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Preface

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

Als Herausgeber der Großstadtdokumente muß ich Herrn Dr. Hammer meinen Dank aussprechen für die Kraft und Uner-fchrockenheit, mit der er in diesem Band den heikelsten Stoff, das heikelste Problem des heutigen Grotzstadtlebens behandelt. Die größte Freude bereiteten mir das Abweichen von der üblichen Schablone, das Beiseiteschieben alter unzureichender Lösungen, alter Vorurteile und falscher Massenansichten. Nur durch solche Eigenschaften wird ein Wissenschaftler der Wissenschaft ernsthaft dienen können. So hat denn auch Dr. Hammer auf alle Statistikerei verzichtet. Auf jene Statistik, die nur zu oft über der Zcchl den lebendigen Menschen vergaß. Dr. Hammer aber bringt uns den Menschen mit seinem ganzen Leben, mit seinen Leiden, Schmerzen und seiner Lust. Hier geht er den Weg als einer der ersten, als einer, den ich, den alle modernen Menschen, überhaupt alle, die menschlich fühlen, als Kameraden mit ganzem Herzen willkommen heißen werden. Ist doch mein Bestreben von Anfang an gewesen, den Menschen dem andern nahe zu bringen. Darin sehe ich eine der Hauptaufgaben der Großftadtdokumente, wie überhaupt das Ziel aller Arbeit jener, die sich verstehen . . .

Großen Wert lege ich darauf, das Dr. Hammer mit der sentimentalen Schablone bricht: nur der Brothunger treibe die Mädchen auf die Straße. Eben dadurch, daß er die einzelnen Menschen betrachtet und darstellt, kommt er zu den neuen Ergebnissen. Dadurch aber kommt er auch dazu, jedem sein Recht zu geben. And so ist es denn eine erfreuliche Tatsache, daß er, der Anstaltsarzt, der Hunderte und aber Hunderte von Straßendirnen kennen lernte, gründlich kennen lernte, sich dagegen aufbäumt, wie unsere heutige Gesellschaft die Mädchen der käuflichen Liebe behandelt. Er, der gewiß am ehesten versucht sein könnte, die Dirnen zu verachten — er erhebt seine Stimme laut zu ihren Gunsten!

Wer nun auch in manchem dem Verfasser dieses Bändchens nicht zustimmt, — es gibt eben doch wohl Dirnen, die es aus Brothunger wurden; und die Last, die bei allzu kargem Lohn schwächlichen Mädchenschultern aufgebürdet wird, ist auch nicht geeignet, empfindsame und lebenslüsterne Menschen vor Versuchungen zu behüten —, der muß sich doch freuen, daß diese wichtige Frage hier so ernst und eindringlich behandelt wird in einer Weise, die auch für das große Publikum zugänglich ist. Und das große Publikum hat ein Recht darauf, daß zu ihm einmal ganz ungeschminkt von dieser Sache gesprochen wird. Ist es doch hier in erster Reihe interessiert. Zuerst kommen die Menschen — dann erst alles andere. —

Großlichterfelde, Juni 1905.

Hans Ostwald.
        
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