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Full text: Fachbrief Deutsch (Rights reserved) Issue 35.2020 (Rights reserved)

FACHBRIEF NR. 35 DEUTSCH Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license Themenschwerpunkte: Lernen im Alternativszenario Präsenzunterricht und schulisch angeleitetes Lernen zu Hause Hinweise zur Abiturprüfung 2021 Die Fachverantwortlichen werden gebeten, den Fachbrief den unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen in geeigneter Form zur Verfügung zu stellen. Zeitgleich wird er ins Netz gestellt unter: http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fachbriefe-bln Ihre Ansprechpartnerin in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: Christiane Wagner: christiane.wagner@senbjf.berlin.de Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie angekündigt, halten Sie nun heute in kurzer Folge bereits den nächsten Fachbrief in den Händen. Wie alle übrigen Fächer sollen auch die Fachkonferenzen Deutsch Hinweise erhalten zur Gestaltung eines möglichen Alternativszenarios im Falle eines zweiten Shutdowns. Aus diesem Grund enthält dieser Fachbrief einen fachübergreifenden ersten Teil, den Sie in den Fachbriefen aller Fächer wiederfinden, sowie einen fachspezifischen zweiten Teil mit Vorschlägen und Überlegungen zur Ausgestaltung der allgemeinen Aspekte im konkreten Deutschunterricht. Wie immer zu Schuljahresbeginn werden Sie auch in diesem Jahr vor allem zahlreiche organisatorische Fragen zu klären haben. Die hier aufgezeigten Vorschläge sollen ein Unterstützungsangebot für Sie sein, um in Ihren Fachkonferenzen ins Gespräch zu kommen über die in diesem Jahr hinzukommenden Fragen angesichts der Corona-Pandemie. Da wir alle noch nicht absehen können, wie sich die Lage im Weiteren entwickeln wird, ist es notwendig, dass Sie bereits jetzt in Ihren Fachkonferenzen beraten, wie Sie vorgehen wollen, falls es doch noch zu einer weiteren Rücknahme des Regelunterrichts kommen sollte. Ich verstehe, wenn Sie angesichts der Kurzfristigkeit des Erscheinens der Fachbriefe aktuell nur wenig Zeit haben, sich intensiv mit allen Vorschlägen auseinanderzusetzen. In diesem Fall lege ich Ihnen zumindest die Lektüre des Absatzes Auf die Lehrkraft kommt es an ans Herz. Vielleicht kann diese halbe Seite bereits ein fruchtbarer Impuls für weiterführende Gespräche sein. Die dort formulierten Gedanken führen meines Erachtens zurück in den Nukleus unserer Arbeit und legen den Fokus auf den zentralen und zugleich wunden Punkt der letzten Monate – in denen wir vielleicht noch die Hoffnung hegten, die Herausforderungen des Unterrichts der Zukunft ganz einfach digital lösen zu können. Wir wissen, dass wir unseren Schülerinnen und Schülern beim Lernen zu Hause ein hohes Maß an Eigenverantwortung übertragen. Und wir wissen aus eigener Erfahrung, dass sich das Erlernen dieser Selbstkompetenz nicht in der Schulzeit erschöpft, sondern eine lebenslange Herausforderung bleibt. Insofern können unsere Lernangebote nicht mehr als Ermöglichungsstrukturen bieten: stellvertretendes Lernen, so gerne wir es vielleicht manchmal wollten, steht uns Menschen bis auf Weiteres nicht zur Verfügung. Es hilft nichts. Auch wenn es für Manchen eine Last sein mag, ein Buch zu lesen – Lektüre liest sich nicht ohne Eigentätigkeit des Individuums. Nun mögen die Bedingungen des Lernens unter Corona für viele Lernende zusätzliche widrige Umstände mit sich bringen. Doch versuchen wir uns den Optimismus zu bewahren, dass „widrige Umstände“ nicht nur Hindernis für den Lernprozess sein müssen, sondern manchmal auch selbst zum Lernanlasse werden können. Da unser Fach von Geschichten lebt, möchte ich darum zum Abschluss eine ermutigende Geschichte mit auf den Weg geben, erzählt von dem Bildungshistoriker Hein-Elmar Tenorth: „Sonia Sotomayor jedenfalls, Richterin am Supreme Court, dem höchsten Gericht der USA, erste Nicht-Weiße in dieser Position […] hat auf die Frage, „Wer hat Ihnen zu dieser Karriere verholfen?“ kurz und knapp geantwortet: „Widrige Umstände. Meine Entschlossenheit hart zu arbeiten, entstand aus der Not heraus. […] Ich entdeckte, wie ich die Situation für mich erträglicher machen konnte: indem ich las. Bücher waren nicht nur ein Mittel, dem Elend zu Seite 2 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Hause für eine Weile zu entkommen, sondern auch der Ausgangspunkt meiner Karriere. Dank meiner Bücher konnte ich mir eine größere Welt überhaupt erst vorstellen.“ 1 Natürlich kann und darf man diese Selbstaussage nicht sozialromantisch verklären. Die Anstrengung des Lesens allein führt nicht notwendig zum Erfolg. Und doch denke ich, in der Vermeidung dieser Anstrengung liegt ein großer Verlust: an Chancen zur mündigen Selbstbestimmung. Bücher tragen das Wissen um alternative Wege, kulturelle Prägungen und emotionale Erfahrungen in sich und sind darin unentbehrlich für die kollektive Einübung unserer Standards des Umgangs miteinander – also für Zivilisierung und nicht zuletzt Moralisierung. Regelunterricht oder Alternativszenario, wenn es eines für mich gerade im Zeitalter der Digitalisierung unverändert täglich zu retten gilt, dann ist es die Lust am Lesen… Haben Sie einen hoffnungsfrohen Start ins neue Schuljahr – ich bin überzeugt, dass wir die Herausforderungen mit gemeinsamen Kräften bewältigen werden! Inhalt: 1 Verschränkung von Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause .... 4 1.1 Notwendige Vorüberlegungen ....................................................................................... 4 1.2 Anregungen für die Verzahnung von Präsenzunterricht und Lernen zu Hause .................. 6 1.3 Auf die Lehrkraft kommt es an ....................................................................................... 9 2 Verschränkung von Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause im DEUTSCHUNTERRICHT ......................................................................................... 10 2.1 Strukturen vereinbaren, Arbeitspläne transparent gestalten......................................... 10 2.2 Funktionen der beiden Unterrichtsformen im Deutschunterricht .................................. 11 2.3 Gestaltung der Lernprozesse im Lernen zu Hause ......................................................... 13 2.4 Beispiele für Aufgaben und Online-Anwendungen mit exemplarischem Charakter ........ 14 2.5 Diagnostik, Förderung und individuelle Unterstützung.................................................. 17 3 Hinweise für die gymnasiale Oberstufe..................................................................... 18 4 Hinweise zu Ersatzleistungen für Klausuren, Klassenarbeiten und weitere schriftliche Lernerfolgskontrollen ............................................................................. 19 5 Allgemeiner Hinweis ................................................................................................ 20 6 Links für den Deutschunterricht ................................................................................ 20 1 Aus einem Vortrag von Hein-Elmar Tenorth auf der 5. Essener Bildungskonferenz 2014: https://media.essen.de/media/wwwessende/aemter/bildungsbuero/bikos_einladungen_vortraege/EssenBildungskonferenz-2014-Textversion_Copy.pdf Seite 3 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch 1 August 2020 Verschränkung von Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause Die Kultusministerkonferenz und die Länder orientieren dieser Tage Schulen und Lehrkräfte auf eine weitgehende Öffnung und Rückkehr zum Regelunterricht. Für die Sicherstellung des Bildungsauftrags, die chancengerechte Teilhabe der Schülerinnen und Schüler am Unterricht und nicht zuletzt für die Entlastung der Eltern ist das eine gute Nachricht. Dennoch ist schon jetzt klar, dass uns die Folgen der Corona-Pandemie noch lange beschäftigen und auf die Schulorganisation wie die Unterrichtsgestaltung Einfluss nehmen werden: Die Rückkehr zu einer Normalität im Schulalltag, wie wir sie vor dem Ausbruch der Pandemie kannten, ist schon deswegen nicht möglich, weil in unseren Schulgemeinschaften nach wie vor Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und auch Eltern, die ein erhöhtes Gefährdungsrisiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, zu schützen sind. Um auf diese Situation planvoll und mit den notwendigen Ressourcen zu reagieren, sind die Berliner Schulen als eigenverantwortliche Bildungsinstitutionen dazu aufgefordert, ein schulinternes Konzept zu entwickeln, wie sie das Lernen im Präsenzunterricht und schulisch angeleitetes Lernen zu Hause (saLzH) im kommenden Schuljahr organisieren und methodisch-didaktisch verzahnen wollen. Neben der reinen Notwendigkeit hierfür bieten sich jedoch für die Schulen und Lehrkräfte auch große Chancen, aus den Erfahrungen in den Monaten der Corona-Pandemie zu lernen. Womöglich gehen von den vielen konkreten Lösungen, die gefunden wurden, auch neue Impulse aus, die sowohl die Schulentwicklung als auch die Unterrichtsentwicklung substanziell vorantreiben.2 Dieser Fachbrief möchte sowohl allgemeine als auch fachspezifische Anregungen und Empfehlungen geben, wie das Lernen im Alternativszenario, also im Wechsel zwischen Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Unterricht zu Hause, gestaltet und dabei die Motivation für das Lernen aufrechterhalten werden kann. 1.1 Notwendige Vorüberlegungen Für den Wechsel zwischen Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause wird zunächst eine schulübergreifende Kommunikationsinfrastruktur benötigt. Für die Organisation der analogen und digitalen Kommunikation sowie für die Auswahl analoger Kommunikationswege bzw. der zu nutzenden digitalen Tools bedarf es einer schulinternen gemeinsamen Diskussion, die neben der Frage nach der Funktionalität auch den Datenschutz, die Absicherung der Persönlichkeitsrechte sowie den Schutz der Privatsphäre aller Mitglieder der Schulgemeinschaft betrachtet. Kommunikationstools In dem mittlerweile stark ausdifferenzierten Markt der Anbieter finden sich im Bereich der Kommunikationstools ausgezeichnet geeignete, aber auch diverse problematische Anwendungen. Problematisch sind Angebote grundsätzlich immer dann, wenn das im Hintergrund ablaufende Datenmanagement für die Nutzerinnen und Nutzer intransparent bleibt oder wenn die Applikationen Möglichkeiten zu übermäßiger Kontrolle oder Eingriffe in die Privatsphäre bieten. Nicht zuletzt verfolgen kommerzielle Anbieter verschiedene Strategien, um ihre wirtschaftlichen Interessen langfristig zu sichern. Mitunter werden Technologien entwickelt und darauf basierende Produkte durchgesetzt, auch wenn diese nicht die effizienteste Lösung liefern, die unterdessen möglich wäre. Oft halten Nutzer dennoch allein darum an dieser Lösung fest, weil einmal in sie 2 https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/schulentwicklung/themenportal-schulentwicklung; https://www.berlin.de/sen/bjf/coronavirus/aktuelles/schrittweise-schuloeffnung/; https://www.dipf.de/de/directlinks/schule-und-kita. Seite 4 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 investiert wurde. Solche Anwendungen dürfen den Schutzraum Schule nicht ohne Weiteres erobern, und es muss hierbei an die pädagogische Verantwortung und soziale Vorbildfunktion jeder einzelnen Lehrkraft appelliert werden, sich vorab sowohl über Vorteile als auch mögliche Gefahren zu informieren, auch wenn das bedeutet, eine gerade erst eingeführte Anwendung noch einmal zu wechseln. Diese Diskussion sollte dringend in die Fachkonferenzen hineingetragen werden.3 Hilfreich können in diesem Zusammenhang die Hinweise zu Lernplattformen sein, die von der Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit veröffentlicht wurden.4 Von Schulen genutzte Kommunikationstools sind zum Beispiel:   Lernmanagementsysteme: Lernraum Berlin Videokonferenzen: Jitsi Meet oder BigBlueButton Hinweise zu Videokonferenzsystemen finden Sie hier: https://www.datenschutz-berlin.de/infothek-und-service/themen-a-bis-z/corona-pandemie/ Lerntools Datenschutz, Absicherung der Persönlichkeitsrechte sowie der Schutz der Privatsphäre aller Mitglieder der Schulgemeinschaft betreffen auch Lerntools. Auch hier muss dringend vorab geprüft werden, denn der Markt der Anbieter ist in diesem Bereich sogar noch größer. Oft erzielen diese Tools hohe Nutzerzahlen aufgrund der reibungslosen Handhabung der Tools und der Attraktivität für die Zielgruppe, sie sichern aber nicht unbedingt die inhaltliche Qualität im Sinne des Rahmenlehrplans. Zu empfehlen sind insbesondere Anbieter von lizenzierten OER-Unterrichtsmaterialien, weil diese rechtssicher veränderbar und zielgenau auf die Unterrichtssituation anpassbar sind.5 Bei der Planung von schulisch angeleitetem Lernen zu Hause sollte bedacht werden, dass sich die verschiedenen Tools nicht gleichermaßen für jede Lernphase bzw. jede Funktion eignen. a) Digitale Tools können besonders effektiv genutzt werden, wenn sie vorher eingeführt sind und der Umgang mit ihnen geübt worden ist: Wer die technischen Möglichkeiten beherrscht, kann sich auf den Inhalt konzentrieren. b) Das Internet bietet sich für umfangreiche Recherchen an. Diese sollten jedoch möglichst spezifisch und angeleitet sein. Die unbestimmte Aufgabenstellung einer „Recherche im Netz“ ist insbesondere in der Sekundarstufe I zu vermeiden. Die Rechercheergebnisse müssen in jedem Fall in einer gemeinsamen Auswertung sorgfältig und kritisch geprüft werden. c) Digitale Lernanwendungen sind ausschließlich als Mittel zum Zweck zu verstehen und sollten in ihrer Funktionalität gezielt genutzt, geschickt gemixt und so zielorientiert wie möglich eingesetzt werden. Eine grobe Orientierung ergibt sich aus der Funktionalität der jeweiligen Anwendungen:  Lern-Apps → geeignet für Training, Übung und Festigung einfacher Wissensbestände  digitale Pinnwände → geeignet für kollaboratives Lernen, Projektarbeit, Abstimmung gemeinsamer Lern- und Aufgabenorganisation, Kommentierung von Rechercheergebnissen (z.B. Etherpad)6 3 Zum Nachlesen und Recherchieren über Cloud, Videokonferenzen und Messenger-Dienste: https://cyber4edu.org/c4e/wiki/start; https://netzpolitik.org/2020/es-fehlt-die-direkte-kommunikation/ 4 https://www.datenschutz-berlin.de/fileadmin/user_upload/pdf/orientierungshilfen/2020-BlnBDILernplattformen_Hinweise.pdf 5 https://open-educational-resources.de/materialien/oer-verzeichnisse-und-services/ 6 z. B. bereitgestellt vom Bildungsserver Berlin-Brandenburg unter: https://bbb3.bsbb.eu/ Seite 5 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020  Lernvideos → geeignet zur Klärung von Verständnisfragen und zur fachlichen Vor- und Nachbereitung; Lernvideos lassen sich vielfach im Netz finden, müssen in diesem Fall aber notwendig vor ihrem Einsatz auf Qualität und Passung geprüft werden, es ist aber mittlerweile auch technisch relativ unaufwändig, sie selbst zu erstellen7  Lernmanagementsysteme → geeignet zur Organisation und gemeinsamen Abstimmung kurz- und mittelfristiger klassenspezifischer Lernprozesse8 Das Lernmanagementsystem der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: Lernraum Berlin Mit dem Lernraum Berlin stellt die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie allen öffentlichen Berliner Schulen ein kostenfreies Lernmanagementsystem zur Verfügung. Der Lernraum Berlin kann mit jedem beliebigen internetfähigen Endgerät (PC, Smartphone, Tablet etc.) genutzt werden. Das Lernraum-Team erstellt sogenannte Kursvorlagen, die für den digitalen Unterricht zur Verfügung stehen und bietet konkrete Unterstützung und Beratung zur Mediennutzung im Unterricht für ganze Schulgemeinschaften an. In Einführungs- und Vertiefungskursen wird die Nutzung des Lernraums zur Bereitstellung von Materialien, zur Durchführung von Unterricht und zur Klassenorganisation thematisiert. Des Weiteren werden didaktische Grundlagen für einen effektiven Online-Unterricht (z.B. Training zur/zum virtuellen Klassenraum-Trainerin/Trainer) und für die Gestaltung von Aufgaben für das Lernen von zu Hause (Erstellen digitaler Lernsituationen) angeboten. Die Betreuung des Lernraum-Teams umfasst auch die Vergabe von Kursersteller- und Schulbereichsadministrationsrechten, die Erteilung von Lizenzen für die Nutzung von Webex für Videokonferenzen, das Anlegen von Nutzerlisten (Erstellung von Schülerkonten) und die Unterstützung bei technischen Fragen. Das Supportsystem ist per E-Mail unter support@lernraum-berlin.org erreichbar. Viele Antworten auf erste Fragen sind unter folgendem Link zu finden: https://www.lernraum-berlin.de/start/de/faq/erste-schritte/ Weitere Informationen zu Lerntools:  Seite der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft: https://www.tjfbg.de/ausserschulische-angebote/barrierefrei-kommunizieren/angebote/mix/toolsfuer-kollaboration-und-lernressourcen/  jugendnetz-berlin: http://jugendnetz-berlin.de/de/gute-medienbildung-berlin/Bildung-mit-digitalen-Medien-vonzuhause.php 1.2 Anregungen für die Verzahnung von Präsenzunterricht und Lernen zu Hause Voraussetzung für die Verknüpfung von Präsenzunterricht mit Lernen zu Hause ist die Stärkung der Lernenden in ihrer Eigenverantwortung und Selbstständigkeit für den eigenen Lernprozess. Lernen zu Hause setzt ein hohes Maß an Selbstorganisationskompetenz voraus. Diese ist von Schülerinnen 7 8 https://getschoolcraft.com/de/support/videos/ informativ und mit vielen Praxisbeispielen: https://digitalmachtschule.de/?page_id=12 Seite 6 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 und Schülern umso weniger zu erwarten, je mehr sie es gewohnt sind, direktiv angeleitet zu werden. Die Schwierigkeit liegt auf der Hand: Etwas, das erst erreicht werden soll, ist hier zugleich Voraussetzung. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, bereits im Regelunterricht den Kompetenzerwerb des eigenverantwortlichen Lernens pädagogisch strukturiert und konzeptionell geplant – im besten Fall auch fachübergreifend – anzuleiten und zu begleiten. Hierfür ist es notwendig, schulintern sowohl fachbezogene als auch fachübergreifende Absprachen zu treffen, wie die Schülerinnen und Schüler methodisch auf ein mögliches Alternativszenario vorbereitet werden sollen. Es bedarf zudem klarer Absprachen zwischen den Fachlehrkräften der Lerngruppen. Empfehlungen zur didaktischen Vorbereitung eines Alternativszenarios: 1. Wesentliche Funktionen des Präsenzunterrichts Der Unterricht im Klassenraum muss auch im Alternativszenario absolute Priorität im Sinne einer „Prime Time“ für exzellenten Unterricht behalten. Auf ihm sollte darum der didaktische Fokus liegen. Auch wenn er fächerdifferenziert verschiedene Funktionen erfüllt, ist ihm in allen Fächern gezielt Vorrang einzuräumen. Er ermöglicht nach pädagogischem Ermessen die Einführung von Inhalten und Methoden und dient grundsätzlich der thematischen Hinführung, der Zielorientierung für einen definierten Zeitraum sowie der Sicherung - der pädagogischen Beziehung, - der im Lernen zu Hause erstellten und erarbeiteten Produkte und Inhalte sowie der im Fokus stehenden fachspezifischen Kompetenzen, - der Reflexion über Arbeits- und Lernprozesse, - der Reflexion über Funktionalität, Bedeutung und Sicherheit der verwendeten Medien, - der Entwicklung von Sozial- und Kommunikationskompetenz. Seite 7 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 2. Schulische Anleitungen außerhalb des Präsenzunterrichts Zwischen den Präsenzunterrichtsstunden kann, je nach Organisationsplan der Schule, eine längere Phase des schulisch angeleiteten Lernens zu Hause liegen, deren Funktion unter 3. beschrieben ist. Damit das Lernen außerhalb des Präsenzunterrichts erfolgreich ist, bedarf es wechselseitiger Kommunikationsphasen zwischen Lehrenden und Lernenden. Diese ermöglichen: - Anleitung und Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Schülerinnen und Schülern einer Lerngruppe, z.B. durch die Arbeit an gemeinsamen Lernprodukten sowie den Austausch und die Unterstützung untereinander, - wechselseitigen Austausch zu inhaltlichen Aspekten, d.h. die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, Fragen zu Aufgabenstellungen, Materialien und Arbeitsstrategien zu stellen und erhalten ein Feedback zur erwarteten bzw. erbrachten Qualität und Quantität der zu erbringenden bzw. bereits erbrachten Leistungen im schulisch angeleiteten Lernen zu Hause, - Unterstützung und Hilfestellungen für einzelne Schülerinnen und Schüler oder Teilgruppen, z.B. durch Adaption von Material und Aufgabenstellungen, Präzisierung von (An-)Forderungen, Hinweise auf oder Bereitstellung von Hilfsmitteln, ergänzende Instruktionen sowie ggf. auch Rückmeldungen zu erbrachten (noch zu erbringenden) Leistungen. Die schulische Anleitung außerhalb des Präsenzunterrichts ist damit weit mehr als eine Kommunikationsphase, denn durch sie werden Lernprozesse gesteuert, aufrechterhalten und gestaltet, vor allem für die Lernenden, die besonderer Unterstützung bedürfen. In der Praxis kann diese Phase unterschiedliche Ausprägungen und Kommunikationsformen haben je nach spezifischen fachlichen Erfordernissen, Grad der Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler, technischen Gegebenheiten etc. Die Ausgestaltung und die Intensität dieser Lernbegleitung können Lehrkräfte gezielt steuern. Lehrkräfte werden, insbesondere wenn sie viele Schülerinnen und Schüler in ihren Lerngruppen haben, Strategien wählen müssen, die diese Kommunikation effizient und differenziert gestalten. Es kann durchaus sinnvoll sein, Fragen der Schülerinnen und Schüler in FAQs zu bündeln und damit an alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe einmalig eine Rückmeldung während der salzH-Phase zu geben. Vorstellbar ist auch, je nach Kompetenzstand und Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler, einzelne Lernende zu beauftragen, Fragen der Lerngruppe zu sammeln und gebündelt der Lehrkraft zu übermitteln. Möglich ist ebenfalls ein unverbindliches Angebot von Videokonferenzen für alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe, ein vor der Schule aufgestellter „Briefkasten“, in den alle Lernenden ihre Fragen an die jeweilige Lehrkraft einwerfen können, oder das Angebot, Fragen und Rückmeldungen auf digitalem Wege direkt an die Lehrkraft zu senden. 3. Wesentliche Funktionen des Lernens zu Hause Lernen zu Hause hat unterschiedliche Funktionen. Es schafft sowohl die Voraussetzung für einen fokussierten Präsenzunterricht als auch die Möglichkeit zur Vertiefung von Inhalten sowie der Anwendung und Übung und dem Transfer von im Präsenzunterricht Erarbeitetem. Das Lernen zu Hause bietet darüber hinaus in besonderer Weise die Möglichkeit, individualisierte Lern- und Förderangebote zu machen. 4. Nutzung von außerschulischen Lernorten Auch im Alternativszenario sollten die Möglichkeiten von außerschulischen Lernorten gemäß den dann an den jeweiligen Orten geltenden Hygienevorschriften genutzt werden. Diese Orte stellen eine zusätzliche räumliche und personelle Ressource für die Gestaltung des Unterrichts dar. Seite 8 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch 1.3 August 2020 Auf die Lehrkraft kommt es an Der entscheidende Unterschied zwischen Präsenzunterricht und Lernen zu Hause ist das Fehlen des menschlichen Gegenübers. Auch im Zeitalter der Digitalisierung bleibt Unterricht in hohem Maße Beziehungsarbeit. Dies muss bei der Entwicklung von Konzepten zur Verknüpfung von Präsenzunterricht und Lernen zu Hause bedacht werden. Aus diesem Grund gilt es gerade im Zuge der Digitalisierung von Schule, sich die Bedeutung der Lehrperson für den Lernerfolg zwingend bewusst zu machen: Wie eine Lehrkraft ihre Schülerinnen und Schüler anschaut, „wie [sie] mit der ganzen Klasse Fragen diskutiert, […] Schwächere einfühlsam zu weiterem Bemühen ermuntert, […] von einem Thema begeistert ist, […] die scheinbar halbchaotische Gemengelage einer Lerngruppe ständig austariert – das vermag kein Arbeitsblatt, das ist durch keine Videokonferenz zu ersetzen.“9 Nicht umsonst zeigt der Einfluss der personalen Beziehung – die emotionalen und dialogischen Bedingungen – in John Hatties Studie „Lernen sichtbar machen“ eine überdurchschnittliche Effektstärke für den Erfolg des Lernprozesses. Die analoge gemeinsame Unterrichtsarbeit muss darum auch in einem Alternativszenario im Fokus bleiben. Da Urteilsfähigkeit das Kernziel von Bildung bleibt, muss darüber Verständigung erzielt werden, dass auch Lernen in der digitalen Welt unverändert die Reflexion, die Auseinandersetzung mit den Überlegungen anderer und die Begegnung mit einer Bezugsperson fördern muss. Voraussetzung hierfür ist, dass die Wirksamkeit des personalen Bandes zwischen Lehrenden und Lernenden für den Lernerfolg bewusst gehalten wird und in alle methodischen und didaktischen Entscheidungen Eingang findet – sei es im Präsenzunterricht oder für das Lernen zu Hause: „Menschen sind es, die Technik zum Leben erwecken, indem sie diese sinnvoll, also pädagogisch reflektiert und didaktisch gekonnt, in den Unterricht integrieren.“10 Angebote der Regionalen Fortbildung Die Regionale Fortbildung Berlin bietet zahlreiche Fortbildungen zum Thema Medienbildung/ Digitalisierung an, die sich am Basiscurriculum Medienbildung des Rahmenlehrplanes orientieren, sich also auf die Arbeit mit und über Medien beziehen. Ein Teil der Veranstaltungen zielt auf die Förderung von Kompetenzen der Lehrkräfte in Bezug auf den Medieneinsatz zur eigenen Unterrichtsgestaltung (Nutzung digitaler Werkzeuge, Erstellen eigener Unterrichtsmaterialien, Klassenorganisation). Ein weiterer Teil vermittelt Inhalte zum Lernen mit Medien (z.B. Internetrecherche, Mediennutzung und -produktion, Präsentation, Coding) und zum Lernen über Medien. Darüber hinaus bietet die Regionale Fortbildung Berlin Online-Veranstaltungen an, die Lehrkräfte in einzelnen Themenbereichen und bei der Gestaltung von Online-Unterricht unterstützen. Didaktische Aspekte des digitalen Lernens werden ebenso aufgegriffen (z.B. Strategien für lernförderliche Online-Angebote). Unter https://www.fortbildung-regional.de/suchen/index.php sind alle Fortbildungs- und Beratungsangebote der Regionalen Fortbildung Berlin zu finden. Über die Verbünde der Regionalen Fortbildung Berlin können spezielle Beratungen wie zum Beispiel für schulinterne Fortbildungen erfolgen. Kontakt: Verbund 1: klaus-michael.heims@senbjf.berlin.de Verbund 2: helmut.beek@senbjf.berlin.de Verbund 3: maja.vonGeyr@senbjf.berlin.de Verbund 4: christiane.guse@senbjf.berlin.de 9 Michael Felten: Startbeschleunigung mit Tücken. FAZ, 14.05.2020. Julian Nida-Rümelin, Klaus Zierer: Digitale Bildung: Vernunft und Empirie als Antwort auf eine entgleiste Debatte. NZZ, 08.06.2020. 10 Seite 9 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch 2 August 2020 Verschränkung von Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause im DEUTSCHUNTERRICHT John Hattie hat 2017 seine großangelegte Metastudie „visible learning“ aktualisiert und um den Bereich „technology“ erweitert. Dabei hat sich herausgestellt, dass Fernunterricht mit einer Effektstärke von 0,09 weit unter dem durchschnittlichen Effekt aller Einflussgrößen liegt. Darüber hinaus werden weitere Einzelbefunde benannt: „Klassen nur mit Laptops auszustatten (und ansonsten nichts zu verändern) bringt kaum etwas (0,16); mit interaktiven Lernvideos zu arbeiten ist hingegen relativ effizient (0,54). Wenn ein Fach oder eine Altersstufe viel geistige Auseinandersetzung erfordert, fällt der Nutzen von IT gering aus [...]. Dient der IT-Einsatz aber reinem Training, kann der Effekt auch überdurchschnittlich sein.“11 Diese Erkenntnisse müssen wir auch gerade für die Entwicklung von Konzepten für das Alternativszenario im Deutschunterricht berücksichtigen: So eignen sich digitale Übungsprogramme beispielsweise sehr gut zur Förderung der Rechtschreibkompetenz. Für das Verstehen eines antiken Dramas aber wird eine Lern-App kaum eine Hilfe darstellen. Für das Lernen zu Hause bleibt es darüber hinaus immens wichtig, auch die jüngsten neurobiologischen Erkenntnisse zu bedenken, durch die wir wissen, dass eine Lernumgebung, in der alles notwendige Wissen ungefiltert via Internet zur Verfügung steht, häufig nicht nur wenig lernförderlich ist, sondern sogar zu einer Verhinderung analog-kognitiver Einprägung führt. Erst in der Adoleszenz ist die hirnphysiologische Voraussetzung gegeben, mit medialer Reizüberflutung unbeschadet umzugehen. Auch wenn digitale Instrumente vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten vor allem für Übungsphasen bieten können, haben sie nicht automatisch einen pädagogischdidaktischen Mehrwert an sich. Um die Reizüberflutung durch den im Alternativszenario unumgänglichen Anstieg der Nutzung internetfähiger Endgeräte auszugleichen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es auch in Zukunft dabei bleiben wird, dass Lernen „viel lebendige Beziehung zu einem wissenden und verstehenden menschlichen Gegenüber“ benötigt.12 Insofern muss das analoge, gelenkte Unterrichtsgespräch auch in einem Alternativszenario im Fokus bleiben. Laut Hattie erzielt es nach wie vor die hohe Effektstärke von 0,8. Gerade hinsichtlich der Frage nach Bildungsgerechtigkeit wird deutlich, dass wir vor dem Hintergrund der erschütternd geringen Effektstärke von 0,04 für Freiarbeit immer Gefahr laufen, insbesondere schwächere Schülerinnen und Schüler mit dem Lernen zu Hause zu benachteiligen. So hat die im vorigen Jahr veröffentlichte Studie der Universität Helsinki Hand in Hand mit den letzten PISA-Ergebnissen belegt: Mit digitalen Ansätzen werden die guten Schülerinnen und Schüler besser und die schwachen schwächer13. Denn was das eigenverantwortliche, monologische Lernen außerhalb des Klassenzimmers nicht leisten kann, ist das dialogisch von der erfahrenden Lehrkraft unterstützte Verknüpfen von Wissensbeständen durch Interaktion, die Erfahrung, wie sich gemeinsam im Gespräch Lösungen finden lassen sowie die Ermutigung, im Schutzraum des Klassenzimmers Methoden einzuüben und Gedanken auszuprobieren, auch wenn man sich ihrer nicht sicher ist. 2.1 Strukturen vereinbaren, Arbeitspläne transparent gestalten Lernen zu Hause hängt maßgeblich ab von der geschaffenen Lernumgebung und pädagogischen Begleitung, dem Grad der Komplexität des in unserem Fach zu vermittelnden Stoffes. So bringt z.B. die Vermittlung von Rechtschreib- und Grammatikfähigkeiten andere Anforderungen mit sich als das 11 Michael Felten: Startbeschleunigung mit Tücken. FAZ, 14.05.2020. Ebd. 13 https://www.deutschlandfunk.de/schulstudie-aus-finnland-die-grenzen-desdigitalen.1773.de.html?dram:article_id=443447 12 Seite 10 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Einüben bestimmter Schreibformate oder das Verstehen anspruchsvoller literarischer oder pragmatischer Texte. Und nicht zuletzt spielt die altersgemäße Fähigkeit und Bereitschaft der Lernenden, sich selbst zu steuern und auch ohne direkte Sanktion zu kontrollieren, eine große Rolle. Die Zeit während der Schulschließung hat deutlich gemacht, wie schnell die konkrete Konfrontation mit der Selbstorganisation des Lernens in Überforderung münden kann. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Lehrkräfte in dem Bemühen, ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern, diese mit einer Fülle von Arbeitsaufträgen, Materialien und Lernaufgaben versorgen, die sie in der Summe mit allen anderen Fächern am Ende nicht mehr bewältigen können. Entsprechend wichtig ist es, die Menge der im Lernen zu Hause zu erledigenden Aufgaben pro Lerngruppe über alle Fächer hinweg zu koordinieren. Insofern muss die Zeit von Schuljahresbeginn an notwendig als Vorbereitungszeit für die Entwicklung geeigneter Absprachemechanismen genutzt werden. Für die Übersicht der zu bewältigenden Aufgaben ist es für die Lernenden in der Folge von großer Bedeutung, dass sie durch einheitliche Formate und Absprachen innerhalb der verschiedenen Fächer systematisch im Lernen zu Hause unterstützt werden. Die fehlende Strukturierung der Arbeitsprozesse ist für viele Lernende eine erhebliche Barriere, die bereits durch kleine Interventionen deutlich gesenkt werden kann. Schon ein einheitliches, in seiner Struktur immer wiederkehrendes Auftragsblatt und ein klar vereinbarter Weg der Auftragsübermittlung kann große Erleichterung verschaffen. Dies macht es auch Eltern einfacher, die notwendige Selbstorganisation zu Hause zu begleiten. Ein solches Auftragsblatt kann mit wenig Aufwand fachübergreifend zur Verfügung gestellt werden, z.B.: Klasse/Kurs: 9a Lehrkraft: Frau Else gesendet am: 13.08.2020 Fach: Deutsch Umfang: ca. 30 Minuten Rückmeldung am: Thema: Merkmale einer Kurzgeschichte Zeitraum für Rückfragen: telefonisch: im Chat am: Di. 9:30-10:15 10.08.2020 13:00-13:30 20.08.2020 durch Besprechung im Präsenzunterricht Hilfe: Lehrbuch S. 27, Internet unter: www.xyz.de Die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer bzw. eine vereinbarte Koordinationslehrkraft der jeweiligen Lerngruppe sollte einen Überblick über die erteilten Aufgaben aus den verschiedenen Fächern erhalten. In einem gemeinsam schulintern abgestimmten digitalen oder auch analogen Format, auch in Form eines Logbuchs o.a., in dem der zu erwartende Arbeitsaufwand ausgewiesen wird, kann der Umfang der wöchentlichen Anforderungen an die Lernenden für alle transparent und damit steuerbar gemacht werden. Für die Sekundarstufe II ist insbesondere die Absprache zwischen den Fachlehrkräften der Leistungskurse und Prüfungsfächer wichtig, um die Arbeitsvolumina für die Oberstufenschülerinnen und -schüler in einem zu bewältigenden Maß zu halten. Eine bedarfsgerechte Begleitung und Steuerung des Aufgabenvolumens sind hier über die Tutorinnen und Tutoren möglich. Durch das Kurssystem ist die Einrichtung einer zentralen Datei mit Informationen zu den Aufgaben in den einzelnen Kursen unbedingt sinnvoll. 2.2 Funktionen der beiden Unterrichtsformen im Deutschunterricht Präsenzunterricht Wichtig ist, wie bereits im vorangestellten Teil dargestellt, den Fokus auf die Qualität der Unterrichtszeit im Klassenraum zu legen, indem insbesondere die Erarbeitung neuer Inhalte, aber Seite 11 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 auch das qualifizierte Urteil in diesem Kontext den größten Schwerpunkt erhalten. Präsenzunterricht hat hierbei die notwendige Aufgabe, diejenigen Lernschritte zu unterstützen, die im Lernen zu Hause von den Schülerinnen und Schülern nicht selbstständig geleistet werden können. Für das Fach Deutsch heißt das konkret, dass über die oben bereits genannten allgemeinen Funktionen hinaus (s. S. 5) folgenden fachspezifischen Phasen gezielt Vorrang einzuräumen ist: - - Sicherung und Reflexion der im Lernen zu Hause erstellten Arbeitsergebnisse im AFB II (Transfer, komplexe Methoden wie Interpretation, Analyse oder Bewertung von Rechercheergebnissen), Erarbeitung von Aufgaben im Anforderungsbereich III, Einübung kritischer Diskursfähigkeit, Förderung der Urteilskompetenz. Lernen zu Hause Der eigenverantwortliche Arbeitsprozess zu Hause hat die Aufgabe, die Voraussetzung für einen durch Fokussierung effizient nutzbaren Präsenzunterricht zu schaffen. Hierfür ist insbesondere die vorbereitende Erarbeitung von Texten und Materialien notwendig, die durch unterstützende Erarbeitungsfragen begleitet wird. Wichtig bleibt hier wie bei jeder herkömmlichen Hausaufgabe, dass eine Möglichkeit zur anschließenden Sicherung der Ergebnisse gewährleistet ist. Mögliche Funktionen im Überblick: Lernen zu Hause Präsenzunterricht Unterrichtsphase Problemeröffnung / Einstieg Erarbeitung Sicherung Erarbeitung neuer Inhalte Einstieg in Transfer und Vertiefung Transfer und / oder Vertiefung Beurteilung Reflexion des Arbeitsprozesses Hier kann ggf. leichter als im Präsenzunterricht individualisiert werden: unterschiedliche Komplexitätsgrade bei Medien und Quellen, unterschiedliches Arbeitstempo. AFB Operatoren I, II Bei Aufgaben im AFB III benötigen die Schülerinnen und Schüler häufig Unterstützung, die nur im Präsenzunterricht im notwendigen Umfang gewährleistet werden kann. II, III - beschreiben darstellen einordnen zusammenfassen charakterisieren erläutern ggf. verfassen - analysieren beurteilen erörtern in Beziehung setzen interpretieren sich auseinandersetzen mit vergleichen Die hier genannten Operatoren können auch im Lernen zu Hause vorbereitend Seite 12 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Anwendung finden, Ergebnisse aber müssen notwendig im Präsenzunterricht gesichert werden. Aufgabenarten - geschlossen, halboffen kleinschrittig, niedrigschwellig angeleitete Lernaufgaben Selbstkontrolle mit Lösungsblatt Lernprodukte, die auch im Präsenzunterricht genutzt werden können - offen dialogisch Lern- und Leistungsaufgaben Auch hier können dialogische Aufgaben gestellt werden, wenn entsprechende Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Schülerinnen und Schülern organisiert werden können. Sozialform individuelle Einzelarbeit, Lerntandems, ggf. Gruppenarbeit begleitete Einzelarbeit, Plenum Voraussetzung für alle digitalen Gruppenformen ist die Gewährleistung einer datensicheren und garantiert funktionierenden technischen Infrastruktur. 2.3 Gestaltung der Lernprozesse im Lernen zu Hause Das Lernen zu Hause bietet den Vorteil, noch stärker als im Präsenzunterricht individualisierte Förderangebote machen zu können. Diese Individualisierung berücksichtigt den Lernprozess der einzelnen Schülerin / des einzelnen Schülers und passt die Aufgaben entsprechend insbesondere hinsichtlich des Komplexitäts- und kognitiven Schwierigkeitsgrads dem Tempo der individuellen Kompetenzentwicklung an. Diese Form der Individualisierung muss sorgfältig abgewogen werden, um nicht in Über- oder aber auch Unterforderung zu münden. Vielfach wird hierbei für die Gestaltung leistungsdifferenzierter Aufgaben angenommen, dass die Berücksichtigung der jeweiligen Lerntypen von besonderer Bedeutung ist für erfolgreichen Lernfortschritt. Die Vorbereitung der unterschiedlichen Formate, um vor dem Hintergrund des gleichen Lernziels visuelle, auditive, haptische oder intellektuelle Lerntypen gleichermaßen zu bedienen, erfordert jedoch enorm viel Zeit und Energie. Aufwand und Nutzen dieses Ansatzes muss entsprechend in Relation zueinander gesetzt werden, zumal die Lernforschung die Wirksamkeit der Lerntypentheorie zunehmend vorsichtig bewertet: Gegen die Annahme der Abhängigkeit des individuellen Lernerfolgs von der Berücksichtigung unterschiedlicher Wahrnehmungskanäle wurde mittlerweile vielfach eingewendet, dass hierbei Wahrnehmung mit kognitiver Lernleistung gleichgesetzt wird. Wahrnehmungsbasierte Lernaufgaben haben mitunter motivationale Vorteile für die einzelnen Lernenden. Dennoch bleibt zu bedenken, dass auch im Lernen zu Hause „das Verstehen von Abstraktionen (die man nicht sehen kann), das Erkennen von Zusammenhängen (die man nicht anfassen kann)“14 nicht ohne die notwendige kognitive Auseinandersetzung mit den vorgestellten Wissensinhalten und Argumentationen zu 14 Maike Looß: Von den Sinnen in den Sinn? Eine Kritik pädagogisch-didaktischer Konzepte zu Phänomen und Abstraktion. http://www.ifdn.tubs.de/didaktikbio/content/personal/documents/looss/Von_den_Sinnen...Internet.pdf Seite 13 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 erreichen ist. Auch für handlungs- und produktionsorientierten Aufgaben im Deutschunterricht, für die didaktisch Vieles im Lernen zu Hause sprechen mag, bleibt anzuerkennen, dass das rein praktische Interesse der Schülerinnen und Schüler an kreativen Aufgabenstellung nicht gleichzusetzen ist mit der notwendigen theoretischen Analyse von Texten und Problemstellungen. Mit anderen Worten: Es reicht keinesfalls, beispielsweise einen Trailer zu Maria Stuart drehen zu lassen, ohne den entsprechenden Problemhorizont eröffnet sowie eine analytische Arbeitsphase vorgeschaltet zu haben. Ebenso wichtig bleibt die Sicherung der Arbeitsergebnisse im Präsenzunterricht mit Blick auf das anvisierte Erkenntnis- und Lernziel. Auch im Zeitalter der Digitalisierung ist ein verstehensorientiertes und nachhaltiges Lernen ohne intellektuelle Anstrengung nicht zu erlangen. Dies wird nach wie vor mitunter auch mühsame Ausdauer verlangen. Es muss im Bewusstsein gehalten werden, dass diese umso schwerer aufzubringen ist, wenn die einzelne Schülerin / der einzelne Schüler im Lernen zu Hause zunächst auf sich allein gestellt ist. Nur so können wir Schwierigkeiten antizipieren und uns vorab entsprechende Unterstützungsmaßnahmen überlegen. 2.4 Beispiele für Aufgaben und Online-Anwendungen mit exemplarischem Charakter Für die Sicherung des Textverständnisses im Literaturunterricht bieten sich nach wie vor auch im Lernen zu Hause die gewohnten das Leseverstehen begleitende Formate wie beispielsweise das Lesetagebuch oder Portfolio an, da diese ohnehin in Einzelarbeit erstellt werden. Voraussetzung für alle im Lernen zu Hause erstellten Dokumentationen dieser Art ist, dass sie im Präsenzunterricht wertschätzend aufgriffen und auf ihre inhaltliche Passgenauigkeit hinterfragt werden müssen, um tatsächlich ein gemeinsames und zutreffendes Textverständnis sicherzustellen. Für die vertiefende Textarbeit hat sich als eine unter vielen anderen möglichen pragmatischen Planungshilfen für die Verzahnung von Präsenzunterricht und Lernen zu Hause für viele Lehrkräfte die „Kognitive Landkarte“ erwiesen. Ziel ist hier die themengeleitete Aktivierung der Schülerinnen und Schüler auch außerhalb des Präsenzunterrichts. Gestellt werden Aufgaben, die unterschiedliche Zugänge zu dem zu erarbeitenden Thema anbieten:  Ordnen (Begriffe finden, Beispiele sammeln, Regeln finden, Zusammenhänge darstellen, Vorstellungen ordnen)  Erkunden (suchen, experimentieren, erforschen)  Argumentieren (Sachfragen, die logisch-kausal bearbeitet werden)  Imaginieren (Modelle bilden, sich in andere hineindenken, Vergangenes vergegenwärtigen, erfinden, entwerfen)  Urteilen (vergleichen, prüfen, interpretieren, in Frage stellen, das eigene Handeln selbstkritisch reflektieren, begründen)15 Die verschiedenen Zugänge werden über Pflicht- und Wahlaufgaben gesteuert. Auf diese Weise findet zugleich eine Differenzierung statt sowie eine Sicherung jener Wissensbestände, die von allen Schülerinnen und Schülern gelernt werden müssen. Auch hier ist eine Sicherung der Ergebnisse unerlässlich. Exemplarisches Arbeitsblatt für eine einfache, pragmatisch geplante „Kognitive Landkarte“16 ARBEITSAUFTRAG: Aus dem Block Erkunden müsst ihr alle Aufgaben lösen und auch zuerst bearbeiten. In den anderen Blöcken könnt ihr je eine Aufgabe aussuchen und lösen. 15 Kategorisierung übernommen aus „Individualisierende Lernaufgaben“: https://lehrerfortbildungbw.de/u_gewi/religion-ev/gym/bp2004/fb2/4_aufgaben/ 16 Das Arbeitsblatt ist praxiserprobt und wurde dankenswerterweise vom Fachbereich Deutsch des Friedrich Engels-Gymnasiums zur Verfügung gestellt. Seite 14 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch ARGUMENTIEREN Sollen Balladen heute im Unterricht noch behandelt werden? Führt ein Streitgespräch. oder August 2020 Verstehensziel: Die Lernenden erschließen arbeitsteilig die Gestaltungsmittel der Balladen John Maynard, Nis Randers und Der Zauberlehrling. Sie verstehen ihren Inhalt und beurteilen die Handlungsweisen der Figuren. Ist das Auswendiglernen einer Ballade sinnvoll? ERKUNDEN Themen und Figuren 1 Findet heraus, welchen menschlichen Herausforderungen sich die Figuren stellen müssen. Notiert dazu die entscheidenden Handlungsschritte. 2 Stellt mit Bildern oder Zeichnungen oder Comics die Handlung einer Ballade vor. Führt ein Streitgespräch. 3 Sucht Helden von heute, die der Figur eurer Ballade entsprechen, und begründet eure Auswahl. https://www.planetschule.de/wissenspool/klassischeklaenge/inhalt/hintergrund/zauberl ehrling-und-bolero.html Balladen und ihre Helden: Was zeichnet sie aus? URTEILEN Wir werden ein gemeinsames Unterrichtsgespräch im Präsenzunterricht führen. Bereite dich auf Basis deiner Arbeitsergebnisse auf folgende Frage vor, indem du dir vorab mögliche Antworten überlegst: Zeichnen die Helden in den Balladen der drei Autoren ähnliche Eigenschaften aus oder sind sie vielmehr durch gegensätzliche Verhaltensweisen charakterisiert? IMAGINIEREN ORDNEN produktions- und handlungsorientiert Merkmale Verfasse einen Rap, in dem Mütter oder Geschwister oder Ehefrauen das Verhalten kommentieren. oder Verfasse einen Tagebucheintrag aus der Sicht einer Nebenfigur, die das Geschehen schildert und die Entscheidung unsere Figur bewertet. Wie charakterisiere ich Figuren? Erstellt eine gegliederte Checkliste. Nutzt dazu das Lehrbuch. oder Was ist überhaupt eine Ballade? Erarbeitet die Merkmale von Balladen und erstellt eine Übersicht (z.B. https://wortwuchs.net/ballade/) oder Vervollständigt die Mindmap zu bedeutsamen sprachlichen Mitteln, indem ihr sie erklärt und durch einen Textbeleg eurer Ballade belegt. oder Ordnet eurem Balladenhelden passende Adjektive zu und begründet eure Wahl. Seite 15 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Abbildung: Mindmap für den Bereich „Ordnen“ Grundsätzlich bieten sich aus motivationalen Gründen gerade für das Lernen zu Hause auch Formate des gestaltenden Erschließens an, wie z.B. das Schreiben innerer Monologe oder an bestimmte Figuren gerichtete Briefe. Die vielfach in diesem Bereich vorgeschlagenen Aufträge, fiktive ChatKonversationen zu schreiben oder Stellungnahmen im Twitter-Format zu formulieren, sollten allerdings trotz der vermeintlich hohen Schüleraktivierung sorgfältig auf ihre Funktion für das Lernen geprüft werden. Die dort verwendete Sprache ist keine, die die Schülerinnen und Schüler erlernen müssen, da sie diese bereits beherrschen. Auch für kreative Aufgaben gilt wie in der Didaktik seit jeher: Ein Auftrag ist so funktional wie das Lernergebnis, das mit ihm erreicht werden soll – und so gut, wie es ihm gelingt, dieses auch zu erreichen. Während der Literaturunterricht viel stärker diskursorientiert ist und einer engen Verzahnung mit dem Präsenzunterricht bedarf, gibt es andere Kompetenzen, die stärker auf Übung und Training fokussiert sind und eine eher nur punktuell aufzugreifende Verbindung zum Präsenzunterricht ermöglichen. Eine gute Möglichkeit, die Rechtschreibfähigkeit der Kinder und Jugendlichen kontinuierlich und selbstständig im Lernen zu Hause trainieren zu lassen, stellt beispielsweise der bereits von vielen Schulen genutzte Orthographietrainer dar: https://orthografietrainer.net/index.php Dazu richtet die Lehrkraft einen Kurs ein, so dass hier durch das Durchführen von Kompetenztests einerseits ein Überblick über den Lernstand der gesamten Klasse gewonnen werden kann, andererseits aber auch das individuelle Kompetenzniveau der einzelnen Lernenden erfassbar ist. Das Programm weist den Nutzenden entsprechend ihrem aktuellen Lernstand automatisch Übungsaufgaben zu. Die konsequente Nutzung führt hierbei nachweislich zu erheblichen Lernzuwächsen. Darüber hinaus kann die Lehrkraft verbindlich zu absolvierende Übungsaufgaben auswählen, die die im Präsenzunterricht eingeführten Schwerpunkte vertiefen. Die Lernenden erhalten eine Auswertung über ihre Fehler, die auch die Lehrkraft einsehen kann. Integriert in den Orthographietrainer findet sich auch eine Grammatikwerkstatt zur Einübung grammatischer Kenntnisse: https://www.orthografietrainer.net/grammatikwerkstatt/uebungsauswahl.php Seite 16 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch 2.5 August 2020 Diagnostik, Förderung und individuelle Unterstützung Instrumente zur Bestimmung von Lernausgangslagen zu Schuljahresbeginn 7. Jahrgang Instrument Erläuterung Lernausgangslage 7 (LAL 7): Druckhefte oder Online LAL 7 dient als Instrument zur Diagnose des Lernstandes der Schülerinnen und Schüler am Übergang zur weiterführenden Schule. https://www.isqbb.de/wordpress/werkzeuge/jahrgangsstufe_7/ https://www.lernraum-berlin.de/lal/_login/ 8. Jahrgang Eingangstests zu Beginn neuer Lerneinheiten, die in den aktuellen Lehrwerken zur Verfügung stehen zusätzlich möglich: erneute Verwendung von LAL 7 zur Erfassung der individuelle Lernfortschritte Der Einsatz von Eingangstests ermöglicht die Diagnose von ausgeprägten Lernrückständen. https://www.isqbb.de/wordpress/werkzeuge/jahrgangsstufe_7/ https://www.lernraum-berlin.de/lal/_login/ 9. Jahrgang VERA-8-Ergebnisse aus dem Schuljahr 2019/2020 im ISQ-Portal: https://portal.isq-bb.de/ zusätzlich möglich: VERA-Aufgabenbrowser des ISQ https://www.aufgabenbrowser.de/itemdb/login.seam 10. Jahrgang Eingangstests zu Beginn neuer Lerneinheiten, die in den aktuellen Lehrwerken zur Verfügung stehen zusätzlich möglich: VERA-Aufgabenbrowser des ISQ in allen Jahrgangsstufen Hamburger Schreibprobe (HSP): Testhefte mit Möglichkeit zur Online-Auswertung https://www.testzentrale.de/shop/hamburgerschreib-probe-1-10-90204.html weitere Informationen: https://biss-sprachbildung.de/btools/hamburgerschreibprobe-5-10-hsp-5-10/ Seite 17 von 21 VERA 8 liegen die Bildungsstandards für den Abschluss nach Jg. 10 zugrunde, insofern können die Aufgaben auch in Jg. 9 weiter genutzt werden, um Lernrückstände zu diagnostizieren. Der Einsatz des Aufgabenbrowsers ermöglicht die Diagnose von ausgeprägten Lernrückständen. Die regelmäßige Durchführung der HSP ermöglicht im Rahmen der lernprozessbegleitenden Diagnostik sowohl Prävention von LRS als auch Ableitung individueller sowie klassenbezogener Fördermaßnahmen zur Entwicklung der Rechtschreibkompetenz. Fachbrief Nr. 35 Deutsch 3 August 2020 Hinweise für die gymnasiale Oberstufe Aufgrund der Schulschließungen im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2019/20 kann es möglich sein, dass die für das zweite Kurshalbjahr vorgesehenen Inhalte und Themen nicht in dem Maße unterrichtet werden konnten, wie es für den Erwerb der Kompetenzen für die Abiturprüfung im Fach Deutsch notwendig ist. In diesem Fall wird es sinnvoll sein, gegebenenfalls an Inhalte, die noch nicht ausreichend gesichert werden konnten, zu Beginn des dritten Kurshalbjahres erneut anzuknüpfen. Hier gilt die bereits im letzten Informationsschreiben an alle Schulen formulierte Empfehlung, innerhalb der Fachbereiche in einen gemeinsamen Austausch darüber zu treten, in welchen Bereichen es möglicherweise zu Lücken gekommen ist. Auch Selbsteinschätzungsbögen für Lernende können hilfreich sein, um zu klären, über welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler verfügen. Wie für alle vergangenen Schuljahre gilt auch in diesem Jahr für den Unterricht in der Oberstufe, dass das semesterübergreifende Arbeiten immer die Möglichkeit bietet, bestimmte Themen und insbesondere Schreib- und Analysekompetenzen auch im Folgesemester spiralcurricular aufzugreifen und im Kontext der entsprechenden Semesterthemen zu vertiefen. Weitere Hinweise zur Schwerpunktsetzung im Unterricht mit Blick auf die Abiturprüfungen sind im Fach Deutsch nicht notwendig, da die Prüfungsschwerpunkte pro Semester anders als in anderen Fächern ohnehin jeweils nur einen zentralen Schwerpunkt setzen. Insofern gibt es keinen Spielraum, ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Bereich auszuschließen. Die Vorgabe einer Ganzschrift erlaubt keine weitere Eingrenzung, da im Lektüreprozess keine einzelnen Szenen oder Kapitel unberücksichtigt bleiben können. Eine Analyse und Interpretation wäre andernfalls nicht mehr möglich, da bestimmte Einzelfacetten einer Figur nicht herausgearbeitet werden könnten und es in der Folge zu falschen Annahmen über Protagonisten und ihre Handlungsmotive kommen könnte. Um dennoch den besonderen Lernbedingungen im zweiten Kurshalbjahr Rechnung zu tragen, wurde in Anpassung an alle anderen Fächer auch für das Fach Deutsch entschieden, einen Aufwuchs an Wahlaufgaben vorzusehen. Die üblichen vier Aufgabenvorschläge werden entsprechend im Prüfungsjahr 2021 einmalig durch eine fünfte Wahlaufgabe für das erste Kurshalbjahr ergänzt, da dieses Semester dasjenige ist, welches noch unter Bedingungen unterrichtet werden konnte, die von der Corona-Pandemie unbeeinträchtigt waren. LK/GK Deutsch 2021 bisher Schülerinnen und Schüler wählen aus vier Aufgabenvorschlägen eine zur Bearbeitung aus. Entwicklung von Aufgaben, Auswahlmöglichkeiten für Schulen/Lehrkräfte Es werden der Lehrkraft fünf Aufgabenvorschläge vorgelegt, davon zwei für das 1. Kurshalbjahr sowie je ein Vorschlag für jedes weitere Kurshalbjahr. Die Lehrkraft wählt aus diesen Aufgabenvorschlägen vier zur Bearbeitung aus. Seite 18 von 21 Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler Unverändert: Schülerinnen und Schüler wählen aus vier Aufgabenvorschlägen eine zur Bearbeitung aus. Fachbrief Nr. 35 Deutsch 4 August 2020 Hinweise zu Ersatzleistungen für Klausuren, Klassenarbeiten und weitere schriftliche Lernerfolgskontrollen Für das Schreiben von Klausuren, Klassenarbeiten und weiteren schriftlichen Lernerfolgskontrollen (z.B. in Fächern ohne Klassenarbeiten) kommen folgende Szenarien in Betracht: 1. Grundsätzlich sind die oben genannten Lernerfolgskontrollen in den Präsenzzeiten in der Schule zu schreiben. Für Ersatzleistungen in Form einer “Leistungsfeststellung in anderer Form“ gelten unverändert die Vorgaben gemäß VO-GO § 14 Abs. 5 bzw. Sek I – VO § 19 Abs. 3. 2. Sind oben genannte Lernerfolgskontrollen in den Präsenzzeiten aus Infektionsschutzgründen nicht möglich, können auch Räumlichkeiten außerhalb der Schule genutzt werden, die ein individuelles Schreiben ermöglichen und sicher zugänglich sind. Die Aufsicht durch eine Lehrkraft ist dabei zu gewährleisten. 3. Kann auch dies bei einzelnen Schülerinnen und Schülern aus Infektionsschutzgründen nicht realisiert werden, ist auf Antrag und mit Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung eine Ersatzleistung zu ermöglichen. Aus der ärztlichen Bescheinigung muss hervorgehen, dass eine Lernerfolgskontrolle wie unter 1. bzw. 2. beschrieben nicht möglich ist. Ersatzleistungen aus Gründen des Infektionsschutzes sind Leistungsüberprüfungen, die ohne Absicherung eines festgelegten Zeitfensters im häuslichen Umfeld umsetzbar sind. Es gelten die Grundsätze der Leistungsbeurteilung der jeweils gültigen Schulstufenverordnung, die diesbezüglich rechtlich angepasst werden. Die Aufgabenstellungen für Ersatzleistungen orientieren sich an folgenden Grundsätzen:  sie entsprechen dem Anforderungsniveau der jeweiligen Jahrgangsstufe bzw. des jeweiligen Kursniveaus (GK oder LK),  sie rücken Kompetenzbereiche in den Mittelpunkt der Leistungsüberprüfung, die im häuslichen Umfeld auch tatsächlich überprüfbar sind (sie berücksichtigen z.B. von vornherein, dass Schülerinnen und Schüler Hilfsmittel aller Art nutzen können, bzw. dass die zulässigen Hilfsmittel zur Verfügung stehen),  sie sparen Kompetenzbereiche aus, zu denen Leistungen im häuslichen Umfeld nicht erbracht werden können oder die Gefahrensituationen hervorrufen könnten (z.B. Experimente in den Naturwissenschaften),  sie ermöglichen Aufgabenformate und Aufgabenstellungen, die von denen für andere Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe im Detail abweichen, aber hinsichtlich des Anforderungsniveaus vergleichbare Leistungen verlangen und eine vergleichbare Leistungsbewertung gestatten. Schülerinnen und Schüler, die im häuslichen Umfeld eine Ersatzleistung erbringen, müssen eine Selbstständigkeitserklärung in schriftlicher Form abgeben. Wenn für die Leistungsfeststellung eine telefonische Kontaktaufnahme, Videotelefonie oder andere digitale Formate vereinbart werden, müssen Schülerinnen und Schüler dazu eine Freiwilligkeitserklärung abgeben. Mögliche Aufgabenformate: - Projektarbeiten mit schriftlicher Dokumentation, die z.B. durch andere Personen oder per Post übermittelt werden, wenn eine digitale Übermittlung nicht möglich ist. Seite 19 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 Liegt eine Freiwilligkeitserklärung vor, kann eine per Videokonferenz vorgestellte oder digital aufgezeichnete Präsentation die schriftliche Dokumentation ersetzen. - Schriftliche Aufgaben, für die ein definierter Bearbeitungszeitraum (mindestens ein Unterrichtstag) vorgegeben wird. Fachspezifische Vorgaben zum Umfang, z. B. zur Wortanzahl, sind hier sinnvoll, um die Bearbeitung angemessen zu begrenzen. Die Übermittlung kann durch eine andere Person oder per Post erfolgen, wenn eine digitale Übermittlung nicht möglich ist. Liegt eine Freiwilligkeitserklärung vor, kann die Abgabe der Aufgaben z.B. per E-Mail erfolgen. Dafür ist vorab eine Abgabefrist festzusetzen und die Abgabe zu bestätigen, z. B. durch eine Lesebestätigung. Nach Abgabe des schriftlichen Teils kann ein mündliches Gespräch, auch in Form eines maximal zehnminütigen Telefonats oder einer Videoschaltung, einen Klausurteil oder Aufgabenbereich einer Klassenarbeit, der nur unmittelbar abprüfbar ist, ersetzen oder ergänzen. - Aufgaben für andere Lernprodukte, die überwiegend nicht in Aufsatz- oder Textform vorzulegen sind (z.B. in Form eines Plakates oder Storyboards, eines Vortrags, einer selbst erstellten Filmsequenz oder eines Strukturbildes). Sie sollten immer durch eine schriftliche Erläuterung des Produktes ergänzt werden. Die Übermittlung der Ergebnisse erfolgt wie bei Projektarbeiten. Liegt eine Freiwilligkeitserklärung vor, kann nach Abgabe ein maximal 15-minütiges Telefonat oder eine Videoschaltung erfolgen (z.B. zur Begründung der Herangehensweise, Reflexion der Struktur und Beurteilung des erreichten Erkenntniswertes). Soweit eine Arbeit in einer digitalen Lernplattform erstellt oder eingereicht wird, sind auch diese Formate, wenn sie eingeübt und von den Schülerinnen und Schülern vorher erprobt wurden, zulässig. 5 Allgemeiner Hinweis Die genannten Empfehlungen und Vorschläge stellen weder verbindliche Vorgaben dar, noch sollen sie als Einschränkung verstanden werden. Sicher haben Sie längst selbst viele weitere Formate und Methoden erprobt, sinnvoll angepasst und funktional ausgebaut. Insofern erheben die Hinweise weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Originalität und sollen nur bei Bedarf ein mögliches Unterstützungsangebot darstellen. 6 Links für den Deutschunterricht Vom Bezirksamt Mitte (Fachbereich Kunst und Kultur) zusammengestelltes Verzeichnis von Angeboten zum Thema „Medienkompetenz und Digitale Medien“. Die verlinkten Seiten und Projekte stellen eine Hilfestellung zur Auswahl geeigneter Projekte für den Unterricht dar: http://digitales-lernen.berlin/fach/deutsch/ Videochatsysteme können das Lernen von zu Hause vereinfachen. Die Checkliste von klicksafe zeigt auf, welche Sicherheitsstandards dabei beachtet werden sollten: https://www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_Allgemein/Checkliste _klicksafe_VideochatSchule.pdf Aufzeichnung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2020: https://www.youtube.com/watch?v=fWVSZdEkDlY Aufzeichnungen verschiedener Veranstaltungen des Literaturhauses Berlin: Seite 20 von 21 Fachbrief Nr. 35 Deutsch August 2020 https://www.youtube.com/channel/UCG4Lu3Vo5-ISlBnU5IAtO6Q Gemeinschaftsblogprojekt mit Kinder- und Jugendbuchempfehlungen, die sich v.a. um vielfältige und progressive Rollenbilder bemühen, keine Stereotypen und Klischees reproduzieren und marginalisierte Charaktere oder Lebensrealitäten nicht ausschließen: https://buuu.ch/tag/ab-14-jahren/ Materialkompass Deutsch des Bildungsservers Berlin-Brandenburg: https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/deutsch „Landkarte Fernunterricht: zwischen Präsenz- und Online-Lernen“ des Bildungsservers: https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/schulentwicklung/themenportal-schulentwicklung Aktueller Newsletter von klicksafe mit hilfreichen Materialien zum Datenschutz: https://www.klicksafe.de/newsletter/2020/klicksafe-newsletter-juli-2020/ Institut für digitale Ethik – interdisziplinäres Kompetenzzentrum für ethische, rechtliche und soziale Implikationen der Digitalisierung: https://www.hdm-stuttgart.de/digitale-ethik https://www.hdm-stuttgart.de/digitale-ethik/digitalkompetenz/10_gebote/material/Booklet_Jugend Seite 21 von 21
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