähigkeit. Die intensive Zusammenarbeit in der Gruppe, deren Ergebnis vom Miteinander abhängt, schult Sozial- und Führungskompetenzen. Dem Mitarbeiter bietet sich die Chance, seinen persönlichen und professionellen Horizont zu erweitern, neue Kontakte über die eigene Abteilung hinaus zu knüpfen. Damit fördert Corporate Volunteering die Identifikation mit dem Unternehmen und wirkt sich unmittelbar auf die Motivation aus. In der Außenwahrnehmung erhöht Mitarbeiterengagement die Glaubwürdigkeit, stärkt die Reputation und erhöht infolgedessen die Attraktivität als Arbeitgeber. Ein erfolgreiches Beispiel aus der Praxis ist der „Aktionsmonat Nachhaltigkeit“ von Coca-Cola Deutschland. Im Oktober 2010 engagierten sich rund 400 Mitarbeiter während ihrer Arbeitszeit in rund 40 sozialen Projekten, die insbesondere Kindern und Jugendlichen zu Gute kamen. Für die Auswahl der Projekte waren die Ideen und Vorschläge der Mitarbeiter gefragt, die gerade bei einem dezentral aufgestellten Unternehmen mit mehreren Standorten am besten wissen, wo in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die Hilfe am notwendigsten ist. In verschiedenen Regionen wurden Projekte in Kooperation mit dem Naturschutzbund (NABU) und den Tafeln realisiert. Der „Aktionsmonat Nachhaltigkeit“ und das Engagement der Mitarbeiter sind bei dem führenden Unternehmen der Getränkewirtschaft in die umfassende Nachhaltigkeitsstrategie „Lebe die Zukunft“ eingebettet. Mittels Corporate Volunteering gelingt es, die Bedeutung von nachhaltigem Wirtschaften im gesamten Unternehmen verankert. Nachhaltigkeit wird von den Mitarbeitern aktiv und somit bewusst gelebt. Das Engagement für die Mitmenschen und in der Region ermöglicht dabei den persönlichen und auch professionellen Kompetenzgewinn abseits des Arbeitsalltags.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Kompetenzgewinn durch (Mitarbeiter)Engagement
Uwe Kleinert Leiter Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit

1
Confidential

Coca-Cola – seit 1886
Coca-Cola ist auf 6 Kontinenten und in über 200 Ländern präsent Coca-Cola bietet heute über 500 Marken mit 3.300 Getränke Coca-Cola ist nach „O.K.“ eines der bekanntesten Worte Täglich werden mehr als 1,6 Mrd. Mal Produkte des Hauses Coca-Cola konsumiert. Coca-Cola ist weltweit führend im Segment der Erfrischungsgetränke, Fruchtsäfte und Fruchtsaftgetränke und drittgrößte Anbieter von Mineral- und Tafelwasser.

2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010
Confidential

Coca-Cola ist die wertvollste Marke der Welt
Classified Internal use

Interbrand Ranking (seit 2001)

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Das Geheimnis des Erfolges
„Coca-Cola soll für jedermann auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit einheitlich in Qualität, Geschmack und Verpackung auf Armeslänge verfügbar sein.“
Robert W. Woodruff, Präsident der The Coca-Cola Company, 1923

3

Confidential

Classified Internal use

Das Geheimnis des Erfolges
Engagierte Mitarbeiter, die

• • •

Lokal verwurzelt sind und ihre Kunden und deren Sorgen kennen Stets nach neuen Chancen suchen Den Erfolg der Marke und des Unternehmens vor den eigenen stellen für
Confidential

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Engagement-Förderung
Marke: Merchandising Impact Team (MIT)

•

Einsätze im Markt

Gesellschaft: Geburtstagsengel

• •

Jeder Mitarbeiter bekommt zum Geburtstag einen Tag für gesellschaftliches Engagement geschenkt Team-Tage: Gemeinsame gemeinnützige Arbeitseinsätze

Gesellschaft: Aktionsmonat Nachhaltigkeit

• • • •

Rund 400 Mitarbeiter im Einsatz Unterstützung von knapp 40 regionalen Projekten in unmittelbarer Nachbarschaft der Standorte Kooperation mit NGO´s undPartnerorganisationen

Confidential

Kompetenzausbau Mitarbeiter
• • • • • • • • • •
Engagement (für andere) fördern und schulen Neue Erfahrungen sammeln lokal und sozial „erden“ Sozial- und Führungskompetenzen schulen „out of the box“ handel und denken Gemeinsam Hierarchie-übergreifend arbeiten Teambuilding – sich in anderen Situationen kennen lernen Vernetzung im Unternehmen Professionellen und persönlichen Horizont erweitern Nachhaltigkeitsstrategie anfassbar machen

Confidential

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Nachhaltigkeit - Das WIE des Erfolges
„Im Jahr 2020 werden Verbraucher ihre Entscheidung nicht mehr nur von Geschmack und Qualität unserer Getränke abhängig machen, sondern in gleichem Muhtar Kent, Maße auch von unserem CEO TCCC, Charakter als Hersteller.“ Oktober 2008

Vision 2020. Nachhaltiges Wachstum

7
Confidential

Vorteile Corporate Volunteering für das Unternehmen

• • • • • • •

Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen verankern Motivierte und engagierte Mitarbeiter Wertschätzung des Unternehmens – Mitarbeiterbindung Attraktivität für neue Mitarbeiter Verankerung in der Gesellschaft, der Region, am Standort Verbindung zu relevanten Partnern vor Ort Mitarbeiter – Gesicht nach außen – Glaubwürdigkeit des gesellschaftlichen Engagements
– Reputation

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Präsentation

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Uwe Kleinert Leiter Corporate Responsibility & Sustainability Coca-Cola Deutschland Friedrichstraße 68 10117 Berlin Tel. Mail
Confidential

030 22606 9434 ukleinert@eur.ko.com

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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Kompetenzerwerb im Engagement: Weg aus der Erwerbslosigkeit? / Brücke in die Erwerbstätigkeit?
Rosine Schulz, Unternehmerin im Non-Profit-Service

Geringqualifizierte tragen ein höheres Exklusionsrisiko
Der konjunkturelle Aufschwung erreicht nicht alle erwerbswilligen Menschen, denn 33%der im Oktober dieses Jahres registrierten Arbeitslosen sind länger als 12 Monate arbeitslos; gegenüber dem Vorjahr erhöhte sich ihr Anteil an allen Arbeitslosen um zwei Prozentpunkte. Von den 2.945.000 registrierten Arbeitslosen beziehen 2.037 .000 1 ALG II. Strukturelle Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt lassen das Angebot an Arbeitsplätzen mit hohem Anspruchsniveau kontinuierlich anwachsen. Für geringer qualifizierte Beschäftigte steigt dagegen das Risiko des Arbeitsplatzverlustes. Berufseinsteiger mit niedrigem Bildungsabschluss greifen häufig auf befristete Beschäftigungen oder auf Leiharbeit zurück, wobei die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes bei den Betroffenen den Anschein erweckt, diese Beschäftigungsverhältnisse seien unsicherer geworden. Auch bei unbefristeten Arbeitsverhältnissen hat sich der Eindruck dieser Menschen verstärkt, sie würden als ersetzbar gelten und seien bei Nichterfüllung bestimmter Anforderungen von Entlassung bedroht.2 Dabei dominiert in unserer Gesellschaft immer noch die Vorstellung einer erwerbszentrierten Integration. Diese wird insbesondere über die folgenden Erfahrungs1

merkmale der Erwerbsarbeit begründet, von denen diejenigen, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, profitieren: Wahrnehmung einer sinnvollen Aufgabe und Erfahrung einer Tagesstruktur, Einbindung in soziale Netzwerke, Kompetenzerwerb, Identitätsund Statusbezug sowie Einkommensbezug und soziale Absicherung. Für einen wachsenden Personenkreis geht diese gesellschaftliche Integrationsfunktion inzwischen jedoch verloren. Im Hinblick auf die oben genannten Befunde bieten sich nämlich sowohl Erwerbslosen als auch Personen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen kaum noch Möglichkeiten an, von diesen Erfahrungsmerkmalen der Erwerbsarbeit zu profitieren. So tragen Personen mit geringer Qualifikation ein größeres Langzeitarbeitslosigkeitsrisiko mit der damit einhergehenden sozialen und materiellen Bedürftigkeit, die gleichzeitig die Abwärtsspirale einer weiteren Dequalifizierung beschleunigt und die Wahrscheinlichkeit mangelnder gesellschaftlicher Teilhabechancen erhöht.

Offenes Engagementpotenzial Erwerbsloser
Mit Bezug auf die repräsentativen Trenderhebungen des „Freiwilligensurveys“ wird freiwilliges Engagement konkretisiert als eine freiwillige, gemeinwohlorientierte, öffentliche, nicht auf materiellen Gewinn gerichtete und gemeinschaftlich ausgeübte Tätigkeit, die sich innerhalb der Organisationen des Non-Profit-Sektors entfaltet.3 Durch die

Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2010): Statistik. Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland, Monatsbericht Oktober 2010. 2 Vgl. Giesecke, Johannes/ Heisig, Jan Paul (2010): Höheres Risiko für Geringqualifizierte. Wie sich die berufliche Mobilität in Deutschland verändert hat, in: WZBrief Arbeit, 07/10, Berlin; Biersack, Wolfgang/ Kettner, Anja /Reinberg, Alexander/Schreyer, Franziska (2008): Gut positioniert, gefragt und bald sehr knapp. Akademiker/innen auf dem Arbeitsmarkt, IAB-Kurzbericht, 18; Statistisches Bundesamt (2008): Atypische Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, Wiesbaden, S. 15 und 17f. 3 Vgl. Gensicke, Thomas/Picot, Sibylle/ Geiss, Sabine (2006): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement, Wiesbaden 2006, S. 34ff.; Gensicke, Thomas/ Geiss, Sabine (2010): Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des BMFSFJ. München.

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Ergebnisse des Freiwilligensurveys wird deutlich, dass Arbeitslose und geringer qualifizierte Personen beim freiwilligen Engagement (bezogen auf alle freiwillig Engagierten) unterrepräsentiert sind.4 Berücksichtigt man jedoch bei den noch nicht freiwillig engagierten Personen deren Bereitschaft zum Engagement, so zeigt sich, dass dieses „externe“ Engagementpotenzial 2004 überwiegend durch die Gruppe der Erwerbslosen getragen wurde. Auch im Jahr 2009 ist sowohl unter den ALG-I- als auch unter den ALG-II-Beziehern die Bereitschaft, ein Engagement aufzunehmen, sehr hoch.5

Die Ursachen, weshalb diese engagementbereiten Erwerbslosen ihre latente Bereitschaft nicht in tatsächliches freiwilliges Engagement umwandeln, blieben jedoch im Dunkeln. Innerhalb einer selbst durchgeführten empirischen Studie bin ich deshalb den folgenden Forschungsfragen nachgegangen:6 Welche Auswirkungen hat freiwilliges Engagement speziell auf die Gruppe der Erwerbslosen? Gibt es einen Zusammenhang Freiwilliges Engagement: Ein Weg herzwischen den gegenwärtigen Engagement- aus aus der Isolation der Erwerbslosigstrukturen innerhalb der Organisationen des keit Non-Profit-Sektors und der Tatsache, dass Erwerbslose hinsichtlich des freiwilligen En- Die Ergebnisse der Studie führen zu folgengagements unterrepräsentiert sind? Wie der These: Freiwilliges Engagement bietet kann das freiwillige Engagement Erwerbs- den Engagierten insbesondere immaterielle Vorteile, die Parallelen zu den Erfahrungsloser gefördert werden? merkmalen der Erwerbsarbeit aufweisen. Zur Beantwortung dieser Fragen habe ich Folgende Erfahrungsmerkmale eines frei15 leitfadengestützte Experteninterviews in willigen Engagements ließen sich herausarSachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Ber- beiten: lin durchgeführt. Befragt wurden Sachverständige innerhalb unterschiedlicher Organi- 1.  Eine sinnvolle Aufgabe und eine Strukturierungsmöglichkeit des Alltags sationen des Non-Profit-Sektors, bei denen sowohl ein Kontakt zu erwerbslosen Freiwil- 2. Soziale Kontakte ligen als auch zu den übrigen Freiwilligen in- 3. Anerkennung/Wertschätzung/Persönlich-

nerhalb der Organisationen vorausgesetzt werden konnte, um auf diese Weise vergleichbare Ergebnisse zu erhalten. Zu den befragten Sachverständigen gehörten beispielsweise die Leiter/-innen verschiedener Freiwilligenagenturen, eine Freiwilligenkoordinatorin in einem Pflegeheim, eine Referentin des Generalsekretariates des Deutschen Roten Kreuzes – dort zuständig für den Bereich des Ehrenamtes –, Leiterinnen des Projektes „Generationsübergreifende Freiwilligendienste“ (GÜF), Sprecher zweier verschiedener Landesarbeitsgemeinschaften der Freiwilligenagenturen, ein Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen, der Geschäftsführer der LandesEhrenamtsagentur Hessen und der Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement. Die empirische Erhebung wurde auf der individuellen Ebene durch ein Gruppeninterview mit vier langzeitarbeitslosen Frauen, die sich freiwillig engagierten, ergänzt.

4 Tatsächlich freiwillig engagiert waren im Jahr 2004 40 % aller Erwerbstätigen, 27% aller Arbeitslosen und 20 % aller ungelernten Arbeiter. In 2009 waren nur 26% aller Arbeitslosen tatsächlich freiwillig engagiert und dieses Engagement variiert innerhalb der Gruppe der Arbeitslosen nochmals wie folgt: Tatsächlich freiwillig engagiert waren 2009 32% aller befragten ALG-I-Bezieher und nur 22% aller ALG-II-Bezieher. Unter den ALG-II-Beziehern mit einfachem Bildungsabschluss sind es sogar nur 12%, die sich tatsächlich freiwillig engagieren. 5 Im Jahr 2004 waren 48% der befragten Arbeitslosen, die noch nicht freiwillig engagiert waren – sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern – zu einer Engagementaufnahme bereit. Im Jahr 2009 waren 46% der befragten ALG-IIBezieher und 34% der befragten ALG-I-Bezieher – die jeweils noch nicht freiwillig engagiert waren – bereit zu einer Engagementaufnahme. 6 Vgl. Schulz, Rosine (2010): Kompetenz-Engagement. Ein Weg zur Integration Arbeitsloser in die Gesellschaft,

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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keitsstärkung 4. Erhaltung und Erweiterung sozialer sowie fachlicher Kompetenzen 5. Materielle Aufwandsentschädigungen und geringfügige finanzielle Pauschalen für bedürftige Personen, die sich ohne diesen materiellen Rahmen eine Freiwilligentätigkeit nicht leisten können (dieser Aspekt wird innerhalb dieses Beitrages vernachlässigt). Eine Freiwilligentätigkeit stellt für erwerbslose Menschen einen Weg heraus aus ihrer gesellschaftlichen Isolation dar. Personen, die aufgrund ihrer Erwerbslosigkeit mit mehrfachen Exklusionsrisiken konfrontiert werden, bieten die Erfahrungsmerkmale einer Freiwilligentätigkeit neue Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Teilhabe.

•  Tätigkeitsbezogene Qualifizierungen (ausgerichtet an den Engagementeinsatzfeldern) •  Personenbezogene Qualifizierungen (bspw. Konfliktbeherrschung, Kommunikations- und Bewerbungstrainings etc.) •  Allgemeine Fortbildungen i. S. einer Anerkennung (Aufgreifen aktueller Themen) •  Genereller Erfahrungsaustausch im Hinblick auf das Engagementeinsatzfeld Ein Praxisbeispiel, das die effektive Kombination verschiedener Qualifizierungsangebote aufzeigt: Für die Arbeitslosen, die sich in einem Projekt im Rahmen des Generationsübergreifenden Freiwilligendienstes in Sachsen engagiert haben, wurden so genannte monatliche Bildungstage organisiert. Innerhalb dieser wurden die arbeitslosen Freiwilligen – neben der Teilnahme an Fachvorträgen und einem Erfahrungsaustausch – auch zur Mitwirkung in Rollenspielen animiert. Diese sollten den Freiwilligen helfen, ihre persönlichen Hemmungen zu überwinden, sich selbst aktiv in Gruppenaktivitäten einzubringen, ihre Konzentrationsfähigkeit zu trainieren sowie zu lernen, ein reflektiertes Feedback zu erteilen. Zu (2) – die Synergieeffekte eines freiwilligen Engagements zeigen ihre qualifizierende positive Wirkung auch ohne gezielte Bildungsangebote. Engagement bietet den Freiwilligen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu erhalten und auszubauen oder ein Umfeld zu finden, innerhalb dessen sie – ohne Angst haben zu müssen, negativ bewertet zu werden – neue Tätigkeitsfelder ausprobieren und darüber neue Chancen entdecken können. Laut Freiwilligensurvey geben 2009 86% aller befragten Erwerbslosen an, die Art der Freiwilligentätigkeit stehe in keinem direkten Zusammenhang zu ihrem ausgeübten

Kompetenzerwerb im Engagement
Die Erhaltung und die Erweiterung sozialer sowie fachlicher Kompetenzen sind eng verschränkt mit der Realisierung aller oben genannten Erfahrungsmerkmale eines freiwilligen Engagements. Sie stellen sozusagen das Fundament dar, das erwerbslosen Menschen die Stabilität bietet, sich wieder stärker auf ihre Kompetenzen konzentrieren zu können. Im Hinblick auf den Kompetenzerwerb der Freiwilligen kristallisieren sich zwei Aspekte heraus: Dies sind (1) Bildungsangebote in Form gezielt organisierter Seminare und Fortbildungen sowie (2) Synergieeffekte, die sich in Form einer qualifizierenden Wirkung allein schon durch die Ausübung einer freiwilligen Engagementtätigkeit einstellen. Die vermittelnden Freiwilligenagenturen können zusammen mit den für die Freiwilligen zuständigen hauptamtlich Beschäftigten in den Non-Profit-Organisationen auf die Gestaltungsmöglichkeiten eines Kompetenzerwerbs Einfluss nehmen. Zu (1) – die Bildungsangebote für Freiwillige können folgende Motive umfassen:

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

Beruf. 53% der 2009 befragten Erwerbslosen sind der Meinung, über ihre Freiwilligentätigkeit Fähigkeiten erworben zu haben, die ihnen in sehr hohem bis hohem Umfang persönlich wichtig sind. Beide Aspekte weisen darauf hin, dass eine Freiwilligentätigkeit Möglichkeiten bietet, neue Fähigkeiten auszuprobieren und darüber neue berufliche Chancen zu erkennen. Nachfolgende Beobachtungen sollen die oben aufgezeigten Zusammenhänge ergänzen: Die Hauptinhalte der häufigsten Freiwilligentätigkeiten Erwerbsloser umfassen bspw. die Organisation von Veranstaltungen, persönliche Hilfeleistungen, praktische Arbeiten, die pädagogische Betreuung, die Mitwirkung bei der Öffentlichkeitsarbeit, Interessenvertretungen etc. Zieht man bei dieser Betrachtung das Anforderungsprofil dieser jeweiligen Tätigkeiten zusätzlich in Betracht, so werden die Synergieeffekte in Form qualifizierender Wirkungen immer deutlicher. „Mit Menschen gut umgehen zu können“ , ist eine der wichtigsten Anforderungen der Freiwilligentätigkeiten. Die Wahrnehmung von Freiwilligentätigkeiten mit diesem Anforderungsprofil ermöglicht gleichzeitig das Trainieren sozialer Kompetenzen in der Praxis. Die Anforderung, innerhalb der Freiwilligentätigkeiten eine „hohe Einsatzbereitschaft“ zu zeigen, ermöglicht die Sensibilisierung für die persönlichen Stärken oder Schwächen im Hinblick auf die eigene Disziplin, Motivation, Belastbarkeit, das Zeitmanagement oder das Durchhaltevermögen in schwierigen Aufgaben. Weiterhin können über die Freiwilligentätigkeiten die eigenen Potenziale an Kreativität, aber auch an Fachwissen, Organisationstalent oder Führungsqualitäten erspürt oder diese Fähigkeiten entsprechend erweitert werden. Für die Erwerbslosen unter den Freiwilligen stellen sich diese Möglichkeiten zur Qualifizierung, Neuorientierung und Persönlichkeitsstärkung über ein freiwilliges Engagement als wichtige Schlüsselkomponenten heraus. Für ihre Rückkehr in den ersten Ar-

beitsmarkt und die Erfüllung des dortigen Anforderungsprofils können sie eine Brückenfunktion übernehmen, die sich konkret in der Kompetenzerhaltung und -erweiterung ausdrückt. Innerhalb der oben beschriebenen Studie habe ich hierfür den Begriff „Kompetenz-Engagement“ – speziell für ein freiwilliges Engagement Erwerbsloser – eingeführt.

Qualifizierung der hauptamtlich Beschäftigten
Ein dritter Qualifizierungsaspekt spielt eine bedeutende Rolle: Die Effektivität der oben geschilderten Synergieeffekte und Bildungsangebote für Freiwillige hängt in hohem Maß von der Qualifizierung der hauptamtlich Beschäftigten ab, die in den Non-ProfitOrganisationen für die Vermittlung, Begleitung und fachliche Anleitung der Freiwilligen zuständig sind. Einige Beispiele für Qualifizierungsangebote hauptamtlich Beschäftigter: •  Ausbildung zum Engagementberater, Freiwilligenkoordinator, Seniorenbegleiter etc. •  Freiwilligenmanagement (Führungstechniken, Organisationseffizienz etc.) •  Fachthemen (Versicherungsschutz, Fundraising etc.) Die Qualifizierung der Beschäftigten in den gemeinnützigen Organisationen, die mit Freiwilligen zusammenarbeiten, sollte dahin gehend erweitert werden, dass diese Freiwilligenkoordinatoren auf die spezifischen Bedürfnisse einer für sie oftmals noch unbekannten Gruppe von Freiwilligen – den geringer qualifizierten Erwerbslosen oder Personen aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen – vorbereitet werden. So wurden zum Beispiel in Hessen flächendeckende und bedarfsgerechte Quali-

Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

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fizierungsangebote für die hauptamtlichen Mitarbeiter, die mit Freiwilligen zusammenarbeiten, bereitgestellt. Hochprofessionelle Strukturen in Richtung eines modernen Freiwilligenmanagements reichen in Hessen so weit, dass bspw. die Verantwortlichen des Freiwilligenzentrums Kassel oder der Freiwilligenagentur „BüroAktiv“ in Frankfurt/ Main den Fokus der Qualifizierung weniger auf die Freiwilligen selbst richten, sondern auf die gemeinnützigen Organisationen. Anhand dieses erweiterten Qualifizierungsansatzes wird gleichzeitig eine angestrebte Nachhaltigkeit des freiwilligen Engagements verfolgt. Eine qualifizierte, bedarfsgerechte Begleitung der Freiwilligen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese innerhalb ihrer Engagementtätigkeit positive Erfahrungen sammeln können und somit gleichzeitig zu einem langfristigen Engagementeinsatz motiviert werden. Für Personengruppen, die ihre erste Freiwilligentätigkeit ausüben, wäre solch eine bedarfsgerechte Begleitung im Sinne einer nachhaltigen, positiven Erfahrungssammlung besonders wichtig.

Zitat „Moderne Analphabeten vermitteln wir nicht“ bezieht sich auf Menschen ohne Führerschein bzw. ohne Erfahrung im Umgang mit modernen Medien. Geringer Qualifizierten, Erwerbslosen und sozial benachteiligten Menschen wird in diesen Fällen eine eher „paternalistische“ Fürsorgepflicht entgegengebracht, d. h., diesen Menschen werden über das Engagement der eher besser situierten und gut ausgebildeten Freiwilligen Hilfsangebote unterbreitet, die bspw. von der Bereitstellung von Lebensmitteltafeln bis zu Patenschaften in der Alltagsbegleitung reichen. Die Konsequenz hierbei ist, dass diese sozial benachteiligten Personen nicht selbst die Möglichkeiten wahrnehmen können, von den Vorteilen einer Freiwilligentätigkeit zu profitieren. Selbst – über die Ausübung einer für sie sinnvollen Tätigkeit – gemachte Erfahrungen der Verantwortungsübernahme, der Persönlichkeitsstärkung und des Kompetenzerwerbs bleiben diesen Menschen verwehrt. Und ihre soziale sowie materielle Bedürftigkeit wird durch diese paternalistische Fürsorge eher konserviert als behoben. Hier wäre vonseiten der Non-Profit-Organisationen und der Vermittlungsagenturen ein Perspektivenwechsel vorzunehmen, der darin seinen Ausdruck finden müsste, dass diesen geringer qualifizierten oder benachteiligten Personen eine gezielte „Hilfe zur Selbsthilfe“ angeboten wird. Gemeinnützige Organisationen, die zwar professionelle Organisationsstrukturen aufweisen, bei ihren Freiwilligen jedoch einen hohen Grad an Eigeninitiative und Selbstständigkeit voraussetzen, müssten zusätzlich spezifische Zuwendungsstrategien etablieren, sofern sie Bevölkerungsgruppen ansprechen wollen, die sie über ihre bisherige Öffentlichkeitsarbeit nicht oder nur per Zufall erreichen. Neben einer veränderten Öffentlichkeitsarbeit besteht die große Herausforderung darin, die Ansprechpartner der Freiwilligen in den Einsatzstellen der jeweiligen gemeinnützigen Organisationen auf die veränderten Bedürfnisse dieser neuen Gruppe

Brücke in die Erwerbstätigkeit?
Ob für Arbeitslose ein freiwilliges Engagement auch zu einer Brücke in die Erwerbstätigkeit werden kann, bleibt offen. Viele Arbeitslose, die zu einem Engagement bereit wären, kennen die Möglichkeiten und Vorteile eines Engagements noch nicht und müssten über eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit vonseiten der Non-Profit-Organisationen angesprochen bzw. durch diese‚ abgeholt‘ werden. Hier gibt es allerdings Barrieren: Gemeinnützige Organisationen bevorzugen als Freiwillige nämlich die so genannten „pflegeleichten“ und gut ausgebildeten Rentner, Schüler, Studenten sowie Erwerbstätige. Innerhalb der Studie finden sich Aussagen, dass zur größten Gruppe derjenigen, die sich „bei uns engagieren“ die „Zeitungsleser“ „Berufstä, tigen“ und „aufgeklärten Bürger, die wissen, was um sie herum passiert“ gehören. Das ,

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Fachtagung „Engagement – Arbeit – Zeit. Freiwilliges Engagement und Erwerbsarbeit“

von Freiwilligen vorzubereiten. Diese benö- Die Notwendigkeit förderlicher Rahmentigen mehr Orientierungs- und Begleitungs- bedingungen prozesse, sofern sie innerhalb ihres oftmals ersten freiwilligen Engagements positive Er- Das dominierende Leitbild der Enquetefahrungen sammeln sollen, sodass sie auch kommission „Zukunft des Bürgerschaftlinoch nach einer Rückkehr in den ersten Ar- chen Engagements“ von 2002 ist das eines beitsmarkt weiterhin an einer Engagement- „ermöglichenden“ Staates, der über geeigtätigkeit interessiert bleiben. Hier wird auf nete Rahmenbedingungen und Infrastrukdie oben bereits genannte Qualifizierungs- turmaßnahmen die Wirkungsweise der Bürnotwendigkeit der hauptamtlich Beschäftig- gergesellschaft unterstützt. ten hingewiesen. In der Praxis lassen sich erfolgreiche ProjektHinzu kommt, dass für Menschen, die beispiele finden: Erwähnt werden kann in mit dem Risiko konfrontiert sind, den An- diesem Zusammenhang das vom Bundesschluss sowohl an die Arbeitsgesellschaft familienministerium (BMFSFJ) geförderte als auch an die Bürgergesellschaft zu ver- Programm „Generationsübergreifende Freilieren, neue Engagementangebote definiert willigendienste“ (GÜF). Die Strukturen des und geschaffen werden müssten. Erforder- dazugehörigen Projektes in Sachsen – orgalich wären Einsatzfelder, die den Bildungs- nisiert durch die Paritätischen Freiwilligendienste Sachsen – wurden mit dem Ziel etafaktor relativieren. bliert, insbesondere den Bedürfnissen LangEine weitere Barriere, die es derzeit noch zu zeitarbeitsloser zu entsprechen. Nach Ausüberwinden gilt, ist das negative Image, das laufen der dreijährigen GÜF-Förderung ist es Erwerbslose sowie benachteiligte Bevöl- der Leiterin des oben erwähnten Projektes kerungsgruppen in der Gesellschaft haben gelungen, eine Weiterführung desselben und das sich paradoxerweise auch auf ihre mit der öffentlichen Förderung im Rahmen Engagementtätigkeit überträgt. des Programms „Freiwilligendienste aller Generationen“ (FDaG) zu ermöglichen. SoAuf der diesjährigen Jahresfachtagung der wohl an der Zielgruppe als auch an den etaFreiwilligenagenturen in Essen kam deut- blierten Projektrahmenbedingungen konnte lich zum Ausdruck, dass sich die Vermitt- festgehalten werden. lungsagenturen im Hinblick auf die spezifischen Bedürfnisse Erwerbsloser als über- Als weiteres Beispiel dient die Vorgehensfordert betrachten.7 Die Etablierung der er- weise des Freiwilligenzentrums Offenbach forderlichen Rahmenbedingungen sowie während seiner aktiven Teilnahme am Proder Zuwendungsstrategien für ein nachhal- gramm „Chance 50plus“ das durch das , tiges Engagement Erwerbsloser stellt, nicht Bundesarbeitsministerium (BMAS) geförnur für die Freiwilligenagenturen, sondern dert wird. Das Programm verfolgt das Ziel, für alle Organisationen des Non-Profit-Sek- die Beschäftigungschancen älterer Langzeittors einen erhöhten Aufwand dar, den sie arbeitsloser über freiwillige gemeinnützige aufgrund ihrer Ressourcenengpässe – ohne Tätigkeiten nachhaltig zu steigern. Für beide Förderung vonseiten der Kommunen, der Praxisbeispiele können erfolgreiche ÜberLänder und des Bundes – kaum bewältigen gänge erwerbsloser Freiwilliger in den regukönnen. lären Arbeitsmarkt nachgewiesen werden.8

7 Vgl. 15. Jahrestagung der Freiwilligenagenturen vom 03. bis 05. November 2010 in Essen zum Thema: „Kultur des Wandels: Wie gestalten Freiwilligenagenturen Entwicklungen im bürgerschaftlichen Engagement mit?“ online: http://www.mitarbeit. org/fwa2010_downloads.html (03.12.2010). 8 Vgl. Schulz, Rosine (Anm. 5), S. 156f., S. 160f. sowie Kapitel 6.4. Dieser Quelle können weitere Praxisbeispiele entnommen werden.

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Die vorteilhaften arbeitsmarktpolitischen Effekte, die sich bei einem nachhaltigen Kompetenz-Engagement Erwerbsloser einstellen würden, rechtfertigen die Forderung nach zusätzlichen Ressourcen vonseiten der aktiven Arbeitsmarktpolitik zur Etablierung der notwendigen Engagement-Infrastruktur. Eine solche Förderung müsste abgegrenzt sein von den sanktionsgebundenen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und das Freiwilligkeitsprinzip einhalten.

Menschen in den Arbeitsmarkt soll genauer untersucht werden. Als ein mögliches funktionierendes Praxisbeispiel werden die Freiwilligendienste aller Generationen genannt, die auch das Ziel verfolgen sollen, Langzeitarbeitslose wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Ausblick
Empirische Untersuchungen belegen, dass Erwerbslose weitaus weniger Möglichkeiten als Erwerbstätige haben, an beruflichen Weiterbildungen teilzunehmen. Dagegen zeigen staatlich geförderte Weiterbildungsmaßnahmen oft nur schwache positive Effekte auf die Wiederbeschäftigung Erwerbsloser. Und mit Einführung der Hartz-IV-Reformen wurde die staatliche Förderung für berufliche Weiterbildungsmaßnahmen Arbeitsloser auch noch stark eingeschränkt.11 Richten wir den Blick erneut auf die Bürgergesellschaft: Der Freiwilligensurvey belegt hinsichtlich der Teilnahme an Weiterbildungen im Rahmen des freiwilligen Engagements, dass 2009 nur 26% aller Arbeitslosen unter den Freiwilligen, dagegen 38% aller Erwerbstätigen und sogar 40% aller Rentner unter den Freiwilligen mehrmals im Jahr an Weiterbildungen teilgenommen haben. Diese Benachteiligung spiegelt sich in den Verbesserungswünschen an die gemeinnützigen Organisationen wider: 46% aller 2009 befragten erwerbslosen Freiwilligen wünschen sich mehr fachliche Unterstützung in ihrer Freiwilligentätigkeit und 40% wünschen sich mehr Weiterbildungsmöglichkeiten. Zieht man zusätzlich die an den Staat gerichteten Verbesserungswünsche heran, so zeigt sich, dass 2009 56% aller erwerbslosen Freiwilligen angeben, dass sie sich

Eckpunkte der Nationalen Engagementstrategie
Die Wahrscheinlichkeit eines gelingenden Übergangs in die Erwerbstätigkeit steigt mit einer angemessenen Förderung. Mit Blick auf die im Oktober 2010 beschlossene Nationale Engagementstrategie9 wird für eine ressortübergreifende Kooperation unter Einbeziehung der Arbeitsmarktpolitik plädiert. Mit der Nationalen Engagementstrategie legt die Bundesregierung die Grundlage für eine gemeinsame und aufeinander abgestimmte Engagementförderung aller Ressorts. Darin heißt es sinngemäß: Eine moderne Engagementpolitik soll Engagement in der Weise fördern, dass sich auch bislang engagementfernen Menschen Möglichkeiten zum Engagement und damit zur Integration und zur Teilhabe an unserer Gesellschaft bieten“ . In der Nationalen Engagementstrategie wird die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit Erwerbsloser durch freiwilliges Engagement – über das BMFSFJ und das BMAS – ausdrücklich erwähnt.10 Die bessere Nutzung der Potenziale engagementpolitischer Instrumente und arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen zur Eingliederung von
9 Vgl.

Nationale Engagementstrategie der Bundesregierung, 6.10.2010, online: www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2010/10/Nationale%20Engagementstrategie_10-10-06.pdf (22.10.2010). 10 Vgl. Nationale Engagementstrategie (Anm. 7), Punkt B. I. 6. 11 Vgl. Oschmiansky, Heidi (2007): Der Wandel der Erwerbsformen und der Beitrag der Hartz-Reformen: Berlin und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, WZB Discussion Paper. SP I 2007-104, Berlin, S. 32f.; Becker, Rolf/ Hecken, Anna (2005): Berufliche Weiterbildung – Arbeitsmarktsoziologische Perspektiven und empirische Befunde. In: Abraham, Martin/Hinz, Thomas (Hrsg.): Arbeitsmarktsoziologie. Probleme, Theorien, empirische Befunde. Wiesbaden, S. 145ff.; Bundesagentur für Arbeit (2010): Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Jahresrückblick 2009, Nürnberg.

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eine Anerkennung ihrer Freiwilligentätigkeit als Praktikum bzw. als Weiterbildungsmaßnahme wünschen. 58% wünschen sich mehr Aufklärung über die Möglichkeiten eines freiwilligen Engagements. Erwerbslose sind zwar im Engagement immer noch unterrepräsentiert. Die Vorteile, die sie durch ein freiwilliges Engagement hätten und ihre hohe Engagementbereitschaft weisen auf bisher uneingelöste Teilhabechancen hin, die nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftlich vorteilhafte Effekte hervorrufen würden. Die Verbesserungswünsche der Erwerbslosen sind an die Non-Profit-Organisationen und an die Politik adressiert. Sie gehen einher mit den Aspekten, die in diesem Beitrag genannt wurden: bedarfsgerechte Information und Aufklärung über die vielfältigen Möglichkeiten eines freiwilligen Engagements, Berücksichtigung der zielgruppenspezifischen Bedürfnisse Erwerbsloser bei der Vermittlung einer Freiwilligentätigkeit, qualifizierte Vorbereitung der hauptamtlichen Beschäftigten im Umgang mit Erwerbslosen, Bereitstellung von Fördermitteln zur Implementierung der notwendigen Rahmenbedingungen. Die Effektivität eines Kompetenzerwerbs über gezielte Bildungsangebote sowie über sich indirekt einstellende Qualifizierungseffekte eines Engagements hängt von der Umsetzung der oben genannten Handlungsaufforderungen ab. Die Bürgergesellschaft würde auf diese Weise nicht zu einem Auffangbecken sozial Schwacher degradiert, sondern überhaupt erst einmal eine kontinuierliche Teilhabe dieser Gruppen an der Bürgergesellschaft ermöglichen. Sie hätte auch nicht nur eine Kompensationsfunktion für misslungene Prozesse innerhalb der Arbeitswelt, sondern würde in einem Nebeneinander von freiwilligem Engagement und Erwerbslosigkeit sowie von freiwilligem Engagement und Erwerbstätigkeit sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen eine fortschrittliche und zukunftsorientierte Entwicklung verfolgen, die ihrem Eigensinn nicht entgegenwirkt.

Diskussion zum Kompetenzerwerb

Zusammenfassung der Diskussionen

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Zusammenfassung der Diskussionen
Die Schwerpunkte der Rückfragen und Diskussionsbeiträge lassen sich wie folgt bündeln:

Ergebnisse 3. Freiwilligensurvey
Die Vorstellung der aktuellen Ergebnisse des 3. Freiwilligensurveys wurde sehr interessiert aufgenommen. Insbesondere der Engagementabbruch (Umfang, Gründe, Verbleib der Engagierten) im Untersuchungszeitraum stand zunächst im Mittelpunkt der Diskussion. Für die Frage nach dem Verbleib der Engagierten wäre eine Panelbefragung notwendig – der Freiwilligensurvey ist ein Querschnitt, bei dem immer wieder eine neue Stichprobe an Befragten herangezogen wird; allerdings wird im Freiwilligensurvey nach dem früheren Engagement gefragt, und nach den Gründen des Engagementabbruchs – hier steht die regionale Mobilität an erster Stelle. Insbesondere bei jungen Leuten führt der Wechsel des Wohnortes zum Abbruch des Engagements, in dieser Gruppe ist aber auch die Bereitschaft, sich wieder zu engagieren besonders hoch; zweiter Faktor ist der Zeitmangel; Gründe, die nicht mit der unmittelbaren Lebenssituation der Befragten zu tun hatten, sondern sich etwa aus der Frustration beim Engagement oder aus organisationsinternen Umständen ergeben hatten wurden demgegenüber sehr selten angeführt, so der Studienleiter Thomas Gensicke. Weiterhin galt das Interesse den Typen der Engagementmotivation: Eigeninteresse und Gemeinwohlorientierung. Beide Faktoren sind individuell eng mit einander verzahnt und werden für die Typenbildung auseinander gezogen; bei den Interessenorientierten halten sich Gemeinwohl- und Interessenorientierung in etwa die Waage, bei den Gemeinwohlorientierten rangiert das Gemeinwohl deutlich vor den Eigeninteressen; daher stelle die Typenbildung keinen Kontrast im eigentlichen Sinne dar. In der Diskussion wurde außerdem auf den Wandel der Bereiche hingewiesen, in denen

Engagement gesellschaftlich erwünscht sei, im Zeitraum von 1999 bis 2009 erfasst – z.B. im Bereich Kindergarten/Schule sei Engagement in Ostdeutschland 1999 eher nicht erwünscht gewesen, heute habe dort ein deutlicher Wandel stattgefunden. Wie sieht es hier mit der Geschlechtsspezifik des Engagements aus? Ändert sich das Engagement junger Männer wenn Sie junge Väter werden und wird dies vom Freiwilligensurvey erfasst? Gibt es einen Zusammenhang zum Wandel der Väterrolle und etwa inzwischen ein ähnlich hohes Engagement von Vätern und Müttern? Das thematische Profil der Geschlechter im Engagement ist nach wie vor sehr unterschiedlich, so Gensicke. Frauen sind deutlich mehr im sozialen Bereich engagiert (Kindergarten, Schule, Kirche) und gleichzeitig sind Frauen wesentlich mehr für Personen tätig. Es gibt im Laufe des Untersuchungszeitraums jedoch diesbezüglich eine Angleichung zu konstatieren – Männer sind vermehrt im sozialen Bereich tätig – hier gibt es aber wiederum ebenfalls Hinweise auf eine (geschlechterstereotype) Arbeitsteilung. Männer übernehmen tendenziell häufiger Sacharbeiten, Verwaltungsarbeiten, Finanzen. Regionale Unterschiede im Engagement wurden ebenfalls thematisiert – eine Auflösung der Ergebnisse des Freiwilligensurvey nach Nord- und Süddeutschland ist ebenso möglich wie die nach Ost- und Westdeutschland. Signifikante Unterschiede in der regionalen Verteilung des Engagements zeigen sich darin, dass der Nordwesten mit einer deutlich angestiegenen Engagementquote sich an das hohe Niveau des Südwestens angeglichen hat. Auch im Osten hat das Engagement zugenommen, allerdings ist immer noch ein deutlicher Abstand zum Westen vorhanden. Auch die soziokulturellen Merkmale der Engagierten sind im Untersuchungszeitraum

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unverändert. Freundeskreis und Kirchenbindung sind nach wie vor die wichtigsten Erklärungsfaktoren für (überproportionales) Engagement; der Bereich Kirche/Religion ist stabil und mit Schule/Kindergarten der zweithäufigste Engagementbereich. Schließlich wurde die Entwicklung des Engagements von Arbeitslosen thematisiert. Es war zwischen 1999 und 2004 angestiegen, nun 2009 allerdings wieder leicht rückläufig, jedoch nach wie vor auf höherem Niveau als 1999. Die niedrigste Engagementquote ist bei Hartz-IV-Bezieher/innen festzustellen, während sich ALG I-Bezieher/innen bezüglich ihres Engagements fast dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen (ähnliche Engagementquote). Der Freiwilligensurvey versucht, die verschiedenen Gruppen der nicht Erwerbstätigen differenziert zu erfassen.

Engagement und Erwerbsarbeit: neue Formate
Die Diskussion zum Verhältnis von Engagement- und Arbeitsmarktpolitik fokussierte den Zusammenhang neuer Dienstleistungen und der Entgrenzung der Erwerbstätigkeit. Bernhard Jirku betonte, wie entscheidend hier die Entwicklung der Dienstleistungswelten in einem positiven Sinne wäre. Er beklagte die Tendenz, den Dienstleistungsbereich zu dequalifizieren, deprofessionalsieren und in ein (weiblich konnotiertes) Ehrenamt zurückzubewegen („natürliche Aufgaben“ der weiblichen Familienmitglieder, z.B. in der Pflege) mit den entsprechenden negativen Auswirkungen auf die Vergütung. Stattdessen sei hier eine Weiterbildungsoffensive angezeigt: es müssten für die Entwicklung des Dienstleistungssektors Ressourcen bereitgestellt werden, die eine professionelle Berufausbildung und Berufsausübung ermöglichen. Adalbert Evers stellte angesichts der skizzierten Gefahren einer negativen Entwick-

lung erneut die Frage, wie Engagement- und Arbeitsmarktpolitik gestalten müsse, um die Chancen zu mehren und die Risiken begrenzen zu können, die sich aus der zunehmenden Entgrenzung von Engagement und Erwerbsarbeit ergeben. Die Trennung in eine Welt der Arbeit und in eine Welt des Engagements sei so nicht mehr aufrecht zu erhalten. Es gebe darüber hinaus zunehmend Bereiche, in denen es schwierig festzustellen sei, ob und welche Art von Engagement Arbeitsplätze verdrängt und welches nicht – dies beträfe etwa auch den Pflegebereich. So sei es positiv zu bewerten, wenn die Regierung Engagement im Pflegebereich fördere, denn in diesem Bereich sei ohne Engagement und Förderformate in Zukunft nicht auszukommen – gleichzeitig würde sich an den finanziellen Arbeits- und Verpflegungsbedingungen in Altenheimen zu wenig ändern. Dieser Art Dilemma sei nicht durch Trennungen zu entkommen, sondern damit müsse politisch umgegangen werden – dies könnte z.B. auch von Gewerkschaftsseite aufgegriffen werden (Engagementinitiativen der Länder im Pflegebereich Arbeitsbedingungen in Altenheimen). Herr Jirku wies an dieser Stelle darauf hin, dass sich ver.di im Kontext der jüngsten Pflegekräftedebatte intensiv dafür eingesetzt habe, auf Aus-, Fort- und Weiterbildung, insbesondere auch von Erwerbslosen (Umschulungen für die Pflege) Wert zu legen, hier seien in der Vergangenheit Erfolge erzielt worden – es müssten die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden – sowohl was Bildung, als auch was den Einsatz dieser Pflegekräfte betrifft. Kernfrage bleibe, so Hans Georg Weigel, welche Rolle der Eigenlogik des Engagements (Freiwilligkeit, Unentgeltlichkeit, Selbstbestimmtheit) in Zukunft zukomme, vor dem Hintergrund, dass die Welt der Arbeit und die Welt des Engagements nicht mehr zwei gegensätzliche Bereiche sein können, sondern dass es zu mehr Vermischungen kommen wird.

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Die Diskussionsbeiträge aus dem Plenum machten deutlich, wo weitere virulente Punkte liegen. So insbesondere die Frage der finanziellen Absicherung der Engagierten, die Frage der Erstattung von Kosten. Hier wurde auf die regional sehr verschiedenen Ausgangsbedingungen von Engagement verwiesen; so seien im ostdeutschen ländlichen Raum mit seiner niedrigen Engagementquote oftmals Fahrtkosten ein Problem (keine funktionierender öffentlicher Nahverkehr). Die Bedingungen für Engagement in Organisationen müssten verbessert werden, etwa durch weitere Aufwandsentschädigungen. Auch sollte die Frage der Arbeitsmärkte und der arbeitsmarktpolitischen Instrumente, wie 1-Euro-Jobs etc., im Zusammenhang diskutiert werden. Es gebe, so Evers gibt zwei Themen an der Schnittfläche von Arbeit und Engagement. Diese sei nicht nur eine Schnittfläche am Niedriglohnarbeitsmarkt, sondern betreffe auch die Frage, welche Rolle in Zukunft den Humandienstleistungen zukomme und damit dem zukünftigen Verhältnis von Erwerbsarbeit, Dienstleistungen und Familienalltag. In der Vergangenheit habe es allgemein anerkannte Formate gegeben, wie Erwerbsarbeit und Engagement im Lauf des Lebens zu verbinden waren („gute Bürger“), die Frage sei nun, wie zukunftsorientierte Formate für die Verbindung von Engagement und Erwerbsarbeit aussehen können – wo könne der (selbstverständliche) Platz für Engagement in Lebensentwürfen sein (z.B. Freiwilliges Soziales Jahr).

würden geschaffen. Destabilisierung und Dequalifizierung im Dienstleistungsbereich hätten ebenfalls negative Effekte auf das Engagement – Kopf und Herz für Engagement könnten nur auf der Basis einer gesicherten Existenz entstehen. Engagementförderung habe somit, so Jirku, auch etwas mit Prekarisierung und Existenzsicherung zu tun, der Schlüssel sei die Qualifizierung von Dienstleistungen, um daraus Existenz sichernde Arbeitswelten zu entwickeln. Im anschließenden Schwerpunkt Zeit für Engagement: Engagement und Zeitpolitik wurden insbesondere die Beharrungstendenzen der Geschlechterdifferenz betont. Diese seien signifikant und auch erstaunlich, dennoch gebe es an spezifischen Stellen einen aufzuzeigenden Wandel, so Sibylle Picot. Zum Einordnen der Phänomene sei es wichtig, sich auf die auf der Basis des Freiwilligensurveys errechneten Durchschnittswerte zu beziehen.

Bürgerarbeit und Monetarisierung
Sabine Böttcher ging auf zahlreiche Nachfragen zum Projekt Bürgerarbeit in Bad Schmiedeberg ein. So seien 108 Arbeitslosen aus dem Projekt insgesamt 12 auf den ersten Arbeitsmarkt gewechselt. Bei Ablehnung der Bürgerarbeit drohten zwar Sanktionen, dennoch hätten die Bürgerarbeiter/innen selber die Arbeit nicht als Zwang wahrgenommen. Die Bürgerarbeiter/innen hätten sich zuvor sozial isoliert und nicht mehr in die Region integriert gefühlt, sie trauten sich in ihrer Situation nicht, in die Öffentlichkeit zu gehen und sich zu engagieren. Dies läge sowohl an der sozialen Kontrolle in einer kleinen Gemeinde als auch an individuellen Schuldgefühlen wegen der Arbeitslosigkeit. Die Gleichsetzung von Bürgerarbeit mit Engagement sei zwar fragwürdig. Dennoch stelle sie eine zukünftige Fragestellung dar, vor dem Hintergrund der Suche nach geeigneten Integrationsmaßnahmen für Arbeitslose mit der Auflage, dass diese Maßnahmen einen Sinn haben sollen und gleichzeitig keine Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt gefährden oder verdrängen dürften.

Zeitpolitik
An dieser Stelle lag die Verbindung zur Frage der Zeit nahe: Erwerbszeit, Familienzeit, Engagementzeit – es sei, so Jirku, wesentlich, mehr und existenzsichernde Erwerbsarbeit zur Verfügung zu stellen, möglicherweise auch zu geringeren Arbeitszeiten. Je mehr und je besser die zukünftigen Herausforderungen der Dienstleistungswelten, insbesondere der am Menschen orientierten Dienstleistungen, gemeistert würden, desto mehr Räume für das Engagement

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Zur Frage der Monetarisierung von Engagement betonte Matthias Scholz vor dem Hintergrund des Dienstleistungsangebots der Malteser Hilfsdienste, dass ehrenamtliche Dienstleistungen nicht umsonst sein müssten, denn würden Kosten verursachen, etwa für die Ausbildung oder Ausrüstung. Daher seien Kosten für ehrenamtliche Sanitätsdienste o.ä. zu vertreten.

Abschluss der Tagung
In den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen der Tagung sind zahlreiche Aspekte ausgeleuchtet worden, die zurück den Ausgangsfragen führten: wie können neue Formate und Modelle der Verbindung von Engagement und Erwerbsarbeit aussehen? Wie ließen sich arbeitsmarkt- und engagementpolitische Maßnahmen verbinden? Deutlich wurde, dass das Dreieck von Bürgerschaftlichem Engagement, Arbeitsmarktpolitik und der Frage der entsprechenden Rahmenbedingungen immer wieder neu thematisiert werden muss und dass es notwendig ist, Utopien zu entwickeln, die Engagement als selbstverständlichen Bestandteil individueller Lebensläufe ermöglichen. Hier liegt eine Chance der konstatierten Entgrenzungsprozesse von Erwerbsarbeit und Engagement.

Referentinnen und Referenten

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Referentinnen und Referenten
Sabine Böttcher Diplom-Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Sozialforschung Halle mit dem Arbeitsschwerpunkt Arbeitsmarkt und Bildung/ Qualifikation (Bildungsexpansion und -beteiligung) und Mitglied in der Forschungsgemeinschaft für Konflikt- und Sozialforschung Halle e.V. ist Professor für vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik an der JustusLiebig-Universität Giessen. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Theorie des Sozialstaats und der Sozialpolitik, Dritter Sektor und Zivilgesellschaft, persönliche soziale Dienstleistungen (Altenpflege, Kindertagesbetreuung, Dienstleistungen zur Arbeitsmarktintegration) im internationalen Vergleich, Governance Konzepte, Partizipation und bürgerschaftliches Engagement. ist Projektleiter des Freiwilligensurveys bei TNS Infratest wo er als Bereichsleiter „Staat und Bürger“ zu den Schwerpunkten Empirische Einstellungs-, Werte- und Kulturforschung sowie Politische Kultur, politische Beteiligung und freiwilliges Engagement forscht. ist Wirtschafts- und Sozialhistoriker und bei ver.di auf der Bundesebene für die Erwerbslosenarbeit zuständig. Er hat sich für die IG Medien in den 1990er-Jahren in Berlin-Brandenburg mit Wirtschafts-, Struktur- und Arbeitsmarktpolitik befasst; u.a. vertrat er von 1993 bis 1996 die Gewerkschaften im Verwaltungs- und im ABM-Ausschuss des Arbeitsamts Berlin-Südwest; er war als Sozialreferent an deutschen Botschaften in Südosteuropa tätig. ist Leiter Corporate Responsibility der Coca Cola GmbH. Er entwickelt und koordiniert CSR-Projekte des Unternehmens: die Adaption der internationalen Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland, die Koordination der Aktivitäten im Unternehmen, der Einbeziehung der Mitarbeiter, der Stakeholder. ist Soziologin (M.A.). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die politische Einstellungsforschung, Frauen- und Jugendforschung und Bürgerengagement. Ihr Spezialgebiet ist inzwischen insbesondere das freiwillige Engagement von Jugendlichen. Neben ihrer langjährigen Arbeit in der quantitativen Sozialforschung galt stets ihr besonderes Interesse dem qualitativen Forschen. Mit diesem Schwerpunkt ist sie seit Oktober 2000 als selbständige Sozialforscherin tätig. ist für das Personalressort der Malteser Trägergesellschaft verantwortlich und Mitglied der erweiterten Geschäftsführung der MTG Malteser Trägergesellschaft gemeinnützige GmbH. Sein Aufgabengebiet umfasst personalpolitische Grundsatzfragen sowie die Umsetzung der Personalstrategie. berät Unternehmen im Non-Profit-Sektor und ist Hochschuldozentin. Sie ist gelernte Diplom-Ökonomin hat nach mehrjähriger Tätigkeit für die RobertBosch-GmbH an der Philosophischen Fakultät der Westfälischen WilhelmsUniversität zu Münster zum Thema Kompetenzgewinn im Engagement als Weg der Integration Arbeitsloser in die Gesellschaft promoviert. ist Geschäftsführer Bildung/Volkswirtschaft beim Arbeitgeberverband G ­ esamtmetall. ist Direktor des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main.

Prof. Dr. Adalbert Evers

Dr. Thomas Gensicke

Bernhard Jirku

Uwe Kleinert

Sibylle Picot

Dr. Matthias Scholz

Dr. Rosine Schulz

Dr. Michael Stahl Hans-Georg Weigel

Literatur

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Kurzprofil
Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISSFrankfurt a. M.) wurde im Jahr 1974 vom Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (AWO) gegründet und ist seit 1991 als rechtlich selbständiger gemeinnütziger Verein organisiert. Der Hauptsitz liegt in Frankfurt am Main. Das ISS-Frankfurt a. M. beobachtet, analysiert, begleitet und gestaltet Entwicklungsprozesse der Sozialen Arbeit und erbringt wissenschaftliche Dienstleistungen für Ministerien, Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Einrichtungsträger. •	Das Leistungsprofil des ISS-Frankfurt a. M. steht als wissenschaftsbasiertes Fachinstitut für Praxisberatung, Praxisbegleitung und Praxisentwicklung an der Schnittstelle von Praxis, Politik und Wissenschaft der Sozialen Arbeit und gewährleistet damit einen optimalen Transfer. •	Zum Aufgabenspektrum gehören wissenschaftsbasierte Dienstleistungen und Beratung auf den Ebenen von Kommunen, Ländern, Bund und der Europäischen Union sowie der Transfer von Wissen in die Praxis der Sozialen Arbeit und in die Fachöffentlichkeit. •	Die Arbeitsstruktur ist geprägt von praxiserfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, häufig mit Doppelqualifikationen, die ein breites Spektrum von Themenfeldern in interdisziplinären Teams bearbeiten. Dadurch ist das Institut in der Lage, flexibel auf Veränderungen in Gesellschaft und Sozialer Arbeit sowie die daraus abgeleiteten Handlungsanforderungen für Dienstleister, Verwaltung und Politik einzugehen. •	Auf der ISS-Website finden Sie u.a. Arbeitsberichte, Gutachten und Expertisen zum Download. Weitere Informationen zum ISS-Frankfurt a. M. und zu dessen Kooperationen erhalten Sie unter www.iss-ffm.de.

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