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4. Dorothea Schwächlich (Nr. 106 meiner Akten)

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

42 Großstadt-Dokumente Vd. 23. Berliner Kontrollmädchen.

Ich beantwortete den Bries umgehend, wie ich das zu tun pflege, und hob das Schriftstück, dessen große regelmäßigen Züge einen günstigen Eindruck auf mich machten, sorgfältig aus. Ein halbes Jahr später, als Dorothea längst nicht mehr im Krankenhause, sondern im Fürsorgestist weilte, fuhr ich für 10 Pfennig nach dem äußersten Norden Berlins. Es war gegen Abend. Die Handarbeiter kamen zu Hunderten aus den Fabriken nach Hause. Die zahlreichen Kinder der armen Bevölkerung spielten aus den Straßen. Wagenhändler boten ihre Waren aus, die von Frauen mit bleichen und sorgendurchsurchten Gesichtszügen umlagert wurden. Andere Frauen holten ihre Männer von der Arbeitstätte ab, damit der Lohn nicht verjubelt würde. Dazwischen hörte man die schrillen Glocken der elektrischen Bahnen, das dumpfe Rollen der Lastwagen, die heiseren Stimmen der Straßenhändler. Aus den Geschäften und Arbeitsstätten schlichen Mädchen mit müden, bleichen Gesichtern ihren Mietskasernen entgegen. In einer dieser Mietskasernen wohnten dreiunddreißig Familien. Eine Gastwirtschaft wurde im Vorderhaus betrieben, aus dem Hose eine Tischlerei.

Der gepflasterte Hof war rechts und links von einem Seitenflügel eingefaßt. In der Einfahrt nahe der Tür gab mir der stumme Portier die gewünschte Auskunft. Ich stieg die Treppen empor, in jedem Stockwerk wohnten drei Familien, rechts die eine, die andere links, geradeaus die dritte.

Als ich drei Treppen hoch gestiegen war, erfuhr ich, daß Schwächlichs umgezogen waren. Ich ging nach der neuen Wohnung. Auf mein Schellen öffnete eine Frau und schlug sofort die Tür wieder zu. Ich läutete nochmals und wurde, als ich mich vorgestellt hatte, sehr freundlich empfangen und in die gute Stube geführt.
        
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