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V. Einiges über Religion und Geschlechtsleben

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

V. Einiges über Religion und Geschlechtsleben.

Zwischen religiösen Anschauungen und Gebräuchen einerseits und dem Geschlechtsleben des Menschen andererseits bestehen mannigfache Beziehungen.

Als ich vor vielen Jahren versuchte, durch Beobach-timgen die Ursache der religiösen Betütigung zu ermitteln, siel mir zunächst die Tatsache auf, daß in den evangelischen Kirchen Berlins, soweit ich sie besuchte, in ganz erheblichem Matze Jungfrauen, jungfräuliche Männer, alte Frauen zu finden sind, also hauptsächlich geschlechtlich unbefriedigte Bevölkerungsgruppen. Wenn es nun auch feststeht, daß die herrschenden Religionsgemeinschaften aus Einschränkung des Verkehrs hinarbeiten, so schien mir auch umgekehrt die geschlechtliche Enthaltsamkeit empfänglich für religiöse Gefühle, und nicht nur für diese, sondern überhaupt für Ewigkeitsgedanken zu machen. Ein ähnliches Verhältnis scheint zwischen Enthaltsamkeit und Kunstgesühl zu bestehen. Die Heirat bindet an diese irdische Welt, und wer aus dem Wege der Fortpflanzung einem Teile seines Körpers Verjüngung und längeres Leben zu verschaffen sucht, büßt oft Kräfte ein für diejenige Gedankenwelt, die sich über das Irdische zu erheben sucht. Mit anderen Worten: Religiöse Befriedigung und geschlechtliche Befriedigung sind sich ausschließende (konträre) Gegensätze. Dies ist die erste Beziehung, die ich zwischen Religion und Geschlechtsleben feststellen konnte.
        
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