Path:

Full text: Dokumentation der Tagung "Wer ist fremd?" am 6. Juli 2000

Berliner Forum Gewaltprävention

Sondernummer 3

Cornelia Spohn

Grußwort

Die Frage "Wer ist fremd?" ist angesichts der Bevölkerungsstruktur der Bundesrepublik alles
andere als leicht zu beantworten, lässt man ideologische Antwortversuche einmal außer Acht. Jede sechste Ehe, die in unserem Land geschlossen wird, ist mittlerweile eine binationale. In Ballungszentren, wie z.B. Berlin, ist es jede fünfte. 30% der in Deutschland geborenen Kinder haben zumindest einen ausländischen Eltern- oder Großelternteil. Historiker verweisen darauf, dass zwischen 1945 und 1990 15 Millionen ethnische Deutsche: Vertriebene, Flüchtlinge, Aus-, Übersiedler und Spätaussiedler nach Westdeutschland eingewandert sind. In Addition mit den seit 1960 zugewanderten Arbeitsmigranten und Flüchtlingen sowie deren Kindern (5,2 Millionen) ergibt dies einen Anteil von einem Drittel der westdeutschen Bevölkerung beim Ende der deutschen Teilung, die Migrationserfahrungen gemacht haben. Anstatt daraus jedoch ein Verständnis von der eigenen Geschichte als Migrationsgeschichte zu entwickeln, wird die Frage "Wer ist fremd?" häufig immer noch verbunden mit Hautfarbe, Staatsangehörigkeit oder Kopftuch - Tragen um diesen pauschalen Kategorisierungen zu begegnen, braucht es Veranstaltungen wie die heutige, die differenzierte Sichtweisen und Erkenntnisse diskutiert. Ca. 3 Millionen Menschen in der Bundesrepublik leben in binationalen Beziehungen. Ihre Familiensituation unterscheidet sich von deutsch - deutschen aber auch von Migrantenfamilien vor allem in folgenden Bereichen: Rechtlich unterstehen binationale Familien dem Ausländergesetz. Dies bedeutet u.a.: Die Eltern (oder zumindest ein Elternteil) haben nicht die gleichen Bürgerrechte (Wahlrecht, Aufenthaltssicherheit, Zugang zum Arbeitsmarkt etc.). Bei getrennt lebenden Familien kann das eine Einschränkung des Umgangsrechts nach sich ziehen, wenn der nichtdeutsche Elternteil keine Aufenthaltserlaubnis bekommt. Besuche der nichtdeutschen Großeltern / Verwandten sind vom Familieneinkommen abhängig; der Nachzug von Stiefgeschwistern unterliegt den restriktiven Bestimmungen für Familienzusammenführung; Reisen in andere Länder sind abhängig von Visaerteilungen etc. Die Liste ließe sich fortsetzen. − Die ökonomische Situation binationaler Familien ist häufig davon geprägt, dass der nichtdeutsche Elternteil auf dem Arbeitsmarkt keine seiner Qualifikation entsprechende Arbeit findet oder auch arbeitslos ist. In etwa der Hälfte aller deutsch - ausländischen Verbindungen ist somit die Frau die Familienernährerin. Mancher ausländische Ehemann und Vater empfindet diese Rollenumkehrung als demütigend und abwertend, eine zusätzliche Abhängigkeit und Ungleichheit in der Beziehung des Paares, was sich auch auf die Gestaltung des Familienlebens auswirken kann. Dazu kommt, dass der Kontakt zu der nichtdeutschen Verwandtschaft eher kostspielig ist. Viele binationale Familien leben in einer Situation, in der die Ausgaben höher und die Einnahmen geringer sind als in anderen Familien, unabhängig von ihrem Bildungsstand. − Die familiäre Struktur, die Rollenverteilung zwischen den Eltern, Geschwistern und anderen Verwandten sowie die Organisation des Alltags ist nicht nur deutsch, westlich, christlich orientiert. Die Bedeutung von Verwandtschaft, von Besuchen aus dem Ausland, von Kontakten zu nichtdeutschen Familien im Inland hat einen höheren Stellenwert. Gleichwohl ist der deutsche Anteil durch den deutschen Eltemteil und das deutsche Lebensumfeld sehr stark vertreten. Bei getrennt lebenden Eltern gilt das verstärkt, wenn der ausländische Elternteil und damit auch seine Traditionen nicht mehr präsent sind.

7

Sondernummer 3

Berliner Forum Gewaltprävention

− Die soziale Zuordnung der Kinder unterscheidet sich sehr nach Innen- und Außensicht. Während die Kinder sich als etwas „dazwischen“. „sowohl als auch ... .. zusätzlich“ empfinden, erfahren sie von ihrer Umgebung häufig eine negative Zuordnung („anders“, „fremd“, „nicht dazu gehörig“). Kinder aus binationalen Familien wachsen häufig zweisprachig auf Sie erfahren durch Kontakte mit der nichtdeutschen Verwandtschaft anderskulturelle Familienstrukturen als eine andere Normalität. Diese Heterogenität finden sie in ihrem deutschen Alltag kaum wieder; ihre Fähigkeiten (Umgang mit kultureller wie persönlicher Differenz; Kenntnis anderer Rituale, Feste, Formen des Gemeinschaftslebens; Mehrsprachigkeit etc.) werden nicht als solche anerkannt resp. gefördert, sondern negiert oder gar mit Sanktionen belegt. Kulturelle Unterschiedlichkeit, anderes Aussehen, differente Denkmuster und Verhaltensweisen werden von der deutschen Mehrheitsgesellschaft häufig als defizitär (denkt/spricht „nicht genug“ deutsch) oder zumindest „problematisch“ wahrgenommen und stehen damit im Widerspruch zu der subjektiven Empfindung der Kinder und Jugendlichen. − In einem Alter, in dem die Identifizierung mit der Peer - Group, also den Gleichaltrigen, immer mehr zunimmt, treten kulturelle Differenzierungen mehr in den Hintergrund. Nicht von ungefähr sprechen wir von einer „Jugendkultur“, die mit unseren traditionellen Einordnungen nicht allzu viel zu tun hat. Musik, Kleidung, Treffpunkte, Gesprächsthemen bei allen Gemeinsamkeiten erleben sich viele binationale Jugendliche in der mehrheitlich deutschen Clique dennoch entweder als Exot , was vor allem darin zutrifft, wenn sie sich auch äußerlich von ihren Freundinnen und Freunden unterscheiden. Oder sie fühlen sich aufgefordert, ihre andersartigen Erfahrungen zu negieren, weil sie befürchten, dafür kein Verständnis zu finden. − In getrennten binationalen Familien ist es häufig schwierig, die Herkunft des nichtdeutschen Elternteiles den Kindern als lebendige Erfahrung zu erhalten. Die oft erlebte soziale Ausgrenzung aufgrund des „Andersseins“ findet keinen Ausgleich mehr in der Erfahrung familiärer Normalität. In Fällen von Trennung und Scheidung ist die rechtliche Situation besonders prekär, da der nichtdeutsche Elternteil u.U. um seine Aufenthaltserlaubnis fürchten muss. Zwar hat das neue Kindschaftsrecht das Recht des Kindes auf beide Elternteile besonders hervorgehoben, dennoch ist es noch nicht selbstverständlich, dass ausländischen Elternteilen die Aufenthaltserlaubnis erteilt wird, damit sie sich um ihre Kinder kümmern können. Zum Alltag binationaler Familien gehört neben diesen Einschränkungen und Widrigkeiten aber auch die Erfahrung, ihre Lebenswelt jenseits kulturell definierter Zurordnungen und Grenzen zu gestalten und dabei individuell neue Wege zu beschreiten. Davon wird heute die Rede sein und wir freuen uns, dass wir mit der Landeskommission gegen Gewalt einen kompetenten Partner für diese Tagung haben. Ich wünsche Ihnen spannende Diskussionen und einen anregenden Tag! Cornelia Spohn ist Bundesgeschäftsführerin des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften (iaf e.V.)

Kontakt

8

Berliner Forum Gewaltprävention

Sondernummer 3

Cornelia Spohn iaf Ludolfusstr. 2 - 4 60487 Frankfurt am Main Tel.: 069 / 713756-0 Fax: 069 / 7075092 E-Mail: spohn.iaf@t-online.de www.verband-binationaler.de

9
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.