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3. Christine Leichtfuß (Nr. 9 meiner Akten)

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

Christine Leichtfuß. 33 
entzogen hatte, an, daß sie Herren mitgenommen 
habe, mit denen sie in einem Vallokal tanzen ge¬ 
gangen war. So kam sie durch die Polizei in das 
Fröbelkrankenhaus. 
Christine ist mittelgroß, kräftig, von gesundem 
Aussehen; sie raucht seit ihrem 13. Jahre. „Lieber 
ess' ich nichts, aber rauchen mutz ich. Täglich rauche 
ich bis 50, 60 Zigaretten, wenn ich animiert bin." 
Die Handschrift ist reichlich verziert, hat plötzliche 
Druckpunkte, liegt stark (Sinnlichkeit, Gefallsucht). 
Sie hat die Absicht, wieder als Kellnerin in die 
Nähe ihres Geliebten, des Instrumentenhändlers, zu 
ziehen. 
Auf unserer Station ergibt sie sich mäßiger 
Selbftbeftiedigung. Wer's nicht tut (3 bis 4 von 
60 Mädchen), wird ausgelacht. Auch eine Freundin 
hatte sie draußen. 
Als sie entlassen wurde, kam sie nach einem Für- 
sorgestift; sie wurde 4 Tage mit Nähen beschäftigt, 
rückte dann aus. Sie ging zu ihrer Mutter. Da 
hat sie keile gekriegt. Mutter schrieb an die Frau 
Pastor, die Oberin des Stifts. Als Christine merkte, 
daß sie wieder ins Stift kommen sollte, rückte sie ihrer 
Mutter aus. Nun lebte sie von der Prostitution. Aus 
dem Striche verdiente sie täglich mindestens 10, höchstens 
25 Mark. Sie verkehrte täglich „je nach dem, was 
man für einen Herrn bekam", mit ein bis drei Herren. 
Wenn sie noch Geld hatte, ging sie abends nicht weg. 
Sonst besuchte sie BalloKale. Für Wohnung mit 
Kost, Elsasserstraße, vorn, 2 Treppen, Flureingang, 
zahlte sie täglich 6 Mark. Die Vermieterin hatte 
früher selbst unter Sitte gestanden. Auch ihre stille 
Liebe, den Instrumentenhändler, hat sie einmal ab¬ 
gepaßt, ohne ihn zu sprechen. 
Großstadt-Dokument? @h. 23. 3
        
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