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Full text: Dokumentation der Tagung "Wer ist fremd?" am 6. Juli 2000

Berliner Forum Gewaltprävention

Sondernummer 3

Barbara John

Begrüßung durch die Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin

Auf den ersten Blick scheint es merkwürdig, dass der Verband für binationale Ehen etwas mit
der Landeskommission gegen Gewalt in Berlin zu tun haben soll. Die Erklärung dafür ist, dass es in der Landeskommission ein weitgespanntes Verständnis darüber gibt, welche vielfältigen Ursachen von Gewalt und Spannungen in einer Gesellschaft existieren. Gerade in der Zeit ihrer Entstehung hat die Landeskommission dafür geworben, die wachsende gesellschaftliche Vielfalt in der Bundesrepublik stärker zu beachten und zur Kenntnis zu nehmen. Geschieht das nicht, können Spannungen zunehmen, weil aus der Missachtung von neuen Lebensformen Konflikte entstehen können. So haben Fragen zur Einwanderung und auch zu binationalen Ehen eine Rolle bei den damaligen Diskussionen gespielt. Es war gut, dass im weiteren Verlauf der Arbeit Gelder requiriert werden konnten, um sich diesen Themen stärker zu widmen. Daraus ist dann auch dieses Buch entstanden, das hier heute im Mittelpunkt steht. Es geht darum, dass wir die Normalität binationaler Eheschließungen stärker zu sehen beginnen, auch weil die Zahlen für sich sprechen. Viele von Ihnen kennen die Statistiken. Hätte diese Tagung vor 20 Jahren stattgefunden, dann hätten wir von 5 % solcher Ehen sprechen können. Heute handelt es sich bei einem Viertel aller Ehen um binationale Eheschließungen. Entsprechend hoch ist auch die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder. Hier handelt es sich nur um die ehelichen Verbindungen. Hinzu kommen Partnerschaften ohne Trauschein. Viele von Ihnen kennen das Buch „Nicht ohne meine Tochter“. Es befasst sich in einer verzerrenden Weise, insbesondere durch kulturelle Über- und Unterordnung von Gruppen, mit dem Thema binationale Ehen. Ich möchte Sie auf ein anderes Buch hinweisen, nämlich auf die Arbeit von Alberto Temmi „Die Fremde“, das ebenfalls eine binationale Partnerschaft thematisiert, aber in viel ernsthafterer und eindrücklicher Weise. Es ist Zeit, von verzerrten Bildern, die noch in vielen Köpfen sind, wegzukommen und stattdessen die binationalen Partnerschaften als eine mehr und mehr selbstverständliche Lebensform in Deutschland zu sehen. Binationale Ehen sind nicht auf dem Rückzug, sie nehmen weiter zu. Das hat auch Auswirkungen auf viele Kinder. Sie sehen sich in der Schule, im Kindergarten, in der Nachbarschaft vielen, oft auch bohrenden Fragen ausgesetzt. Fragen nach der Herkunft der Eltern, nach unterstellten besonderen Fertigkeiten und Fähigkeiten können die Kinder belasten und zu Verstörungen führen. Beim Zusammentreffen von Kulturen, das gilt für Gesellschaften und es gilt auch für Partner, werden Grenzen erfahrbar. Je wacher und deutlicher solche Grenzen erfahren werden, umso besser können Grenzüberschreitungen gelingen. Deshalb ist die kulturelle Differenz eine Herausforderung besonderer Art. Das gilt auch für Berlin als Stadt. Wir werden immer internationaler. Der Anteil der Zuwanderer beträgt 14 % der Stadtbevölkerung, insgesamt sind es mehr als 500.000 Menschen, die Deutsch nicht als ihre Muttersprache sprechen. Die meisten von ihnen haben noch keinen deutschen Pass. Berlin hat also große Chancen, von dieser kulturellen Vielfalt zu profitieren, wenn, ja wenn alle der Versuchung widerstehen, eine Lebensform den anderen überzustülpen. Ich habe längst die Erfahrung gemacht, dass nicht die Vielfalt das Bedrohliche und das Beängstigende ist. Bedrohlich ist es, wenn die Unterordnung unter eine Leitkultur eingefordert wird. Die Leitordnung in Deutschland ist das Gesetz, insbesondere das Grundgesetz. Die kulturelle Herkunft jedes Einzelnen darf Respekt beanspruchen. Um diese Spielregeln in unserer Gesellschaft zu verankern, brauchen wir viele neue Regularien, im Ausländerrecht, im internationalen Privatrecht, im Völkerrecht. Wir brauchen aber auch neue Umgangsformen. Vor allem aber

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Sondernummer 3

Berliner Forum Gewaltprävention

brauchen wir ein neues Bewusstsein. Dazu wird heute ein kleiner Mosaikstein zu dem großen Bild geleistet, das in den nächsten Jahrzehnten entstehen soll. Barbara John ist Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin

Kontakt
Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin Potsdamerstraße 65 10875 Berlin Tel.: 030 / 9017 2351 Fax: 030 / 2625407 E-Mail: barbara.john@auslb.verwalt-berlin.de Internet:www.berlin.de/auslb

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