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IX. Nutzen und Schaden des Dirnentums

Full text: Zehn Lebensläufe Berliner Kontrollmädchen / Hammer, Wilhelm

94 Grotzstndt-Dokumente Bd. 23. Berliner Kontrollmüdchen. 
Punkt 1 ist nicht ganz zutreffend. Es ist nicht eine 
besondere Eigentümlichkeit der Dirnen, Männern das 
Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern die (sogenannt) 
anständigen Mädchen sind vielfach von Dirnen im Geld¬ 
punkte nicht zu unterscheiden. Es gibt in beiden Lagern 
Mädchen mit bescheidenen und Mädchen mit hohen 
geldlichen Anforderungen. 
In Berlin soll es Dirnen geben, die sich für 25 Pfennig 
preisgeben, ich selbst wurde, als ich frühmorgens im 
Winter 1900 von einer Geburt kam, im Süden unserer 
Hauptstadt von Mädchen, die sich gegenseitig zu über¬ 
tönen suchten, mit Worten angerufen, die ungefähr 
lauteten: Lieben fünfzig Pfennig, Lieben fünfzig Pfennig, 
während dichte Schneeflocken durch die Lust wirbelten. 
Ein 56jähriger Handarbeiter, der verheiratet war, er¬ 
zählte mir, er sei mit drei Kollegen mittags spazieren 
gegangen, da hätten alle vier ein und dasselbe Mädchen 
getroffen und jeder 50 Pfennig gezahlt. Die Folge für 
ihn war die übliche. Er hatte einen Tripper als Gratis- 
beigabe empfangen. 
Andererseits gehen Mädchen der großen Ballsäle nicht 
unter 20 Mark mit und „hundert Mark werden dort 
leicht abgeknöppt". 
Ebenso, wie bei den Dirnen, gibt es bei den (so¬ 
genannt) anständigen Frauen solche, die bescheiden in 
ihren Ansprüchen sind, und Frauen, die hohe Anforde¬ 
rungen an den Geldbeutel des Mannes stellen. Ja (so¬ 
genannt) anständige Mädchen halten es vielfach für 
selbstverständlich, daß ein junger Herr auf Spaziergängen 
für sie Summen bezahlt, für die er eine hervorragende 
Schönheit sein eigen nennen kann, während die (so¬ 
genannt) Anständige zuweilen das Danken vergißt und 
es für ganz selbstverständlich hält, daß der Herr für sie 
zahlt.
        
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