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Full text: Dokumentation der Tagung "Wer ist fremd?" am 6. Juli 2000

Sondernummer 3

Berliner Forum Gewaltprävention

Prof. Dr. Brigitte Wießmeier

Bikulturalität - ein Mosaikstein kindlicher Identität? Eine Fallstudie aus Berlin
ie gehen junge Menschen mit Mehrfachzugehörigkeiten um, und wie konstruieren sie ihre Identitäten jenseits starrer nationaler oder kultureller Kategorien? Wie wollen sie sich selbst sehen, und inwieweit überlassen sie der Gesellschaft ein Deutungsrecht? Im Folgenden möchte ich Ihnen ausgewählte Aspekte meiner etwa dreijährigen Studie vorstellen. Ich befragte in diesem Rahmen dreißig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 6 bis 26 aus Berlin und ergänzte meine Ergebnisse mit denen von Studenten, die zusammen weitere 54 „Bikulturelle“ interviewt hatten. Lassen Sie mich durch den Fokus auf Alter, Geschlecht und Phänotyp Einblicke in typisierte Entwicklungsverläufe geben.

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Alterstypische Verhaltensmerkmale
können nur im Rahmen allgemeiner Sozialisationsschritte und vor allem auch der jeweiligen Familienkonstellationen betrachtet werden. Auf diesem Hintergrund will ich versuchen, Typisches herauszukristallisieren: Alter 3–5 6–9 Verhaltensmerkmale Sprache der Umwelt wird zur Erstsprache, Zweitsprache wird als irritierend oder behindernd erlebt und verweigert, besonders bei unregelmäßigem Sprachgebrauch, z. B. wegen selten anwesender Väter. Ärger über „dumme Sprüche“ oder Kommentare zum Namen aber auch zum Aussehen. Solch eine Form der Hervorhebung behindert die Aufnahme in die Peer-Gruppe und wird vermieden. Notfalls findet eine Integration in die Gruppe der „Auffälligen“ statt. Experimente mit einem passenden Freundeskreis, erster Ärger über Fragen nach Bilingualität als Anspruch an „Bikulturelle“. Allgemeine Zunahme von Zugehörigkeitskonflikten (Pubertät) und Ablehnung der Zweitsprache als künstlich in hiesiger Umgebung. Anforderungen werden skeptisch hinterfragt, Selbst- und Fremdbild werden gegenübergestellt. Entdeckung des Reizes, besonders zu sein, sei es durch Aussehen, Zweitsprache oder Zweitheimat (die Welt öffnet sich). Vorwurf an die Eltern, bei der Sprachvermittlung nicht durchgehalten zu haben, an die Väter, nicht genug Kulturhintergründe vermittelt zu haben. Mit dem eigenen Namen wird spielerisch umgegangen. Pflege eigenständiger Familienkontakte, auch ins Ausland. Eigenständiger Spracherwerb, Beruf- oder Studienwahl kann Nähe oder Distanz zu Eltern schaffen, Ablösung vom Elternhaus bringt eine Beschäftigung mit der Sozialisation des ausländischen Elternteils mit sich. Gedanken und Entscheidungen zur Staatsangehörigkeit. Partnerwahl, Heirat und eigene Kinder fordern dazu auf, Schwerpunkte im Familienalltag zu setzen (welche Sprachen, welche Feste, welche Reisen...?).

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Gemäß ihrer Entwicklung des abstrakten Denkens nahmen die Jüngsten Bikulturalität als „Gewichtszunahme“ an, sie konnten aber das „Volumen“ und damit die Inhalte von Bikulturalität nicht fassen. So waren Sätze wie „Ich kann mir sicher vorstellen, dass da was anders ist, aber was?“ häufig zu hören. Zugehörigkeit wurde von der nächsten Altersgruppe, den Schulkindern, in Ermangelung von Konkretem am Geburtsort oder am Aussehen festgemacht, etwa so: „Das sieht man am Gesicht!“. Familienhintergründe interessierten sie noch nicht, wie der 7jährige Alex formulierte: „Ach, die tun einfach damit gar nix, ... die tun so, als wenn ... das sie nix angeht. Das geht die auch nix an, und das machen die auch.“ Während der Phase der Pubertät wurde die eigene Position genau beobachtet und fehlende Anerkennung ggf. nachgebessert durch einen Wechsel der Freunde. Beliebt zu sein gewann an Bedeutung, Neid oder auch Zurückweisung wurden registriert und Freundschaften leidenschaftlicher diskutiert. Nicht selten gestaltete sich der Freundeskreis dann bikultureller, wobei der Phänotyp eine stärkere Bedeutung erhielt. Durch die zunehmende Zahl von Europaschulen nutzen Eltern die Chance, ihre Kinder gezielt mit Kindern aus ähnlichen Familienkonstellationen zusammenzuführen. Bikulturalität kann auf diesem Wege eine größere Selbstverständlichkeit erlangen. Mit zunehmendem Alter, vermehrten Vergleichen mit anderen, Reisen ins Ausland und auch erzwungenen Reflexionen durch den Phänotyp, formulierten junge Erwachsene Inhalte ihrer Bikulturalität auch so: „Dann wird man gezwungen ein bisschen intelligenter zu sein“. Auffällig war allerdings, dass Mehrsprachigkeit in jeder Altersstufe als zentraler Inhalt von Bikulturalität eingeschätzt wurde. Die Umwelt und die Eltern, insbesondere die Mütter, transportieren ihre Annahmen und Wünsche an ein Aufwachsen in zwei Kulturen auf diesem Weg scheinbar sehr erfolgreich.

Geschlechtsspezifische Differenzen
Generell unterschieden sich die befragten Mädchen und Jungen in ihren Reaktions- und Verhaltensweisen nicht, allerdings stellte sich der Umgang mit dem Status als Besondere, der in der Schule, im Freundeskreis oder später in Studium und Beruf thematisiert wurde, als verschieden heraus. Die Mädchen schilderten in allen Altersgruppen eher erlebte Akzeptanz. Sie schienen lustvoller bis gelassener mit ihrer Position als Auffällige/Besondere umzugehen, wurden weniger als die Jungen gehänselt oder gingen damit anders um. Insgesamt wird auf diesem Hintergrund der Rechtfertigungsdruck auf die Mädchen als geringer eingeschätzt. Für sie scheint es weniger Identifikationsmodelle zu geben, denen sie entsprechen müssen, denn die medial vermittelten internationalen Idole aus der Musikbranche, aus dem Sport oder aus Abenteuerfilmen sind weitgehend männlich. Als junge Frauen stellten sie sich explizit als „Grenzgängerinnen“ vor, die es vorzogen, ihren „Platz dazwischen“ zu gestalten. Die Jungen erinnerten sich auch an körperlich ausgetragene Positionskämpfe, insbesondere anlässlich diverser Hänseleien bezüglich Namen oder Aussehen. Mit zunehmendem Alter beschrieben sie dann ihre Abgrenzungen gegenüber den Erwartungen aus Umwelt und Familie. Ausschließlich bei den männlichen jungen Erwachsenen war dann von einer „neutralen Haltung“ zur Bikulturalität, einer Position als Individuum oder einer „einfach als Mensch“ zu hören. Die Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre schienen sie angestrengt zu haben, sie benötigten eine Ruheposition, die sie pragmatisch als Neutrale einnehmen konnten. Die beschriebenen Reaktionsweisen sollten ebenso unter familiendynamischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Die Häufigkeit von Scheidungen in den Familien der Grenzgängerinnen aber auch der Neutralen veranlasst dazu, dieses Leben - auf einem neutralen Platz dazwischen - ebenfalls zur Vermeidung eines Loyalitätskonfliktes in Betracht zu ziehen. Die Mädchen sahen sich auf diesem Platz eher als aktiv Ausbalancierende, die Jungen sich eher als passiv Zurückgezogene. Die Jungen gaben nicht selten an, den Vater zur Stärkung ihrer Position vermisst zu

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haben, wohingegen fast alle Mädchen trotz Trennungen der Eltern die Mutter als Identifikationsobjekt behielten.

Bedeutung phänotypischer Merkmale
Kategorisierungen dienen dazu, Menschen in Systeme einzugliedern. So soll Fremden von den Einheimischen ein Platz zugewiesen werden, von dem aus beide Seiten miteinander agieren können. Letztlich stellen diese Zuweisungen Machtverhältnisse in Gesellschaften oder Gruppen dar. In diesem Zusammenhang ist ein Einfluss des Phänotyps auf Anerkennung oder Ablehnung im sozialen Kontext nicht unüblich. Diskriminierung aufgrund des Phänotyps wurde in den Interviews überraschend selten erwähnt (1). Die Kinder mit dunklerer Hautfarbe hatten allerdings, scheinbar präventiv, eine Idee von einem Leben ohne solche inneren oder äußeren Auseinandersetzungen entwickelt. Ein zukünftiges Leben in den USA wurde in dieser Gruppe als potentielle Chance betrachtet und in ihren Phantasien entsprechend ausgeschmückt. Im Falle konflikthafter Schulerlebnisse fiel auf, dass die Schwierigkeiten ausschließlich mit der äußeren Erscheinung in Verbindung gebracht wurden. Die erfahrene Fremdbestimmung rief unterschiedliche tiefgreifende Gefühle hervor und der einsetzende Wille zur Selbstbehauptung war gemäß der verschiedenen Persönlichkeiten individuell sehr unterschiedlich ausgerichtet. Drei Aspekte fallen bei den Beschreibungen der Befragten auf. 1. Südeuropäische Elternteile bescherten den jungen Menschen viele positive Reaktionen, da ihr Aussehen als attraktiv galt. Nicht selten sahen sie sich in der Situation, dass sie gegenüber Türken abgegrenzt wurden, mit denen sie häufig befreundet waren. Sie fanden ihr Aussehen hilfreich im Umgang mit sogenannten ausländischen Jugendlichen. Auch hier wurden besonders Türken genannt, die ihnen, als solidarischer Akt unter Gleichgestellten, keine Probleme bereiteten, womit der Verzicht auf jugendliche Pöbeleien gemeint war. 2. Dunkelhäutige Jugendliche kritisierten unisono die nicht versiegenden Fragen nach ihrer Herkunft, die sich bis hin zu penetrant geforderten Einblicken in Familienhintergründe steigerten. Diesen Fragen wurde im Alltag in Deutschland ungern statt gegeben, da sie als höchst lästig empfunden wurden und nicht selten offensichtlich einem Abgrenzungswunsch entsprachen. In ihren „Zweitheimaten“ wurden solche Fragen ebenfalls gestellt, aber dort wurden sie als freundlicher, interessierter und berechtigter empfunden. Dort war ein „Woher“ zu beantworten, in Deutschland eben nicht. Jugendliche experimentierten damit, wie sie ohne zu viele weitere Nachfragen ihre Herkunft darlegen könnten. Ihre Pragmatik dabei war beeindruckend. Der 14jährige Omar bezeichnete sich als Deutscher „bei amtlichen Sachen“ und als „Deutschiraner“ auf Fragen der Lehrer. Und weiter: „Also, zu Freunden, die mich fragen: Bist du Türke, da sag‘ ich: ‚Nein, ich bin Iraner'. Weil, die würden mir nicht abkaufen, dass ich irgendwie Deutscher bin oder so, weil ich nicht so aussehe. Ach so, ich fühle mich aber irgendwie etwas mehr zur iranischen Seite hingezogen, aber das kann ich doch halt nicht so sagen.“ 3. Ausgrenzungen und Zuordnungen wurden auf vielfältige Art und Weise erlebt: • Die Deutsch-Griechin genoss die Anerkennung durch alle Griechenland-begeisterten Deutschen, musste sich aber auf eine Ablehnung durch türkische Jugendliche einstellen. • Die Deutsch-Irakerin bewegte sich unbeschwert im Berliner Freundeskreis, im Irak wurde sie als Blonde immerzu angestarrt. • Der Deutsch-Inder galt in Europa als Inder, Araber oder Türke; in den USA war er der Nigger, in Indien der Europäer. • Die Deutsch-Nigerianerin fühlte sich von der afrikanischen Community in Deutschland als „Pseudoafrikanerin“ abgelehnt.
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• Der Deutsch-Afrikaner ließ sich in Deutschland als Afroamerikaner feiern und nutzte schmunzelnd diese Gunst der Stunde. Die Erfahrungen unseres Samples führten keinesfalls zu anhaltender Depression oder Wut, sie wurden als Herausforderung verstanden, als Chance, die sie pragmatisch nutzten. Sie erkannten die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten in der Großstadt Berlin und hatten alle ihren Platz gefunden, meistens in einem multikulturellen Milieu. Tendenziell ist herauszuhören, dass ablehnende Zuschreibungen im Zweitland oder in der ethnischen Community als besonders kränkend empfunden werden. Für ihren „deutschen Alltag“ schienen sie bestens auf derartige Angriffe vorbereitet zu sein, im Gegensatz zu solchen in manch idealisierter „Zweitheimat“. Der 15jährige Mathias beschrieb die Treffen der afrikanischen Familien als „dumme Situation“, weil er kein Kreol sprach und sein Vater aus seiner Sicht „immer Ausflüchte“ gebraucht hatte, warum er seinen Kindern diese Sprache nicht beibrachte. Er zog sich zurück und glaubte auch, dass sein Vater dies gar nicht registrierte. „Ich fress´ das irgendwie in mich rein.“

Einige familiendynamische Besonderheiten
Migrationserfahrungen von Eltern und Kindern Kinder sprachen dieses Thema nur an, wenn sie selbst in diesen Wanderungsprozess einbezogen waren. Immerhin wies ein Viertel des Samples auf eigene Migrationserfahrungen hin. Erst als junge Erwachsene interessierten sich für diesen Teil der Geschichte der Eltern. Politische Verfolgung wurde kaum thematisiert. Auffällig ist dabei, dass keinerlei kindliche Migrationserfahrung in deutsch-asiatischen Familien und nur wenige in deutsch-lateinamerikanischen bekannt wurden, dagegen die Hälfte der Migrationserfahrenen aus deutsch-europäischen Familien stammen. Ein weiteres Drittel der migrierten Kinder kommt aus deutsch-arabisch-afrikanischen Familien. Unterschiede der durchschnittlich immerhin 9jährigen Erfahrungen im Zweitland lassen sich an folgenden genannten Gründen zur Auswanderung festmachen. Ein Viertel gab die Scheidung der Eltern als Anlass zur Rückkehr an, fast gleich viele sahen die beruflichen Veränderungen der Eltern als Hintergrund, und junge Erwachsene siedelten eigenständig zum Studium um. Krieg, die Gesundheit und auch unklare Motive bildeten den Rest. Belastungen für die Kinder schienen in erster Linie im Zusammenhang mit den Veränderungen durch Scheidungen entstanden zu sein, weil damit Trennungen von einem Elternteil und im weiteren Verlauf der Entwicklung auch von dieser Familienhälfte als auch von Freunden, einem geliebten Kinderzimmer und der gewohnten Sprache verbunden waren. Spiegelten sich derartige Erlebnisse in den Interviews wider? Neben einem erlebnisbedingten anzunehmenden höheren Reflexionsgrad war eine emotionalere Beteiligung zu beobachten. Im positiven wie auch im negativen Urteil äußerten sie sich leidenschaftlicher, insbesondere, wenn z.B. durch eine Scheidung der Wegzug nicht nachvollziehbar, sondern für sie zu spontan verlaufen war. Vereinzelt lassen spätere Entscheidungen, für entsprechende Reisen oder ein Studium, auf eine für sie nicht zufriedenstellend beendete Auseinandersetzung schließen.

Bilder von Familien und Geschwisterpositionen Mit Hilfe eines Familienbretts und den dazu gehörenden 23 Holzfiguren bauten in meinem Sample alle Befragten ihre Familienkonstellationen auf, die ich mit einer Sofortbild-Kamera
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festhielt. Dabei fiel auf, dass grundsätzlich Vater und Mutter als erste Figuren aufgestellt wurden, ob die Eltern sich getrennt hatten oder nicht. Nähe und Distanz zu ihnen spiegelten keine relevanten Unterschiede der aktuellen räumlichen Entfernung wider. Die Positionen zwischen den Eltern, oder auch abgewandt von den Eltern und im Kreis der gesamten erweiterten Familie schienen bedeutsamer. Für mich als Beobachterin scheinen die ältesten Kinder prädestiniert für eine Brückenfunktion zwischen den beiden Familien und auch zwischen den Partnern. (Vermutlich wären solche Beobachtungen ebenso in sogenannten monokulturellen Familien zu machen, ohne dass die Konsequenzen für die Kinder die gleichen sein müssten.) Die Geschwisterkonstellationen zeigten oft erhebliche Variationen in den Rollen sowie den Sozialisationsbedingungen. So war bei den älteren Geschwistern fast immer zu beobachten, dass sie über eine lange Zeit bilingual erzogen wurden, u.a. auch, weil die Familiensprache wegen der anfänglich geringeren Sprachkenntnisse des ausländischen Elternteils noch nicht deutsch war. Daneben engagierten sich die Eltern hier eher für den Besuch einer Zusatzschule. Bei den jüngeren Kindern wurde, auch laut der älteren Geschwister, weniger Druck ausgeübt, die Familiensprache hatte sich an die Umgebung angepasst und die Verweigerungsstrategien der älteren Geschwister taten ein Übriges. Etwa ein Viertel der Kinder hat Halbgeschwister. Interessant erscheint hier die Bedeutung des kulturellen Hintergrunds der zweiten Familie für den Kontakt zwischen den Geschwistern. Es kann hier unterschieden werden zwischen Zweitfamilien mit einer ähnlichen bikulturellen Zusammensetzung und einer sogenannten monokulturellen Zweitfamilie. Zu erstgenannten Familien wurde jeweils Kontakt gepflegt, zu den zweitgenannten dagegen kaum. Es schien so, als ob in den monokulturell genannten Familien die Familiensprache und auch der Erziehungsstil als neu und damit auch fremd erlebt wurden. Die Kinder entwickelten dort eher Außenseitergefühle als in den von ihnen als vertraut erfahrenen ebenfalls bikulturellen Familien (2). Gesetzgebung und deren Einfluss auf den Familienalltag Langjährige Erfahrungen des Verbandes der binationalen Familien und Partnerschaften iaf e.V. verweisen auf einen zentralen Konfliktpunkt im Zusammenhang mit binationalen Eheschließungen, das Aufenthaltsrecht. Wie stellt sich die Situation für die nächste Generation dar? In den langjährigen Ehen besteht darin offensichtlich kein Konfliktstoff mehr, da das Aufenthaltsrecht geklärt ist und ein Teil der ausländischen Ehepartner die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat. Die Kinder wussten erstaunlich wenig über den elterlichen Status, oft rätselten sie, ob denn Vater oder Mutter nun schon zwei Pässe besaßen oder noch den einen oder anderen. Ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen besaß eine doppelte Staatsangehörigkeit. Eine damit verbundene ihnen nahe gelegte Entscheidung für eine der beiden verwiesen sie in die Ferne. Lediglich der Militärdienst vermochte diese Wahl zu forcieren. Eine Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit sieht die Verfassung nicht vor. Im Zusammenhang mit der Berufswahl gewann die Staatsangehörigkeit an Bedeutung, je nach Sprachkompetenz wurden berufliche Chancen auch im zweiten Land ausgelotet. Hierarchie der Nationalitäten In der Gruppe der deutsch-norwegischen jungen Erwachsenen erarbeitete Liv Koch (3) einen interessanten Aspekt. Sie stellte bei allen Interviewten fest, dass sie Norwegen idealisierten und Deutschland kritisch gegenüberstanden. Gleichzeitig hatten alle erwachsenen Untersuchten von Schwärmereien der Deutschen in Bezug auf Norwegen gehört. Koch behauptet, dass es sowohl Zusammenhänge von norwegischer Kulturpolitik, deren Ziel ein „gemeinschaftliches Nationalgefühl“ ist, als auch deutsch-skandinavischer Politik mit den Kennzeichen sich wiederholender
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An- und Abstoßung, mit den Internalisierungsprozessen der Befragten geben muss. Sie fasst zusammen: „Die politische, vor allem aber die ideologische Geschichte der skandinavischdeutschen Beziehungen ist durchzogen von Identitätskonstruktionen“ und sie geht zu ihrem Sample über: „Die norwegische Kultur wird von den Untersuchten entsprechend weit oben auf der Kulturskala angesiedelt, so dass die norwegische Komponente in bikulturellen Kontext bereichernd und positiv in Bezug auf die Entwicklung von Zugehörigkeit im mehrkulturellen Kontext wirkt. ... Die norwegische Staatsangehörigkeit, Sprache und Familie, sowie die Aufenthalte in Norwegen etc. erhalten eine Wertschätzung, die als Elemente in die Identitätskonstruktion von den Untersuchten mit einbezogen werden und in einem positiven und erweiterten Selbstverständnis münden.“ Die angesprochene Hierarchiesierung von Kulturen wurde in einem zweiten Zusammenhang von vielen Befragten aller Altersstufen angesprochen. Der Versuch der Abgrenzung gegenüber anderen Bikulturellen, bei denen mehr Probleme und dadurch auch eine stärkere Relevanz dieses Themas angenommen wurde, konzentrierte sich auf die Kinder mit einem türkischen Elternteil. Sie gingen von der gesellschaftlichen Stellung der Türken in Deutschland aus, verwiesen auf kritisierte türkische Jugendgangs und begründeten damit ihre Vermutung von mehr Ablehnung oder auch konkreten Schwierigkeiten der deutsch-türkischen Kinder. Die interviewten deutsch-türkischen Kinder präsentierten sich nun aber keineswegs als besonders belastet. Ganz im Gegensatz dazu priesen sie ihre besonderen Vorteile als Angehörige von zwei in Deutschland stark vertretenen Bevölkerungsgruppen, deren beider Sprachen sie nicht selten, zumindest in Ansätzen, verstanden. Zusätzlich boten sie einen gravierenden, sehr geschätzten Vorteil, denn über ihre Verwandten hatten sie einen leichten Zugang zu einem allseits bekannten und auch bei ihren Freunden beliebten Urlaubsland.

Typen und Identitätsmuster
Bei den insgesamt 12 Teilforschungen wurden unterschiedliche Typenbildungen vorgenommen, die von mir vereinheitlicht wurden. Es kristallisierten sich letztlich vier Typen heraus, die hier gemäß ihrer Häufigkeit vorgestellt werden. 1. Typ: Die Bistabilen (4) In allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern und in allen Nationalitätenverbindungen sind sie zu mehr als ein Drittel der Gesamtgruppe zu finden. Sie bezeichneten sich selber als „halb und halb“, versuchten beide Anteile zu skizzieren, erlebten sich als Wanderer und stellten sich als flexibel und gelassen im Umgang mit den Angeboten der Eltern dar, die sie auch als Anlass für einen herausgehobenen Status genießen konnten. Die Bistabilen bewegen sich in zwei kulturell definierten Orten und erfahren sich hier als Deutsche, dort als Italiener, Mexikanerin, Russe etc.. Kulturelle Identitäten stützen sich auf diverse Einzelaspekte, wie: Beziehungen zur italienischen Familie, Freude auf mexikanisches Landleben oder Liebe zur russischen Großmutter. Die erfahrene Zugehörigkeit ist emotional vermittelt und wird flexibel gelebt. Dahinter bleibt die Bedeutung von Sprache als häufig genannter Identifikationsaspekt zweitrangig.

2. Typ: Die Grenzgängerinnen (5) Wie bereits erwähnt, sind in dieser Gruppe, die genau ein Drittel des Samples ausmacht, die Mädchen etwa doppelt so häufig vertreten wie die Jungen. Auch sie sind in nahezu jeder Nationalitätenverbindung anzutreffen, allerdings gehäuft bei den farbigen jungen Menschen (6).
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Ihre eigenen Beschreibungen beinhalteten Konflikte, Experimentierfreude und Solidarität, aber auch ihre Suche nach einem zukünftigen Weg, zum Beispiel für ein Entweder-Oder. Die Grenzgängerinnen entscheiden sich für keine Seite, sie sind unterwegs, suchend oder sich bereits im Grenzbereich einrichtend. Ihre Identitäten sind nicht auf das Eine oder Andere eingerichtet, sie sind oft aus übergeordneten Loyalitätsgründen darauf angewiesen, den Grenzpfad auszubauen, zu einem bequemen und vielseitigen Ort, der durch Gleichgesinnte genügend Anregungen und Unterstützung für die Zukunft bietet. 3. Typ: Die Pragmatiker Ein Fünftel lässt sich unter diesem Typ zusammenfassen. Es sind mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen darunter und auch eher jüngere als ältere Befragte. Sie sprachen von wichtigeren Dingen, mit denen sie sich als Jugendliche beschäftigten, aber auch davon, dass doch der hiesige Alltag das Entscheidende für sie sei. Sie betrachteten sich als offen, wenn es denn von ihnen gefordert sein sollte, wie beispielhaft bei Reisen zur zweiten Familie. Die Pragmatiker betrachten ihre zweifache Zugehörigkeit als einen Aspekt unter vielen und sie messen ihm keine besondere Bedeutung bei. Ihre Identität sehen sie durch eine Vielzahl weiterer Mosaiksteine zusammengesetzt, wodurch ihr Persönlichkeitsprofil geprägt wird. Sie übernehmen ein hohes Maß an Verantwortung für die Gestaltung der jeweiligen Situationen und sie benötigen und zeigen umfangreiche soziale Kompetenzen. 4. Typ: Die Monokulturellen Sie stellen eine absolute Minderheit in diesem Sample dar, denn weniger als ein Zehntel lässt sich darunter fassen. Bei den ganz jungen Kindern sind die darunter zu verstehen, die aufgrund familiärer Spannungen einen Eltern- oder Familienteil ausblendeten, was sich auch in den Familienaufstellungen zeigte und zu späteren Zeitpunkten revidiert werden kann. Bei zwei jungen Erwachsenen waren die jeweiligen Bezugsgruppen für „eindeutige“ Zuordnungen ausschlaggebend. Die Monokulturellen bieten eine Entscheidung für eine Zugehörigkeit, die ihnen eine gewünschte Stabilität vermittelt. Abgeschnittene Verbindungen werden nicht gesucht und darüber hinausgehende Verbindungen ignoriert. Die Phasenhaftigkeit erscheint bei diesem Muster besonders deutlich.

Zusammenfassende Thesen
Zur Frage nach der Bikulturalität als einem Mosaikstein kindlicher und jugendlicher Identität müssen Definitionen von Kultur und Identität herangezogen werden. Wenn Kultur als offener, instabiler Prozess des Aushandelns von Bedeutungen verstanden wird und Identität als die symbolische Struktur gesehen wird, die im Wechsel biographischer Zustände Kontinuität sichern hilft, dann verliert das im Rahmen dieser Studie fokussierte bikulturelle Element an Bedeutung. Damit ist definiert, dass diese Kinder - ähnlich wie alle anderen - ihre individuelle Identität an einem Ort wie Berlin über die verschiedenen Positionen im sozialen Raum hinweg sichern. Sie treten als kompetente Akteure in unterschiedlichen Interessenlagen zusammen und verhelfen damit, mit anderen, zu neuen Kompromissbildungen und kulturellen Grenzmarkierungen. Gemäß diesen Definitionen interessieren dann eher die Kompetenzen der Akteure, des weiteren die Kompromissbildungen wie auch feststellbaren Grenzmarkierungen. An dieser Stelle gewinnt das „bikulturelle“ Element wieder an Bedeutung. Als ein Ergebnis dieser Studie ist festzuhalten, dass die befragten Kinder und Jugendlichen in den verschiedenen Altersstufen Auseinandersetzungen zu führen hatten, die kennzeichnend für Bikulturelle sein können. Darunter sind vor allem die Reaktionen aus dem sozialen Umfeld zu
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verstehen, wie die Kommentierung eines untypischen Aussehens, die Fragen nach der Herkunft und Zuordnung und der elterliche oder gesellschaftliche Druck hinsichtlich einer Bilingualität. Aus den Auseinandersetzungen mit den oben angesprochenen Reaktionen entstanden spezifische Kompetenzen, wie Fähigkeiten zur Kompromissbildung, die sich u.a. in einer zweckgerichteten Auseinandersetzung mit den an sie herangetragenen stereotypen Bildern zeigte. Eine spezifische Struktur von Bikulturellen ist aber damit nicht auszumachen, da die einzelnen Biographien in erster Linie Hinweise auf höchst individuelle Lebenswege geben. So war zu beobachten, dass sich eines der Kinder ausschließlich wegen seines Äußeren als bikulturell betrachtete und ein anderes trotz Zweisprachigkeit und regelmäßigen Kontakten zur türkischen Familie keine Unterschiede zu seinen Klassenkameraden feststellen konnte, die sich, wie er auch, als deutsch bezeichneten. Diese Differenziertheit scheinen die Befragten zu berücksichtigen, wenn sie einen Begriff für die in dieser Studie als bikulturell Bezeichneten weitgehend unnötig finden. Sie möchten nicht vereinheitlicht oder nochmals stereotypisiert werden. (Damit greifen sie, vorwiegend unwissentlich, die Forderungen Schwarzer Deutscher auf, die seit Jahren ihr Recht auf Selbstbezeichnungen reklamieren. Ihr Ansinnen kann darüber hinaus als zukunftsweisend bezeichnet werden, denn Biographien wie ihre werden in Deutschland Normalität sein.) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass emotionale Bindungen eine zentrale Bedeutung haben. National-kulturelle Bindungen entstehen ausschließlich über emotionale Beziehungen zu Menschen, die entsprechend heterogene und flexible Werte und Normen vermitteln. Mit dieser Aussage kann Bikulturalität ein Mosaikstein kindlicher Identität sein; zwei verschiedene Pässe der Eltern sind aber kein Garant dafür. Die Bedeutungen von Familienstrukturen, von Anerkennung im Familien- und Freundeskreis und mit zunehmendem Alter von Anerkennung als Subjekte dieser Gesellschaften können nicht genug betont werden. Die Überlegungen von Werner Schiffauer zur stadtteilbezogenen Identifizierung spiegeln sich in der hier befragten Gruppe erkennbar wider. Eine Orientierung an sozialen Räumen oder/und aktuellen sozialen Gruppen scheint vor allem mit Erleichterung verbunden zu sein, im Gegensatz zur Orientierung über die starren, einengenden Modelle der Eltern- oder Großelterngeneration, die als nationenfixiert bezeichnet werden könnten. Prof. Dr. Brigitte Wießmeier hat einen Lehrstuhl für Interkulturelle Sozialarbeit und Familienberatung an der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Sie ist Sozialarbeiterin, Ethnosoziologin, Ehe - und Familienberaterin. Sie hat zahlreiche Artikel über bikulturelle Familien sowie eine empirische Untersuchung zu bikulturellen Ehen in Berlin über Das „Fremde“ als Lebensidee veröffentlicht.

Anmerkungen
(1) Allerdings berichteten einige Mütter von rassistischen Vorfällen, die sie veranlassten, in Gegenwart der Kinder zu handeln. War in einem Fall der Ruf nach der Polizei notwendig, um eine offensichtliche Diskriminierung der Mutter besonders auch als Zeichen für die Söhne zu ahnden, so wurde in anderen Situationen eine freundliche Richtigstellung als Weg gewählt. Die Kinder erwähnten in keinem Fall diese Vorfälle. Ebenso war über die Mütter von einer Ablehnung der Kinder zu hören, mit der S- oder U-Bahn durch den Ostteil Berlins zu fahren, der als rassistischer oder fremdenfeindlicher galt. (2) Zwei Beispiele: Mike erlebte bei seinen Besuchen beim afrikanischen Vater, dass dieser mit seiner zweiten, ebenfalls afrikanischen Frau und den gemeinsamen Kindern Twe sprach, wovon er weitgehend ausgeschlossen war. Sven deutete die neue Familiensituation seines Vaters
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dagegen als eine ihm bekannte an. Die Halbgeschwister werden wie er von einer türkischen Mutter und dem deutschen Vater aufgezogen. (3) Liv-Berit Koch befragte fünft junge Deutsch-Norweger/innen im Rahmen ihrer Diplomarbeit, die als Kurzfassung erschien in: Wießmeier (Hrsg.) 1999, „Binational ist doch viel mehr als deutsch“, Münster S. 142 -188 (4) Bistabil wurde von Paul Mecheril vorgeschlagen. (5) Hier sei auf den Aufsatz von Park aus den USA verwiesen. (6) Alle Deutsch-Inder und vermehrt die Deutsch-Afrikanerinnen sind dort anzutreffen.

Kontakt
Prof. Dr. Brigitte Wießmeier Evangelische Fachhochschule Teltower Damm 118 - 122 14167 Berlin E-Mail: wiessmeier@evfh-berlin.de

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