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1. Anna Schlaff (Nr. 104 meiner Akten)

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

Anna Schlafs.   9 
der Lebensbeschreibungen die Geldfrage in der Regel 
eingehend behandelte. An der Wahrheit des In¬ 
haltes zu zweifeln liegt keine Veranlassung vor. Falls 
Zweifel auftauchen, ist es leicht, mit Hilfe der Nach¬ 
schlagewerke (Gothaer Hofkalender, Adreßbücher) einzelne 
Angaben zu prüfen. Namentlich die Scherlsche Adreß- 
buchsammlung Unter den Linden leistete mir gute Dienste 
in dieser Hinsicht; ebenso prüfte ich aus Grund zehnjähriger 
Erfahrung stets die mir zugängliche Handschrift des 
Mädchens. In diesem Falle lassen sich graphologisch 
folgende Eigenschaften wahrscheinlich machen: Vertrauen, 
Schlaffheit, stark ausgeprägtes Selbstbewußtsein, etwas 
Sinn für Sauberkeit und Ordnung, Überwiegen des 
Verstandes- und Gemütslebens über die Phantasie; in 
der Schriftprobe, die etwa hundert Zeilen umfaßt, fehlen die 
Merkmale der Lüge, wohl aber sind Zeichen von Sinn¬ 
lichkeit vorhanden. Ich nehme die Richtigkeit der Dar¬ 
stellung des Mädchens aus innern Gründen (es spricht 
nichts gegen die Richtigkeit der Darstellung, mancherlei 
für dieselbe) und aus äußern Gründen (Handschrift) an. 
Wenn wir die Frage zu beantworten suchen, wie es kam, 
daß Anna sich der Prostitution ergab, so sind folgende 
Punkte wichtig: 
1. Anna stammte aus offenbar nicht ganz gesunder 
Familie. Die Mutter starb, als das Kind 5 Iahr alt 
war. Eine Schwester mußte gepflegt werden. 
2. Anna ist selbst nicht ganz gesund. Sie litt 
wiederholt an Lungenspitzenkatarrh, ferner an Magen¬ 
krankheiten und an Schwäche der Kopsnerven — offenbar 
ist ihr Körper durch das Gift der beginnenden Lungen- 
fucht beeinflußt. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die 
Gifte der Lungensucht den Menschen zum Liebesverkehr 
anstacheln. Ich konnte auch wiederholt beobachten, daß 
Lungensüchtige ganz erheblich zum Wohlleben hinneigen.
        
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